Länderporträt Frankreich

Eine historisch hohe Arbeitslosenquote, ein überregulierter Arbeitsmarkt, ein chronisch defizitärer Staatshaushalt, eine schrumpfende Wirtschaft, protestierende Bürger, ein Zögerer als Präsident, der die notwendigen Strukturreformen scheut. „François Hollande steht vor den Trümmern seiner Politik“ (Die Zeit) bzw. „Frankreichs Regierung verweigert sich der Realität“ (Die Welt) bzw. „Die französische Regierung hat die Zeichen der Zeit immer noch nicht erkannt“ (Neue Zürcher Zeitung). Oder: „The time-bomb at the heart of Europe“ (The Economist). Klare Worte aus dem nahen Ausland. Keine Frage: Frankreich steckt in einer Wirtschaftskrise ohne absehbares Ende.

Was, wie nicht anders zu erwarten, auch handfeste Konsequenzen für die Medien hat. Da ist einmal die von der gesamtwirtschftlichen Lage Ende des letzten Jahrzehnts hervorgerufene Werbekrise (im Krisenjahr 2009 waren die Werbeausgaben in Frankreich um nicht weniger als 12,6 % eingebrochen), die vor allem die Printmedien und das Fernsehen trifft. Und auch der öffentliche Rundfunk, an vorderster Front die Senderholding France Télévisions, muss einen Beitrag leisten zur Sanierung der Staatsfinanzen. „France Télévisions kostet den Staat sehr viel Geld“, hört man von öffentlicher Seite, „in dieser schwierigen Zeit“. Von weiteren Etatkürzungen wird man ausgehen müssen.

Im Allgemeinen sehen sich die französischen Medien einer etatistischen Logik ausgesetzt, was durchaus eine Tradition hat. Erst recht seit 1944, d.h. seit dem Nachkriegsaufbau und der kompletten Neuorientierung der Medienmärkte. Eine gestärkte Rolle des Staates sollte dem freien Spiel der Marktkräfte entgegenwirken, um zu verhindern, dass sich etwa die Presse von ausländischen Kräften korrumpieren lässt (wie es vor 1939 geschehen war). Pressekonzerne, die wie im angelsächsischen Liberalismus üblich unabhängig vom Staat wirtschafteten, waren nicht gewünscht. Das Rundfunkmonopol sollte dann bis 1982 Bestand haben.
Eine enge Bindung von Staat und Medien aber, oder genauer: die enge Bindung von hohen Politikern und Chefredakteuren, die Einmischung, die Einflussnahme von Spitzenpolitikern auf die Medien gibt es immer noch. Da waren die oft zitierten Drohanrufe von Präsident Sarkozy bei unbotsamen Journalisten, da ist nach wie vor das Privileg des Staatsoberhaupts, Interviews in den großen TV-Kanälen zur besten Sendezeit anzuordnen: Im staatlichen France 2 und sogar im privaten TF1. Und da ist noch immer eine Abhängigkeit des Pressewesens von öffentlichen Subventionen und Steuergeschenken. Die Folge: Jedes Jahr werden in Umfragen Zweifel an der Souveränität der Journalisten und allgemein eine Medienverdrossenheit festgestellt. Diese französische Eigenart bei der Rolle des Staates wird besonders deutlich am Beispiel des Zentralismus. Denn allen Dezentralisierungsplänen zum Trotz: Frankreich gilt nach wie vor als das Beispiel für Zentralismus schlechthin, auch in den Medien. Alle landesweit erscheinenden Zeitungen, die Magazin- und Buchverlage kommen aus Paris und Umgebung. Auch die „audiovisuelle Landschaft“ (PAF – Paysage audiovisuel français, wie es im Sprachgebrauch heißt), also der Gesamtmarkt des Fernseh- und Hörfunkgeschäfts, liegt im Großraum Paris. Eine Nähe zu den Machthabern, die, wie man gesehen hat, sicherlich erwünscht ist.

Noch eine Besonderheit und Auffälligkeit der französischen Medien ist das branchenfremde Kapital, das seit der Liberalisierung des Rundfunks in den 1980er Jahren investiert worden ist. Von Industriellen, die von öffentlichen Ausschreibungen profitieren: Der Hauptfernsehkanal TF1 ging bei der Privatisierung 1987 an den Baukonzern Bouygues, Anfang der 1980er kaufte der Rüstungs- und Luftfahrtkonzern Matra (heute Lagardère) das größte französische Verlagshaus Hachette und besitzt heute eine Reihe von Zeitungen, Zeitschriften, Fernseh- und Hörfunkkanälen. 2004 stieg noch ein Waffenhändler und Flugzeugbauer ins Mediengeschäft ein: Serge Dasssault kaufte den Socpresse-Verlag, Teil des Medienimperiums des verstorbenen Robert Hersant (Le Figaro).

Basisdaten

Einwohner: 65,6 Millionen (21. Rang weltweit; CIA-Factbook 2012)
Haushalte: 27,6 Millionen (2011)                
Durchschn. Haushaltsgröße: 2,31 Personen                       
Religionen: Römisch-Katholisch (64,3 %), Muslime (4,3 %), Protestantisch (1,9%), Buddhisten (1 %), Juden (0,6 %)                        
Größte Städte: Paris (2,27 Millionen Einwohner), Marseille (850.000), Lyon (484,000)
Regierungsform: Parlamentarische Präsidialdemokratie mit zwei Kammern       Staatschef: François Hollande (seit 2012)
Regierungschef: Jean-Marc Ayrault (seit 2012)
EU-Beitritt: 1952 (Gründungsmitglied)
Arbeitslosenrate 2012: 9,8 %
Staatsverschuldung 2012: 1.834 Mrd. EURO (90,2% des Bruttoinlandprodukts)        
Haushaltssaldo in Relation zum BIP 2012: -4,8 %                        
Anteil am globalen BIP: 2,72 % (2012)                            
Werbeausgaben gesamt: 13,3 Mrd. Euro (2012)                        
Fernseh-Dauer pro Einwohner: 3 h 47 Min. pro Tag (2011)                    
Größte Medien- und Telekommunikationskonzerne: Vivendi, Lagardère SCA, France Télévisions, TF1
Monatliche Rundfunkgebühr: 131 € (wird 2014 um 2 € erhöht)

Historische Grundlagen

Das französische Zeitungswesen blickt auf eine lange Geschichte zurück: Das erste Wochenblatt La Gazette erschien 1631, die erste Tageszeitung 1777 (Le Journal de Paris) – wobei sich die Leserschaft natürlich auf den engen Kreis einer gebildeten Elite beschränkte. Das goldene Zeitalter der französischen Presse begann nach dem Ende des Second Empire 1870, und endete mit dem Ausbruch des Weltkriegs 1914. Für diese Zeit der III. Republik, mit fortschreitender Alphabetisierung, der Verbreitung von Rotationspressen, dem Entstehen von Eisenbahn- und Telegrafennetzen, mit dem Gesetz vom 29. Juli 1881 (Garantie der Pressefreiheit), lässt sich eine massive Expansion der Presselandschaft nachweisen: 1887 erschienen allein in Paris 1.665 Titel, die Zeitung wurde zum ersten Massenmedium. 1914 konnte man eine tägliche Gesamtauflage von über neun Millionen verzeichnen; bei der Pro-Kopf-Auflage (244 pro 1000 Einwohner) belegte Frankreich europaweit Platz eins. Die bekanntesten und auflagenstärksten Tagesblätter (zum Preis von fünf Centimes) waren Le Petit Journal, Le Petit Parisien, Le Journal und Le Matin. Nach Ende des Ersten Weltkrieges wandten sich die Leser mehr der Regionalpresse zu. Man hatte sich gewissermaßen von den großen Blättern aus Paris entfremdet – zu deutlich war die voreingenommene, z.T. zensierte, von patriotischem Pflichteifer geprägte Berichterstattung während der Kriegsjahre gewesen.

Während des Zweiten Weltkriegs, d.h. unter der deutschen Besatzung, wurden die Karten neu gemischt. Nach der traumatischen, in dem Maße unerwarteten (militärischen, politischen, weltanschaulichen) Niederlage 1940 lag Frankreich am Boden – zu einem großen Teil vom Erbfeind besetzt. Das sich gerade etablierende Radio gewann unter diesen Umständen eine nicht zu überschätzende Bedeutung: Als wichtiges Propaganda-Instrument der Machthaber (Radio-Paris, Radio-Vichy), als Stimme der Résistance und des Freien Frankreichs (Radio-Londres). Das Bild der französischen Presse war ähnlich gespalten. Es gab die von den Besatzern sanktionierte Kollaborationspresse, und es gab die anderen Blätter, die meisten Pariser Tageszeitungen, die ihren Erscheinungsort ins südliche, vorerst (bis November 1942) nicht besetzte Frankreich verlegten. Dazu erschienen manche nur noch klandestin, manche gar nicht mehr.

Auch das Fernsehen spielte zu der Zeit schon eine Rolle, wenn auch eine unbedeutende. Die deutschen Besatzer richteten im Mai 1943 den Fernsehsender Paris ein (in Deutschland hatte man die Propaganda-Qualitäten des neuen Mediums schon erkannt), für verwundete Soldaten in Paris, mit einer Senderanlage am Eiffelturm, unter der Leitung des ehemaligen Berliner Sendeleiters Knut Hinzmann. Da es keine Videoaufzeichnungen gab, ist von den Sendungen fast nichts erhalten geblieben (nur einige Aufnahmen, die für die deutsche Wochenschau bestimmt waren).

Nach den traumatischen Erfahrungen der Kriegsjahre fand in den französischen Medien nicht weniger als eine Revolution statt. Alle Zeitungen und Sender, die man nicht verboten hatte, wurden der Kollaboration mit den Besatzern für schuldig befunden. Der Rundfunk und die Presseagentur Havas wurden nationalisiert und hießen von da an RDF (Radiodiffusion Française) respektive AFP (Agence France Presse). Sämtliche Zeitungen, die noch zwei Wochen nach Beginn der Besatzung am 25. Juni 1940 erschienen waren, wurden verboten. Von den 206 Tageszeitungen, die 1939 erschienen waren, konnten lediglich 28 nach dem Krieg weitermachen. Auch die großen Verlagshäuser wurden aufgelöst. Ein tiefgreifender Umbruch: Kaum etwas blieb vom Mediensystem der Vorkriegszeit übrig.

Eine neue Presse entstand, Blätter aus dem Widerstand und dem Untergrund, mehrheitlich kommunistisch (Défense de la France, Le Franc-tireur, Libération, La Voix du Nord, Albert Camus’ gemäßigt linker Combat). Dazu Neugründungen im August 1944 (Le Parisien libéré, Sud-Ouest, Ouest-France) bzw. im Dezember 1944 (Le Monde), und Traditionstitel, die wieder zugelassen wurden (Le Figaro, L’Humanité, Le Populaire, Les Échos, Le Progrès, L’Est républicain). Es folgten glanzvolle Jahre für französische Zeitungen: Die Tagesblätter erschienen mit einer Auflage von mehr als 15 Millionen (370 Zeitungen pro 1000 Einwohner: eine Zahl, die nie wieder erreicht wurde).

Interessant in diesem Zusammenhang: Dem Großkapital und im Prinzip allem, was aus Paris kam, haftete noch immer ein Ruch der Kollaboration an. Ein wohl entscheidender Grund dafür, dass die Regionalpresse ihre Auflagenzahlen nach dem Krieg von 5,5 Millionen (1939) auf über neun Millionen (1946) erhöhen konnte. Während es mit den stark politisierten Blättern aus der Befreiungszeit ab 1947 bergab ging, konnte sich eine klassische Nachrichtenpresse etablieren (France-Soir, Le Parisien libéré, Le Figaro, Le Monde). 1969 etwa liegt die tägliche Auflage bei 13 Millionen (fünf Millionen für die landesweit erscheinenden Zeitungen, acht Millionen für die Regionalblätter): Es war die Sternstunde der französischen Tagespresse.

Für das Radio galt für die herrschende Mitte-links-Regierung die folgende Priorität: Es sollte in erster Linie den Zielen des Nachkriegsstaats nützlich sein. Die Rundfunkpolitik sah deshalb klare Maßnahmen vor: Alle privaten Radios wurden abgeschaltet, die Sendeanlagen beschlagnahmt, das gesamte Medium verstaatlicht. Ein Staatsmonopol unter Verantwortung des Informationsministers entand, den Zielen der jeweils Regierenden untergeordnet. Offiziell gab es also keine privaten Radiolizenzen in Frankreich. In Wirklichkeit aber gab es die sogenannten Radios périphériques: Privatsender, die knapp hinter den Staatsgrenzen lagen, aber in weiten Teilen Frankreichs zu empfangen waren, z.B. RTL (Luxemburg), Europe 1 (Saarland), RMC (Monaco), Sud Radio und Radio Andorre (Andorra).

Die Fernseh-Ära begann in Frankreich mit einiger Verzögerung, 1961 besaßen weniger als 20 Prozent der Haushalte ein Fernsehgerät. Dann ging es zügig: 1964 wurde der zweite Kanal gegründet, 1967 das Farbfernsehen eingefühlt, 1969 gab es schon über 10 Millionen Fernseher in Frankreich. Radio und Presse als führende Unterhaltungs-, Kultur- und Informationsmedien wurden vom Fernsehen Ende der 1960er Jahre überholt. Wie das Radio war auch das Fernsehen eine öffentliche Angelegenheit. Die Politik eines Staatsmonopols wurde nicht infrage gestellt, sie ging einher mit der Idee einer zentralen Wirtschaftslenkung und einem Kollektivismus, der in Frankreich nach dem Krieg favorisiert wurde. Auch sollte ein Staatsfunk einer Amerikanisierung zuvorkommen und die französischen Kulturwerte hochhalten. Eine privatwirtschaftliche Konkurrenz war ausgeschlossen – bis Mitterrands Rundfunkreform 1982.

François Mitterrand war im Mai 1981 gewählt worden, als erster Präsident der V. Republik aus dem linken Lager. Die „réforme de l’audiovisuel“ 1982 war dann eine einschneidende Strukturreform und sollte für eine weitreichende Liberalisierung des französischen Rundfunks sorgen. Der Staat verzichtete auf sein Rundfunkmonopol, die Sendeerlaubnis für private Radios ist bis heute ein Symbol für die Aufbruchstimmung geblieben. Mit Canal+ entstand Ende 1984 Europas erster terrestrischer Pay TV-Kanal, Anfang 1986 wurden zwei weitere terrestrische Privatsender (La Cinq, TV6) genehmigt. Hochsymbolisch war auch die Gründung der Rundfunk-Aufsichtsbehörde „Haute Autorité de la communication audiovisuelle“. Hier sollte es v.a. um eine Abnabelung des öffentlichen Rundfunks von der Staatspatronage gehen, wie sie sich in der Zeit unter de Gaulle und unter Giscard d’Estaing eingeschliffen hatte. Die Intendanten der Radio- und Fernsehsender etwa sollten nun nicht mehr vom Präsidenten, sondern von der „Haute Autorité“ ernannt werden.

Ganz aufhören mit Einmischung und Einflussnahme mochte die Politik freilich nicht. Als die bürgerlichen Parteien 1986 die Parlamentswahlen gewannen und es zur ersten „Cohabitation“ (des sozialistischen Präsidenten Mitterrand mit dem bürgerlichen Regierungschef Chirac) kam, wurde das Erste Programm (TF1) privatisiert und die „Haute Autorité“ durch die „Commission Nationale de la Communication et des Libertés“ (CNCL) ersetzt, jeweils mit der rechten Parlamentsmehrheit genehmen Figuren an der Spitze. 1988, nachdem Mitterrand ein zweites Mal die Präsidentschaftswahlen gewonnen hatte und danach eine neue Mitte-links-Regierung gewählt worden war, wurde die CNCL-Aufsichtshörde durch den CSA (Conseil Supérieur de l’Audiovisuel) ersetzt, den es noch immer gibt. Ein anderes wegweisendes medienpolitisches Ereignis während des zweiten Mitterrand-Mandats war die Umsetzung des Projekts eines deutsch-französischen Kulturkanals. Zunächst in beiden Ländern empfangbar über Kabel und Satellit, wurde Arte Ende September 1992 in Frankreich auch die terrestrische Frequenz des insolventen La Cinq zugewiesen.

Auch Nicolas Sarkozy hat für reichlich Bewegung im Mediensystem gesorgt; seine Medienreform wurde Anfang März 2009 verabschiedet. Die wichtigsten Maßnahmen: das Werbeverbot im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, dessen zukünftige Finanzierung (neue Steuern für Privatsender und für Internet- und Handyanbieter) sowie die äußerst umstrittene Ernennung des Direktors der öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten allein durch den Staatspräsidenten. Vor allem diese Anweisung rief im In- und Ausland besorgte Reaktionen hervor. Der direkte Draht zwischen der Exekutive und der Führung des öffentlichen Rundfunks bedeute eine „unerträgliche Regression“ (Télérama). Es waren unmissverständliche Signale aus dem Élysée: zurück zum Staatsfernsehen.

Am 31.10.2013 wurde die von der Kultur- und Kommunikationsministerin Aurélie Filippetti im Juni 2013 angekündigte Reform der Reform im Parlament verabschiedet. Nicolas Sarkozys umstrittene Medienreform von 2009 wurde in wesentlichen Teilen erneuert. Die Präsidenten der öffentlich-rechtlichen Sendergruppen France Télévisions, Radio France und France Médias Monde (France 24, RFI, Monte Carlo Doualiya) werden ab jetzt für jeweils fünf Jahre von der Regulierungsbehörde CSA ernannt – und nicht mehr vom Staatspräsidenten direkt. Außerdem wird festgelegt, dass das Leitungsgremium des CSA nur noch aus sieben Mitgliedern besteht und der Staatspräsident selbst nur noch den Chef der Behörde selbst bestimmt.

Die größten Medienkonzerne Frankreichs

Die bekannten Zeitungen aus der Anfangsphase Mitte des 19. Jahrhunderts sind alle verschwunden, die frühen großen Player im Mediengeschäft sind gewissermaßen noch da: Havas, eine der weltweit ältesten Presseagenturen, ging 1997 auf in der Compagnie Générale des Eaux (heute Vivendi), das altehrwürdige Verlagshaus Hachette wurde 1980 von der Matra-Gruppe (heute Lagardère) übernommen. Womit zwei der vier größten französischen Medienkonzerne benannt wären: Vivendi und Lagardère, gefolgt von der öffentlich-rechtlichen Senderholding France Télévisions und dem im wesentlichen aus dem gleichnamigen Privatsender bestenden TF1.

Vivendi ist heute der mit Abstand größte Medienkonzern Frankreichs. Es gab allerdings eine Zeit, da war er noch deutlich größer. Die Zeit um die Jahrtausendwende, als man unter dem damals 41jährigen Jean-Marie Messier ansetzte, auch weltweit ganz oben mitzuspielen. Messier unternahm eine wilde Einkaufstour, fusionierte mit der Kino- und Produktionsgruppe Pathé und schließlich mit Seagram, wiederum Eigentümer des Hollywood-Studios Universal und des Major-Labels Universal Music, er kaufte diverse Telekom- und Dotcom-Unternehmen, UMTS-Lizenzen, Anteile an Satellitenbetreibern. Es war ein Wachstumsrausch, ein kopfloser Expansionskurs, der die Firma an den Rand des Kollaps brachte und der im Geschäftsjahr 2001 mit einem Rekordverlust von 13,6 Mrd. Euro endete. Im Juli 2002 musste Messier zurücktreten. Sein Nachfolger Jean-René Fourtou, geachtet als harter Sanierer, verkaufte in den nächsten Jahren große Teile von Vivendi, bis im Prinzip nur noch der Konzern in der heutigen Aufstellung übrig blieb: Musik (Universal Music Group, weltweiter Marktführer), TV und Film (Canal Plus Group, Bezahlsender, Filmproduktion und -vertrieb), Telekommunikation (SFR). 2005 übernahm Jean-Bernard Lévy die Firmenleitung.

Gegenwärtig sind es unruhige Zeiten in der Vivendi-Zentrale in der avenue de Friedland. Schlechte Nachrichten gibt es vor allem von der Mobilfunksparte, die in Frankreich unter einer harten Konkurrenz durch einen neuen Wettbewerber (Billiganbieter „Free“, Iliad S.A.) leidet: Für das erste Halbjahr 2013 wurde ein Vivendi-Gewinneinbruch von 11,2 Prozent verzeichnet. Diese Probleme zeichneten sich schon 2012 ab, von einem Umbau des Konzerns, einer Aufspaltung in zwei Teile war bald die Rede. CEO Lévy, der sich solchen Plänen verweigerte, wurde vom Aufsichtsrat kurzerhand Ende Juni 2012 geschasst, der Justiziar Jean-François Dubos als Nachfolger eingesetzt. Die Abspaltung des kriselnden Mobilfunkgeschäfts ist mittlerweile beschlossene Sache und wird im Laufe von 2014 vollzogen werden.

Auch Lagardère hat mal in einer anderen Liga gespielt, war zunächst ein französischer Großkonzern in den Bereichen Luft-, Raumfahrt, Fahrzeugbau und Rüstung; dann ab 1980 nach der Übernahme von Hachette auch in den Medien. Es war Jean-Luc Lagardère (1928-2003), in Frankreich eine Unternehmer-Legende, Inbegriff des Familienkapitalisten und einer der Gründer von EADS, der den Mischkonzern aufbaute und dann 1992 in die Lagardère Groupe überführte. Es war sein Sohn Arnaud (geb. 1961), der nach dem Tod des Vaters die Firmenleitung übernahm und im folgenden Jahrzehnt das Unternehmen halbierte. 2002 hatte die Lagardère-Gruppe 45.500 Angestellten und einen Gesamtumsatz von 13,2 Milliarden Euro, 2012 dann waren es noch 21.000 Angestellte und ein Umsatz von 7,3 Milliarden Euro. Übrig geblieben ist ein reiner Medienkonzern, aktiv in den Bereichen Presse, Verlage (weltweit zweitgrößtes Verlagskonglomerat), Pressevertrieb (weltweit zweitgrößter „Travel Retailer für Presse und Buch“), Sportrechte sowie TV-Spartenkanäle, Radio und Multimedia.

Heute weiß man nicht so recht, was Arnaud Lagardère vorhat. Lange schien es ihm vor allem darum zu gehen alles zu verkaufen, was ihn nicht interessierte, was nicht mit Medien zu tun hatte. Dann konzentrierte er sich auf die von ihm eingerichtete, bislang sehr defizitäre Sportrechte-Sparte. Auf der Hauptversammlung Anfang Mai 2013 verkündete er, sich über kurz oder lang auch von den zu sehr vom Werbemarkt abhängigen klassischen Medien (Radios, Fernsehsender) lossagen zu wollen. Zurück blieben verblüffte Aktionäre und Presseleute.

Der milliardenschwere, öffentlich-rechtliche Senderkonzern France Télévisions ist Rechtsnachfolger der staatlichen RTF bzw. der Sendergruppe ORTF. Heute sind unter dem Dach der TV-Holding die öffentlichen TV-Sender Frankreichs gruppiert (30,3% Marktanteil der gesamten Gruppe 2012), von dem öffentlich-rechtlichen Flaggschiff France 2, dem stärker regional orientierten France 3, bis zum Kultur- und Bildungskanal France 5, die alle als digitales Antennenfernsehen TNT (französisches DVB-T) empfangbar sind. Dazu die über Kabel, Satellit und TNT verbreiteten Sender France 4, dem Spielfilm-, Serien-, Comedy- und Musiksender (Zielgruppe: 15-34), und France Ô (mit Programmen aus den Übersee-Territorien).

Dem (noch vom damaligen Staatspräsidenten Sarkozy 2010 direkt ernannten) Konzernchef Rémy Pflimlin wird es nicht leicht gemacht. „France Télévisions kann sich nicht davon freisprechen, etwas zur Sanierung der öffentlichen Finanzen beizusteuern“, so die Kultur- und Kommunikationsministerin Aurélie Filippetti am 10.11.2013 (Nouvel Observateur/challenges.fr). Im nächsten Jahr wird deshalb der staatliche Zuschuss (der 2012 bei 2528 Millionen Euro lag) um 0,6% gekürzt werden.

Im Zentrum des Medienkonzerns TF1 steht der gleichnamige TV-Sender – hervorgegangen aus dem 1947 gegründeten Staatssender RTF. 1987 privatisierte die Regierung den Kanal; den Zuschlag erhielt ein branchenfremder, aber seit langem für die öffentliche Hand tätiger Unternehmer: Baulöwe Francis Bouygues. Nach einem heftigen, live auf TF1 übertragenen Bietergefecht mit Lagardère erhielt Bouygues den Zuschlag. Heute hält der Bouygues-Konzern 43,7 Prozent an TF1.

Zusätzlich zum Hauptprogramm veranstaltet TF1 heute eine Reihe von Spartenkanälen auf Pay-TV-Plattformen und besitzt den paneuropäischen Sportsender Eurosport. Mit einem Marktanteil von 22,7% (2012) ist TF1 nach wie vor die unumstrittene Nummer Eins der französischen TV-Landschaft, das in den großen europäischen Märkten mit Abstand meistgesehene private Vollprogramm.

Medienkonzern

Gründungsjahr

Mitarbeiter

Umsatz

Gewinn

Verschuldung

Vivendi S.A.

1853 (Compagnie Générale des Eaux)

58.050

2012: 28.994

2012: 2.550

2012: 13.419

Lagardère SCA

1826 (Hachette)

23.818

2012: 7.370

2011: 106

2012: 1.700

France Télévisions

2000

10.350

2012: 3.153

n/a

n/a

TF1 S.A.

1987 (Privatisierung)

3.680

2012: 2.621

2012: 139

2012: -

Presse

Die Tagespresse befindet sich im Niedergang, und das schon seit langem. Im Oktober 2007 erscheint im französischen Senat ein „Rapport d’information“ über die Krise der Presse unter der dramatischen Überschrift: „Tagespresse: Chronik eines angekündigten Todes?“ Man erinnere sich: Nach dem Krieg waren es 28 landesweit und 175 regional/lokal erscheinende Tageszeitungen mit einer Gesamtauflage von 9,2 Millionen. Zur Glanzzeit Ende der 1950er Jahre konnte man sogar eine Auflage von 13 Millionen verzeichnen (fünf Millionen für die nationalen, acht Millionen für die regionalen Blätter). Und heute? 2012 wurden laut der offiziellen Auflagenstatistik OJD nur noch sieben landesweit erscheinende Tageszeitungen gezählt (plus die englischsprachige International New York Times, die auch in Paris gemacht wird) mit einer Auflage von rund 1,8 Millionen und 53 Regionalzeitungen mit 5,3 Millionen Auflage.

Eine bestimmende Rolle, wie man es beispielsweise aus Großbritannien und auch aus Deutschland kennt, hat das französische Pressewesen ja nie gespielt. Als Grund wird stets das Fehlen von großen heavyweight Sonntags- und Boulevardzeitungen aufgeführt, die sich in Frankreich nie etablieren konnten. Und dies trotz der Vielzahl an Subventionen (Kredite, Steuererleichterungen), die der Staat hierzulande zahlt: 2009 waren es laut Élysée 1,4 Milliarden Euro. Staatsgeld für die Presse, was im übrigen eine Tradition hat, denn die französische Presse hat nie unabhängig vom Staat gewirtschaftet, hat wirtschaftlich nie auf eigenen Füßen gestanden. Schon die allererste Zeitung La Gazette wurde 1631 von Kardinal Richelieu finanziell unterstützt.

Die sinkenden Zahlen sind sicher auch mit dem großen Erfolg der Gratis-Tageszeitungen zu erklären. Die drei frankreichweit erscheinenden sind: Metronews (vormals Metro), mit einer Auflage von über 800.000, erscheint seit Februar 2002 und gehört seit 2011 zu 100% der TF1-Gruppe. Einen Monat später kam 20 minutes dazu (15.3.2002), Teil des norwegischen Schibsted-Konzerns (Auflage: über eine Million), 2007 schließlich Direct Matin (Groupe Bolloré, über eine Million Auflage). Andere in diesem Zusammenhang genannte Gründe für den schleichenden Rückgang der Auflagenzahlen: Druck-, Vertriebs- und Lohnkosten, die weit über dem europäischen Durchschnitt liegen. Dazu die Werbekrise, die das Zeitungsgeschäft besonders betrifft, und nicht zuletzt die kostenlose News-Flut aus dem Internet. Besonders greifbar wird die Krise an zwei Beispielen: Zwei renommierte Tageszeitungen, das Traditionsblatt France-Soir (gegründet 1944, in den 1960er Jahren die größte Zeitung Frankreichs) und die Wirtschaftszeitung La Tribune haben ihre Druckausgaben eingestellt und erscheinen seit dem 14.12.2011 bzw. seit dem 31.1.2012 nur noch online.

Für einiges Aufsehen sorgte im Gegenzug der gestandene Journalist Nicolas Beytout (ehem. Chefredakteur des Figaro und von Les Echos), als er sich im Mai 2013 daran machte eine neue Zeitung zu gründen – vor dem Hintergrund von Auflagenschwund und Zeitungssterben, mitten in der Krise. Das neue wirtschaftsliberale, europafreundliche Blatt heißt L’Opinion und ist, wie es im footer der L’Opinion-Website steht: „Un média nouvelle génération“, auf Papier, im Netz (mit Bezahlschranke), als App für Smartphone und Tablet.

Denn ein Trend lässt sich seit einigen Jahren feststellen: In Frankreich gibt es einen Markt für eine Qualitätspresse im Internet – kostenpflichtig oder gratis. Bestes Beispiel ist das 2008 von Le Monde-Journalisten gegründete kostenpflichtige Mediapart, das täglich in drei Ausgaben für mittlerweile 80.000 Online-Abonnenten erscheint, oder das Gratis-Onlinemagazin Rue 89 (gegründet im Mai 2007 von ehemaligen Libération-Journalisten, 2011 vom Nouvel Observateur übernommen) und das Huffington Post-inspirierte Atlantico. Ein Geschäftsmodell, das sich in Frankreich scheinbar rentiert (die Gewinnschwelle von Mediapart z.B. lag bei 50.000 Abonnenten). Erfolgreich sind diese Publikationen vielleicht vor allem deshalb, weil durch die Recherche der eher kleinen, unabhängigen Redaktionen die größten politischen Skandale der letzten Jahre ans Licht gekommen sind.

Heute sind die über die Landesgrenzen hinaus bekanntesten Titel:

Le Figaro, die älteste Zeitung Frankreichs (seit 1826) mit konservativ-wirtschaftsliberaler Ausrichtung und unter den großen, überregional erscheinden Tageszeitungen die auflagenstärkste, gehört dem Senator (Mitglied der konservativen UMP), Flugzeugbauer und Waffenhändler Serge Dassault (geb. 1925), fünftreichster Franzose und Sohn des legendären Luftfahrtunternehmers Marcel Dassault. Serge Dassault hatte die Verlagsgruppe Socpresse, die Herausgeber von Le Figaro ist und die aus dem Medienimperium des „Pressezars“ Robert Hersant (1920-1996) hervorgegangen war, 2004 übernommen.

Le Monde (gegr. 1944), linksliberale, wichtigste meinungsbildende Tageszeitung neben dem Figaro. 2010 wurde die wirtschaftlich angeschlagene Zeitung mehrheitlich übernommen von einer Bietergruppe um den der sozialistischen Partei nahestehenden Mode-Unternehmer Pierre Bergé (der ehemalige Lebensgefährte von Yves Saint Laurent). Sarkozy hat damals versucht, diese Übernahme zu verhindern und hat mit dem Entzug von staatlichen Subventionen gedroht – umsonst.

Libération, zu Beginn linksextreme (maoistische), heute gemäßigt linke Tageszeitung von intellektuellem Rang, gegründet 1973 u.a. von Jean-Paul Sartre. Das notorisch finanzschwache Traditionsblatt der französischen Linken sorgte 2005 für großes Aufsehen, als der Baron Édouard de Rothschild, Mitglied der berühmten Bankiesdynastie, 20 Millionen Euro investierte für eine 37-prozentige Mehrheitsbeteiligung an Libération. Der zwischenzeitlich profitable Pakt zwischen Kapitalgeber und linken (streitfreudigen) Journalisten wird derzeit wieder in Frage gestellt. Libération schreibt rote Zahlen, Édouard de Rothschild kündigt seinen Ausstieg an. Ende offen.

L’Humanité, ein anderes Blatt mit eindeutigem politischen Profil. Gegründet 1904, fungierte „L’Huma“ von 1920 bis 1994 als „Zentralorgan“ der Kommunistischen Partei, seit dem XXVIII. Parteikongress 1994 heißt es nur noch „Zeitung des PCF“ („parti communiste français“). Zwar bleibt die Partei Herausgeber, nimmt aber offiziell keinen Einfluss auf redaktionelle Inhalte. Auch L’Humanité treffen die schwierigen Bedingungen des französischen Zeitungsmarkts: Die Auflage fiel von 400.000 Exemplaren 1945 auf nur noch 60.000 im Jahr 2013.

Noch erwähnenswert an dieser Stelle: Die Groupe Amaury (gehört der Familie Amaury zu 100 %, ist außerdem Veranstalter u.a. der Tour de France und der Rallye Paris-Dakar) verlegt sowohl die auflagenstärkste französische Tageszeitung Le Parisien (Titel der Pariser Ausgabe, im Rest des Landes heißt die Zeitung Aujourd’hui en France, Gesamtauflage 2013: 584.157) als auch die international bekannte Sport-Tageszeitung L’Équipe (Auflage 2013: 375.233).

Tab. II: Die größten Tageszeitungen Frankreichs

 

Medium

Auflage 2013

Herausgeber / Verlag

Gründungsjahr

Le Parisien / Aujourd’hui en France

Tageszeitung

584.157

Groupe Amaury

1944

Le Figaro

Tageszeitung

390.495

Socpresse

1826

Le Monde

Tageszeitung

349.765

Groupe Le Monde

1944

L’Équipe

Sportnachrichten

375.233

Groupe Amaury

1946

Les Échos

Wirtschafts-nachrichten

149.747

Groupe Les Échos (LVMH)

1908

Libération

Tageszeitung

144.095

Bruno Ledoux, Édouard de Rothschild u.a.

1973

La Croix

Tageszeitung

128.481

Groupe Bayard

1880

L’Humanité

Tageszeitung

60.376

Société nouvelle du journal L'Humanité

1904

Quelle: OJD

Tab. III: Die größten politischen Wochenzeitungen Frankreichs

 

Auflage 2012

Herausgeber / Verlag

Gründungsjahr

Courrier International

238.527

Groupe Le Monde

1990

L’Express

611.165

Roularta Media Group

1953

Marianne

332.382

Yves de Chaisemartin (46%), „Marianne Finances“ (40%) u.a.

1997

Le Nouvel Observateur

637.054

Groupe Perdriel

1964

Le Point

495.767

Artémis-Holding (François Pinault)

1972

Quelle: OJD

Fernsehen

Lange, deutlich länger als beispielsweise in Deutschland, wurde das Fernsehen überwiegend über die Hausantenne empfangen. Nur zögerlich wurde damit begonnen, auch die anderen Vertriebswege zu nutzen. Das hatte zur Folge, dass es dem Kabel- und dem Satellitenfernsehen nie gelungen ist, sich landesweit und nachhaltig durchzusetzen. Es ist also nachvollziehbar, dass es erst eine Entwicklung wie das terrestrische Digitalfernsehen DVB-T (Télévision numérique terrestre – TNT) brauchte, damit die französische „audiovisuelle Landschaft“ (PAF – Paysage audiovisuel français, wie es im Sprachgebrauch heißt) zu den anderen großen Fernsehmärkten (USA, Deutschland, Großbritannien) aufschließen und sich ein vergleichbares, d.h. ähnlich umfangreiches Senderangebot bilden konnte.

Das französische DVB-T ging am 31.3.2005 auf Sendung, erreicht heute etwa 97 % der Bevölkerung und ist die wichtigste TV-Empfangsmethode. Zum 30.11.2011 wurde das analoge Antennenfernsehen abgeschaltet. Derzeit umfasst das TNT-Angebot 32 landesweit empfangbare Kanäle: Sieben öffentlich-rechtliche Sender, 17 Privatsender und acht Pay TV-Sender. Dazu kommen 48 kleine, nur lokal bzw. regional empfangbare Kanäle.

Öffentlich-rechtliches Fernsehen
France Télévisions S.A., eine Aktiengesellschaft unter staatlicher Kontrolle, entstand im Jahr 2000 als Holding der öffentlichen Fernsehsender, die alle auch über TNT ausgestrahlt werden: Das öffentlich-rechtliche Flaggschiff France 2 als altehrwürdige chaîne généraliste (14,9% Marktanteil 2012), das stärker regional orientierte France 3 (9,7 %), der Kultur- und Bildungskanal France 5 (3,5 %), der Spielfilm-, Serien-, Comedy- und Musiksender France 4 (Zielgruppe: 15-34, 2,1 % Marktanteil), und France Ô (mit Programmen aus den Übersee-Territorien). Weitere öffentlich-rechtliche TNT-Sender: Der deutsch-französische Kulturkanal Arte (1,8 % Marktanteil in Frankreich, hier hält France Télévisions 45 % der Anteile an Arte France) und La Chaîne parlementaire mit Übertragungen aus der Nationalversammlung und dem Senat.

France Télévisions ist von der Wirtschaftskrise in Frankreich unmittelbar betroffen; auch die staatliche Senderholding muss durch Einsparungen einen Beitrag leisten zur Sanierung der öffentlichen Finanzen (siehe Überblick).

Privatfernsehen
Ganz oben auf der Liste der privaten TNT-Kanäle steht TF1, Teil des Baukonzerns Bouygues, das zuschauerstärkste private Vollprogramm Europas (im deutschen Markt mit der Stellung von RTL vergleichbar), hervorgegangen aus dem 1947 gegründeten Staatssender RTF. Trotz des seit Jahren sinkenden Marktanteils (2012 waren es 22,7 %, 2007 noch 30,7 %) ist TF1 nach wie vor die unumstrittene Nummer Eins der französischen TV-Landschaft, der in den großen europäischen Märkten mit Abstand meistgesehene Kanal.

M6 ist der zweite große Privatkanal Frankreichs. Gegründet 1987 als „Métropole Télévision“ gehört das Vollprogramm M6 heute zu 48,56 % der RTL Group und befindet sich im Aufwind: Seit 2011 belegt M6 Platz drei im Ranking der meistgesehenen Sender, hinter TF1 und France 2.

Weitere über TNT empfangbare Privatsender: Ein Kinderkanal (gulli), ein Sportsender (L’Équipe 21), ein Dokukanal (RMC Découverte: Geschichte, Wissenschaft, Wildlife, Reise) und zwei Nachrichtensender (BFMTV, i>TELE). Dazu eine Reihe konturarmer, kleinerer Sender mit einem typischen Mix aus Casting-Show, Quiz, Entertainment, Télé-réalité, französischen und amerikanischen Serien und oft gesehenen Filmen (D8, D17, W9, NT1, HD1, TMC, NRJ12, 6ter, Numéro 23, Chérie 25).

Bezahlfernsehen auf TNT
Canal+ wurde 1984 auf Initiative von Mitterrand gegründet und bekam eine von zu der Zeit nur sechs terrestrischen Frequenzen zugesprochen. Heute gehört Canal+ zum Medienkonzern Vivendi und ist der größte Pay-TV-Anbieter in Frankreich mit 11,4 Millionen Abonnenten (und der zweitgrößte in Europa) mit einem Programm aus aktuellen Kinofilmen, Erstligafußball, Nachrichten und Dokus. Auch den beiden Senderablegern Canal+Cinéma und Canal+Sport wurden zwei der insgesamt acht Pay TV-Frequenzen zugesprochen.

Weitere Bezahlsender: Eurosport (TF1), der News-Kanal LCI (TF1), der Dokukanal Planète (Canal+), der Jugendsender TF6 (TF1, M6) und Paris Première, der auch von M6 veranstaltete Kultur- und Hauptstadtsender.

Tab. 4: Marktanteile von über DVBT empfangbaren französischen TV-Sendern

Sender

Veranstalter

Marktanteil 2012 in Prozent

TF1

TF1 Group

22,7

France 2

France Télévisions

14,9

M6

M6 Group

11,2

France 3

France Télévisions

9,7

TMC

TF1 Group

3,6

France 5

France Télévisions

3,5

W9

Edi TV (M6)

3,2

Canal Plus

Canal+ SA

2,9

NRJ12

NRJ TV

2,4

Direct 8

Bolloré Média

2,3

NT1

TF1 Group

2,1

France 4

France Télévisions

2,1

Gulli

Jeunesse TV (Lagardère)

1,9

Quelle: Médiamétrie

Tab. 5: Medienumsätze nach Gattung, 2007-2011

Quelle: European Journalism Observatory

Tab. 6: Marktanteile frei empfangbarer Sender 2012

Quelle: European Audiovisual Observatory

Radio

Von allen Medien (Fernsehen, Radio, Presse, Internet) ist für die Franzosen das Radio am glaubwürdigsten, wie das Meinungsforschungsinstitut TNS-Sofres im Januar 2013 festgestellt hat. Zwar nutzen 69 Prozent der Bevölkerung das Fernsehen als wichtigste Informationsquelle (33 Prozent nennen hier das Radio). Was aber das Vertrauen in die Nachrichten angeht, halten 54 Prozent das Radio für vertrauenswürdig, 48 Prozent das Fernsehen. Zudem ist das Radio in Frankreich das Medium, das unter den Bedingungen von Wirtschafts- und Werbekrise die besten Ergebnisse erzielt. Für das Radio gingen die Werbeeinnahmen im ersten Halbjahr 2013 – nur – um 1,4 % zurück. Zum Vergleich: 6,6 % waren es im Fernsehen, 8,5 % in der Presse.

Nach der Liberalisierung in den 1980ern setzt sich der Radiomarkt heute aus öffentlich-rechtlichen Sendern (d.h. der staatlichen „Radio France“-Gruppe) und ca. 900 privaten Betreibern zusammen. Die zuschauerstärksten privaten Sender stammen von den großen Mediengruppen RTL, NRJ und Lagardère Active. Diese Drei teilen etwa die Hälfte des Gesamtmarkts unter sich auf.

Radio France
Radio France entstand am 1.1.1975 nach Zerschlagung des staatlichen Office de Radiodiffusion Télévision Française (ORTF) und übernahm die damals bestehenden Radioprogramme. Heute finden sich unter dem Dach von Radio France sieben Sender: Als Flaggschiff-Sender das Vollprogramm France Inter, das 2012 den in Frankreich dritthöchsten Marktanteil verzeichnete; der Nachrichtenkanal France Info (2012 die viertmeisten Hörer); France Bleu, mit einem Programm für ältere Hörer (2012 auf Platz neun des Jahres-Rankings); France Culture (kulturelles Wortprogramm); France Musique (klassische Musik, Jazz); Le Mouv’ (Jugendsender); FIP (Musik).

RTL
Die mehrheitlich Bertelsmann gehörende RTL-Gruppe betreibt in Frankreich auch vier Radiosender, mit dem erfolgreichen und namensgebenden Vollprogramm RTL an der Spitze, dem ältesten Privatsender Europas. Das 1933 gegründete RTL wurde nach dem Krieg und bis zur Runkfunkreform 1982 in Luxemburg produziert und war ein sogenannter „poste périphérique“ (aus Frankreich selbst durften nur öffentlich-rechtliche Kanäle gesendet werden). Dazu kommen der Pop/Rock-Musiksender RTL2, Fun Radio (Chart-Musik) und der Internet-Sender RTL-L’Équipe (Sportnachrichten).

NRJ
Die NRJ-Gruppe (französisches Akronym von „énergie“) entstand 1981 mit dem gleichnamigen Pariser Radiosender und ist heute einer der großen Player auf dem französischen Medienmarkt (Radio, Fernsehen, Internet) mit einem Gesamtumsatz von rund 400 Mio. Euro. Das Radioportfolio in Frankreich umfasst NRJ (Chart-Musik), Nostalgie (französische Chanson- und Popklassiker), Chérie FM (Mainstream), Rire et Chansons (Comedy, Pop/Rock).

Lagardère Active
Lagardère Active ist die TV/Radio- und Pressesparte des zweitgrößten französischen Medienkonzerns Lagardère SCA und ein wesentlicher Akteur auf dem französischen Radiomarkt mit den Sendern Europe 1 (eines der führenden News/Talk-Radios in Frankreich), Virgin Radio (Chart-Hits), RFM („Die beste Musik“).

Tab. VII: Marktanteile 2012 französischer Radiosender

Sender

Veranstalter

Marktanteil 2012

NRJ

NRJ Group

11,7 %

RTL

RTL Group

11,5 %

France Inter

Radio France

11 %

France Info

Radio France

9 %

Europe 1

Lagardère Active

8,7 %

Skyrock

Orbus

7,8 %

RMC

NextRadioTV

7,7 %

France Bleu

Radio France

7,4 %

Fun Radio

RTL Group

7,3 %

Nostalgie

NRJ Group

5,6 %

Quelle: Médiamétrie

Tab. VIII: Größte Sendergruppen

Unternehmen

Eigentümer

Wichtigste Sender (Marktanteil 2012)

 

Marktanteil 2010

 

Radio France

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

 

France Inter (11 %)

France Info (9 %)

France Bleu (7,4 %)

France Culture (1,9 %)

France Musique (1,4 %)

 

22.2 %

 

RTL Group

 

Bertelsmann (76,4 %)

RTL (11,5 %)

Fun Radio (7,3 %)

RTL2 (4,7 %)

 

19.6 %

 

NRJ Group

 

Jean-Paul Baudecroux (75,5 %)

 

NRJ (11,7 %)

Nostalgie (5,6 %)

Chérie FM (4,2 %)

Rire et Chansons (3,4 %)

 

14.8 %

 

Lagardère Active

Lagardère

 

Europe 1 (8,7 %)

RFM (4,6 %)

Virgin Radio (4,3 %)

 

12.6 %

 

Quelle: Médiamétre

Internet

Angefangen hat alles mit dem sehr speziellen, schon in dem 1970ern entwickelten System des Minitel, repräsentiert vom kostenlosen Minitel-Terminal: Zeugnis einer Zeit, in der Frankreich noch zur technologischen Weltspitze gehörte. Zunächst sollte es nur um Telefonauskünfte gehen, später waren innerhalb des geschlossenen Systems auch Banküberweisungen, Wetterberichte, erste Chats und Reisebuchungen möglich. Berühmt und besonders erfolgreich wurde das Medium mit den angebotenen Sex-Diensten („Minitel Rose“): Zu seinem Höhepunkt im Jahr 2000 hatte das Minitel 25 Millionen Nutzer an neun Millionen Geräten.

Die Franzosen waren insofern vorbereitet auf das Internet aus den USA, dem das französische Minitel in den Nullerjahren nicht mehr viel entgegensetzen konnte. Trennen wollten sich viele dennoch nicht von dem „Kasten am Ende des Telefons“ (FAZ), noch etwa zwei Millionen Minitel-Besitzer gab es 2010. Dann aber zog der staatliche Telefonanbieter Orange (ex-France Télécom) die Reißleine: Der Dienst war nicht mehr rentabel und wurde am 30.6.2012 abgeschaltet.

Man war also mit einer Vorform des Internet vertraut (dem zentral kontrollierten App Store von Apple nicht unähnlich), wegen des Minitel fand die Verbindung mit dem „echten“ Internet aber mit etwas Verspätung statt. Nutzten 2002 erst rund 30 Prozent der Haushalte das Internet, waren es 2012 dann 83% (Quelle: ITU). 69 Prozent der französischen Nutzer („internaute“) kaufen heute laut Eurostat im Internet ein (europaweit ein Platz im oberen Mittelfeld), auch die Zahl der Smartphone-Nutzer des mobilen Internets („mobinaute“) wächst sprunghaft, von 14,2 Millionen im Februar 2010 auf 25 Millionen im Juni 2013 (Quelle: Médiamétrie). Sieht man sich das Ranking der beliebtesten Internetseiten an, so dominieren auch in Frankreich die üblichen Internet-Riesen aus Amerika. Große Nachrichtenportale (Internet-Ableger der renommierten Tageszeitungen Le Monde und Le Figaro) finden sich erst auf den Plätzen 16 und 17. Die jährliche Umfrage von TNS Sofres und der Tageszeitung La Croix über das „Vertrauen in die Medien“ stellt aber doch eine gewisse Zurückhaltung der Franzosen fest. Am meisten (zu 54 %) vertrauen sie den Radio-Nachrichten, 48 % sind es im Fernsehen. Das Internet landet mit 35 % abgeschlagen am Ende.

Tab. IX: Die 20 beliebtesten Internetseiten in Frankreich 2012

Rang

Internetseite

Beschreibung

Mutterkonzern

1.

Google.fr

Suchmaschine

Google Inc.

2.

Google.com

Suchmaschine

Google Inc.

3.

Facebook.com

Soziales Netzwerk

Facebook Inc.

4.

Youtube.com

Videoportal

Google Inc.

5.

Wikipedia.org

Enzyklopädie

Wikimedia Foundation

6.

Leboncoin.fr

Kleinanzeigen

Schibsted Media Group

7.

Yahoo.com

Webportal

Yahoo Inc.

8.

Amazon.fr

Online-Versand

Amazon.com Inc.

9.

Orange.fr

Webportal, Email

http://www.mediadb.eu/datenbanken/internationale-medienkonzerne/google-inc.htmlOrange S.A. (ehemals France Télécom)

10.

LinkedIn.com

Soziales Netzwerk

Linkedin Corporation

11.

Free.fr

Webportal, Email

Iliad S.A.

12.

Live.com

Suchmaschine

Microsoft

13.

Twitter.com

Microblogging

Twitter

14.

eBay.fr

Online-Auktionshaus

eBay Inc.

15.

Commentcamarche.net

IT-Nachrichten

QUIDEA/CommentCaMarche.net

16.

Lemonde.fr

Nachrichten

Groupe Le Monde

17.

Lefigaro.fr

Nachrichten

Socpresse (Dassault Communication)

18.

Wordpress.com

Blog-Platform

Automattic Inc.

19.

Sfr.fr

Webportal

Vivendi S.A.

20.

Tumblr.com

Blog-Platform

Tumblr, Inc.

Quelle: Alexa.com

Regulierung/Aufsichtsbehörden

Die zentrale Regulierungsbehörde heißt „Conseil Supérieur de l’Audiovisuel“ (CSA) und ersetzte 1989 die Vorgängerorganisationen „Haute Autorité de la communication audiovisuelle“ (1982-1986) bzw. „Commission nationale de la communication et des libertés“ (1986-1989). Die „Haute Autorité“ wiederum war im Rahmen der oben erwähnten großen Medienreform von 1982 entstanden, in erster Linie zur Abkopplung der öffentlich-rechtlichen TV- und Radiosender vom Staat.

Die wesentlichen Aufgaben der Behörde werden wie folgt umschrieben: die Vergabe von Sendefrequenzen, Kontrolle und Sicherung von Meinungsvielfalt, Jugend-, Minderheiten- und Verbraucherschutz, Kontrolle der festgeschriebenen Quoten für französische/europäische Spielfilme im Fernsehen und für französischen Chanson im Radio. Der CSA wird derzeit geleitet von einem Gremium aus neun Mitgliedern: Jeweils drei ernannt vom Staatspräsident und von den Präsidenten der Nationalversammlung resp. des Senats.

Quellen/Literatur

  • Hans-Bredow-Institut (Hrsg.): Internationales Handbuch Medien 2009. Mediensysteme in Europa, 2009.
  • Europäische Audiovisuelle Informationsstelle: Jahrbuch 2012.
  • Raymond Kuhn, The Media in Contemporary France, McGraw-Hill, 2011.
  • Christian Brochand, Histoire générale de la radio et de la télévision en France, 3 Bände, Documentation française, 1994-2006.
  • Emmanuel Hoog, La Télé, une histoire en direct, Découvertes Gallimard, 2010.
  • Jean-Noël Jeanneney (Hrsg.), L'Écho du siècle. Dictionnaire historique de la radio et de la télévision en France, Hachette, 2001.
  • PwC: Global Entertainment and Media Outlook: 2013-2017.

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