Bloomberg: Neuer alter Chef und Digitaloffensive

05.09.2014

Was sich schon längere Zeit anbahnte, hat sich in dieser Woche bewahrheitet. New Yorks Ex-Bürgermeister Michael Bloomberg kehrt an die Spitze des gleichnamigen, von ihm 1981 gegründeten Unternehmens zurück. Eigentlich wollte sich der Multimilliardär und 16.-reichste Mensch der Welt nach seinem Rückzug aus der Politik zurückziehen und sich auf seine diversen Charity-Aktivitäten konzentrieren. Doch wie Presseberichten aus den letzten Monaten zu entnehmen war, konnte es Bloomberg nicht lassen, sich zunehmend in das Tagesgeschäft des Medien- und Informationskonzern einzumischen und in Redaktionskonferenzen zu äußern, welche politischen Themen er besonders interessant findet. Der seit 2007 amtierende Präsident und CEO von Bloomberg, Daniel Doctoroff, sah seinen Einflussbereich immer weiter schrumpfen und zog nun die Reißleine, indem er seinen Abschied zum Jahresende verkündete. Michael Bloomberg als alter neuer Chef plant derweil die Aktivitäten im Mediensegment signifikant auszubauen: geplant ist eine neue Website sowie eine TV-Show. Auch über eine große Übernahme eines Konkurrenten im News-Sektor wird spekuliert. Die Redaktion von mediadb.eu hat die Situation zusammengefasst:

1. Wie fällt die Bilanz von Daniel Doctoroff aus?
Bloomberg ist unter Doctoroffs Ägide zu einem umsatzstarken und hochprofitablen Unternehmen avanciert. Bei seinem Amtsantritt 2007 lag der jährliche Umsatz des Konzerns bei gerade mal 5,4 Milliarden US-Dollar;i m vergangenen Geschäftsjahr betrug er Schätzungen zufolge neun Milliarden. Im Hauptgeschäft, dem Verkauf von Terminalcomputern, die in der Finanzindustrie tätigen Personen in Echtzeit mit Wirtschafts- und Börsendaten versorgen, hat sich Bloomberg etabliert und deutlich vor Angeboten der Konkurrenz, insbesondere Thomson Reuters, positioniert.
Allerdings fallen in die Amtszeit von Doctoroff auch zwei Skandale, die die Reputation des Unternehmens zeitweise geschädigt haben. Dazu gehört insbesondere die im vergangenen Jahr bekannt gewordene Praxis der Ausspähung der Terminal-Aktivitäten der Kunden durch die hauseigenen Bloomberg-Journalisten. So wurden die 24.000 Premium-Kunden (Broker, Bänker, Wirtschaftsbosse) systematisch ausspioniert und deren private Daten weitergegeben. Zudem wurden Daten wie private Telefonnummern oder Beziehungsstatus für für persönliche Belange der Reporter missbraucht. Auch die mit Doctoroff abgestimmte Direktive von News-Chef Matthew Winkler an seine China-Korrespondenten, investigative Recherchen über die Beziehungen von chinesischen Super-Reichen zum politischen Establishment einzustellen, wurde in Journalistenkreisen als zweifelhafte, proaktive Selbstzensur wahrgenommen.

2. Was plant Michael Bloomberg als neuer und alter CEO?
In den kommenden Wochen soll mit Bloomberg Politics eine neue politische News- und Debate-Webseite online gehen. Als wichtiges Prestige-Projekt gilt auch eine neue TV-Show mit den Politikjournalisten Mark Halperin und John Heilemann, die spätestens seit ihrem Buch "Game Change" über den katastrophalen Wahlkampf der Vize-Präsidentschaftskandidatin Sarah Palin als Insider im Politikbetrieb von Washington gelten. Damit möchte Bloomberg, der noch immer 88 Prozent der Anteile am Konzern hält, in erster Linie nicht seinen persönlichen Einfluss erweitern, sondern den Terminal-Verkauf weiter ankurbeln: wenn Bloomberg News stärker als journalistisches Qualitätsprojekt wahrgenommen wird, stärkt dies auch das Renomme im Bereich Finanzinformationen, so das Kalkül.

Am einfachsten würde der journalistische Einfluss jedoch durch eine spektakuläre Übernahme eines Konkurrenten ausgebaut. In Zeiten der massiven Medienkonsolidierung in den USA ist es wichtig wie nie zuvor auch in Sachen Größe und Reichweite zu wachsen. Als mögliche Übernahmekandidaten gelten seit geraumer Zeit die New York Times, die Financial Times oder CNN. Die Rückkehr von Michael Bloomberg hat einen solchen Mega-Deal wieder wahrscheinlicher gemacht.

Institut für Medien- und Kommunikationspolitik

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