Nach Live-Mord: Druck auf Facebook wächst

18.04.2017

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. (Presidência do México CC BY 2.0)

Nachdem ein Mann in Cleveland sich dabei filmte, wie er eine zufällig ausgewählte Person ermordete und das Video bei Facebook hochlud (sowie anschließend auf Facebook Live über die Tat sprach) mehren sich die medienpolitischen Rufe nach einer stärkeren Regulierung von Facebook. Der Cleveland-Mord ist nicht das erste Mal, dass Facebook-User sich die Infrastruktur des Netzwerkes zunutze machen, um ihre Gräueltaten einem möglichst großem Publikum zu zeigen. Allein 2016/2017 gab es mindestens vier Fälle, in denen auf Facebook Live Vergewaltigungen, Folter und Mord zu sehen waren und das soziale Netzwerk nicht im Stande war, die Videos zügig zu entfernen. Im jüngsten Mordfall wurde das entsprechende Video längst mehrfach verfielfältigt und geteilt, bevor es von Facebook entfernt wurde. Durch vermehrtes Sharen, Bearbeiten und Integrierung in Statusupdates wurden offenbar auch teilweise solche User unfreiwillige Zuschauer des Verbrechens, die das Video, bzw. die anschließenden Livestreams nicht sehen wollten.

Im Zuge von anhaltenden Kontroversen um die Verbreitung von Fake News und Hate Speech, der ungenauen Verknüpfung von Werbeanzeigen mit extremistischen Content, und der ungefilterten Liveübertragung von Verbrechen wird vermehrt gefordert, Facebook endlich wie einen Medienkonzern - eine Einordnung gegen die sich das Unternehmen weiterhin energisch sträubt - oder Fernsehkonzern zu regulieren. So zitiert der Guardian etwa die US-Medienwissenschaftlerin Sarah T. Roberts, die angesichts des gestreamten Mordes nun rhetorisch fragt, "ab wann die Verantwortlichkeit für solche Akte teilweise auf soziale Netzwerke übertragen wird?" Dem Unternehmen bleibt nichts anderes übrig, als die direkte Verantwortlichkeit abzustreiten und Besserung in Bezug auf den relativ langsamen Löschungsprozess solcher Videos zu geloben. Allerdings musste das Unternehmen ausgerechnet wenige Tage vor seiner jährlichen Entwicklerkonferenz auch indirekt eingestehen, dass es insbesondere in Bezug auf Live-Posts effektiv die Kontrolle über die Verbreitung von illegalen Content verloren hat. Das durch eine Mischung aus  künstlicher Intelligenz, User-Warnungen und Redakteuren bestehende System ist nicht in der Lage, schnell genug und akkurat zu entscheiden, welche Inhalte angemessen sind und welche nicht.

Längst wird angesichts dessen diskutiert, Facebook Live für normale User zu sperren und nur noch ausgewählte Prominente für Livestreams zuzulassen. Für Facebook ist jedoch Live-Generated User Content (in Kombination mit professionell hergestellten eigenen Inhalten, die von Partnern aus der Medienindustrie hergestellt werden) elementarer Bestandteil der Expansion und strategisch wichtig, um sich Konkurrent Snapchat vom Leib zu halten. Im Zuge der öffentlichen Debatte über die Rolle von Facebook im Medienökosystem wäre die zeitweise Einstellung von Facebook, zumindest bis es ein effektiveres Kontrollsystem gibt, jedoch ein wichtiges Signal an User, Politiker und Werbekunden.

Institut für Medien- und Kommunikationspolitik

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