Buchhandlungen als Showrooms für Amazon?

17.04.2012

In den letzten Monaten wurde zunehmend Kritik an der Verkaufsstrategie eines der größten Online-Versandhändlers der Welt, Amazon, geäußert. Der Konzern dominiert immer mehr das weltweite Buch- und Verlagswesen, sodass sich kleine Buchhändler, Verlage und Zwischenhändler an die Geschäftspraktiken anpassen oder um ihre Existenz bangen müssen. Die Redaktion von mediadb.eu hat die aktuellen Entwicklungen zusammengefasst und die verschiedenen Positionen analysiert.

Welche Kritik wird an Amazon geäußert?
Die Verkaufsstrategie von Amazon sorgte jüngst für Kritik, da das Unternehmen seine Kunden dazu aufrief, Buchhandlungen als „showrooms“ zu nutzen und sich die Bücher dann billiger online über Amazon zu bestellen.

Darüber hinaus verlangt Amazon von Verlagen und Vertriebshändlern eine größere Gewinnspanne. So forderte das Unternehmen im Februar dieses Jahres eine bessere Gewinnmarge von der Independent Publishers Group (IPG), einem Vertriebshändler für Dutzende von Titeln. IPG scheute sich vor einem derartigen Deal, sodass kurzerhand fast 5.000 E-Books des Vertriebshändlers von der Amazon-Webseite genommen wurden. Derartige Reaktionen setzen nicht nur die Händler, sondern auch Schriftsteller wie Ted McClelland aus Chicago unter Druck, der die Hälfte seiner Einnahmen an einem E-Book über Amazons Kindle erzielte.

Amazon beeinflusst nicht nur die Preispolitik und die Art des Vertriebs, sondern auch, über welches Gerät die Inhalte rezipiert werden. Die New York Times berichtet von einer „Taktik der verbrannten Erde“ („scorched-earth tactics“) durch Amazon. Der amerikanische Buchverlag Educational Development Corporation (EDC) – mit 77 Angestellten im Gegensatz zu 56.200 Beschäftigten bei Amazon – widersetzt sich nun diesen Geschäftspraktiken und zieht seine rund 1.800 Kinderbücher aus dem Angebot des Online-Versandhändlers zurück. EDC-Geschäftsführer Randall White erklärte, dass Amazon wie ein Raubtier jeden aus dem Geschäft dränge. Zuvor verfolgte Amazon die Strategie, EDC-Bücher von einem Verlagshändler zu erwerben und sie dann zu Discount-Preisen online zu verkaufen.

Wie reagiert die Konkurrenz auf Amazons Geschäftspraktiken?
Im ersten Quartal 2012 wuchs Amazons Digitalgeschäft, d.i. Inhalte für die Kindle-Geräte, mp3-Dateien, Streaming-Videos und Apps, stärker als das von Apples iTunes. Während die Verkäufe um 29 Prozent im Vergleich zum letzten Quartal 2011 anstiegen, konnte der iTunes Store nur um 2 Prozent im Digitalbereich zulegen. Auch wenn das Gesamtvolumen der Digitalverkäufe bei iTunes wesentlich höher ist, ist sich Apple seit Langem der Konkurrenz bewusst. Bereits 2010 soll Steve Jobs laut Aussagen des US-Justizministeriums geheime Absprachen mit den Verlagen Penguin USA (Pearson Group), Hachette Book Group (Lagardère Publishing), Harper Collins (News Corp.), Simon & Schuster (CBS Corp.,) und Macmillan (s. Georg von Holtzbrinck) getroffen haben, um die Preise für E-Books zu erhöhen. Dadurch versuchten die Unternehmen, sich den niedrigen E-Book-Preisen von Amazon zu widersetzen. Während das Prüfverfahren der EU Kommission noch läuft, hat das US-Justizministerium vor etwa einer Woche eine Kartellklage gegen Apple und die fünf Verlage eingereicht.

Welche Lösungen bietet Amazon an?
Amazon betrachtet das Geschäftsmodell vieler Verlage und Buchhändler als antiquiert und versucht dies durch die Umgehung von Zwischenhändlern aufzumischen. Insbesondere für die Verbraucher sei dies von Vorteil. Der auf Gewinnmaximierung ausgerichtete Konzern verfolgt weiterhin seine Geschäftspraktiken und hat damit – wie man anhand der Kartellklage in den USA sieht – auch Erfolg.

Mehr dazu:

New York Times: Daring to Cut Off Amazon (15.04.2012)

Digital Book World: How EDC Plans to Sell More Books After Dropping Amazon (28.02.2012)

Institut für Medien- und Kommunikationspolitik

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