Länderporträt Deutschland

Einwohner: 80,99 Mio. (Juli 2014)
Religionen: Protestantisch (34%), Katholisch (34%), Muslimisch (3,7%)
Größte Städte: Berlin, Hamburg, München, Köln
Regierungsform: Republik
Staatschef: Joachim Gauck (seit 2012)
Regierungschef: Angela Merkel (seit 2005)
EU-Mitglied seit: 1958
Arbeitslosenrate: 5,3% (2013)
Staatsverschuldung: 5,7 Billionen US-Dollar (2012)
Bruttoinlandsprodukt: 3,2 Billionen US-Dollar (2012)

Werbeausgaben insgesamt: ca. 18,9 Mrd. Euro (2012)
Fernseh-Dauer pro Einwohner: 242 Minuten (2013)
Größte Medien- und Telekommunikationskonzerne: Bertelsmann, ARD, Axel Springer, Hubert Burda Media, Bauer Media, ProSiebenSat.1, Funke Mediengruppe, Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck, Verlagsgruppe Weltbild, ZDF
Rundfunkgebühren: 17,50 Euro/Monat/Haushalt

Die größten Medienkonzerne Deutschlands

Geschichte und Profil*

Charakteristisch für Deutschland ist eine starke Regionalisierung der Medienbranche, mit den vier führenden Standorten Berlin, Hamburg, Köln und München. Die Hälfte der Tageszeitungsgesamtauflage entfällt auf regionale Titel, von den zehn größten Medienkonzernen befindet sich nur die Zentrale von Axel Springer in der Hauptstadt.

Im Vergleich zum angelsächsischen System bildete sich in Deutschland erst spät eine kommerzielle Medienkultur heraus. Im 19. Jahrhundert schwankte die staatliche Medienpolitik zwischen liberalen und repressiven Phasen. Erst nachdem 1874 im Deutschen Reich die Pressezensur abgeschafft wurde, begann die politische Klasse subtilere Formen der Einflussnahme zu entwickeln. Bismarck, der ein weitgehend autoritäres Verständnis von der Rolle der Presse hatte, unterstützte ausgewählte Redaktionen regierungsseitig durch Nachrichten und machte sie so "fügsam", wie er es nannte. An einzelne "gewandte Korrespondenten" wurde auch Geld gezahlt.

Zur "Dolchstoßlegende" nach 1918 gehörte die Ansicht, mangelnde Propagandaleistung und Versagen der nationalen Presse hätten die Niederlage im Ersten Weltkrieg zumindest mitverschuldet. Dies blieb nich ohne Folgen für die Medienpolitik der Weimarer Republik. Der Sturz der Monarchie brachte keine uneingeschränkte Pressefreiheit. Durch gezielte Nutzung des Strafrechts konnte die Regierung weiterhin gegen missliebige Journalisten vorgehen. Verlage wie Hugenberg, Scherl, Mosse und Ullstein hatten jedoch politisches Gewichte und ließen sich nicht mehr ohne weiteres politisch kontrollieren. Gleiches galt auch für die Parteipressee. Notverordnungen ermöglichten ab 1930 dann Zeitungsverbote ohne richterliche Entscheidung.

In den 1920er Jahren trat neben die Pressepolitik die bis heute dominierende Rundfunkpolitik. Das neue Medium Hörfunk hatte sogenannte Auflagennachrichten zu übernehmen, die von einer zentralen Nachrichtenstelle, der "Gesellschaft Drahtloser Dienst AG" (Dradag), oder von den Landesregierungen geliefert wurden. Bis zum Ende der Kanzlerschaft Brünings waren die Reichsregierungen mehr an der Kontrolle des Rundfunks als an einer aktiven politischen Nutzung interessiert. Reichskanzler von Papen verstaatlichte 1932 die Sendegesellschaften und ebnete damit der späteren nationalsozialistischen Gleichschaltung auch des Rundfunks den Weg.

Im "Dritten Reich" setzte Propagandaminister Joseph Goebbels erstmals auf eine integrierte Strategie. Kino, Rundfunk und Zeitungen wurden vom Staat gelenkt oder der Partei unterstellt. 1944 gehörten achtzig Prozent der Gesamtauflage der noch bestehenden Zeitungen zum Pressekonzern der NSDAP. Zu diesem Zeitpunkt waren die bürgerlichen Zeitungen, denen zunächst eine mehr scheinbare als tatsächliche Bewegungsfreiheit zugebilligt worden war, liquidiert, zuletzt die "Frankfurter Zeitung".

Die Zeit der allierten Besetzung Deutschlands war gekennzeichnet durch konträre Entwicklungen in den westlichen Zonen und in der sowjetischen Zone. Im Westen enstand eine frei Presse, die zunächst durch allierte Lizenzierung und Zensur bestimmt wurde, und ein öffentlich-rechtlicher, auf Länderebene organisierter staatsfreier Rundfunk. Ein nach angelsächsischem Vorbild auf Fairness sowie die Trennung von Nachricht und Kommentar verpflichtetes Verständnis von Journalismus wurde gefördert und dem Nachwuchs vermittelt.

Großen Anteil an der Entwicklung der Mediestruktur hatter Verlegerpersönlichkeiten mit sehr eigenen Vorstellungen von der Zukunft der Republik. Rudolf Augstein mit dem "Spiegel", Henri Nannen und Gerd Bucerius mit dem "Stern" und der "Zeit" prägten eine linksliberale Publizistik und begründete damit das sogenannte "Hamburger Kartell". Ihnen gegenüber stand Axel Springer, der wirtschaftlich erfolgreichste Verleger der Nachkriegszeit. Durch seine politische Haltung und publizistische Linie trug sein Verlag nicht unwesentlich zur Eskalation der Studentenunruhen der späten 1960er Jahre bei. In diesen Zusammenhang gehören auch die Michel-Kommission (1964-1967, benannt nach ihrem Vorsitzenden, einem ehemaligen Ministerialdirektor im Bundeswirtschaftsministerium, Elmar Michel) und die Günther-Kommission (1967/1968, benannt nach ihrem Vorsitzenden und damaligen Chef des Bundeskartellamtes, Eberhard Günther), beide vom Bundestag eingesetzt. Sie erörterten das publizistische und ökonomische Verhältnis von Fernsehen und Presseverlegern. Bis 1984 hielt sich das "Prinzip der publizistischen Gewaltenteilung": privatwirtschaftliche Presse auf der einen, öffentlich-rechtlicher Rundfunk auf der anderen Seite.

In der sowjetischen Besatzungszone beziehungsweise von 1949 an in der DDR wurden die Medien in den Dienst der kommunistischen Ideologie gestellt. Die Pressedichte war dort in den 1980er Jahren mit 39 Tageszeitungen und einer Gesamtauflage von neun Millionen eine der höchsten der Welt. Presse, Hörfunk und Fernsehen hatten allerdings "Instrumente der Partei zur Durchführung ihrer revolutionären Politik" zu sein. Die Staatsorgane gaben in Form von unbedingt zu befolgenden "Empfehlungen" detaillierte Direktiven und Sprachregelungen heraus.

Nach dem Beitritt der "neuen Länder" zur Bundesrepublik haben von den Medien der DDR nur wenige überlebt. Dazu gehört das Zentralorgan der SED, das "Neue Deutschland", das heute zu fünfzig Prozent der Partei "Die Linke" gehört. Sie ist damit die einzige Partei Deutschlands, die über eine Tageszeitung verfügt. Die Regionalzeitungen der SED sind hingegen an westdeutsche Verlagsgruppen verkauft, die Fernsehsender kraft des Art. 36 des Einigungsvertrags 1991 aufgelöst oder in Anstalten des öffentlichen Rchtes überführt worden. Zwar haben auch die politischen Parteien Anteile an ehemaligen Zeitungen der DDR erworben, die Medienpolitik beschränkt sich aber vor allem auf das Fernsehen (sowie spätestens seit Mitte der 2000er Jahre auf die Regulierung des Internets in Form von Netzpolitik).

Medienunternehmen und -konzerne

Bertelsmann
Die Bertelsmann SE & Co. KGaA mit Hauptsitz in der westfälischen Kreisstadt Gütersloh bezeichnet sich selbst als "internationalstes Medienunternehmen" der Welt. Tatsächlich besteht das Unternehmenskonglomerat aus ca. 1200 Einzelfirmen oder Firmenbeteiligungen, besitzt Tochterunternehmen in über 50 Ländern und beschäftigt weltweit über 104.000 Mitarbeiter. Bertelsmann ist damit das größte Medienhaus Europas und einer der Mediengiganten der Welt. Die Produktpalette reicht von traditionellen Buchclubs, mit denen die Erfolgsgeschichte Bertelsmanns im Nachkriegsdeutschland begann, über Druckdienstleistungen, Software-Entwicklung und der TV-Sendergruppe RTL bis hin zu Radiostationen. Zudem baut Bertelsmann sein Dienstleistungsgeschäft aus und setzt unter anderem darauf, Dienstleistungen von Kommunen zu übernehmen.

ARD
Die ARD (Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland) ist - noch vor der britischen BBC - das größte öffentlich-rechtliche Medienunternehmen der Welt. Seine Einnahmen aus Rundfunkgebühren und Werbung übersteigen die Budgets der meisten kommerziellen Medienkonzerne im klassischen Fernseh- und Hörfunkgeschäft. Doch ist es innerhalb des ARD-Konglomerats umstritten, ob der Zusammenschluss einzelner Landesrundfunkanstalten überhaupt als Unternehmen, im ökonomischen und im kulturellen Sinne, gilt. Die ARD verantwortet unter anderem das Vollprogramm Erstes Deutsches Fernsehen, das seit April 1996 unter dem Markenbegriff „Das Erste“ firmiert.

Axel Springer SE
Als einer der größten Medienkonzerne des Landes stellt die Axel Springer SE eine so traditionsreiche wie machtvolle Institution der deutschen Medienlandschaft dar. Neben der "Bild", der auflagenstärksten Boulevardzeitung, und dem Nachrichtenkanal N24 hat sich Springer in den letzten Jahren vor allem auf sein Digitalgeschäft konzentriert. Dank zahlreicher Verkäufe und Zukäufe vor allem im Online-Geschäft kann Springer als der dynamischste deutsche Medienkonzern gelten.

Hubert Burda Media
Die Hubert Burda Media Holding ist ein Medienkonzern mit Marktpräsenz in Deutschland, Mittel- und Osteuropa, Russland und Asien. In Deutschland unterhält das Unternehmen neben dem Stammsitz in Offenburg Verlagsfilialen in München, Berlin und Hamburg.
Der Verlag sieht sich auf dem Weg "zu einem internationalen Multimedia-Konzern" und den Digital-Bereich als seine zweite Säule. Größere Standorte im Ausland befinden sich u.a. in Warschau, Prag, Moskau und Bukarest. Überdies ist die Holding in den Bereichen Direktmarketing und Druck (mit Druckereien in Offenburg und Vieux-Thann) aktiv. Unter dem Dach der Hubert Burda Stiftung sind die sozialen, kulturellen und wissenschaftlichen Aktivitäten des Konzerns gebündelt.

ProSiebenSat.1
Das Kerngeschäft der ProSiebenSat.1 Media AG ist Free-TV. Daneben ist sie in den Bereichen Produktion, Vermarktung, Vertrieb von Fernsehen, Internet und Transaktionsfernsehen aktiv. Zwischen 2003 und 2014 wurde die Sendergruppe (aus der die seit der Sat.1-Gründung 1984 beteiligte Axel Springer AG 2008 ausstieg) von internationalen Finanzinvestoren kontrolliert.
Die inzwischen wieder ausgestiegenen Investoren der zweiten Generation, KKR und Permira, verschmolzen ProSiebenSat.1 2007 mit der paneuropäischen SBS Broadcasting Group. Dadurch wurde das Unternehmen mit Hauptsitz bei München zum zweitgrößten Fernsehkonzern Europas, allerdings auch mit hohen Schulden beladen.

Bauer Media Group
Die Bauer Media Group mit Sitz in Hamburg ist einer der wichtigsten Akteure im deutschen Zeitschriftenmarkt und gehört zu den 100 größten Familienunternehmen Deutschlands. Die Jugendzeitschrift „Bravo“, Programmzeitschriften wie „TV-Movie“ und „tv14“ oder Blätter wie „Auf einen Blick“ oder „Neue Post“ sind wichtige Stützen des Geschäfts im Inland. Mehr als die Hälfte des Umsatzes erwirtschaftet das Unternehmen aber inzwischen im Ausland, insbesondere mit reichweitenstarken Onlineauftritten in den USA.

ZDF
Das ZDF ist ein zentraler öffentlich-rechtlicher Fernsehsender in Deutschland mit Sitz in Mainz (Rheinland-Pfalz) und zählt zu den größten TV-Unternehmen in Europa. Es nahm am 1. April 1963 seinen regelmäßigen Sendebetrieb auf.
Der Einfluss der ZDF-Aufsichtsgremien (Fernsehrat, Verwaltungsrat), die hochrangig politisch besetzt sind, gilt als stark. Ebenso typisch für den im Mainzer Vorort Lerchenberg ansässigen Sender ist die prägende Rolle langfristig amtierender Intendantenpersönlichkeiten. Medienpolitisch orientiert sich das ZDF an der britischen BBC und forciert seine Präsenz im Internet. Dennoch gilt die Bindung jüngerer Publikumsschichten an die Traditionsmarke als Dauerproblem des ZDF.

Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck
Die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck GmbH (auch Holtzbrinck Publishing Group) ist ein Familienunternehmen mit Sitz in Stuttgart. Sie ist in mehr als 80 Ländern tätig und publiziert in klassischen und elektronischen Medien in den Bereichen Information, Bildung und Unterhaltung.

Funke Mediengruppe
Schwerpunkt der Aktivitäten der Funke (zuvov WAZ) Mediengruppe mit Sitz in Essen ist traditionell der Zeitungs- und Zeitschriftensektor. Der Essener Konzern ist einer der größten Regionalzeitungsverlage Europas. Der Verlag brachte noch 2011 u.a. 27 Tageszeitungen, 175 Zeitschriften sowie 99 Anzeigenblätter heraus. Unter der Geschäftsführung von Bodo Hombach verstärkte sich das Engagement der WAZ im Internet, wo Inhalte mehrfach verwertet werden. Stärkstes Auslandsengagement der WAZ Gruppe ist der Raum Südosteuropa. Ende Januar 2012 vollzog der Konzern einen Eigentümerwechsel: Petra Grotkamp, bisher Minderheitsanteileignerin, hat den 50-Prozent-Anteil der Famile Brost übernommen. Das Unternehmen wurde im Zuge von Massenentlassungen verschlankt und in Funke Mediengruppe umbenannt.

Verlagsgruppe Weltbild
Die sich seit Anfang 2014 in der Insolvenz befindliche katholische Verlagsgruppe Weltbild mit Sitz in Augsburg ist einer der größten deutschen Medienkonzerne. 6800 Beschäftigte erwirtschaften ca. 1,59 Milliarden Euro Umsatz (2011/12). Wichtiges Geschäftsfeld des Unternehmens ist der Buchhandel, nicht zuletzt aufgrund eines 50-Prozent-Anteils an der Holding DBH. Die Gruppe setzt stark auf das Digitalgeschäft und elektronische Bücher. Im Sommer 2014 wurde bekannt, dass die Droege International AG Weltbild übernehmen wird.

Abb. I: Werbeumsätze nach Gattungen, 2008-2012 (in Mio. Euro)

Quelle: European Audiovisual Observatory Yearbook 2013

Abb. II: Marktanteile der größten TV-Sender 2014

Quelle: AGF; GfK, Statista

Tab. I: Die beliebtesten Internetseiten 2014

Rang

Internetseite

Beschreibung

Mutterkonzern

1.

Google.de

Suchmaschine

Google Inc.

2.

Facebook.com

Soziales Netzwerk

Facebook Inc.

3.

Amazon.de

E-Commerce

Amazon.com

4.

Ebay.de

E-Commerce

Ebay.com

5.

YouTube.com

Videoportal

Google Inc.

6.

Google.com

Suchmaschine

Google Inc.

7.

Wikipedia.org

Enzyklopädie

Wikimedia Foundation

8.

Web.de

Email, Webportal

United Internet AG

9.

T-Online.de

Email, Webportal

Deutsche Telekom

10.

Yahoo.com

Webportal

Yahoo Inc.

11.

Gmx.net

Email, Webportal

United Internet AG

12.

Bild.de

Nachrichten

Axel Springer SE

13.

Spiegel.de

Nachrichten

SPIEGEL-Gruppe

14.

Googleadservices.com

Werbung

Google Inc.

15.

Xhamster.com

16.

Mobile.de

Auto-Marktplatz

Ebay Inc.

17.

Chip.de

Technikportal

Hubert Burda Media

18.

Paypal.com

Bezahldienst

Ebay Inc.

19.

Gutefrage.net

Infoforen

Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck

20.

Focus.de

Nachrichten

Hubert Burda Media

Quelle: Alexa.com

Regulierung

Die Medienpolitik in Deutschland ist gekennzeichnet durch das föderale politische System und die scharfen historischen Brüche der politischen Strukturen seit der Reichsgründung von 1871, die jeweils zu einer neuen Medienordnung geführt haben. In der Bundesrepublik gibt es neben dem öffentlich-rechtlichen Rundfunksystem nur zwei große Senderfamilien (ProSiebenSat.1, RTL) und wenige Verlagshäuser von internationaler Bedeutung. Der Bertelsmann-Konzern war gleichwohl zeitweilig der umsatzstärkste Medienkonzern der Welt und lag 2014 immerhin noch auf Platz 9.

In der Bundesrepublik war Bundeskanzler Adenauer 1961 mit dem Versuch gescheitert, ein formal privatrechtliches, tatsächlich aber staatliches, vom Bund kontrolliertes zweites Fernsehprogramm als Gegengewicht zur als linkslastig empfundenen ARD zu schaffen. Das Bundesverfassungsgericht vertrat damals und seither die Auffassung, der Bund sei für die Rundfunkordnung nicht zuständig. Das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) wurde daraufhin von den Bundesländern gegründet, mit einer Programmphilosophie und einem Gründungsintendanten, Karl Holzamer, die der damaligen Bundesregierung kaum Anlass zur Beanstandung gaben. Die SPD sicherte sich gleichwohl durch Personalpolitik einen Anteil an der Kontrolle über das ZDF. Wie in der ARD wurden in der Folge auch die führenden Volksparteien CDU und SPD aufgeteilt. Die Staatsferne, von den Allierten für die Medien der Bundesrepublik vorgesehehn, wurde von den Parteien unterlaufen.

Vorbehalte gegen den kommerziellen Rundfunk bestanden besonders bei den Sozialdemokraten, in deren Regierungszeit 1973 die "Kommission für den Ausbau des technischen Kommunikationssystems" (KtK) die Möglichkeiten einer Verkabelung der Republik untersuchte. Unter Vorsitz von Bundespostminister Horst Ehmke wurde vorsichtig vorgeschlagen, zunächst "Kabelpilotprojekte" zu etablieren. Die basisdemokratischen Hoffnungen auf dieses Projekt, das ursprünglich einen Informationsfluss in zwei Richtungen vorsah, scheiterten an zu hohen Kosten.

Die sozialliberale Bundesregierung und Bundeskanzler Helmut Schmidt, einem entschiedenen Gegner rundfunkpolitischer Veränderung, stoppte die Verkablung der Bundesrepublik. Christian Schwarz-Schilling, der Postminister der CDU/CSU/FDP Regierung unter Kanzler Helmut Kohl, trieb sie nach dem Regierungswechsel energisch voran, nicht zuletzt, um die technische Vorausetzung für die Verbreitung zusätzlicher, privatwirtschaftlicher Programme zu schaffen.

Die unionsgeführten Länder nutzten die Kabelpilotprojekte zur Einführung privater Sender, bevor Landesmediengesetzt die Konzessionen erschwerten. Als Beginn des "dualen Systems" gilt das Jahr 1984 mit der Zulassung von Sat.1 und RTL. CDU und CSU wollten endlich ein Gegengewicht zum "linkslastigen" öffentlich-rechtlichen Rundfunk schaffen. Es gab aber auch wirtschaftspolitische Motive, weil befürchtet wurde, dass ohne diese Investitionen neue Sender den deutschen Markt von Luxemburg, Österreich und der Schweiz aus versorgen würden - mit bitteren Folgen für den deutschen Arbeitsmarkt.

Die Regierung Kohl vertrat eine protektionistische Politik, von der besonders der deutsche Unternehmer Leo Kirch profitierte, dessen Konzrn unter Kohl zu internationaler Bedeutung aufstieg und zum größten deutschen Medienhaus nach Bertelsmann wurde. Als sich vermehrte inhaltliche Vielfalt bei den Privatsendern nicht einstellen wollte, gewann die Theorie an Gewicht, die quantitative Programmvermehrung habe wenigstens zu einer "Entautorisierung" des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und damit zum Bedeutungsverlust von problematischen, politisch-"missionarischen" Sendungen geführt.

Die Insolvenz der Kirchgruppe 2002 erschütterte den deutschen Markt. Zudem wurde bekannt, dass CDU- und FDP-Politiker zum Teil hohe Summen von dem Unternehmen erhalten hatten. Die Regierung Schröder hat Medienpolitik nicht mehr unter industriepolitischen Gesichtspunkten betrieben und am Ende eher gegen die Medien operiert als mit ihnen. Dabei hatt Wolfgang Clement als Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens die Ansiedlung von Medienunternehmen noch als subventioniert und Medienpolitik zur Chefsache gemacht.

Parallel zu der Vermehrung von Fernsehkanälen, an der die Zeitungsverleger beteiligt sein wollten und teilweise auch waren, fand im Printbereich eine Reduzierung von Vielfalt durch Pressekonzentration statt. Das begründete den Ruf nach einer aktiven Medienpolitik zur Sicherung der freien Presse. Die Politik setzte der bloßen Verrechtlichung der Medienpolitik aber kein eigenes Konzept mehr entgegen. Das Bundeskartellamt verhinderte die Übernahme der "Berliner Zeitung" durch die Holtzbrinck-Gruppe, die den Berliner "Tagesspiegel" besitzt, und den Verkauf von ProSiebenSat.1  an die Axel Springer AG. Stattdessen kamen internationale Finanzinvestoren zum Zug. So wurde sowohl eine neue Hauptstadtzeitung mit nationaler Reichweite verhindert als auch ein zweiter integrierter deutscher Medienkonzern neben Bertelsmann.

Die Verrechtlichung wird durch die Medienpolitik der Europäischen Kommission noch befördert. Gegen das Bemühen der EU, die Regeln des freien Marktes auch in der Medienpolitik uneingeschränkt durchzusetzen, wehren sich die Bundesregierung und die Bundesländer, die die deutsche kulturelle Identität, die Runfunkkompetenz der Länder und den Status des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sichern wollen. Die gegenwärtige Form von Regulierung reagiert aber auf das Engagement ausländischer Investoren hauptsächlich mit der Stärkung des öffentlich-rechlichen Modells, das politisch kontrollierbarer erscheint.

Die jüngsten medienpolitischen Auseinandersetzungen haben jedoch zwischen privaten Anbietern und ARD/ZDF und den privaten Verlegern und Onlineunternehmen wie Google und Facebook stattgefunden. Im ersten Fall geht es darum, inwieweit die öffentlich-rechtlichen Sender im Internet mit Nachrichten und Entertainmentformaten präsent sein dürfen (d.h. ob sie einen sog. "Drei-Stufen-Test" bestehen), während es im zweiten Fall um die Art und Weise geht, mit der Suchmaschinen die Inhalte von Zeitungswebseiten auflisten und darstellen. Ein von den Verlegern 2013 forciertes sog. "Leistungsschutzrecht" soll Suchmaschinenbetreiber wie Google dazu verpflichten Gebühren an die Verleger für die Auflistung von Content-Snippets abzutreten. Bisher erwies sich das Gesetz jedoch de facto als nicht praktikabel.

*Bei diesen Kapiteln handelt es sich um eine leicht veränderte Version des Eintrags "Deutschland" von Kai Burkhardt aus dem vom IfM und Lutz Hachmeister (2008) herausgegebenen Band "Grundlagen der Medienpolitik: Ein Handbuch, S. 80-86.

Quellen/Literatur

  • Christina von Hodenberg: Konsens und Krise. Eine Geschichte der westdeutschen Medienöffentlichkeit 1945-1973, Göttingen 2006.
  • Jürgen Wilke (Hrsg.): Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland, Köln 1999.
  • Dietrich Schwarzkopf (Hrsg.): Rundfunkpolitik in Deutschland. Wettbewerb und Öffentlichkeit, München, 1999.
  • Hans Bausch, (Hrsg.): Rundfunk in Deutschland, 5 Bde., München, 1980.
  • Kurt Kszyk: Geschichte der Deutschen Presse, Bde. 1-3, Berlin 1964-1966.
  • Lutz Hachmeister & Dieter Anschlag (Hrsg.), Rundfunkpolitik und Netzpolitik: Strukturwandel der Medienpolitik in Deutschland, Köln: Halem, 2013.

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