Musik und TV-Streaming: Kommt Apples Einstieg zu spät?

27.03.2015

Apple-CEO Tim Cook, CC by Valery Marchive (LeMagIT)

In dieser Woche wurden neue Details zu Apples neuen Musik-Streamingdienst bekannt, der in diesem Jahr starten soll. In Kombination mit einem Relaunch seiner Set-Top Box Apple TV und einem mit Spannung erwarteten, eigenen TV-Streaming Portal will Apple in den kommenden Jahren seinen Einflussbereich im Mediensektor ausweite. Doch kommt dieser Schritt zu spät angesichts der hohen Marktanteile von Webradios wie Spotify und Pandora und bereits gestarteten TV-Streaming-Angeboten von unter anderem Viacom, Sony und ESPN?. Die Redaktion von Mediadb.eu hat Chancen und Risiken von Apples neuer Streaming-Strategie zusammengefasst:

Musikstreaming
Ein Jahr nach der drei Milliarden US-Dollar teueren Übernahme von Beats soll nun das Gründer-Team um Trent Reznor, Jimmy Iovine und Dr. Dre gemeinsam mit den Apple-Programmierern einen Streaming Dienst mit entsprechender App entwickeln, der sich von der Konkurrenz abhebt. Ob das gelingt, bleibt abzuwarten. Für einen Erfolg sprechen zunächst einmal Apples Erfahrung und Erfolge mit seiner iTunes-Downloadplattform. Sollte es gelingen, den neuen Musikdienst (über einen Namen ist noch nichts bekannt) sinnvoll und benutzerfreundlich mit dem neuen iOS-Betriebssystem (Arbeitstitel "Copper") und anderen Plattformen wie Apple TV zu verknüpfen, hätte Apple hier einen Wettbewerbsvorteil. Trotz des Erfolges von Pandora und Spotify wird Musik-Diensten im Allgemeinen ein Software-Problem attestiert - insbesondere bei den Empfehlungsfunktionen und anderen Social-Funktionen haben Webradios noch Luft nach oben. Dass mit dem "Nine Inch Nails"-Mitglied Trent Reznor ein Musiker mit der Konzeption der App beauftragt wurde und kein Programmierer, zeugt davon, dass Apple mit einer besonderen Sensibilität für Musik an das Projekt herangeht. Der wichtigste Faktor ist jedoch Apples dominierende Stellung auf dem Markt für Musikdownloads. Apple könnte zunächst Songs und Alben von Superstars in seinem iTunes Store als Fenster und Promotion für die spätere Verwendung in seinem Streaming-Dienst nutzen.

Skeptiker weisen jedoch darauf hin, dass Musik-Downloads bereits ihren Zenit überschritten haben und Apples Übernahme von Beats ein verzweifelter Versuch ist, dieser Entwicklung Rechnung zu tragen. Dabei war Streaming im Gegensatz zur Kopfhörerproduktion nie das entscheidende Geschäftsfeld von Beats (Insider gehen davon aus, dass das Beats Musikportal weniger als 150.000 Nutzer hat). Der größte Nachteil ist aber sicherlich Zeit. Passiert ist seit der Übernahme wenig und Pandora und Spotify haben sich längst als Synonyme für Webradios etabliert (Apples eigener Versuch, iTunes Radio, konnte sich hingegen nicht durchsetzen). Die Hoffung, günstiger als die Konkurrenz zu sein, hat sich ebenfalls zerschlagen. Durch Apples verspäteten Einstieg hat sich die Verhandlungsposition gegenüber der Musikindustrie in Bezug auf Lizenzgebühren deutlich verschlechtert. Apples Musikstreaming-Dienst wird mit monatlich 10 Dollar vermutlich mindestens genau so viel kosten wie Spotify.

Apple TV/TV Streaming
Der Traum des verstorbenen Steve Jobs war neben der Musikindustrie auch die Art und Weise, wie Menschen fernsehen, zu revolutionieren. Doch die Versuche, aus der SetTop Box "Apple TV" einen Verkausschlager wie das iPhone oder den iPod zu machen, sind in den vergangenen zehn Jahren gescheitert. Mit einer neuen Version von Apple TV und einem eigenständigen TV-Streamingdienst versucht das Unternehmen nun einen neuen Anlauf.
In der Möglichkeit, die vielfach gelobte Benutzeroberfläche anderer Apple-Geräte auf das Medium Fernsehen anzuwenden, steckt weiterhin das größte Erfolgspotenzial - beispielsweise indem TV-Sender und -Inhalte mittels der Siri-Sprachsteuerung durchsuchbar gemacht werden. Ob exklusiver Content Teil der Strategie ist, bleibt abzuwarten. Bisher wurden Abkommen mit u.a. den TV-Networks ABC, CBS und Fox vereinbart. Die Partnerschaft mit Time Warner beim Launch von HBOs Streamingportal im April könnte auch auf Apples eigenes Angebot ausgeweitet werden. Sollte Apple tatsächlich Interesse daran haben, einen der großen TV-Networks oder ein Filmstudio zu übernehmen (bisher handelt es sich nur um Gerüchte) würde dies die Attraktivität von Apple TV weiter steigern.
Allerdings hat Apple auch mit dem Eintritt in den TV-Bereich relativ lange gewartet. Die meisten TV-Networks bieten mittlerweile Streamingportale ihrer Sender im Netz an; Sony hat mit Playstation Vue bereits einen ähnlichen Dienst gelauncht, wie Apple ihn plant. Mit der Ausnahme von Live-Sport hat lineares Fernsehen für die junge Generation im Zeitalter von On-Demand Plattformen wie Netflix an Attraktivität verloren. Und die Kabelkonzerne werden wohl in Kürze damit anfangen, ihre Programmpakete zu entschnüren und einzelne Sender gesondert anbieten.

Hinzu kommt die Person von CEO Tim Cook. Ihm attestieren Kritiker im Vergleich zu Vorgänger Jobs fehlende Visionen und eine zu geringe Geschwindigkeit beim Entdecken neuer Trends. Doch selbst wenn Apple mit seinen TV- und Musikdiensten kein Erfolg haben wird, hätte das keine dramatischen Konsequenzen. Würde Apple etwa genau so viele Abonnenten wie Pandora gewinnen, würde das weniger als einem Prozent des jährlichen Umsatzes von 180 Milliarden Dollar entsprechen.

Institut für Medien- und Kommunikationspolitik

Zur Instituts-Website

European Media Pluralism

Mediadb.eu unterstützt die European Initiative for Media Pluralism

Partner

Mediadb.eu wird gefördert vom medienboard Berlin-Brandenburg,

dem Media Program der Open Society Foundations,

der Bundeszentrale für Politische Bildung,

der Rudolf Augstein Stiftung

sowie der Stadt Köln

dem Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Technologie

und dem Verband Privater Rundfunk und Telemedien e.V.