Google engagiert Ray Kurzweil (Hintergründe)

17.12.2012

Vergangenen Freitag wurde bekannt, dass Ray Kurzweil, der prominenteste Vertreter der Theorie der technologischen Singularität, vom Online- und Medienkonzern Google angestellt wurde. Kurzweil zieht von Massachusets nach Mountain View, Kalifornien, um in der Google-Zentrale an Künstlichen-Intelligenz-Projekten zu arbeiten, die sich unter anderem mit der Lernfähigkeit von Maschinen und Sprach-Verarbeitungstechnologien befassen. Kurzweil und die Google-Verantwortlichen teilen bereits seit geraumer Zeit eine Faszination für das futurologische Singularitätskonzept. Dieses geht davon aus, dass die exponentiell ansteigende Rechenleistung von Computern die menschliche Gesellschaft radikal verändern wird. Die Suchmaschine von Google wird bereits heute als eine Art künstlicher Intelligenz angesehen, die die Informationsverbreitung des menschlichen Gehirns deutlich übertroffen hat. Die Redaktion von mediadb.eu stellt Kurzweil vor und hat Googles Interesse am Singularitätskonzept näher beleuchtet:

1. Wer ist Ray Kurzweil?
Als er 17 war, entwickelte Kurzweil einen Computer, der selbständig Musik komponierte. Seine zweite wichtige Erfindung war ein Computerprogramm, das Schulabsolventen dabei half, die passende Universität auszuwählen. Zudem entwickelte er ein System, das Texte in Audiadateien umwandelte und Blinden ermöglichte, gedruckte Informationen zu hören. 1999 prophezeite er korrekterweise, dass es innerhalb der nächsten Dekade Handys mit Sprachsteuerung und selbstfahrende Autos geben würde. Den historischen Moment der Singularität datiert er auf 2029 - Computer würden dann in der Lage sein, eigenständig zu denken und zu handeln. Kurzweil und seine Anhänger gehen davon aus, dass ihnen der technologische Fortschritt erlauben wird, bis zu 700 Jahre alt zu werden. Kurzweil hat in Interviews mehrfach betont, dass er plane, seinen 1970 gestorbenen Vater mittels Gentechnologie und künstlicher Intelligenz als Cyborg widerbeleben zu wollen. 2009 gründete er die Singularity University, die sich mit entsprechenden Fragen und Technologien wie Robotik, künstliche Intelligenz, Nanotechnologie und Genetik befasst. Kurzweil ist in wissenschaftlichen Kreisen jedoch höchst umstritten. So stößt seine positive Beurteilung des technischen Wandels auf Kritik. Skeptiker gehen davon aus, dass technische Singularität nicht zu einer Verbesserung des menschlichen Zusammenlebens führt, sondern zu einer gewaltsamen Spaltung der Gesellschaft in (arme) Traditonalisten, die die Verschmelzung von Menschen und Computern ablehnen oder sich nicht leisten können und (reiche) Verfechter von künstlicher Intelligenz. Andere werfen Kurzweil vor, den Singularitäts-Begriff für eigene, kommerzielle Zwecke besetzt zu haben.

2. Welche Beziehungen bestehen zwischen Google und der Singularitäts-Bewegung?
Der Suchkonzern war in der Vergangenheit einer der finanzkräftigsten Unterstützer der Singularity University in Silicon Valley. So spendete Google-Gründer Larry Page im Jahr 2008 250.000 US-Dollar an die Institution; andere Google-Angestellte beteiligten sich gemeinsam mit 100.000 Dollar. Co-Gründer Sergey Brin nahm 2010 für die Gebühr von 15.000 Dollar an einem neuntägigen Seminar der Singularity University teil. Ex-Google-Mitarbeiter Keith Kleiner gründete nach der Lektüre von Kurzweils Buch "The Singularity is Near" die Webseite SingularityHub.com. Die Gründerin der Singularity University, Sonia Arrison ist mit einem Google-Verantwortlichen verheiratet und schrieb 2011 das Buch "100 Plus". 2010 entwickelten Page und Kurzweil einen Plan für erneuerbare Energien und prognostizierten, dass die Welt künftig von Solarenergie angetrieben werden wird. Selbstfahrende Autos und sprachgesteuerte Handys wurden nicht zuletzt dank Googles Investitionen in den vergangenen Jahren in die Tat umgesetzt.
Auch andere Größen der Onlinekonzernwelt schwören auf Kurzweils Thesen. Microsoft-Gründer Bill Gates ist ein persönlicher Freund von Kurzweil und Pay-Pal Gründer und Facebook-Financier Peter Thiel hält den Moment der Singularität für unumgänglich.

Mehr dazu:

Techcrunch: Ray Kurzweil Joins Google in Full-Time (14.12.12)
New York Times: Merely Human? That's So Yesterday (12.06.10)

Institut für Medien- und Kommunikationspolitik

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