US-Fernsehmarkt: Mehr Konzentration, weniger Vielfalt

08.07.2013

In den vergangenen Wochen und Tagen ist es auf dem amerikanischen Medienmarkt zu einer regelrechten Welle von Übernahmen im TV-Sektor gekommen. Zunächst wurde bekannt, dass die früher vorwiegend als Zeitungshaus bekannte Gannett Company für rund 1,5 Milliarden US-Dollar 20 Sender von der Belo Corporation übernehmen wird. Und letzte Woche verkündete die Tribune Company (im aktuellen Ranking der größten Medienkonzern der Welt nicht mehr vertreten) diverse Lokalkanäle von der Local TV Holdings kaufen zu wollen. Der 2008 bankrott gegangene Medienkonzern plant 2,7 Milliarden US-Dollar für 19 Sender auszugeben. Zugleich sucht Tribune seit Monaten nach Käufern seiner Zeitungstitel, darunter so prestigeträchtige Blätter wie die "Los Angeles Times" oder der "Chicago Tribune". Was für Medienmanager und Aktionäre äußerst lukrativ ist, könnte für Zuschauer in den lokalen Märkten Nachteile mit sich ziehen. Kritiker warnen vor sinkender Vielfalt in der lokalen Berichterstattung und sinkenden Gehältern für Journalisten. Die Redaktion von mediadb.eu hat die Gründe für die Wiederentdeckung des wirtschaftlichen Potenzials von TV-Stationen sowie deren Auswirkungen für die US-Medienlandschaft zusammengefasst:

1. Warum zeigen sich Medienkonzerne wieder an lokalen TV-Sendern interessiert?
Es sind drei Faktoren, die eine Rolle spielen. Zunächst sind die Zinssätze für neues, geliehenes Kapital, mit dem die Übernahmen finanziert werden, momentan sehr gering. Wichtigster Grund für Konzerne wie Gannett oder Tribune sind jedoch positive Skaleneffekte: die Vergrößerung des Senderportfolios und die Konsolidierung von Produktionsstandorten führen zu Einsparungen, die aus sinkenden Durchschnittskosten resultieren. Mehr TV-Kanäle zu kontrollieren bedeutet in diesem Zusammenhang auch eine verbesserte Verhandlungsposition gegenüber Distributoren wie Kabel- und Satellitenanbietern. Nur ein Bruchteil der Zuschauer schaut Lokalprogramme auf dem herkömmlichen Weg; 90 Prozent empfangen lokale Sender über Kabel- oder Satellit. Schließlich begünstigt die Krise im Zeitungssektor die Investments in den TV-Bereich. Es ist kein Zufall, dass sowohl Gannett als auch Tribune lange Zeit als Zeitungshäuser galten. Doch langfristig ist es wohl auch mit Risiken behaftet, auf die Karte TV-Sender zu setzen. Manche Experten gehen davon aus, dass lineares TV über kurz oder lang den selben Niedergang erleben wird wie der Printmarkt.

2. Welche Rolle spielen Wahlwerbespots?
Wenn in den USA alle zwei Jahre Wahlen anstehen, explodieren - nicht zuletzt seit der umstrittenen Citizens United-Rechtssprechung des US-Verfassungsgerichts und der Entstehung sog. "Super-PACS" - die Ausgaben für Wahlwerbespots. Insbesondere Lokalsender wie die nun von Tribune und Gannett erworbenen, profitieren davon immens. Wahlwerbespots sind längst zum Hauptgeschäft von Lokalsendern geworden, zu Hoch-Zeiten haben es Werbespots für Produkte und Lebensmittel kaum noch Chancen ins Programm zu schaffen. Ein Teil des Erfolgsgeheimnis der Wiederwahl von Obama im vergangenen Jahr bestand für das Wahlkampfteam darin, massiv in Werbespots in obskuren Lokalsendern zu investieren. Insbesondere in wahlentscheidenden "Swing States" können Lokalsendern innerhalb weniger Wochen und Monate Einnahmen in Höhe von etwa 50 Millionen US-Dollar erzielen.

3. Welche negativen Effekte hat die TV-Konsolidierungswelle vorausichtlich?
Bereits heute gibt es in den USA viele Groß- und Kleinstädte, in der nicht ein einziger Lokalsender von dort ansässigen Firmen kontrolliert wird. Die Folge ist häufig, dass der lokale Charakter der Berichterstattung verloren geht - insbesondere, wenn aufgrund von angestrebten Synergieeffekten ein zentral produziertes Programm von mehreren Stationen in verschiedenen Städten ausgestrahlt wird. Herrschte früher noch Wettbewerb zwischen verschiedenen örtlichen TV-Sendern, werden diese nun teilweise in zentralisierte Redaktionen vereint und überschüssige Journalisten entlassen. Von den nach wie vor lukrativen Profitmargen profitieren in der Regel nur das Management und die Aktionäre - laut einer Studie der Hofstra University sind die Gehälter für Fernsehjournalisten und -produzenten im vergangenen Jahr trotz Prosperität der Fernsehkonzerne gefallen. Die Vielfalt wird weiter durch Medien-Duopole eingeschränkt. So wird Gannett nach der Übernahme der TV-Sender auf diversen Lokalmärkten sowohl den örtlichen Fernsehsender als auch die größte Regionalzeitung kontrollieren - eigentlich ein Verstoß gegen FCC-Statuten.

Mehr dazu:

David Carr: A Different Deal Mania Grips TV (New York Times, 07.07.2013)

Institut für Medien- und Kommunikationspolitik

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