"Cord-Cutting" - Der Anfang vom Ende des Kabel-TV?

17.10.2014

Kabel- und Satelliten-TV-Kunden in den USA haben in den vergangenen Jahren und Monaten scharenweise ihre Verträge gekündigt und streamen TV-Inhalte nur noch  über das Internet. Zwischen 2010 und 2014 haben die größten Kabelsender jeweils zwischen drei und fünf Millionen Abonnenten verloren. Diese als "cord-cutting" bekannte Praxis hat im Zuge der wachsenden Popularität von Netflix nun dazu geführt, dass immer mehr von ihnen eigene VoD-Portale auf den Markt bringen (laut einer Erhebung von SNL Kagan gab einer von sechs Befragten im Alter zwischen 18 und 34 an, in den letzen 30 Tagen TV-Serien ausschließlich auf Tablets und Computern gesehen zu haben). In dieser Woche haben nun die TV-Schwergewichte CBS und HBO angekündigt, Streaming-Plattformen ihrer Sender zu launchen. Während manche Experten bereits vom Anfang vom Ende der Kabel- und Satelliten-TV-Industrie reden, glauben andere, an der Marktmacht der Kabelkonzerne wird sich langfristig nichts ändern. Für Zuschauer und kleinere Sender könnte das fortschreitende cord-cutting jedoch erhebliche Konsequenzen haben.

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US-Kabelsender kann man nicht einzeln bestellen, sondern sie werden in Programmpaketen angeboten, sog. bundles. Die Kabelkonzerne zahlen dabei Lizenzgebühren je nachdem wie viele Abonnenten einen Sender in ihrem Paket haben. Zwar sind die Kabelkonzerne nach einem entsprechenden Gesetz von 1992 dazu gezwungen, kleine Basispakete anzubieten, die nur die wesentlichen, essenziellen großen Sender beinhalten. Diese werden jedoch in der Regel nicht beworben und nur selten and Kunden vermittelt. Die Mehrheit muss stattdessen mit großen und teueren bundles (durchschnittlich 90 Dollar teuer; die Preisspanne geht aber bis zu 250 Dollar im Monat) vorlieb nehmen, inklusive obskurer, kleinerer Kanäle, die von ihnen so gut wie gar nicht gesehen werden. Doch viele Kunden werden gezwungen, für größere Kanäle - etwa Walt Disneys Sports Network ESPN zu zahlen, selbst, wenn sie keine Interessen an Live-Sport haben (ESPN wird über die Paketstruktur regelrecht quersubventioniert - jeder Käufer eines bundles, das ESPN enthält, zahlt monatlich rund sechs US-Dollar an den Sender).

In Zeiten von günstigen VoD-Anbietern wie Netflix bevorzugen immer mehr Zuschauer eine ála cart Option mit der sie nur die Sender (oder einzelne Sendungen) empfangen, die sie auch wirklich sehen möchten. So haben selbst viele der Kunden, die ihren Kabelvertrag noch nicht gekündigt haben, sich dazu entschieden, kleinere Programmpakete zu buchen ("cord-shaving"). In der jüngeren Generation häufen sich derweil die Rezipienten, die noch nie einen Kabelanschluss hatten und vermutlich auch nie dafür bezahlen werden ("cord-nevers").

Wenn sich in den kommenden Jahren mehr Zuschauer vom Kabel- oder Satelliten-TV abwenden, hätte das insbesondere für die kleineren Nischensender dramatische Folgen. Denn in Folge von sinkenden Abonennten-Zahlen würden die Werbeschaltungen entsprechend zurückgehen oder die Sender vollständig aus dem Angebot der Kabelanbieter verschwinden.

Die Rolle von Live-Sport und Internetanschlüssen
Ob die Kabelkonzerne langfristig unter der Entwicklung leiden werden, ist jedoch umstritten. Der Hauptgrund dafür ist, dass die Kabelunternehmen nicht nur Kabelanschlüsse vertreiben sondern auch als Internet Service Provider auftreten. Um die diversen konkurrierende VoD-Portale also flüssig streamen zu können, brauchen die User schnelle Internetanschlüsse. Die Konzerne könnte ihre Internetpreise also entsprechend erhöhen oder (insbesondere in den Gegenden, wo beispielsweise Comcast der einzige erhältlich ISP und Kabelanbieter ist) günstige Kabel- und Internetpakete anbieten.

Ein weiterer Grund dafür, warum Kabel-Fernsehen weiterleben wird, ist laut Analysten Live-Sport. Wie etwa der jüngste Übertragungsrechte-Deal zwischen Time Warner und der Basketball Profiliga NBA deutlich gemacht hat, werden Live-Sport Events für die Networks und Kabelanbieter immer wichtiger, um Zuschauern exklusiven Content anzubieten (allerdings beinhaltete der Deal auch die teilweise Online-Übertragung ausgewählter Spiele; ESPN könnte sich in Zukunft auch dazu entscheiden, ein kostenpflichtiges Streamingangebot zu starten). Schließlich könnte die starke Fragmentierung der diversen TV-Inhalte über mehrere Online-Platformen die Zuschauer abschrecken, ihren Kabelvertrag zu kündigen. Zahlreiche Abogebühren bei diversen Portalen könnten schnell wieder das Volumen eines Kabelpaketes annehmen.

Institut für Medien- und Kommunikationspolitik

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