Länderporträt Kroatien

Neben Grenzstreitigkeiten mit Slowenien und zögerlicher Kooperation bei der Verfolgung von Kriegsverbrechern haben auch Versuche politischer Einflussnahme auf die öffentliche Rundfunk- und Fernsehanstalt Hrvatska radiotelevizija (HRT) und auf die privaten Medien die Beitrittsverhandlungen Kroatiens mit der EU deutlich verzögert. Zwar wurde zwischen den Jahren 2000 und 2004 das kroatische Medienrecht weitgehend mit EU-Recht in Einklang gebracht, doch allen gesetzgeberischen Maßnahmen gegen Konzentrationstendenzen zum Trotz weist der Medienmarkt in Kroatien deutliche Merkmale von Konzentration auf. Unabhängigkeit ist ein grundlegendes Problem – auch bei den Medienunternehmen in Privatbesitz. Obwohl das kroatische Mediengesetz Redaktionsstatute zur inhaltlichen Abgrenzung zwischen Eigentümern und Redaktionen vorschreibt, wird die Vorschrift nicht umgesetzt, da kein Stichtag vorgesehen ist.

Verlässliche Zahlen zu Auflagenhöhe und Unternehmensgewinnen sind grundsätzlich kaum zu ermitteln. Der gesamte Markt weist vom Medientyp unabhängig einen deutlichen Trend zur Boulevardisierung auf. Intransparente Eigentumsverhältnisse, Selbstzensur und die direkte und indirekte Einflussnahme Einzelner verstärken diese Tendenz.

Ein Blick in das statistische Jahrbuch Kroatiens von 2014 zeigt die grundsätzlich schwierige Marktsituation für nachrichtenlastige Printprodukte. Die Zahl der Zeitungstitel sank von 300 (2004) auf 267 (2010). Angesichts der Größe des Landes ist sie allerdings noch immer grotesk hoch. In Deutschland erscheinen rund 350 Zeitungen. Die Zahl der Magazintitel in Kroatien war im gleichen Zeitraum (2004 bis 2010) zwar starken Schwankungen unterworfen, blieb mit 2676 jedoch konstant.

Damit nicht genug der strukturellen Schwierigkeiten des Printmarkts. Das Unternehmen Tisak hat de facto eine Monopolstellung bei der Distribution von Printprodukten inne. Es gehört zur Agrokor-Gruppe, dem größten kroatischen Unternehmen überhaupt. Zuletzt machte Tisak allerdings im Februar 2015 durch Einstellungen auf sich aufmerksam.

Die Mehrzahl der größeren Medienorgane in Kroatien haben seit der Liberalisierung des Marktes ausländische Eigentümer. In staatlichem Besitz sind die öffentliche Rundfunk und Fernsehanstalt Hrvatska radiotelevizija (HRT). Bereits im April 2012 wurde die seit 1940 publizierte staatliche Tageszeitung Vjesnik eingestellt. Im Juli desselben Jahres wurde auch das Internetportal www.vjesnik.hr geschlossen. Unter gleichem Namen firmiert bis heute die Druckerei der Zeitung.

Als Erfolgsgeschichte gilt gemeinhin das Boulevardblatt 24sata („24 Stunden“). Es ist mit rund 130000 Exemplaren (2013) die auflagenstärkste Zeitung des Landes. Jedoch hat auch das seit 2005 erscheinende Tabloid-Blatt der österreichischen Styria Media Group mit Auflagenverlusten zu kämpfen. Im Jahr 2011 wurden noch 150000 Exemplare gedruckt. Zusätzlich ging im Jahr 2009 der Fernsehsender 24sataTV auf Sendung, obwohl es privaten Printmedien gesetzlich untersagt ist auch „audiovisuelle“ Produkte anzubieten. Wie sich diese Expansion ökonomisch ausgewirkt hat ist nicht bekannt.

Die Nettoinvestitionen in Werbung sind seit Jahren rückläufig. Nach Schätzung des Verbands kroatischer Werbetreibender Hu®A sind sie zwischen 2008 und 2013 von 2,255 Milliarden Kuna (rund 308 Millionen Euro) auf 1,388 Milliarden Kuna (rund 182 Millionen Euro) zurückgegangen. Das entspricht einer Verringerung um 867 Millionen Kuna und damit um mehr als ein Drittel. Auch wenn sich im gleichen Zeitraum die Nettoinvestitionen für Werbung im Internet von 30 auf 107 Millionen Kuna mehr als verdreifachten, bleibt der grundsätzliche Abwärtstrend der Werbewirtschaft davon unberührt.

Die Größe des TV-Werbemarkts für Kroatien wird vom Eigentümer von Nova TV, der Central European Media, für 2013 mit 99 Millionen Dollar (rund 90 Millionen Euro) angegeben. Wovon sich das Unternehmen 55 Prozent gesichert haben möchte.

Basisdaten

Einwohner: 4,47 Mio. (126. Rang weltweit; CIA-Factbook 2014)
Religionen: röm.-kath 86%, andere 7%
Größte Städte: Zagreb (700,000 Einwohner), Split (190,000 Einw.), Rijeka (170,000 Einw.)
Regierungsform: Parlamentarische Demokratie mit Einkammer-System
Präsidentin: Kolinda Grabar-Kitarovi?  (seit Februar 2015)
Premierminister: Zoran Milanovi? (seit Dezember 2011)
EU-Mitglied seit: 2013
Arbeitslosenrate: 20,9% (März 2013)
Staatsverschuldung: 2012: 102,9 Mio. Euro; 2007: 77,7 Mio. Euro (Quelle: IMF)
Haushaltssaldo in Relation zum BIP: 2013: 59,54%; 2009: 35,82%; 2007: 32,85%
Anteil am globalen BIP: 2013: 0,09%

Werbeausgaben insgesamt: 0,18 Mrd. Euro (2013; Schätzung)
Fernseh-Dauer pro Einwohner: 289 Minuten pro Tag (2010)
Durchschnittliche tägliche Zeitungsleser: 404000 (2011)
Größte Medienkonzerne: Nova TV, RTL, Europapress Holding, Styria Media Group
Rundfunkgebühren: die Steuer für TV-Besitzer beläuft sich auf monatlich 78 Kuna (rund 10 Euro)

Die größten Medienkonzerne Kroatiens

Historische Grundlagen

Im Gegensatz zu den Staaten des Ostblocks ging Jugoslawien einen Sonderweg. Die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien (1945 bis 1992) gehörte zur Gruppe sozialistischer, blockfreier Staaten. Die Transformation des Vielvölkerstaats in eine marktwirtschaftliche Demokratie nach westlichem Vorbild verlief anders als in den Staaten des Ostblocks. Sie war weder friedlich noch geordnet.

Das Land wurde durch eine Reihe von Kriegen (1991 bis 1995; 1999) gewaltsam in Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Serbien, Mazedonien und den Kosovo geteilt. Gewaltbereitschaft, Nationalismus, ethnische und religiöse Konflikte, Korruption und Kriminalität bleiben als langfristige Folge der Kriege in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens auch nach Jahren des Friedens präsent. Als Beleg für diese Einschätzung im Bereich des Politischen sei die Ermordung des serbischen Premiers Zoran ?in?i? im März 2003 genannt. Wie Kroatien auch nach dem EU Beitritt 2013 noch versucht hat eine Amnestie für die Mörder von Exilkroaten im europäischen Ausland zu etablieren, ist ein jüngeres Beispiel. Die prominentesten Exempel aus der Medienwirtschaft in Kroatien sind der missglückte Bombenanschlag auf  den umstrittenen Miteigentümer der Europapress Holding Ninoslav Pavic im Jahr 2003 und das geglückte Bombenattentat auf den Journalisten und Herausgeber Ivo Pukani? und einen seiner Mitarbeiter im Jahr 2008.

Medienunternehmen und -konzerne

Europapress Holding (EPH)
Das Unternehmen gehört erst seit dem Frühjahr 2014 zu 90 Prozent der Firma Hansa Presse des Zagreber Anwalts Marijan Hanžekovi?. Er war von 1990 bis 1991 auch erster Finanzminister der Republik Kroatien. Als direkte Repräsentantin seiner Interessen sitzt seine Tochter Ana seither im Aufsichtsrat des Unternehmens. In einem Korruptionsprozess vertritt Hanžekovi? den ehemaligen Zagreber Bürgermeister Milan Bandi?.
Zu den genauen Mehrheitsverhältnissen in der Europapress Holding vor dem Eigentümerwechsel im Jahr 2014 sind zwei unterschiedliche Varianten im Umlauf. Entweder hielten Ninoslav Pavic und die deutschen Funke Mediengruppe (ehemals Mediengruppe WAZ) seit 1998 je 50 Prozent an dem Unternehmen, oder aber Pavi? war mit 51 Prozent knapp Mehrheitseigentümer, während sich die Funke Mediengruppe mit 49 Prozent der Anteile begnügen musste.
 Die jüngsten Veränderungen der Besitzverhältnisse sind das Ergebnis eines Vorkonkursverfahrens und indirekt eine Folge der Finanzkrise. Die Kroatien-Tochter der Hypo Alpe Adria hatte ihre Forderungen der EPH gegenüber im Februar 2014 in einen Eigentumsanteil von 90 Prozent wandeln lassen. Die wichtigsten Produkte der EPH sind die politische Wochenzeitung Globus, die Tageszeitung Jutarnji list und die tägliche Sportzeitung Sportske novosti.


Styria Media International
Das Grazer Medienunternehmen ist in Kroatien sowohl im Print- als auch im Onlinegeschäft aktiv. Die wichtigsten Titel in seinem Besitz sind die Tageszeitungen 24sata und Ve?ernji list und die Wochenzeitung Metropola. Gemeinsam mit der EPH behauptet die Styria Media International eine Duopolstellung auf dem kroatischen Printmarkt. Bis zum jüngsten Eigentümerwechsel bei der EHP teilten sich diese zwei Medienunternehmen in ausländischem Besitz diesen Marktbereich im Wesentlichen untereinander auf.

TV Nova
Im Jahr 2000 nahm TV Nova als erster kommerzieller TV-Sender Kroatiens seinen Betrieb auf. Seit 2005 wird dort auch die boulevardlastige Nachrichtensendung Dvenik Nove ausgestrahlt. Sie ist seit 2010 Kroatiens meistgesehenes Nachrichtenprogramm nach Dnevnik HRT der entsprechenden Sendung des öffentlichen Fernsehens.
Im Jahr 2011 ging das Schwesterprogramm Doma TV auf Sendung. Zielgruppe des Senders sind die Frauen des Landes. Er sendet 18 Stunden täglich. Ebenfalls 2011 startete der Sender Nova World. Seine Zielgruppe sind Exilkroaten in den USA, Kanada ,Neuseeland und Australien.
Seit 2004 gehört das Unternehmen vollständig zu Ronald S. Lauders Central European Media Enterprises. Von diesem hält seit  2012 Time Warner wiederum 45,4 Prozent nachdem zuvor im Jahr 2008 der ukrainische Milliardär Ihor Kolomojskyj drei Prozent erwarb.

RTL
Seit 2004 sendet RTL Televizija, ein Programm der luxemburgischen RTL Group, die wiederum zu 75 Prozent zu Bertelsmann gehört. Hier läuft die dritte Nachrichtensendung im kroatischen Fernsehen, Vijesti. Auch dieser Sender hat sein Programm ausdifferenziert. Im Jahr 2010 ging RTL2 auf Sendung.

HRT
Die öffentliche Anstalt Hrvatska Radiotelevizija sendet aus Zagreb vier nationale Fernsehprogramme und drei nationale Rundfunkprogramme. Hinzu kommen acht regionale Radioprogramme und eines für Exilkroaten. Das HRT ist mit rund 3500 Beschäftigen (2010) personell sehr üppig aufgestellt. Die Anstalt finanziert sich über die Rundfunkgebühren, Werbeeinnahmen und einen festen Posten im Staatshaushalt. Zum HRT gehört auch die Nachrichtenagentur HINA (Jahresbudget 2014: rund 2,2 Millionen Euro). Der Fortbestand der Agentur war Ende des Jahres 2014 ungewiss.

Abb. I: Werbeausgaben nach Gattungen, 2012

Quelle: European Audiovisual Observatory Yearbook 2013

 

Abb. II: Prime Time-TV Marktanteile der größten Sendergruppen 2012

Quelle: European Audiovisual Observatory Yearbook 2013

Tab I: Die meistbesuchten Websites 2014

Rang

Internetseite

Beschreibung

Mutterkonzern / Inhaber

1

Google.hr

Suchmaschine

Google Inc.

2

Facebook.com

Soziales Netzwerk

Facebook Inc.

3

Google.com

Suchmaschine

Google Inc.

4

Youtube.com

Videoportal

Google Inc.

5

Index.hr

Nachrichtenportal

Gordan Novoselec

6

Jutarnji.hr

Nachrichtenportal

Styria IT

7

Njuskalo.hr

Kleinanzeigen

Darko Vozab

8

24sata.hr

Nachrichtenportal

Styria IT/ Darko Vozab

9

Net.hr

Nachrichtenportal

Adriatic Media (mglw. erworben von EPH)

10

vecernji.hr

Nachrichtenportal

Styria IT

11

Dnevnik.hr

Nachrichtenportal

Nova TV

12

Wikipedia.org

Enzyklopädie

Wikimedia Foundation

13

Tportal.hr

Nachrichtenportal

Hrvatski Telekom

14

Yahoo.com

Suche/Nachrichten

Yahoo! Inc.

15

Amazon.com

Einkaufsportal

Amazon.com Inc.

16

Ebay.com

Einkaufsportal

Ebay Inc.

17

Forum.hr

Foren

Filipa Grabovca

18

Twitter.com

Microblogging

Twitter Inc.

19

Blogspot.com

Blogplatform

Google Inc.

20

Slobodnadalmacija.hr

Nachrichtenportal

Slobodna Dalmacija

Quelle: Alexa.com

Ausblick

Die Liberalisierung hat die Medienlandschaft Kroatien bisher nicht zu großer Blüte geführt. In dem kleinen und umkämpften Markt sind nüchterne und faktenreiche Berichterstattung nicht das entscheidende Verkaufsargument. Immerhin scheinen die Jahre politisch und kriminell motivierter Mordanschläge vergangen. Die systematischen Probleme der kroatischen Medienlandschaft (Intransparenz der Besitzverhältnisse, Selbstzensur, schwache gesetzliche Regulierung, Preisabsprachen) bleiben indes bestehen. Sanften europäischen Druck und wirtschaftliche Stabilität -  nach einem ersten Jahr in der EU mit herben Rückschlägen - vorausgesetzt, könnten sich die kleinsten Bereiche unabhängiger Berichterstattung möglicherweise institutionalisieren. Personelle und inhaltliche Rückwirkungen in die größeren Redaktionen hinein wären dann nicht ausgeschlossen.

Quellen/Literatur

  • Kroatisches Landesamt für Statistik
  • Buchfelder, Angela: "Pressefreiheit in Kroatien". In: Berliner Schriften zur Medienwissenschaft. Berlin, 2012.
  • Agency for Electronic Media (Hg.): Jelavi?, Anja: Croatian TV Market Analysis. [Summary in English]. 2013.
  • Peruško, Zrinjka: "Media pluralism policy in a post-socialist Mediterranean media system: The case of Croatia". In:
    East European Politics & Societies, Jg. 27, Heft 4, 2013.
  • ????UNESCO/IPDC (Hg.): Peruško, Zrinjka: Assessment of Media Development in Croatia Based on UNESCO’s Media Development Indicators. 2011.

Diskussion

Kommentar hinzufügen


* - Pflichtfeld







CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.


Keine Kommentare