Thomson Reuters in der Krise

02.12.2011

Der kanadisch/britisch/US-amerikanische Medienkonzern Thomson Reuters befindet sich in einer der schwersten Krisen der Unternehmensgeschichte. Drei Jahre nach der Fusion des Informationsdienstleister Thomson mit der Nachrichtenagentur Reuters kämpft das Unternehmen mit den Nachwirkungen der internationalen Finanzkrise sowie mit erhöhter Konkurrenz auf dem Markt für Fachinformationen. Aufgrund des monatelangen Sinkflugs der Aktie wurde jüngst CEO Thomas Glocer (Foto) gefeuert. Die Redaktion von mediadb.eu hat die Entwicklungen zusammengefasst:

1. Wie hat sich das Unternehmen seit der Fusion im Jahre 2008 entwickelt?
Im April 2008 schloss die kanadische Thomson Corp. den 17 Milliarden US-Dollar teuren Kauf der britischen Reuters Group ab. Thomson Corp. zahlte für die Reuters-Anteile einen Preis, der 40 Prozent über dem Aktienwert lag. Seitdem ist der Aktienkurs um ein Viertel gefallen. Die Integration von Reuters in den Thomson-Konzern verlief schleppend. Erschwerend hinzu kam, dass die Fusion mitten in das Epizentrum der globalen Finanz- und Bankenkrise 2007/08 fiel. Im Zuge der Krise waren immer weniger Investmentfirmen und Fond Manager bereit, hohe Summen für Reuters Finanzinformationen und Marktanalysen zu bezahlen. Zudem wurden tausende Mitarbeiter von Banken und Finanzinstitutionen entlassen, vielen von ihnen Abonennten der Fachinformationen von Thomson Reuters.

2. Welcher Konkurrenz ist Thomson Reuters ausgesetzt?
Insgesamt kämpfen vier große Unternehmen um Marktanteile im Geschäft mit Fachinformationen. Neben Thomson Reuters sind dies Bloomberg, Dow Jones (Tochterunternehmen von News Corp.) sowie Fact Set Research System. Insbesondere Bloomberg hat sich in den vergangenen Jahren als hartnäckigster Konkurrent etabliert. Das dem gleichnamigen Bürgermeister von New York gehörende Unternehmen bietet seit geraumer Zeit ebenfalls Fachinformationen aus den Bereichen Finanzen und Recht an. Zudem hat sich der Bloomberg-Terminal ("Bloomberg Professional Service"), ein Desktop-Computer, der in Echtzeit neueste Informationen für Broker und Bänker zur Verfügung stellt, längst gegen Thomson Reuters Konkurrenzprodukt "Eikon" durchgesetzt.

3. Warum musste CEO Glocer jetzt seinen Hut nehmen?
Die Thomson-Familie, die über ihre "Woodbridge"-Holding nach wie vor 55 Prozent der Anteile am Unternehmen besitzt, war dem Anschein nach unzufrieden mit Glocers Performance. Allein in diesem Jahr sank der Aktienwert unter Glocer um 27 Prozent. Während sich die "Professional"-Sparte (die vor der Fusion im wesentlichen zur Thomson Corporation gehörte) prächtig entwickelt und heute 42 Prozent des gesamten Unternehmensumsatz ausmacht, verkümmerte die "Markets"-Sparte währendessen. Im Sommer diesen Jahres wurden deshalb mehrere Verantwortliche dieser ehemals zu Reuters gehörenden Geschäftszweigs entlassen. Mit Glocers Abgang zum Ende des Jahres verlässt nun auch der letzte ehemalige Reuters-Manager das Unternehmen. Sein Nachfolger wird James Smith, vormals COO des Unternehmens. Der gelernte Journalist betreute zuvor bei Thompson die Zeitungssparte und war für den Abschied aus dem Print- und den Einstieg ins Digitalgeschäft verantwortlich.

Mehr dazu:

Reuters: Smith replaces Glocer as Thompson Reuters CEO (01.12.2011)

Institut für Medien- und Kommunikationspolitik

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