BBC: Umstrukturierungen und Nachfolge-Diskussion

12.11.2012

Nachdem George Entwistle im Zuge des Pädophilie-Skandals um Jimmy Saville nach nur 54 Tagen als neuer Generaldirektor der BBC zurückgetreten ist, wird bereits über mögliche Nachfolger spekuliert. Für Entwistle war der Druck in den vergangenen Tagen zu groß geworden. Zuerst wurde ihm von einem externen Untersuchungsausschus ein "außerordentlicher Mangel an Interesse" für die Angelegenheiten der Anstalt vorgeworfen. So hatte er nicht interveniert, als die Ausstrahlung eines kritischen Nachrichtenbeitrag über die Verfehlungen des ehemaligen "Top of the Pops"-Moderator in letzter Minute gecancelt wurde. Zuletzt musste er eingestehen, nichts von der Ausstrahlung eines Fernsehbeitrags gewusst zu haben, in dem ein britischer Politiker irrtümlicherweise als möglicher Kinderschänder denunziert wurde. Ebenfalls ins Kreuzfeuer der Kritik geraten ist Lord Patten (Foto), Vorsitzender des BBC Trusts. Interimsweise ist nun Tim Davie für Entwistle eingesprungen. Die Redaktion von mediadb.eu hat die Debatte um eine Neustrukturierung der Anstalt und mögliche Kandidaten auf den Chefposten der BBC zusammengefasst:

Wie könnte sich die BBC nach dem Skandal neu aufstellen?
Im Angesicht der wohl größten Krise seit Bestehen der Anstalt werden nun Stimmen lauter, die fordern, die BBC ganz abzuschaffen oder zumindest radikal zu verkleinern. Der Savile-Skandal hat die Debatte wiederbelebt, ob sich Großbritannien weiterhin einen bürokratischen Apparat leisten soll, der rund 23,000 Personen beschäftigt und ein jährliches Budget von umgerechnet knapp sechs Millionen Euro verschlingt. Viele britische Bürger sind - aufgeheizt durch die traditionell BBC-feindliche Boulevard-Presse - zunehmend nicht mehr bereit, 230 Pfund an jährlichen Gebühren zu zahlen, insbesondere wenn die Anstalt regelmäßig Skandale produziert. Immer wieder sorgen die hohen Gehälter der BBC-Führungskräfte für Kontroversen. Dass George Entwistle nach seinem Rücktritt sein kompletes Jahressalär in Höhe von 450 000 Pfund erhalten soll, hat die Kritik an der BBC noch weiter befeuert.

Lord Patten hat bereits angekündigt, die BBC müsse komplett umstrukturiert werden, um interne Skandale in der Zukunft zu vermeiden oder besser managen zu können. So mangelt es offensichtlich an Kommunikationsmechanismen zwischen der BBC-Chefetage und den einzelnen Chefredakteuren und Journalisten. Einer der momentan kursierenden Vorschläge beinhaltet die Schaffung eines mit den Redaktionen verbundenen Ombudsmann, der direkt an den Generaldirektor berichtet. Abgesehen davon soll die Führungsetage verschlankt werden. Patten merkte jüngst an, die BBC hätte "mehr hochrangige Führungskräfte als die kommunistische Partei von China". Das "Bureau of Investigative Journalism", das für die jüngste falsche Berichterstattung verantwortlich war, könnte geschlossen werden.

Welche möglichen Nachfolger für Entwistle werden momentan diskutiert?
Zu den momentan aussichtsreichsten Kandidaten für den frei gewordenen Posten des Generaldirektors zählen neben Interims-Direktor Tim Davie unter anderem Caroline Thompson, Ed Richards und Marjorie Scardino. Thompson verließ die BBC im September nachdem sie für den Chefposten nicht berücksichtigt wurde und Entwistle stattdessen Generaldirektor wurde. Als ehemalige Chefin des operativen Geschäfts gilt sie als BBC-Insiderin mit einem guten Gespür für Krisen-Management. Ebenfalls gute Chancen besitzt Ed Richards, der langjährige Chef der britischen Medienregulierungsbehörde Ofcom. Allerdings könnte er aufgrund seiner engen Kontakte zur Labor-Partei (er war unter anderem Medienberater für Tony Blair) als politisch voreingenommen wahrgenommen werden. Scardino hingegen war 15 Jahre lang Chefin des britischen Medien- und Bildungskonzern Pearson, den sie zum Jahresende verlässt. Es ist also möglich, dass zum ersten Mal in der Geschichte eine Frau an der Spitze der BBC stehen könnte.

Mehr dazu:

The Guardian: BBC director general appointment- runners and riders (11.11.2012)

Institut für Medien- und Kommunikationspolitik

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