Zuschauerrückgänge: Pay-TV in den USA mit Auflösungserscheinungen?

04.12.2014

Firmensitz von DirecTV, CC by Tariqmudallal

Die neuesten Zahlen der Markt- und Medienforschungsagentur Nielsen sind für die Pay-TV-Industrie in den USA ernüchternd. Während die Zeit, die Leute durchschnittlich mit traditionellem Fernsehen verbringen, um vier Prozent zurückgegangen ist, stieg der Streaming-Konsum im vergangenen Quartal um 60 Prozent. Was sich zunächst dramatisch anhört, relativiert sich angesichts konkreter Zahlen jedoch schnell wieder: Amerikaner verbringen nach wie vor mehr als vier Stunden am Tag vor dem Fernseher und nur 11 Stunden monatlich beim Anschauen einer Serie oder eines Films auf dem Computer oder Smartphone. DirecTV, neben Dish der führende Anbieter für Satelliten-Pay-TV hat noch immer mehr als 20 Millionen monatlich zahlende Kunden. Dennoch sind die Zahlen alarmierend für die größten Medienkonzerne, deren Geschäft zu einem signifikanten Anteil darin besteht, ihre TV-Inhalte an Kabel- und Satellitenbetreiber zu lizenzieren. Diese wiederum müssen sich zunehmend mit der neu entstandenen Konkurrenz von VoD-Portalen, insbesondere Netflix, auseinandersetzen, die ihn auf lange Sicht die Kunden streitig zu machen. So haben die Pay-TV-Anbieter zwischen 2010 und 2014 insgesamt zwischen drei und fünf Millionen Abonnenten verloren (allein im vergangenen Jahr waren es 2,2 Millionen). Viele Amerikaner zahlen inzwischen lieber acht Dollar monatlich für ein Netflix-Account als bis zu 100 Dollar oder mehr für ein Kabel- oder Satelliten-Abo inklusive teurer Premium-Dienste wie HBO, Starz oder Showtime.

Inzwischen scheinen viele TV-Manager es zu bereuen, ihre Serien vergleichsweise günstig an Online-VoD-Dienste lizenziert zu haben - ähnlich wie es in der Zeitungsindustrie heute als Fehler gilt, anfangs sämtliche Inhalte gratis im Netz angeboten zu haben. Wie HBOs Ankündigung, einen separaten Online-Dienst anzubieten, gezeigt hat, befürchtet die Kabel- und Satellitenindustrie, dass sie durch solche Onlinevarianten an Kunden verlieren könnten. Wie sich das Streamen von Serien auf die Einschaltquoten im traditionellen TV auswirken, ist nicht bekannt. Nielsen fand jedoch heraus, dass sich die Quoten bestimmter Serien sowohl verringern als auch vergrößern, wenn die Serie bei Netflix erhältlich ist (über die jeweiligen Netflix-Zugriffe hält sich das Unternehmen bedeckt, da Netflix keine Werbung schaltet und deshalb keine Quoten benötigt und diese aus gutem Grund auch nicht herausgibt).

Doch die Kabel- und Satellitenkonzerne versuchen nun mit aller Macht, die Ausbreitung von eigenen Streamingportalen der Sender (wie etwa HBO oder ESPN) zu verhindern. Jüngst drohte etwa Satellitenanbieter DirecTV die Kundenwerbung für das DirecTV-Abo von HBO zurückzufahren, sollte das HBO-Streamingportal landesweit mehr 450.000 Abonnenten gewinnen. HBO würde dann bei DirecTV weniger Zuschauer haben, was den Preis drücken würde, den der Sender von DirecTV erhält. Deshalb warnen die Kabel- und Satellitenkonzerne davor, solche Streaming-Modelle würden ihre wichtigste Einnahmequellen kannibalisieren. Insbesondere Satelliten-Anbieter sehen sich in einer prekären Lage, da sich nicht als Internet Service Provider fungieren wie die Kabelkonzerne. Letztere könnten nämlich HBO Online oder Netflix-Abos im Bundle mit einem Internetzugang anbieten. Sollte es zu einer Eskalation in der Konfrontation zwischen HBO und DirecTV sowie Dish kommen, wird es darauf ankommen, wer auf wen verzichten kann: HBO auf die DirecTV und Dish, oder die Pay-TV-Anbieter auf die Serien von HBO.

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