Gannett: Paywall, Entlassungen, Managergehälter

09.12.2011

Immer mehr US-Zeitungen stellen ihre Online-Strategie auf paid content um. Jüngst gab das US-amerikanische Zeitungshaus Gannett bekannt, eine Bezahlmauer für die Onlineauftritte der "Chicago Sun-Times" sowie 39 weitere Regionalblätter einzuführen. Damit folgt Gannett, das unter anderem auch die "USA Today" herausgibt, anderen prominenten Zeitungen wie dem "Wall Street Journal" und der "New York Times", die seit geraumer Zeit Teile ihres Online-Angebots nur noch gegen Bezahlung anbieten. Gannetts Strategie wird jedoch kontrovers diskutiert: Experten zweifeln am Erfolg und weisen darauf hin, dass Leser nicht bereit sind, mehr zu bezahlen, während die Redaktionen im Zuge von Massenentlassungen immer weiter schrumpfen. Die Redaktion hat die Entwicklungen zusammengefasst und analysiert:

1. Wie sieht die Bezahlstrategie von Gannett genau aus?
Das Unternehmen orientiert sich in seiner paid content-Strategie am Onlineauftritt der "New York Times": 20 Artikel pro Monat sind für jeden Online-Leser gratis, für weitere Artikel muss danach ein Monats-, bzw. Jahres-Abonennement abgeschlossen werden (6,99 Dollar bzw. 78 Dollar). Print-Abonnenten werden jedoch auch zur Kasse gebeten und müssen 1,99 Dollar pro Monat zahlen. Eine solche "poröse Bezahlmauer" bescherte der "New York Times" anfangs sogar mehr Leser und schreckt Besucher weniger ab, als Webseiten, deren gesamter Inhalt hinter einer Bezahlschranke ist. Zudem verschwinden die Inhalte nicht gänzlich in der Anonymität, wie es bislang mit News Corps Internet-Zeitung "The Daily" passiert ist. Allerdings ist die "Chicago Sun-Times" in Bezug auf internationale Popularität und Reichweite nicht vergleichbar mit der "New York Times" und es bleibt fraglich, ob Zeitungsleser in und außerhalb von Chicago pro Monat mehr als 20 Artikel lesen, zumal das Onlineangebot des Konkurrenzblatts "Chicago Tribune" (Tribune) weiterhin gratis bleiben wird.

2. Warum entscheidet sich Gannett ausgerechnet jetzt für eine Bezahlmauer?
Als privates Unternehmen ist Gannett nicht verpflichtet, aktuelle Geschäftszahlen zu veröffentlichen. Deshalb kennt niemand die wirtschaftliche Situation im größten US-Zeitungshaus. Bekannt ist nur, dass das Unternehmen in den vergangenen sechs Jahren insgesamt 20000 Mitarbeiter entlassen hat. Bei der "Chicago Sun Times" wurden unmittelbar vor der Bekanntgabe der Bezahlmauer sechs Redakteure gefeuert, ohne dass deren Stellen in Zukunft ersetzt werden. Die stark dezimierte Belegschaft, so Kritiker, ist zunehmend nicht mehr in der Lage anspruchsvollen Journalismus zu produzieren - die Leser sollen aber neuerdings mehr dafür bezahlen. Während immer mehr Journalisten und Mitarbeiter ihren Hut nehmen mussten, gönnte sich die Führungsetage geradezu exzessive Gehälter und Abfindungen. Der ehemalige CEO Craig Dubow (Foto), der sich im Sommer nach sechs Jahren an der Konzernspitze in den Ruhestand verabschiedete, verdiente in den vergangenen zwei Jahren 16 Millionen Dollar an Gehalt sowie wird weitere 37 Millionen als Rente bekommen. Die Frage bleibt also, ob mit der Bezahlmauer Journalismus oder Managergehälter finanziert werden sollen.

Mehr dazu:

Guardian: Gannett plans to erect paywalls (08.12.2011)

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