7. ZDF
Umsatz 2008: € 1,993 Mrd.
Überblick
Das ZDF ist ein zentraler öffentlich-rechtlicher Fernsehsender in Deutschland mit Sitz in Mainz (Rheinland-Pfalz) und zählt zu den größten TV-Unternehmen in Europa. Es nahm am 1. April 1963 seinen regelmäßigen Sendebetrieb auf.
Der Einfluss der ZDF-Aufsichtsgremien (Fernsehrat, Verwaltungsrat), die hochrangig politisch besetzt sind, gilt als stark. Ebenso typisch für den im Mainzer Vorort Lerchenberg ansässigen Sender ist die prägende Rolle langfristig amtierender Intendantenpersönlichkeiten. Medienpolitisch orientiert sich das ZDF an der britischen BBC und forciert seine Präsenz im Internet. Dennoch gilt die Bindung jüngerer Publikumsschichten an die Traditionsmarke als Dauerproblem des ZDF.
Basisdaten
Hauptsitz:
ZDF-Straße 1
55127 Mainz
Tel.: 06131-70-2161
Fax: 06131-70-2170
Internet: www.unternehmen.zdf.de
Branche: Fernsehen, Online-Angebote
Rechtsform: nicht rechtsfähige, öffentlich-rechtliche Arbeitsgemeinschaft
Geschäftsjahr: 01.01. - 31.12.
Gründungsjahr: 1961
Erträge | 2008 | 2007* | 2006* | 2005 | 2004 |
Fernsehgebühren | 1.663,8 | 1660,4 | 1.620,5 | 1.522,9 | |
Erträge aus dem Werbefernsehen | 110 | 120 | 99,2 | 109,3 | |
übrige Erträge | 123,3 | 131,7 | 167,5 | 163,5 | |
Summe Erträge | 1993,0 | 1910,6** | 1925,0** | 1887,2 | 1.795,7 |
Beschäftigte | 3600 | k.A. | k.A. | k.A. |
* basierend auf dem Haushaltsplan 2007
**zuzüglich Zinserträge
Geschichte und Profil
Die Gründung des ZDF resultierte aus turbulenten medienpolitischen Auseinandersetzungen am Ende der Adenauer-Ära, als die Bundesregierung neben der ARD ein zweites, staatsnäheres Programm plante. Nachdem in Großbritannien 1955 mit der ITV privatrechtlich organisiertes Fernsehen eingeführt worden war, wollten die Bundesregierung und Interessengruppen aus der Wirtschaft kommerzielles Fernsehen auch in Deutschland. So entstand eine Konstruktion aus einer Bund-Länder-Trägergesellschaft und der kommerziellen Betreibergesellschaft „Freies Fernsehen GmbH“ (FFG). Doch die Versuche von Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU), die Länder durch Verhandlungen und Druck auf dieses Modell einzuschwören, scheiterten. Auch der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Peter Altmeier (CDU) opponierte in dieser Frage gegen den Kanzler. Im August 1960 klagten einige SPD-geführte Länder gegen das Adenauer-Fernsehen, weil sie ihre Hoheitsrechte in Rundfunkfragen verletzt sahen. Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe stoppte die operativ schon weit gediehenen Sendevorbereitungen der FFG mit einer Einstweiligen Anordnung. Am 28. Februar 1961 entschied es mit Verweis auf das Grundgesetz, dass der Bund lediglich für das Fernmeldewesen, nicht aber für Rundfunkveranstaltungen zuständig sei. Damit war das „Adenauer-Fernsehen“ gescheitert.
Am 6. Juni 1961 schlossen die Länder daraufhin einen Staatsvertrag über die Gründung einer „gemeinnützigen Anstalt des öffentlichen Rechts mit Namen Zweites Deutsches Fernsehen“. Der neue Sender trat das programmliche und politische Erbe des „Adenauer-Fernsehens“ an und wurde zur öffentlich-rechtlichen TV-Konkurrenz für die 1950 gegründete ARD, die im Gegensatz zum ZDF auch Radio veranstaltet.
Das ZDF erbte zunächst den Studiobetrieb der FFG in Wiesbaden-Eschborn (verächtlich „Telesibirsk“ genannt) und auch wesentliche Teile der FFG-Programmstruktur. Der FFG-Programmchef, der später bekannte Sexologe, Wilhelm-Reich-Schüler und BBC-Kenner Ernest Borneman (1915 – 1995) war jedoch nicht ZDF-kompatibel. Am 12. März 1962 wurde der promovierte Pädagoge und Philosophie-Ordinarius Karl Holzamer (1906 - 2007) zum Gründungsintendanten des ZDF gewählt. Der CDU-Kandidat war zuvor schon für die Leitung der FFG vorgesehen. Er blieb bis zum März 1977 Intendant und prägte die katholische Integrationsphilosophie des Mainzer Senders maßgeblich.
Das ZDF galt von Beginn an als konservativer (im Informationsbereich symbolisiert etwa durch das umstrittene „ZDF-Magazin“ von Gerhard Löwenthal) als die ARD. Diese Ausrichtung schloss allerdings den frühen Import von US-Serien, Programmexperimente und alternative Jugendsendungen nicht aus. Auch dank der „Mainzelmännchen“-Comicfiguren im Werberahmenprogramm wurde der Sender mit katholischer und moderat konservativer Grundierung, der sich auch selbst gern "das Zweite" nennt ("Mit dem Zweiten sieht man besser"), zu einer der stärksten Medienmarken Deutschlands.
Holzamers Philosophie entsprachen insbesondere die großen Fernsehshows, mit denen sich das ZDF in den 1960er und 1970er Jahren profilierte. Massenwirksame Sendungen sollten die ganze Familie vor dem Bildschirm versammeln. Programmprägend als Showmaster des ZDF waren in dieser Zeit Peter Frankenfeld („Vergissmeinnicht“), Lou van Burg („Der Goldene Schuss“), Hans Rosenthal („Dalli-Dalli“) und Wim Thoelke („3x9“, „Der Große Preis“). Verbunden waren diese Shows vielfach mit Engagement für einen guten Zweck, etwa mit einer Lotterie für die „Aktion Sorgenkind“ (heute „Aktion Mensch“).
Internationales Profil gewann das ZDF durch Fernseh-Kino-Koproduktionen (zum Beispiel mit Ingmar Bergman) sowie durch starke Nonfiction-Abteilungen.
Ab 1969 (bis 1972) machte das ZDF mit der von Dietmar Schönherr und Vivi Bach präsentierten Samstagabend-Show „Wünsch Dir was“ von sich reden. In dieser für ihre Zeit sehr modernen Show (einer Koproduktion mit ORF und SRG) traten Familien gegeneinander an und mussten sich in verschiedenen Prüfungen etwa im sozialen Verhalten bewähren. Für Furore im öffentlich-rechtlichen Fernsehen sorgte etwa im November 1970 der Auftritt einer jungen Kandidatin in einer transparenten Bluse.
Am 14. Februar 1981 startete die erfolgreichste und langlebigste Show des ZDF, „Wetten, dass ..?“, erfunden und moderiert von Frank Elstner. Als er sich zurückzog, übernahm im September 1987 Thomas Gottschalk die Sendung, die er (mit kurzer Unterbrechung) bis heute moderiert und seit einigen Jahren auch äußerst gewinnbringend koproduziert. Gottschalk wurde zu einem der bekanntesten Fernsehgesichter Deutschlands, „Wetten, dass ..?“ erreichte noch 2008 teilweise deutlich mehr als zehn Millionen Zuschauer und bleibt damit dauerhaft die erfolgreichste Sendung des deutschen Fernsehens überhaupt. Nur Live-Fußball bringt höhere Quoten.
Seit 1984 sendet das ZDF vom Mainzer Stadtteil Lerchenberg aus. Der seinerzeit moderne ZDF-Gebäudekomplex war in mehreren Bauabschnitten über zwanzig Jahre hinweg entstanden und nach und nach bezogen worden. Mit der Etablierung des ZDF prägte sich die so genannte „Auftragsproduktion“ aus, d. h. die Auslagerung der Herstellung von Fernsehsendungen an formell unabhängige Produktionsfirmen. So entstanden etwa die prägenden „Weihnachtsmehrteiler“ des Produzenten Walter Ullbrich (Tele München) in Koproduktion von ZDF, ORTF (Frankreich) und rumänischen Filmstudios. Diese Fernseh-Epen, häufig nach Erzählungen von Jack London („Der Seewolf“, „Lockruf des Goldes“), waren Straßenfeger. Enge Beziehungen unterhielt das ZDF über Jahrzehnte zum Filmrechtehändler Leo Kirch, markiert auch durch wichtige personelle Querbeziehungen und langjährige Freundschaften innerhalb des Führungspersonals beider Häuser. Programm-Stärken des ZDF waren und sind traditionell Fernseh-Krimis, wie „Der Kommissar“, „Derrick“, „Der Alte“ (alle geschrieben von Herbert Reinecker), der „Fernsehfilm der Woche“ am Montag und leichtere Unterhaltungsstoffe (wie „Schwarzwaldklinik“, „Das Traumschiff“).
Zu den bekanntesten heutigen Programm-Marken gehören der Entertainment-Talk mit dem 1998 von Sat.1 angeheuerten Talker Johannes B. Kerner (der sich 2009 wieder zu Sat.1 verabschiedete), die Polit-Talkshow „Maybrit Illner“, das Magazin „Frontal 21“, sowie Dokumentar-Reihen („ZDF Expedition“, History-Dokumentationen des „ZDF-Historikers“ Professor Guido Knopp). Mit Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen konkurriert der Mainzer Sender gegen die härteren Krimistoffe der ARD am Sonntag. Experimentelles und jüngeres Programm wird im „Kleinen Fernsehspiel“ montags gegen Mitternacht gepflegt.
Mit den jährlichen „Mainzer Tagen der Fernsehkritik“ profiliert sich das ZDF auch in der soziologisch-philosophisch grundierten Selbstreflexion des Mediums und seiner Rahmenbedingungen.
Im Juli 2007 startete das ZDF sein damals viel diskutiertes Angebot „Forum am Freitag“, eine (auch in den digitalen "ZDF-infokanal" hinein verlängerte) Online-Plattform für den Dialog mit Muslimen. Die redaktionelle Verantwortung liegt bei den katholischen und evangelischen „Kirche und Leben“-Redaktionen des Senders.
Ende 2007 feierte das ZDF einen unerwarteten Erfolg dank eines wichtigen Sendergesichts: Auf der Suche nach einem Nachfolger für den entlassenen Chefredakteur Stefan Aust war der "Spiegel"-Verlag auf Claus Kleber, den Moderator und Redaktionsleiter des ZDF-"heute-journals", verfallen. Als das vorzeitig publik wurde, entschied sich Kleber, beim ZDF zu bleiben und gilt seitdem als blendend bezahlter "Spitzenmann des deutschen TV-Journalismus" (ZDF-Intendant Schächter).
2008 bescherte ein altes Sendergesicht dem ZDF öffentliche Aufmerksamkeit: Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, der lange "Das Literarische Quartett" bestritt, wies bei der (2008 turnusgemäß vom ZDF ausgerichteten) Verleihung des Deutschen Fernsehpreises die Ehrung für sein Lebenswerk zurück (Sequenz der zeitversetzten ZDF-Übertragung bei Youtube). Grund: die schlechte Qualität des Fernsehens. Das ZDF reagierte, indem es Reich-Ranicki und Thomas Gottschalk "Aus gegebenem Anlass" über das Themenfeld talken ließ (Spiegel Online-Rezension).
Im Haushaltsplan-Ansatz des Jahres 2009 überschritt das ZDF erstmals die Zwei-Milliarden-Grenze auf der Ertragsseite (2.048,6 Mio. Euro; "dies ist im Wesentlichen auf die zu Beginn der neuen Gebührenperiode erfolgende Anpassung der Rundfunkgebühr zurückzuführen"). Mit Investitionen von 500 Mio. Euro präsentiert sich der Sender als "größter Einzel-Auftraggeber" der Produktionswirtschaft in Deutschland. Die große Zahl an Fernsehfilmen, die ZDF wie auch ARD in Auftrag geben, zeigte sich erneut in dem, was Kritiker "Kampfprogrammierung" nennen. Mehr als solche Tatsachen erregte 2009 jedoch der politische Streit um die Neubesetzung des Chefredakteurs-Posten die Aufmerksamkeit der interessierten Öffentlichkeit (siehe Management).
Management
Die Führung des ZDF zeichnet sich durch Kontinuität aus. In der gesamten Sendergeschichte gab es bislang nur vier Intendanten. Auf Karl Holzamer folgte 1977 der Berufsoffizier, Diplomat und ehemalige Regierungssprecher Karl-Günther von Hase, der 1982 durch den bis 2002 amtierenden Dieter Stolte abgelöst wurde. Stolte war zuvor Holzamers persönlicher Referent sowie u.a. Programmdirektor beim Südwestfunk in Baden-Baden. Er führte die 19-Uhr-Anfangszeit für die ZDF-Hauptnachrichten („heute“) ein: „Dieter Stolte hat Mediengeschichte nicht nur geschrieben, sondern sie auch gestaltet. ... Der Bogen von Stoltes Programmentscheidungen spannt sich bis zur Schemareform 1998, in der er den ehemaligen ’Unterhaltungsdampfer’ ZDF in die Spur eines führenden Informations- und Dokumentationssenders brachte. Gerade im offenen Wettbewerb mit den kommerziellen Anbietern bewies Stolte das Stehvermögen und die Ausdauer, seine Spur auch inhaltlich zu halten“, lobte ihn sein Nachfolger Markus Schächter, der seit März 2002 nach langwieriger Kandidatenkür als ZDF-Intendant amtiert.
Schächter, der sich u.a. gegen den ARD-Programmdirektor Günter Struve durchsetzte, war zuvor im ZDF durch nahezu alle Abteilungen gegangen und zuletzt als Programmdirektor tätig. Im Dezember 2005 wurde er vorzeitig für eine zweite fünfjährige Amtszeit wiedergewählt, die am 15. März 2007 begann. Der Senderchef, geboren am 31. Oktober 1949 im pfälzischen Hauenstein, studierte Geschichte, Politologie, Publizistik und Religion in München, Lyon, Paris und Mainz. Nebenher arbeitete er frei für den damaligen Südwestfunk (SWF) und das ZDF sowie die Nachrichtenagentur dpa in Paris. Nach dem Staatsexamen war er ab 1974 zunächst fester freier Mitarbeiter, später fest angestellter Kulturredakteur im SWF-Landesstudio Rheinland-Pfalz in Mainz. Nach einer Tätigkeit als Pressesprecher des rheinland-pfälzischen Kultusministeriums unter der Ressortchefin Hanna-Renate Laurien (CDU) trat er 1981 in das ZDF ein und war unter anderem Referent des damaligen Programmdirektors Alois Schardt, anschließend bis 1985 Redaktionsleiter Kultur und Gesellschaft und bis 1992 Leiter der Redaktion Kinder und Jugend. 1993 übernahm er die Leitung der Hauptabteilung Programmplanung, ab 1998 amtierte er als Programmdirektor, bevor er schließlich am 15. März 2002 Intendant des Senders wurde. Im Januar 2004 ernannte die Hamburger Hochschule für Musik und Theater ihn zum Professor.
2009 wurde Schächter mit einem Emmy ausgezeichnet (ZDF-Pressemitteilung), und doch mag er seit der Aufregung um Nikolaus Brender als angeschlagen gelten.
Im Vergleich zu seinem mitunter autokratisch amtierenden Vorgänger Stolte gilt Schächter als pragmatischer Teamspieler. Eine Besonderheit des ZDF ist die Trennung von Programm- und Chefredaktion nach der politischen „Farbenlehre“, die aufgrund des ausgeprägten Konkurrenzverhältnisses beider Bereiche mitunter zu Blockaden bei der Entwicklung neuer Formate führt. Programmdirektor ist der als CDU-nah geltende Thomas Bellut, Chefredakteur der zunächst als SPD-Kandidat gehandelte Nikolaus Brender, der vom WDR kam und bei der „Elefantenrunde“ nach der Bundestagswahl 2005 durch ein scharfes Rencontre (siehe Youtube) mit dem gerade abgewählten SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder auffiel.
Die Personalie Brender erregte über das ganze Jahr 2009 viel Aufsehen. Als Unions-Politiker im ZDF-Verwaltungsrat, insbesondere der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU), die von Schächter vorgeschlagene Vertragsverlängerung für Brender verhindern wollen, flammten im März Diskussionen über den starken Einfluss der Parteien auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk wieder auf (z.B.: "Angriff auf das ZDF", Frank Schirrmacher in der "FAZ"). Die Sache wurde bis nach der Bundestagswahl vertagt - und dann, im November/ Dezember rasch entscheiden. Trotz eines offenen Briefes von 35 Verfassungsrechtlern ("FAS") und eines im Internet von fast 39.000 Menschen unterzeichneten Appells für die Rundfunkfreiheit, um nur zwei von zahllosen Initiativen für Brender zu nennen, beschloss der Verwaltungsrat auf einer in der Medienbranche und im Internet (Liveblog auf Carta) viel beachteten Sitzung am 27.11.2009 in Berlin, Brenders Vertrag nicht zu verlängern. Intendant Schächter erklärte am selben Tag: "Ich habe kein Verständnis dafür, dass sogar mein mit Nikolaus Brender abgestimmter Versuch, die festgefahrene Situation durch einen Kompromiss zu lösen, nämlich eine verkürzte Beauftragung bis Januar 2012, nicht mehrheitsfähig war", unterbreitete jedoch, wie es die herkömmlichen ZDF-Abläufe vorsehen, darauf demselben Verwaltungsrat einen anderen Personalvorschlag, den das Gremium am 10.12. durchwinkte ("taz"): Neuer ZDF-Chefredakteur wird zum 1. April 2010 der Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios Berlin, Peter Frey. Dessen Nachfolge tritt die Leiterin der Hauptredaktion Innen-, Gesellschafts- und Bildungspolitik, Bettina Schausten an. Frey gilt als eher linksliberal, Schausten als CDU-nah.
Insofern bleibt das beim ZDF traditionelle parteipolitische Gleichgewicht gewahrt. Und offen, ob die erhebliche öffentliche Aufregung zu Veränderungen führen wird, zum Beispiel die häufig erhobene Forderung, Ministerpräsidenten sollten nicht mehr in Aufsichtsgremien von Rundfunkanstalten sitzen, verwirklicht wird. Eine von den Grünen angekündigte Normenkontrollklage vor dem Bundesverfassungsgericht bräuchte ein Viertel der Stimmen im Bundestag. Neben der Linkspartei müssten Abgeordnete von SPD oder FDP mitmachen. Aus beiden Parteien kamen während der Debatten um Brender deutliche Stimmen für mehr Staatsferne des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Ob sich genügend Politiker daran erinnern, wenn die Aufregung abgeklungen ist, und tatsächlich den Einfluss der Parteien riskieren, muss abzuwartet werden.
Mittleres Management
Unterhalb der Direktorate existiert im ZDF ein ebenfalls politisch austariertes System von Hauptabteilungs- und Abteilungsleitern. Das Management des ZDF ist durch Binnenrekrutierung und eine Sozialisation nach der Hausphilosophie geprägt. Dieses System führt zu Stabilität und einiger Gelassenheit, aber häufig auch zu verzögerten Reaktionen auf Trends in der medialen Umwelt.
2008 wurde Heike Hempel, bis dahin u.a. Leiterin der renommierten Redaktion "Das kleine Fernsehspiel", Leiterin der ZDF-Hauptredaktion Unterhaltung-Wort. Im Juni übernahm der für den erfolgreichen Start der ZDF-Mediathek zuständige Leiter der Hauptredaktion Neue Medien, Robert Amlung, die Leitung des neugeschaffenen, in der Intendanz angesiedelten Bereichs "Digitale Strategien des ZDF". 2009 ging der langjährige Fernsehspielchef und stellvertretende Programmdirektor Hans Janke in den Ruhestand. Sein Nachfolger ist Reinhold Elschot, der zuvor die Filmproduktions-Firma Network Movie (eine ZDF-Tochter) leitete.
Geschäftsfelder
Das ZDF ist ein nahezu reines Fernsehunternehmen, das anders als die ARD keine Radioprogramme veranstaltet. Früher als die ARD weitete es seine Aktivitäten auf das Internet aus und startete im September 2007 als wesentliche Innovation seine Mediathek - so erfolgreich, dass sich der Markenname inzwischen als Gattungsname für alle Portale durchgesetzt hat, die Fernseh-Bewegtbilder zum Online-Abruf anbieten. In der ZDF-Mediathek ist ein Großteil der eigenproduzierten Sendungen bis eine Woche nach Ausstrahlung oder sogar deutlich länger online abrufbar.
Mit Inkrafttreten des 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag (RfStV) zum 1. Juni kündigte das ZDF an, rund 80 Prozent des Bestandes seiner Online-Angebote zu löschen, rund 93.500 Dokumente, überwiegend solche Texte, wie sie von Zeitungs- und Zeitschriften-Verlegern während der Diskussionen um den 12. RfStV als "elektronische Presse" attackiert wurden.
Vor allem seit 2008 wurde vor dem Hintergrund des Wettbewerbs der im Internet zusammenwachsenden Medien intensiv über öffentlich-rechtliche Online-Aktivitäten diskutiert. Vor allem die Frage, inwieweit die Sender online allein "programmbegleitende" Angebote anbieten und anbieten dürfen, war umstritten. Dabe sieht sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk von zwei Seiten unter Legitimationsdruck. Einerseits strebt er danach, an allen neuen Verbreitungsmöglichkeiten teilzuhaben und auf allen Plattformen (Digitalfernsehen, Internet) dabei zu sein, um seine Marginalisierung abzuwenden. Andererseits muss er aufgrund seiner Gebührenfinanzierung die gesellschaftliche Relevanz seiner Angebote beweisen und eine Alternative zum kommerziellen Rundfunk bieten, der seinerseits Wettbewerbsverzerrung befürchtet und das Terrain der öffentlich-rechtlichen Sender eingegrenzt sehen will. ZDF-Repräsentanten wie Intendant Schächter und Chefredakteur Nikolaus Brender setzten sich auf zahllosen Podiumsdiskussionen mit Vertretern der privaten Medien auseinander und agierten mit Kampfbegriffen wie "Morgenthau-Plan" und "Zensur" ebenso scharf wie die Gegenseite.
Zwischenzeitlich geführte Verhandlungen über eine Online-Kooperation des ZDF mit dem privatwirtschaftlichen Internetanbieter "sueddeutsche.de" im Bereich Bewegtbilder - nach dem Muster der vielbeachteten Zusammenarbeit von "WAZ" und WDR - scheiterten kurzfristig. Im Juni 2008 nahmen jedoch das ZDF und "zeit.de" (Verlagsgruppe Holtzbrinck) eine solche Kooperation auf. Seit 2009 kooperiert auch die WAZ mit dem ZDF.
Gern beklagte das ZDF, dass ihm - anders als der ARD mit ihren Dritten Programmen - eine Senderfamilie und damit die Chance, ungewöhnliche Formate vorab zu erproben, fehle. Allerdings war das ZDF schon immer an den Gemeinschaftsprogrammen 3sat (Hauptsitz ebenfalls in Mainz), Phoenix, Kinderkanal (Kika) und Arte beteiligt. Außerdem unterhielt es die bislang eher marginal wahrgenommenen Digitalkanäle ZDF-Info, ZDF-Doku und den ZDF-Theaterkanal. 2009 begann am 1. November 2009 mit dem Start von ZDF-neo anstelle des Doku-Kanals eine Digitaloffensive, die das ZDF selbst als "ersten großen Schritt zur Bildung einer starken Senderfamilie" sieht, während die Privatsender durch den betont jugendlichen Sender ihr eigenes Terrain angegriffen sehen. Tatsächlich zeigt der neugestaltete Sender mit Sendungen wie der vielfach Emmy-prämierten US-Sitcom "30 Rock" Programmfarben, die im Hauptprogramm des ZDF zurzeit praktisch gar nicht vorkommen.
Die Umwandlung seines digitalen Theaterkanals in einen breiter angelegten "Kulturkanal" soll die Bemühungen der öffentlich-rechtlichen Sender fortsetzen, die ihnen seit Jahren zugestandenen, bisher wenig profilierten Digitalkanäle für jüngeres Publikum attraktiv zu machen.
Produktion und Distribution
Dem Sender gehört mit der in Mainz ansässigen ZDF Enterprises <abbr title="Gesellschaft mit beschränkter Haftung"></abbr>GmbH</abbr><//abbr> eine 100-prozentige Tochtergesellschaft zur Schaffung, Verwertung und Distribution des ZDF-Programmvermögens. ZDF Enterprises wickelt seit Januar 1993 Programmeinkauf, Vertrieb und Koproduktionen ab. Das Tochterunternehmen hat Außenstellen in Köln und New York. Über ZDF Enterprises ist das ZDF an Produktionsfirmen beteiligt, die vor allem, aber nicht nur das ZDF-Programm bedienen, u.a. Network Movie (Köln/Hamburg), Doc Station, Gruppe 5 Filmproduktion und Dolce Media <abbr title="Gesellschaft mit beschränkter Haftung"></abbr>GmbH</abbr><//abbr> (Christoph und Thomas Gottschalk). 2007 hat das ZDF, ebenfalls über ZDF Enterprises, für etwa 8 Millionen Euro eine Beteiligung von 50 Prozent an der Bavaria Fernsehproduktion <abbr title="Gesellschaft mit beschränkter Haftung"></abbr>GmbH</abbr><//abbr> übernommen. Diese <abbr title="Gesellschaft mit beschränkter Haftung"></abbr>GmbH</abbr><//abbr> war zuvor eine 100-prozentige Tochter der Bavaria Film <abbr title="Gesellschaft mit beschränkter Haftung"></abbr>GmbH</abbr><//abbr> (Geiselgasteig bei München), die seit Februar 2007 als Holdinggesellschaft der gesamten Bavaria-Unternehmensgruppe fungiert. An der Bavaria Film sind der WDR, der MDR, der SWR und der BR über Tochterunternehmen mehrheitlich beteiligt; Anteile hält über eine Tochterfirma auch die bayerische Förderbank LfA. Die Bavaria-Film-Gruppe gehört mit einem Umsatz von 310 Mio Euro (Geschäftsjahr 2005/06) zu den größten TV-Produktions- und -Dienstleistungsunternehmen Deutschlands. Die Bavaria Fernsehproduktion, in der die Unternehmensgruppe ihre Fernsehproduktionsaktivitäten gebündelt hat, erzielte zuletzt einen Umsatz von rund 75 Mio Euro und produziert Serien und Filme für öffentlich-rechtliche und private TV-Sender. Dazu gehören etwa die Daily-Soap „Marienhof“ und die Telenovela „Sturm der Liebe“ (ARD), die Serien „Die Rosenheim-Cops“ (ZDF) und „Alle lieben Jimmy“ (RTL) sowie Fernsehfilme für die Reihen „Tatort“ (ARD) und „Inga Lindström“ (ZDF).
Der Einstieg des ZDF bei der Bavaria wurde innerhalb der TV-Produktionsbranche zum Teil heftig kritisiert, da unabhängige Produzenten fürchten, künftig weniger Aufträge vom ZDF zu bekommen.
Engagement im Ausland
Das ZDF ist wie die ARD an den internationalen Programmen arte (deutsch-französischer Kulturkanal) und 3Sat (Deutschland/ Schweiz/ Österreich) beteiligt.
Im Nachrichtenbereich arbeitet das ZDF seit 2007 mit der türkischen Unternehmensgruppe Dogan Media zusammen. Dogan Media erhält Zugang zu Fernsehmaterial aus Deutschland und der EU; im Gegenzug hat das ZDF-Studio in Istanbul schnellen Zugriff auf aktuelles Nachrichtenmaterial aus der Türkei, das von den Dogan-Sendern Kanal D und CNN Turk produziert wird. Dogan betreibt CNN Turk als Joint-Ventures mit dem CNN-Mutterkonzern Time Warner. Die Vereinbarung soll vor allem die türkische und türkischstämmige Bevölkerung in Deutschland, die fast 60 Prozent der Zuschauerschaft der beiden Dogan-Sender ausmacht, besser mit Nachrichten aus Deutschland und Europa versorgen und näher an die deutsche Sprache herangeführen, hieß es.
Nach einer Verwaltungsvereinbarung vom 28. November 2006 kann der Auslandsrundfunk Deutsche Welle (DW) seit Januar 2007 für sein weltweites Fernsehprogramm DW-TV Sendungen des ZDF (wie auch der ARD) nutzen. Ziel dieser Zusammenarbeit ist es, das deutsche Auslandsfernsehen und damit die „mediale Außenrepräsentanz Deutschlands“ qualitativ zu verbessern. Die Deutsche Welle hat seither Zugriff auf Inhalte aus dem ZDF und den ARD-Programmen und ihrer assoziierten Kultursender.
Aktuelle Entwicklung
Heftiger wurde in den Medien und auch im Internet selten über das ZDF diskutiert als 2009 während der Aufregung um den nurmehr bis Ende März 2010 amtierenden Chefredakteur Nikolaus Brender (siehe oben, "Management"). Selbst als Mainzelmännchen verkleidete Demonstranten protestierten in Berlin für die Rundfunkfreiheit. Der in ZDF (und ARD) gern gepflegte Anschein der Staatsferne ist recht ramponiert. Ob die Aufregung zu nachhaltigen Veränderungen im System des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und seiner Kontrolle führt oder doch verpufft, muss abgewartet werden.
Weiter im Gange sind die Aktivitäten, die der (nach langen Diskussionen am 1.6.2009 in Kraft getretene) 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag vorsieht. Durch Drei-Stufen-Tests sollen nach dem Vorbild der britischen Public-Value-Tests neue oder veränderte Digital-TV- und Online-Angebote sowie Online-Angebote mit einer längeren "Verweildauer" im Internet als sieben Tage auf ihren gesellschaftlichen Mehrwert überprüft werden. Wie der ZDF-Fernsehrat, in dessen Verantwortung dieser Test nach dem ZDF-Modell liegt, mit den Ende Mai '09 vorgelegten Telemedienkonzepten des Senders umgeht, beobachtet die Fachwelt gespannt. Schließlich gelten die internen Gremien der öffentlich-rechtlichen Sender nicht unbedingt als kritische Kontrolleure.
In seinem Programm erregte das ZDF 2009 mit einem für rund 30 Mio. Euro eingerichteten neuen Nachrichtenstudio Aufsehen (siehe "taz"), das auf 3-D-Elemente und "hochmoderne Kameraroboter" setzt und viele Zuschauer zunächst irritierte. Bei der Suche nach neuem Personal - vor allem als Ersatz für das zu Sat.1 zurückgekehrte Programm-Gesicht Johannes B. Kerner - wurden die Mainzer bei den öffentlich-rechtlichen Rivalen fündig und heuerten nach langem Tauziehen den bislang noch vor allem bei der ARD beschäftigten Moderator Jörg Pilawa an ("Berliner Zeitung": "ein Zeichen für die Mutlosigkeit der Fernsehsender"). Hoffnungen, anstelle des stets mehrmals pro Woche präsenten Kerner könnte mehr Vielfalt im Hauptprogramm des ZDF einkehren, scheinen damit zerstreut.
Vielfalt aber sollen die digitalen Kanäle bieten. Nach dem Start von ZDF-neo (siehe oben, "Geschäftsfelder") soll als nächstes der bisherige "Theaterkanal" neustarten. Nicht zuletzt, weil das ZDF dafür Geld aus dem Topf nimmt, der bisher den gerade 25 Jahre alt gewordenen deutsch-österreichisch-schweizerischen Kultursender 3sat finanziert (siehe "Altpapier"), dürfte auch diese Umwandlung spannend werden.
In puncto Zuschauerakzeptanz gehört das ZDF konstant zu den erfolgreichsten drei deutschen Fernsehprogrammen beim Gesamtpublikum. 2008 belegte der Sender laut GfK mit 13,1 Prozent Marktanteil den dritten Platz in der Marktanteilsbilanz (Zuschauer ab 3 Jahren) hinter dem ARD-Programm "Das Erste" (13,4 Prozent) und den zusammengenommenen Dritten Programmen der ARD (13,2 Prozent).
Bei Zuschauern zwischen 14 und 49 Jahren erreichte der Sender 7 Prozent Marktanteil (Platz 6 hinter RTL, Pro Sieben, Sat.1, ARD und Vox), nach 6,7 Prozent im Vorjahr. Auch die Frage nach weiteren Bemühungen, junge Zuschauer zu erreichen, bleibt aktuell. 2009 lancierte Chefredakteur Brender zu diesem Zweck Internet-Kooperationen mit der Google-Tochter Youtube (z.B. die Kanäle "Mitreden bei Maybrit Illner" und "Open Reichstag) und importierte aus Kanada die Fernsehshow "Ich kann Kanzler", die allerdings nur einmalig live im ZDF lief. Ob und wie sein Nachfolger Frey (zu dessen Auftrag "Verjüngung" explizit zählt) solche Ansätze fortsetzt, muss sich zeigen.
Literatur
Klaus Wehmeier: Geschichte des ZDF, Teil 1: Entstehung und Entwicklung 1961 – 1966, Mainz 1979.
Nicole Prüsse: Geschichte des ZDF, Teil 2: Konsolidierung, Durchsetzung und Modernisierung 1967 – 1977 Münster 1997.
Florian Kain: Die Geschichte des ZDF 1977 – 1982, Baden-Baden 2007 (Geschichte des ZDF, Bd. 3).
Rüdiger Steinmetz: Freies Fernsehen - Das erste privat-kommerzielle Fernsehprogramm in Deutschland, München 1996.
Dieter Stolte/ Joachim Haubrich: Wie das Fernsehen das Menschenbild verändert, München 2004.
Links
News
19.08.09 / ZDF
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