Länderporträt Großbritannien

Einwohner: 63,7 Mio.
Religionen: Christen (59,5%), Moslems (4,4%), Hindu (1,3%)
Größte Städte: London, Birmingham, Manchester, West Yorkshire, Glasgow, Newcastle
Regierungsform: konstitutionelle Monarchie
Staatschef: Königin Elizabeth II (seit 1952)
Regierungschef: David Cameron (seit 2010)
EU-Mitglied seit: 1973
Arbeitslosenrate: 7,3% (2013)
Staatsverschuldung: 9,6 Billionen US-Dollar (2013)
BIP: 2,49 Billionen US-Dollar

Werbeausgaben insgesamt: ca 15,1 Mrd. Pfund
Fernseh-Dauer pro Einwohner: 240 Minuten/Tag
Größte Medien- und Telekommunikationskonzerne: BBC, ITV, Sky, News Corp., Daily Mail & General Trust, Pearson, Reed Elsevier
Rundfunkgebühren: 12,13 Pfund/Monat (2013-14)

Die größten Medienkonzerne Großbritanniens

Geschichte und Profil*

Trotz starker Konzentrationen besitzt der britische Medienmarkt - gemessen an der Bevölkerungszahl - eine beinahe einzigartige Vielfalt. Er bietet weltweit angesehene Zeitungen, Zeitschriften und Rundfunk-Programme (wie "The Financial Times", "The Economist" oder "BBC RAdio Four"), die sich an ein gebildetes Publikum richten. Die Mehrzahl der der Medien ist jedoch zunehmend trivial.

Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatten die Briten drei wichtige Schritte hin zum Recht auf freie Meinungsäußerung und damit auf die freie Veröffentlichung von Zeitungen vollzogen: 1641 durch die Abschaffung von des königlichen Sternkammer-Gerichts ("Star Chamber"), das die Redefreiheit praktisch nicht zuließ, 1694 durch die Abschaffung der Genehmigungspflicht für Zeitungen ("Press Licensing") und 1792 durch den "Fox Libel Act", der das Verfahren für Verleumdungsklagen fairer regelte. Außerdem wurde 1709 das erste Urheberschutz-Gesetz eingeführt.

Allerdings mussten Verleger zu jener Zeit mit ökonomischen Repressionen zurechtkommen, nämlich der Besteuerung von Zeitungsverkäufen, Werbeanzeigen und Papier. Obwohl es der Politik vorrangig um eine inhaltliche Zensur ging, versuchte sie bereits, medienpolitische Ziele mit Mitteln der Marktregulierung zu erreichen, während beispielsweise die meisten deutschen Staaten im Vormärz (1815-1849) noch willkürlich gegen das Pressewesen vorgingen.

Die - bis heute - entscheidende Deregulierung des Pressemarktes fiel in die Regentschaft von Königin Victoria (1837-1901): die Abschaffung der Zeitungssteuer (Newspaper Stamp Tax) 1855 und der Papiersteuer 1861. Verleger hatten sie als "Taxes on Knowledge" inkriminiert. Die liberale und konservative britische Medienforschung hat diesen Schritt als Geburtsstunde der uneingeschränkten Pressefreiheit verzeichnet. Medienforscher wie James Curran und Jean Seaton haben dagegen am Beispiel der Zeitungssteuern gezeigt, wie dicht Effektivität und Kontraproduktivität in der Medienregulierung beieinanderliegen: Die "Stamp Taxes" verfehlten ihr politisches Ziel, sie waren vielmehr eine Art Schutzzoll für die Meinungspresse und verhinderten größere Konzentrationsprozesse, die dann nach den Deregulierungen eintraten, als sich das Geschäftsmodell der Zeitungen auf Werbeeinnahmen verlagerte und gleichzeiting die Preise sanken. Dadurch griffen die Menschen immer mehr zu Blättern, die Unterhaltung boten und billig waren.

Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts hatten die sogenannten britischen Zeitungsbarone eine marktbeherrschende Stellung erlangt. Lord Northcliffe, Lord Rothermere aund Sir Lester Harmsworth - drei Brüder - besaßen 1921 zusammen das größte Medienimperium der Welt (mit einer Gesamtauflage von sechs Millionen gedruckten Zeitungen täglich). Aus der Diskussion über die publizistische Macht der Großverleger vor und nach dem Zweiten Weltkrieg heraus kam es 1954 zur Gründung des "Press Council als erster Einrichtung der Selbstregulierung. Aus ihm ging 1990 die "Press Complaints Commission" (PCC) hervor. Mit dem Wandel vieler Verlage von inhabergeführten Unternehmen zu Aktiengesellschaften war die Kritik an deren Macht zwischenzeitlich abgeebbt. Aufgeflammt ist sie erneut, als der gebürtige Australier Rupert Murdoch in den 1980er Jahren die Traditionszeitung "The Times", das Boulevardblatt "Sun sowie dessen Sonntagszeitung "News of the World" kauft und einen heftigen Preiskampf an den Kiosken ("Zeitungskrieg") begann.

Die Gesamtauflage aller rund zwanzig überregionalen Zeitungen betrug noch 2007 rund 25 Millionen Exemplare. Die drei stärksten britischen Verlage ("News Corp.", "Trinity Mirror", "Daily Mail and General Trust") beherrschen ungefähr 75 Prozent des gesamten Pressemarktes, der auch an die 1250 regionale Zeitungen umfasst.

Der britische Rundfunk ist aufgeteilt in zwei Blöcke: Die BBC bildet ein durch Gebühren finanziertes Sender-Konglomerat. Das Fernsehmonopol der BBC wurde 1954 durch den "Independent Television Act" gebrochen. Ein Jahr später startete das werbefinanzierte Fernsehen mit dem "Independent Television (ITV), einem Netzwerk aus mehr als einem Dutzend regionalen Sendern. Das streng regulierte TV-Duopol von BCC und ITV existierte knapp dreißig Jahre. Erste Privatsender enstanden mit der Deregulierung des Radio-Marktes (1967) und später des TV-Marktes (1982). Ein Kuriosum der Rundfunk-Geschichte bildet der 1982 gegründete Sender "Channel 4", der - ähnlich der BBC - eine öffentliche Körperschaft mit hohen Programm und Qualitätsverpflichtungen ist und sich zugleich vollständig durch Werbung finanzieren muss. Der Sender unterliegt der Aufsicht durch das Ofcom. Wichtige britische Sender sind außerdem "Channel Five" und der Satellitensender BSkyB.

Die lingua franca Englisch hat die Omnipräsenz und die Vorbildrolle der angelsächsischen Mediensysteme befördert. Sie ist die konstituirende Basis einer Medienkultur, die sich durch Anspruch, Witz und Originalität sowie auch Trivialität, Schonungslosigkeit, bis hin zr Brutalität, auszeichnet. In dieser Gemengelage fällt ein spezifisch britisches Medienbewusstsein (media mindedness) ins Auge. So stellen der britische Parlamentarismus mit seinem hundertprozentigen Mehrheitswahlrecht, in dem sich in jedem Wahlkreis nur ein Herausforderer durchsetzen kann, wie auch die Monarchie mit ihrer öffentlichen Zelebrierung und ihrer noch immer stark ausgeprägten Folklore einen großen Anreiz für "Egos" dar, deren Ziel es ist, sich öffentlich zu inszenieren und durch Bekanntheit und Sichtbarkeit ein breites Bewusstsein für den eigenen Status herzustellen.

Medienunternehmen und -konzerne

BBC
Die 1927 gegründete British Broadcasting Corporation ist die größte Rundfunkanstalt der Welt. Innerhalb Großbritanniens produziert die BBC ein ausschließlich gebührenfinanziertes Radio- und Fernsehprogramm, das seine Zuschauer "informieren, bilden und unterhalten" soll. Im Ausland erwirtschaftet der kommerziell agierende Arm BBC Worldwide durch das Betreiben von Fernsehsendern, der Lizenzierung von Fernsehformaten und der Veröffentlichung von Büchern zusätzliche Erträge, die an die Anstalt zurückgeführt werden und die Gebührenzahler entlasten sollen. Im Onlinebereich betreibt die BBC mit ihrer Homepage einer der reichweitenstärksten Internetseiten Europas.

ITV
ITV ist das führende privatwirtschaftliche Free-TV-Unternehmen in Großbritannien. Zum Portfolio des Konzerns gehören diverse TV-Sender, Produktionsfirmen und Online-Portale. ITV plc ist seit der Verschmelzung der Konzerne Granada und Carlton in nur noch zwei Geschäftsfelder (Broadcast & Online, ITV Studios) aufgeteilt und dominiert unangefochten den britischen Free-TV-Markt. Nach dem ITV Digital-Debakel 2002 sieht sich der Konzern aus gutem Grunde nicht mehr selbst als Pay-TV-Betreiber, sondern operiert über die am Markt etablierten Anbietern, darunter Rupert Murdochs BSkyB und Kabelgesellschaften wie Telewest/NTL (Virgin Media). ITV plc hält derzeit 11 der 15 regionalen ITV-Lizenzen des analogen Programms ITV 1. Damit beherrscht ITV plc de facto mit England und Wales den wichtigsten Teil des britischen Free-TV-Marktes: Die verbleibenden ITV-Lizenzgebiete Schottland (Grampian TV, Scottish TV), Nordirland (Ulster TV) und Kanalinseln (Channel TV) sind nach Größe und Werbeeinnahmen klar nachrangig. ITV plc ist zudem mit 16,9 Prozent an der Scottish Media Group, die die ITV-Lizenzen für Schottland hält, beteiligt.

Die Produktionssparte ITV Studios, die aus der bisherigen Granada Media Group hervorging, ist eine der drei größten europäischen TV-Produktionsfirmen und im nationalen sowie internationalen Produktionsgeschäft aktiv. Zu den Programmen gehören die Soaps „Coronation Street“ und „Emmerdale“ aber auch Shows wie „I’m a celebrity – get me out of here“ und hochwertige TV-Movies, sowie News- („Tonight with Trevor McDonald“) und Kulturprogramme („The South Bank Show“). Seit 1998 produziert Granada auch für nicht zum Konzern gehörende TV-Anbieter wie die BBC, Channel 4, Channel 5 und Rupert Murdochs BSkyB.
Internationale Tochterfirmen existieren beispielsweise in den Vereinigten Staaten (ITV Studios USA), Australien (Granada Australia), Norwegen (Mediacircus) und Deutschland (ITV Studios Germany). Im Frühjahr 2015 übernahm ITV auch Talpa Media, John De Mols Produktionsfirma, die unter anderem in Deutschland Reality-Formate wie "Newtopia" produziert sowie die TV Sparte der Weinstein Company.

Sky/21st Century Fox/News Corp.
Neben diversen britischen Tageszeitungen (darunter auch "The Sun" und "The London Times") ist das Herzstück von Rupert Murdochs Engagement in Großbritannien der Satellitensender BskyB, dessen komplette Übernahme (News Corp. hält nur 39 Prozent) wegen des Abhörskandals auf Eis gelegt wurde. Enorme Bedeutung haben für Sky die Übertragungsrechte an der britischen Premier League, die das Unternehmen seit Jahren hält.
Im Mai 2014 spaltete Murdoch das europäische Pay-TV-Segment von 21st Century Fox ab. BskyB (an dem Murdoch ebenfalls mit rund 40 Prozent beteiligt ist) übernahm die Fox-Anteile an Sky Deutschland (geschätzer Wert: rund drei Milliarden Euro) und Sky Italia (hundert Prozent, fünf Milliarden). Auf diese Weise avancierte die britische Sky-Gruppe zu einem pan-europäischen Pay-TV-Riesen, während sich Fox ganz auf die Produktion von TV- und Filminhalten konzentrieren kann. Die EU-Kommission gab der Übernahme im September 2014 grünes Licht.

Reed Elsevier
Wissenschaftliche Zeitschriften, Datenbanken, Fachblätter - seit mehr als hundert Jahren ist der Zugang zu Informationen ein einträgliches Geschäft für das britische Medienunternehmen Reed Elsevier. Zwei Extreme treffen im Portfolio von Reed Elsevier, weltweit einer der größten Fachverlage, aufeinander: Führende Wissenschaftspublikationen, vor allem in den Bereichen Medizin und Jura, stehen neben der Organisation von den internationalen Fernsehprogramm-Messen MIP-TV und MIPCOM in Cannes.

Pearson
Der britische Medienkonzern Pearson hat sich auf die Veröffentlichung von Wirtschaftspublikationen, Sachbücher und Bildungsangeboten spezialisiert. Zum Portfolio gehören unter anderem die Zeitungen "Financial Times", das Wochenmagazin "The Economist" sowie diverse Schulbuch-Verlage.

Daily Mail & General Trust
Das britische Medienhaus Daily Mail and General Trust plc (DMGT) ist auf den Feldern nationaler und regionaler Zeitungen, Internet und Radio aktiv, bemüht sich aber schon seit Jahren erfolgreich darum, vom klassischen Geschäftsfeld der Presse unabhängiger zu werden. Stammten 1996 noch 86 Prozent des Betriebsergebnisses aus dem Zeitungsgeschäft, waren es 2009 nur noch 27 Prozent. Am meisten tragen inzwischen Business-to-Business-Sparten wie DMG Information und Euromoney zum Gewinn bei.

Obwohl DMGT international operiert, sind die wichtigsten Geschäftseinheiten in Großbritannien angesiedelt. Zugpferd des Konzerns ist die zweitmeistverkaufte Tageszeitung des Landes, das erstmals 1896 publizierte Tabloid "Daily Mail". Durch den Verkauf der Mehrheit des "Evening Standard" an den russischen Milliardär Alexander Lebedew, den "Sieg" im Londoner Gratiszeitungskrieg gegen Rupert Murdoch und die folgende Einstellung auch des eigenen Gratistitels "London Lite" erregte DMGT 2009 wiederholt Aufsehen.

Abb. I: Werbeumsätze nach Gattungen, 2008-2012 (in Mio. GBP)

Quelle: European Audiovisual Observatory Yearbook 2013

Abb. II: Prime Time-Marktanteile der größten TV-Sendergruppen, 2012

Quelle: European Audiovisual Observatory Yearbook 2013

Tab. I: Die beliebtesten Internetseiten 2014

Rang

Internetseite

Beschreibung

Mutterkonzern

1.

Google.co.uk

Suchmaschine

Google Inc.

2.

Facebook.com

Soziales Netzwerk

Facebook Inc.

3.

Google.com

Suchmaschine

Google Inc.

4.

Youtube.com

Videoportal

Google Inc.

5.

YouTube.com

Videoportal

Google Inc.

6.

Amazon.co.uk

E-Commerce

Amazon.com Inc.

7.

Bbc.co.uk

Nachrichten/TV

BBC

8.

Yahoo.com

Webportal

Yahoo Inc.

9.

Wikipedia.org

Enzyklopädie

Wikimedia Foundation

10.

Twitter.com

Microblogging

Twitter Inc.

11.

Live.com

Email, Webportal

Microsoft

12.

Theladbible.com

Männerportal

13.

Linkedin.com

Networking

LinkedIn.com Inc.

14.

Paypal.com

Bezahldienst

Ebay.com

15.

Dailymail.co.uk

Nachrichten

Daily Mail & General Trust

16.

Diply.com

Social News

17.

T.co

URL shortening

Twitter Inc.

18.

Theguardian.com

Nachrichten

Guardian Media Group

19.

Bing.com

Suchmaschine

Microsoft

20.

Msn.com

Webportal

Microsoft

Quelle: Alexa.com

Regulierung*

Alle TV-Sender unterliegen der sogenannten regulierten Selbstregulierung unter Aufsicht des zentralen "Office for Communications" (Ofcom), das Sendelizenzen und den Mobilfunkmarkt kontrolliert. Außerdem befasst sich das Ofcom mit programmbezogenen Beschwerden und wettbewerbsrechtlichen Verstößen. In einzelnen Fällen und "im Interesse der Öffentlichkeit" (public interest test) beurteilt es Fusionen und Übernahmen.

Am Umsatz gemessen waren 2014 drei der fünfzig größten Medienkonzerne der Welt aus Großbritannien: Reed Elsevier (Platz 18), Pearson (22), BBC (23) und ITV (41). Die Übernahme der Finanz- und Nachrichtenagentur Reuters durch den kanadischen Konzern Thomson sowie die Fusion der Konzerne Granada und Carlton zu ITV plc im Jahr 2004 illustrieren die vor zehn Jahren begonnene Konzentration im Mediensektor. Sie ist durch die Abschaffung der meisten Übernahmebeschränkungen im "Communications Act" von 2003 beschleunigt worden: Investoren - auch ausländische - dürfen unbegrenzt viele Medien kaufen, Überkreuzungsbeteilligungen verschiedener Mediengattungen sind bis auf wenige Ausnahmen erlaubt.

In einer bemerkenswert kritischen Rede kurz vor seinem Rücktritt hat Premierminister Tony Blair die Medien als "wildgewordenes Tier" beschrieben, die ihrer öffentlichen Verantwortung nicht mehr gerecht würden - bloß um im Wettbewerb zu bestehen. Blair kritisierte eine zu geringe Selbstregulierung der Presse und forderte schärfere Regeln.
Über die Kritik and den Medien hat Blair auch eigene Fehler im Umgang mit Journalisten eingeräumt. Er selbst hatte stets auf den richtigen Dreh ("Spin") seiner Regierungsgeschäfte in den Medien geachtet: In den ersten Jahren seiner Amtszeit (1997-2007) vermochte er die Nachrichtenlage mithilfe von Kommunikationsdirector ("Spin Doctor") Alistair Campbell (zuvor Politikchef der Boulevardzeitung "Daily Mirror") zu kontrollieren, beispielsweise in Form der Nation-Branding-Kampagne "Cool Britannia". Nach dem 11. September 2001 und dem späteren Kriegseinsatz im Irak schlitterte Blair allerdings in eine Vertrauenskrise, als er an der Seite der US-Amerikaner die Bedrohung durch angeblich irakische  Massenvernichtungswaffen beschwor. Die Frage "Hat Blair die Medien belogen?" dominierte die Nachrichten. Das Problem gipfelte 2003 in der sogenannten "Kelly-Affäre", die Anfang 2014 zum Rücktritt der BBC-Spitze führte und an Blair haften blieb.

Eine Kritik an der Selbstregulierung der Presse äußerte 2007 auch Alan Rusbridger, Chefredakteur der linksliberal Tageszeitung "The Guardian". Die PCC sei ein "schwacher Schlichter", der seiner Aufgabe nicht ausreichend gerecht wird". Tatsächlich kam es in den letzten Jahren immer wieder zu verheerenden Skandalen, etwa um die gefälschten Folterbilder britischer Soldaten im Irak, die 2004 im "Daily Mirror" erschienen und zum Rücktritt von Chefredakteur Piers Morgan führten. Clive Goodman, royal editor von "The News of the World", wurde im Januar 2007 zu einer viermonatigen Haftstrafe verurteilt, weil er unter anderem das Mobiltelefon von Prinz Charles abgehört hatte - der Stein des Anstoßes für den "Abhör-Skandal", der 2011 flächendeckende illegale Praktiken bei den britischen Boulevardzeitungen (insbesondere bei den Murdoch-Blättern) offen legte. Die "News of the World" engagierte seit 1998 Privatdetektive, die sich in die Mobiltelefone von britischen Prominenten einhackten, sowie bestach systematisch Polizeibeamte, um an  vertrauliche Informationen zu gelangen. Die Mehrheit der rund 550 Opfer der Abhöraktionen einigten sich außergerichtlich mit News International gegen die Zahlungen hoher Summen (insgesamt zahlte News Corp. über eine Milliarde an Schadensersatz). Im Juli 2011 kam zudem heraus, dass die "News of the World" sich 2002 in das Mobiltelefon des vermissten und später ermordeten Teenagers Milly Dowler und ihrer Familie hackte und so die Polizeiermittlungen systematisch behinderte. Zudem wurden über 25 Journalisten beim Schwester-Blatt "The Sun" vorrübergehend wegen Bestechung verhaftet. Aufgrund des enormen öffentlichen Drucks entschlossen sich Murdoch und Sohn James zu einem radikalen Schritt. Sie stellten die 150 Jahre alte Zeitung ein. Im Sommer 2013 wiurde News Corp. zudem in zwei Unternehmen aufgespalten: einen Print- und Bildungsarm sowie ein Film- und Fernsehkonzern. Trotz negativer Publicity muss das Handling des Skandals durch Murdoch als Erfolg gewertet werden: die Anwälte konnten im Prozess 2014 das Bild aufrechterhalten, die News Corp.-Führungskräfte hätte trotz gigantischen Ausmaß der illegalen Aktivitäten von alledem nichts gewusst. Einzig der ehemalige stellvertretende Chefredakteur und spätere Sprecher von Premierminister David Cameron, Andy Coulson, wurde schuldig gesprochen. Frei gesprochen wurde hingegen Chefredakteurin und Murdoch-Intimus Rebekah Brooks.

Als Folge des Murdoch-Skandals wurde die Leveson Inquiry ins Leben gerufen, eine nach Richter Brian Leveson benannter Untersuchungsausschuss, der sich mit den ethischen Praktiken und moralischen Dimensionen im britischen Journalismus befasste. Zentrale Erkenntnis von Leveson war das die PCC als Institution zum Schutz von Individuen vor der Presse nicht ausreichte und künftig größere Anstrengungen unternommen werden müsste, um die Privatsphäre der britischen Bürger vor den Medien zu schützen. Leveson schlug vor eine neue unabhängige Behörde zur Selbstregulierung der Presse zu gründen, die die Macht hätte, bei besonders drastischen Verfehlungen der Presse Geldstrafen zu verhängen, bzw. einzelne Titel zu zwingen, Gegendarstellungen abzudrucken. Die Reaktionen auf Seiten der Torys und Vertretern der Zeitungen auf die Empfehlungen fielen ablehnend aus. Premierminister David Cameron sprach davon, dass die neuen Instrumente schwer umzusetzen seien und die Pressefreiheit womöglich beschneiden könnten.

*Bei diesen Kapiteln handelt es sich um eine leicht modifizierte Versionen des Beitrags "Großbritannien" von Peter Littger aus dem vom IfM und Lutz Hachmeister herausgegebenen Band "Grundlagen der Medienpolitik: Ein Handbuch" (2008), 136-142.

Quellen/Literatur

  • Janine Gibson (Hrsg.), Media Directory. London, 2007
  • MediaGuardian, Who is Who in the Media. Definitive Guide to the Most Powerful Moveers and Shakers in the Media. London, 2006.
  • Andrew Crisell, An Introductory History of British Broadcasting, 2. Aufl., London, 2002.
  • James Curran und Jean Seaton, Power Without Responsibility: The Press and Broadcasting in Britain, 6. Aufl., London, 2003.
  • Peter Jukes, Beyond Contempt: The Inside Story of the Phone Hacking Trial, 2014.

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