Italien: Wirtschaft und Medien im Umbruch

23.05.2012

Der gestern veröffentlichte Jahresbericht des italienischen Statistikamts Istat ist erschütternd: niedrige Produktivität, sinkende Realeinkommen, kleinerer Weltmarktanteil. Der Präsident des italienischen Statistikamts, Enrico Giovannini, bezeichnet das Jahr 2011 als psychologischen Wendepunkt für die Italiener. Während in den vergangenen Krisenjahren der Konsum anstieg, sehen die Italiener seit 2011 ihr Land in einer strukturellen, andauernden Krise. Diese Einschätzung äußert sich in Form von starken Rückgängen beim privaten Konsum, bei Investitionen und im Import. Auch an der italienischen Medienlandschaft geht die wirtschaftliche Krise nicht spurlos vorbei. Die Redaktion von mediadb.eu hat die aktuellen Entwicklungen bei den umsatzstärksten italienischen Medienunternehmen genauer untersucht und die wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst.

Mediaset SpA
Der größte Anbieter für kommerzielles Fernsehen in Italien lenkt im Sinne horizontaler Medienkonzentration von der Programmgestaltung und -produktion, über den Rechtehandel für Sportereignisse und Filme, die Ausstrahlung der Programme bis zur Vermarktung der Werbezeiten jeden Aspekt des Fernsehgeschäfts. Das über die Dachholding Fininvest von dem ehemaligen Ministerpräsidenten Berlusconi und seiner Familie kontrollierte Unternehmen konnte im Jahr 2010 noch Gewinne in Höhe von 352 Millionen Euro einstreichen, die 2011 um 36 Prozent auf 225 Millionen Euro zurückgingen. Bereits im letzten Jahr wurde ein dreijähriger Kostenreduktionsplan aufgestellt, um 250 Millionen Euro einzusparen. Die kürzlich veröffentlichten Zahlen für das erste Quartal 2012 zeigen einen massiven Gewinneinbruch. Im Vergleich zum Vorjahresquartal ging der Nettogewinn um 85 Prozent auf nur noch 103 Millionen Euro zurück. Die Werbeeinnahmen sanken um zehn Prozent auf 623 Millionen Euro. Dies ist unter anderem auf die wachsende Konkurrenz durch die News Corp. Tochter Sky Italia zurückzuführen ist. Der 2003 an den Start gegangene Satellitensender im Pay-TV ist der erste ernst zu nehmende Wettbewerber für Mediaset, da vor allem Hollywood-Blockbuster und Fußballrechte für eine schnell wachsende Anzahl der Abonnenten von Sky Italia führten. Der Wettbewerb steigt und das Monopol von Mediaset erodiert. Laut Berlusconi ist die Wirtschaftssituation Italiens der Hauptgrund für die Einbrüche.

RAI Radiotelevisione Italiana
RAI ist als Aktiengesellschaft in staatlichem Besitz der einzige öffentliche italienische Radio- und Fernsehanbieter. Neben den Vollprogrammen von Mediaset sind RAI 1, RAI 2 und RAI 3 die größten frei empfangbaren terrestrischen Fernsehsender in Italien, sodass RAI als Erzrivalin von Mediaset gilt. Obwohl die Einschaltquoten hoch sind, werfen Missmanagement und politische Einmischung den traditionell schwerfälligen Sender immer weiter hinter die private Konkurrenz zurück. Insbesondere der Berlusconi-treue Mauro Masi, der zwei Jahre Generaldirektor von RAI war, bewirkte eine Lähmung und Identitätskrise bei RAI. Die seit Mai 2011 amtierende Generaldirektorin Lorenza Lei bemüht sich um einen strammen Sparkurs, konnte jedoch die finanzielle Schieflage nicht beheben. Im November 2011 wurde bekannt, dass das internationale Fernsehunternehmen RAI International nur noch wenige Monate den Sendebetrieb aufrechterhalten kann. Daraufhin hat das RAI-Direktorium einen Notfallfinanzplan aufgestellt, um ca. 111 Millionen Dollar einzusparen. Im Januar dieses Jahres kündigte der italienische Ministerpräsident Mario Monti einschneidende Reformen für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk an, nannte jedoch keine konkreten Maßnahmen. Laut Branchenkennern werden nun seit Anfang 2012 die Aktivitäten der RAI zurückgefahren, wobei sich der Sender künftig auf sein Kerngeschäft konzentrieren soll. Für das Jahr 2012 wird mit Einbußen in Höhe von 16 Milliarden Euro gerechnet.

 

Mehr dazu:

- Frankfurter Allgemeine Zeitung: Jahresbericht des Statistikamtes: „Italien hat 20 Jahre verloren“ (23.05.2012)

- The Hollywood Reporter: Italy's Mediaset Sees First Quarter Profits Tumble (08.05.2012)

Institut für Medien- und Kommunikationspolitik

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