Geschäftsfeld Internetfernsehen

06.06.2012

Auf der Computerspielemesse E3 in Los Angeles stellte Microsoft die neue Generation der Spielekonsole Xbox vor, die nun endgültig die Wohnzimmer erobern soll. Die HD-fähigen Konsolen bieten Internetfernsehen auch ohne eine Set-Top-Box. Microsoft tritt damit in direkte Konkurrenz zu Apple, Google, Sony oder auch Kabelnetzbetreiber wie Comcast. Insbesondere in den USA kann diese Entwicklung angesichts der Kosten für Kabelfernsehen für Umwälzungen auf dem Fernsehmarkt sorgen. Die Redaktion von mediadb.eu hat sich die großen Konkurrenten unter den größten Medien- und Onlinekonzernen auf dem Markt für Internetfernsehen angeschaut und die wesentlichen Erkenntnisse zusammengefasst.

Microsoft: Microsofts Xbox 360, die nun schon seit fast sieben Jahren auf dem Markt ist, wird mit einem Web-Browser ausgestattet, bietet TV-Programme an und verwandelt mittels einer App Tablets und Smartphones in Kontroller für die Konsole. Darüber hinaus soll noch in diesem Jahr der Musik-Streaming-Dienst „Xbox Music“ eingeführt werden, der den Vorgänger Zune wohl völlig verdrängt und mit 13 Millionen Titel starten soll. Damit bietet Microsoft ein Produkt an, das der Konvergenz der Endgeräte weiter Rechnung trägt und für Nutzer somit attraktiver wird: Video, Musik, Fernsehen und Internet laufen über ein Medium. Die Xbox 360 ist die am besten verkaufte Konsole weltweit. Etwa 67 Millionen Konsolen wurden bereits gekauft sowie gut 18 Millionen Kinect-Sensoren. Xbox Live zählt weltweit etwa 40 Millionen Abonnenten. Insbesondere in den USA nutzen viele die Konsole nicht nur zum Spielen, sondern auch zum Fernsehen. 42 Prozent der US-amerikanischen Xbox Live Nutzer schauen sich eine Stunde am Tag Videos über die Konsole an. Dort sollen nun 35 neue Medienpartner ihre Serien, Filme, Sport-Live-Übertragungen und Videos auf der Xbox 360 zeigen – unter anderem die NBA, den Kinderkanal Nickelodeon und die NHL.

Comcast: Comcast hat sich als Kabelnetzbetreiber nicht für eine Hardware, sondern mit seinem Dienst Xfinity Streampix für einen geräteübergreifenden Mediendienst entscheiden. Es handelt sich im Wesentlichen um Video-on-Demand, das von zahlenden Abonnenten außer auf dem Fernseher auch auf PCs, Laptops, Tablet PCs oder Smartphones angesehen werden kann. Seit März dieses Jahres ist Xfinity Streampix auch auf Microsofts Xbox verfügbar. Kürzlich wurde Comcast durch den US-Senator Al Franken sowie von Vertretern konkurrierender Video-on-Demand-Dienste wie Hulu oder Netflix vorgeworfen, seinen Streaming-Dienst zu bevorteilen. Während die etwa 50 Millionen Internetkunden von Comcast nur beschränkt Datenpakete herunterladen können, bleibt die Downloadkapazität bei der Nutzung von Xfinity Streampix unberührt.

Google: Der Onlinekonzern Google hat vor zwei Jahren offiziell sein in Kooperation mit Intel und Sony – Logitech stieg im November letzten Jahres aus – veranschlagtes Projekt Google TV vorgestellt. Die Softwareplattform Google TV wird in Fernsehgeräten oder Set-Top-Boxen integriert, bietet nach dem App-Prinzip verschiedene Kanäle an und ermöglicht gleichzeitiges Surfen im Internet. Insbesondere die Nutzung des Betriebssystems Android und des Browsers Google Chrome soll dadurch erweitert werden. Noch in diesem Jahr soll das Internetfernsehen in Deutschland eingeführt werden. Auf dem US-Markt konnte sich Google TV bisher nicht durchsetzen. Die großen Studios und Sender stellten ihre Inhalte nicht zur Verfügung und gingen so der Problematik aus dem Weg, ihre Einnahmequelle Fernsehwerbung mit Google teilen zu müssen.

Sony: Als Hardwareproduzent hat Sony seine Fernsehgeräte mit dem Sony Internet TV ausgestattet, ohne ein neues Gerät erforderlich zu machen. Auf Skype, Facebook, Twitter, aber auch nationale und lokale Fernsehsender aus den Bereichen Nachrichten, Sport und Unterhaltung kann mit einer Internetverbindung zugegriffen werden. Als Abonnent kann man zudem Filme und Musiktitel über Video Unlimited oder Music Unlimited streamen.

Apple: Mit Apple TV hat der Online-Konzern eine Hardware entwickelt, die an den Fernseher angeschlossen wird und direkt aus dem Internet das Ausleihen, Kaufen und Abspielen von Filmen ermöglicht. Außerdem können Fotos und Filme über Mac, iPhone, iPod, iPod touch und iPad auf den Fernseher gestreamt sowie auf die iCloud zugegriffen werden. Die von Apple als „Hobby“ bezeichnete Sparte soll noch weiter ausgebaut werden, wobei Gerüchten zufolge noch in diesem Jahr neue Hardware-Komponenten präsentiert werden sollen. Insbesondere die Nutzerfreundlichkeit soll verbessert werden, sodass Nutzer nicht bei iTunes oder in den einzelnen Apps der Anbieter wie Hulu, Netflix, HBO, ESPN nach ihrer Wunschsendung suchen müssen, sondern dass ihnen u.a. mittels Sprachsteuerung eine Liste die Auswahlmöglichkeiten und dazugehörigen Preise angeboten wird. Insidern zufolge ist eine Integration der verschiedenen Anbieter jedoch zweifelhaft, da eine derartige Dominanz nicht im Sinne des derzeit stark ausgefochtenen Wettbewerbs auf dem Markt für Internetfernsehen liegt.

Der Wettbewerb um ein herausragendes Modell im Internetfernsehen ist in vollem Gange, jedoch zeichnet sich keine Dominanz eines Marktteilnehmers ab. Am Beispiel der USA zeigt sich, dass selbst eine bestehende Soft- oder Hardwareplattform nicht die gewünschten Erfolge erzielt, wenn Kabelnetzbetreiber oder Produktionsanstalten und Sender den Zugang blockieren bzw. keine Inhalte zur Verfügung stellen. In Deutschland sehen die privaten Fernsehsender Pro Sieben Sat 1 oder RTL der geplanten Einführung von Google TV eher gelassen entgegen. Der Geschäftsführer von RTL interactive Marc Schröder sagt dazu: „Natürlich muss man sich damit beschäftigen, denn Google will eine Nutzung von Inhalten auf den großen Bildschirm im Wohnzimmer bringen, die mit der klassisch-linearen Verbreitung konkurriert.“ Eine Anpassung der Anwendungen zieht er jedoch nicht in Betracht.
Insbesondere für die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten kann das Internetfernsehen mit einer Vielzahl an Kanälen, On-demand-Diensten und Internetplattformen eine Bedrohung darstellen. Ob sich die ARD an der Mediatheken-App von Google TV beteiligt, wird intern noch geprüft.

Mehr dazu:

Süddeutsche Zeitung: Finale Verbindung von Web und Glotze (07.03.2012)

Handelsblatt: Computerspielemesse E3. Microsoft bringt iTunes-Klon auf die Xbox360 (04.06.2012)

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