Abschied aus Frankreich? Bertelsmann plant den Verkauf von M6

03.02.2021

Gerüchte gab es seit Wochen, in Wirtschaftsblättern rechts und links des Rheins. Am 29. Januar 2021 dann die Meldung der Nachrichtenagentur Reuters: Bertelsmann suche einen Käufer für den Anteil von 48 Prozent an der französischen TV- und Radiogruppe M6. „Un coup de tonnerre dans le monde des médias“ (Figaro), „une déflagration [eine Explosion] dans le paysage médiatique français” (Le Monde), die M6-Aktie stieg gleich um 12 Prozent.

Nicht nur würde Bertelsmann wegen M6 mit Frankreichs größtem Medienkonzern Vivendi reden (Platz 20 im aktuellen IfM-Ranking), so Reuters, oder mit Patrick Drahi, Chef des franko-amerikanischen Kommunikationsriesen Altice (Platz 13) und mit TF1 (Mediengruppe um den größten französischen TV-Privatsender, Platz 79). Sondern auch mit Berlusconis Mediaset und dem tschechischen Investor Daniel Kretinsky, beide Großaktionäre bei ProSiebenSat.1. Laut Reuters verspräche sich Bertelsmann von dem Deal rund drei Milliarden Euro. Ziemlich optimistisch vor dem Hintergrund, dass es um einen 48-prozentigen Anteil an einem derzeit mit 1,76 Milliarden Euro bewerteten Unternehmen geht. Es seien allerdings „Gespräche in einem sehr vorläufigen Stadium".

Alles Teil eines Masterplans? Im Frühjahr 2020 hatte Bertelsmann-Vorstandsvorsitzender und RTL-Chef Thomas Rabe doch das Ziel verkündet, „nationaler Streaming-Champion in den Ländern zu werden, in denen die RTL Group führende Senderfamilien betreibt“ (mit Angeboten wie TVNow in Deutschland und Videoland in den Niederlanden). Ein ambitionierter Plan, gelinde gesagt. Eine Strategie, zu der die französische M6-Gruppe nicht mehr passt? Die seit Oktober 2020 ja eine französische Streaming-Plattform („Salto") veranstaltet gemeinsam mit TF1 und dem öffentlich-rechtlichen France Télévisions. Auch für M6-Chef Nicolas de Tavernost sind „nationale Gruppierungen nötig, um im internationalen Wettbewerb mitzuhalten“. Sein Kommentar zu einer Fusion von M6 und TF1: „Es gibt heute keine Pläne in diese Richtung.“ In Deutschland jedenfalls wäre eine von Thomas Rabe ins Spiel gebrachte „nationale Gruppierung" von RTL und ProSiebenSat.1 nach aktuellem Kartellrecht ausgeschlossen.  

Und Bertelsmann und Frankreich? Mitte Dezember 2020 war ja herausgekommen, dass Gruner + Jahr die Tochter Prisma Media (und ihre 20 Zeitschriften, z.B. Femme Actuelle, GEO, Capital, Gala) an Vivendi zu verkaufen plant – nicht zuletzt wegen Corona-Werbeeinbrüchen – und sich so von dem französischen Zeitschriften-Geschäft trennen würde. Um sich dann rein auf den deutschen Markt zu konzentrieren. Es scheint fast, als wolle sich Bertelsmann komplett aus Frankreich zurückziehen.

M6 (Métropole Télévision) geht zurück auf ein Konsortium aus dem RTL-Vorgänger Compagnie luxembourgeoise de télédiffusion und dem Wasserversorger Lyonnaise des eaux, dem im Februar 1987 mithilfe von Präsident Jacques Chirac die sechste terrestrische Frequenz zugesprochen wurde. Am 1. März 1987 der Sendestart zunächst als, so die staatliche Vorgabe, chaîne musicale (30 Prozent der Sendezeit mussten mit Musikprogrammen bespielt werden). Heute ist M6 ein „normaler“, erfolgreicher Privatsender, kauft und produziert Programme und betreibt 13 Fernsehkanäle (etwa W9, 6ter, Gulli, Téva, Paris Première, Canal J) und drei Radiosender (RTL, Fun Radio und RTL 2). 2019 machte man rund 1,456 Milliarden Euro Umsatz und einen Nettogewinn von 172,7 Millionen.

Institut für Medien- und Kommunikationspolitik

Zur Instituts-Website

mediadb.eu wird gefördert von der Bundeszentrale für Politische Bildung

und der Stadt Köln.