Sportsender ESPN: Disneys neues Sorgenkind?

05.08.2015

ESPN-Zentrale in Bristol, CT. CC by Jkinsocal

Walt Disney, der drittgrößte Medienkonzern der Welt verkündete gestern die Geschäftsergebnisse aus dem dritten fiskalischen Quartal. Doch trotz eines deutlichen Umsatzplus (die Umsätze stiegen um fünf Prozent auf 13,1 Milliarden Dollar), ging der Aktienkurs in den folgenden Stunden um 6,4 Prozent zurück. Der Hauptgrund dafür war das Bedenken der Aktionäre über die zukünftige Entwicklung von Disneys Sport-TV-Network ESPN, der mittlerweile fast die Hälfte des Umsatzes von Disney generiert. Während die Film- und die dazugehörige Merchandisingsparte sich dank Kinohits wie "Avengers: Age of Ultron" oder "Frozen" prächtig entwickelt (und ab kommenden Winter, wenn die neue "Star Wars"-Reihe in die Kinos kommt, wohl weitere Rekordeinnahmen verzeichnen wird) generierte die Cable TV-Sparte, deren Herzstück ESPN ist, vergleichsweise nur geringe Zuwächse.

Zwar ist ESPN nach wie vor der wohl lukrativste Kabelkanal der USA und weit entfernt von einer ernsthaften Krise. Dennoch sind seit geraumer Zeit zumindest sich anbahnende Krisensymptome zu beobachten, die vor allem mit sich wandelnden Seh- und Nutzungsgewohnheiten zu tun haben. So leidet auch ESPN unter Cord-Cutting, dem allgemeinen Trend, kostspielige Kabelpakete zu kündigen und stattdessen einzelne Inhalte oder Sender über das Internet zu streamen. Live-Sport galt lange Zeit als eines der wenigen Formate, die Zuschauer davon abhalten würde ihren Kabelvertrag zu kündigen. Dennoch hat ESPN allein im vergangenen Jahr 3,2 Millionen Abonnenten verloren. Dazu zählen wohl in erster Linie Kabelkunden in deren Programmpaketen ESPN integriert waren, die jedoch kein Interesse an Sport hatten (als Reaktion auf die seit Jahren schwelende Kritik an großen, teuren bundles, haben die Kabelkonzerne vor kurzem damit begonnen, kleinere Programmpakete anzubieten).

Doch ESPN verliert auch sportbegeisterte Zuschauer, die sich über Sportereignisse mittlerweile in erster Linie im Internet und speziell in sozialen Netzwerken informieren. Hier geht es weniger um Live-Berichterstattung und Statistiken sondern um Kommentare, Memes und Äußerungen von Spitzensportlern. Diese kommunizieren mit ihren Fans über Twitter, Snapchat und Instagram und machen damit einen Teil der Berichterstattung obsolet. Im Internet ist ESPN zwar weiter eine reichweitenstarke Marke, konkurriert aber anders als im TV mit tausenden anderen Sportwebseiten und -blogs. Selbst in Bezug auf Live-Sportereignisse informieren sich viele Nutzer inzwischen über Live-Feeds und Smartphone-Apps anstatt ein gesamtes Match zu gucken. Das könnte auf lange Sicht ein Problem für den Sender werden, der immer mehr Geld für die kostspieligen Übertragungsrechte bezahlen muss (so zahlt ESPN beispielsweise seit neuestem pro Jahr mit 1,5 Milliarden Dollar an die Basketball-Liga NBA dreimal so viel wie in den Jahren zuvor).

Doch ESPN und Mutterkonzern Disney haben die Zeichen der Zeit erkannt und bemühen sich, die jüngeren Nutzer plattformübergreifend zu erreichen. So hat der Konzern ein "Push"-Team ins Leben gerufen, das die ESPN-Inhalte social media-relevant auf die Smartphones von rund Millionen Nutzern bringt. Zudem denkt ESPN seit kurzem laut darüber nach es HBO, CBS und anderen nachzutun und sein Angebot online streamt, um Zielgruppen zu erreichen, die keinen Kabelvertrag (oder Fernseher) haben.

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