Griechenland: Heimische Medienindustrie in der Krise

12.06.2012

Am Sonntag findet in Griechenland die Parlamentswahl statt, die deutschen Medien zufolge vor allem ein „Codename“ für die Abstimmung über die griechische Zugehörigkeit in der Eurozone ist. Die linksradikale Syriza-Partei will das EU-Hilfspaket neu verhandeln, in dessen Folge laut Prophezeiungen des Nachrichtenmagazins FOCUS Griechenland die Eurozone verlassen muss. Die Ereignisse auf der politischen Vorderbühne werden in den deutschen Medien regelmäßig mehr oder weniger tendenziös beleuchtet. Wie steht es jedoch um die griechischen Medien? Wie gehen sie in ihrer Berichterstattung mit der Krise im Land um und inwiefern stecken sie selbst in der Krise? Die Redaktion von mediadb.eu hat die aktuellen Entwicklungen analysiert und die wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst.

Wie ist das griechische Mediensystem aufgebaut?
Die Medienlandschaft Griechenlands ist von einem dualen System geprägt. Die wichtigsten Medien sind im Fernsehbereich die staatlichen Sender ET 1 und 3 sowie NET. Private Kanäle sind beispielsweise Mega, Skai oder Star. Auch der Hörfunk ist durch den staatlichen Rundfunk (ERT) sowie viele private Radiosender gekennzeichnet. Einige Tageszeitungen sind/waren an der Börse notiert.

Welche Folgen der Finanzkrise zeichnen sich bei den Medienunternehmen ab?
Seit 2009 brechen die Werbeerlöse von Jahr zu Jahr weiter ein, Umsatzrückgänge beliefen sich im ersten Quartal 2012 auf teilweise 25 Prozent. Die Konkurse steigen seitdem an. Die  Unternehmensgruppen der Medienbranche sind hoch verschuldet und verzeichneten 2010 und 2011 hohe Verluste. Der größte Fernsehsender „Alter“ musste im August 2011 im Zuge der Krise eingestellt werden und sendet nur noch ein Testbild, nachdem bereits 2010 Umsatzeinbrüche von 30 Prozent und eine Gesamtverschuldung von 350 Millionen Euro verzeichnet wurden. Unter den Zeitungen fielen seit 2010 die beiden Traditionszeitungen „Eleftherotypia“ (linksliberal) und „Apogevmatini“ (konservativ) den aktuellen Entwicklungen zum Opfer. Immer mehr Medienunternehmen ziehen sich von der Börse zurück. Dem Griechenlandkenner Panagis Galiatsatos zufolge zeigt sich der Niedergang der griechischen Medien insbesondere in dem jüngsten Angebot des Börsen-Schwergewichts DOL-Gruppe an ihre Aktionäre, gehandelte Aktien zurückzukaufen. Der Kritiker sieht die Gründe für den Niedergang der griechischen Medien in einem Verschlafen der Finanzkrise sowie in den Seilschaften zwischen Medien, Politik und Wirtschaft, die großen Einfluss auf die Vergabe von Staatsaufträgen hatten.

Inwiefern reagieren griechische Journalisten auf die Krise?
Vor zwei Wochen traten die griechischen Journalisten in einen 24-stündigen Streik. Sie protestierten damit gegen ausstehende Entlohnungen sowie Entlassungen. Im Radio und Fernsehen wurden keine Nachrichten- oder Informationssendungen ausgestrahlt. Hintergrund ist die Organisation der Interessen der Journalisten in dem Journalistenverband ESIEA, welcher zum Streik aufrief.

Wie wirkt sich die Krise auf die Berichterstattung in Griechenland aus?
Die griechischen Medienberichte sorgten in Deutschland zuletzt im Februar aufgrund von Nazi-Vergleichen für Aufruhr. Insidern zufolge sind jedoch die deutschen wie die griechischen Medien als Ausdruck des politischen Unmuts von Übertreibungen geprägt. Die griechischen Medien werden zugleich auch in die politischen Konflikte verwickelt. So prügelte letzten Donnerstag vor laufenden Fernsehkameras der Pressesprecher der neofaschistischen Chryssi Avgi („Morgenröte“), Ilias Kasiadiaris, auf die Kommunistin Liana Kanelli ein. Der Pressesprecher, gegen den wegen illegalen Waffenbesitzes ermittelt wird, beschuldigte den privaten Fernsehsender ANT 1 der Freiheitsberaubung. Im Hinblick auf das Programmangebot bei den privaten Fernsehsendern ist bezeichnend, dass die meisten Sender vor allem 10 Jahre alte Wiederholungen eigener Serien senden.

 

Mehr dazu:

- Neue Zürcher Zeitung: Griechenland. Medien vor dem Kollaps (12.06. 2012)

- YouTube/GreekReporter: Greek Golden Dawn MP Attacks Another MP Live: Kasidiaris Slaps Kanelli (07.06.2012)

Institut für Medien- und Kommunikationspolitik

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