Alarmismus oder nur eine Frage der Zeit: Platzt die zweite Dot.com-Blase?

08.09.2015

CC by Brocken Inaglory

In der US-Wirtschaftspresse wurde in diesem Sommer lebhaft darüber diskutiert, ob wir uns inmitten einer neuen Dot.com-Blase befinden und wann diese platzen wird. Es ist das FOMO-Syndrom („fear of missing out”), das immer mehr Investoren auch noch zu späteren Zeitpunkten enorme Summen in Internet-Start-Ups investieren lässt. Das hat unter anderem dazu geführt, dass die Zahl von unicorns, also jungen Unternehmen deren Wert auf mehr als eine Milliarden Dollar beziffert wird, in den letzten Jahren von einigen wenigen auf mehr als hundert angestiegen ist.

Star-Investoren wie Marc Cuban oder der Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Shiller, die vor einem größeren Crash als 1999/2000 warnen, stehen in der Debatte VC-Konglomeraten wie Andreessen Horowitz gegenüber, die Spekulationen über eine mögliche Blase als Paranoia abtun. Dennoch sind sich Beobachter angesichts des Verhältnisses zwischen teilweise absurd hohen Bewertungen der Start-Ups und deren realen Wert einig, dass wir uns per definitionem in einer Blase befinden. Zwar unterscheidet sich diese in wesentlichen Aspekten von der des Jahrtausendwechsels; dass die Blase platzen wird steht für sie jedoch fest, die Frage ist nur wann.

Dass insbesondere im Start-Up-Bereich viele Tech-Firmen dramatisch überbewertet sind, ist unbestreitbar: von den 13 Technologieunternehmen die im ersten Halbjahr 2015 an die Börse gegangen sind, erwirtschafteten nur zwei im Jahr davor Gewinne. Die Grundlage für den Wert eines Start-Ups sind schon längst nicht mehr erprobte Kennzahlen wie Umsatz oder Gewinn sondern oft schwammig definierte Parameter wie recurring revenues. Im Fall von Uber Technologies, mit einem auf diese Weise bezifferten Unternehmenswert von 40 Milliarden Dollar doppelt so wertvoll wie American Airlines, funktionieren diese Rechentricks folgendermaßen: ausschlaggebend für die Bewertung sind bookings, also die Summe der Beträge, die Fahrgäste an die Uber-Chauffeure bezahlen. Das Unternehmen behält jedoch von jeden gezahlten Dollar nur 25 Cent. Der reale Umsatz ist also um drei Viertel geringer. Die jährlichen Verluste von Uber summierten sich übrigens zuletzt auf 500 Millionen US-Dollar.

Niemand würde ernsthaft behaupten, etablierte Onlineunternehmen wie Amazon, Facebook, Google oder Apple, die reale Produkte und wertvolle Dienstleistungen anbieten, wären Teil einer Blase. Vor Überbewertungen sind selbst diese jedoch nicht gefeit, wie am Beispiel von Facebook deutlich wird. Als börsennotiertes Unternehmen ist es verpflichtet, Umsätze und Gewinne auszuweisen. Um Investoren und Aktionäre bei Laune zu halten, publiziert das Unternehmen jedoch auch eine zweite Kategorie an so genannten pro forma-Ergebnissen, die Aufwendungen für aktienbasierte Vergütungen und deren Besteuerung ausklammern. In den vergangenen vier Quartalen vermeldete Facebook auf diese Weise Ergebnisse, die durchschnittlich fünfzig Prozent über dem realen Gewinn lagen.

Sorgen bereiten jedoch vor allem extrem überwertete Start-Ups, die auf App-Ideen, E-Commerce- oder Webseiten-Optimierung beruhen. Beispiele gibt es hierfür zuhauf: Rubicon Project, ein Unternehmen, das auf die Werbevermarktung von Webseiten spezialisiert ist, fantasierte 2010 gegenüber Investoren davon, den Umsatz innerhalb eines Jahres auf 200 Millionen Dollar zu steigern. Drei Jahre und einen Börsengang später lagen der tatsächliche Umsatz bei 37 und der Verlust bei 15 Millionen Dollar. Und Marc Lore, Gründer der inzwischen an Amazon verkauften Windel-Website diapers.com, prognostizierte Anfang des Jahres, dass der „Umsatz” seiner neuen Shopping-Community Jet.com auf 20 Milliarden Dollar steigen würde – mehr als beispielsweise Bertelsmann im Jahr 2014 erwirtschaftete.

Für internationale Medienkonzerne, die nach dem Niedergang des Printsektors und der sich abzeichnenden Krise des Kabel-TV-Geschäftsmodells händeringend nach neuen Investitionsmöglichkeiten suchen, sind solche Start-Ups ein gefundenes Fressen. Besonders digitale Medien-Startups unter den Einhörnern wie Buzzfeed, Vice Media oder Spotify haben es Medienmanagern angetan. Doch für sie gilt (wenn auch in kleinerem Ausmaß) dasselbe wie für Uber, und Co: niemand kann mit Sicherheit sagen, ob und wann diese Firmen jemals nennenswerte Umsätze und Gewinne erwirtschaften. So hat der weltweit größte Medienkonzern Comcast zuletzt hunderte Millionen Dollar in die Web-Marken Buzzfeed und Vox Media investiert  (ebenso Axel Springer, das Anteile Business Insider und Mic.com erworben hat), in der Hoffnung dass diese Marken in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren – auf Grundlage ihrer Bewertung – so wertvoll werden wie etablierte US-Kabelsender. Da jedoch weiterhin völlig offen ist, wie journalistische Angebote im hart umkämpften Web langfristig profitabel werden können, darf zumindest bezweifelt werden, ob sich diese Investitionen wirklich lohnen. GigaOm, eine gehypte Technologie-Newsseite, die von Investoren 22 Millionen einsammeln konnte, musste im vergangenen Jahr wegen fehlender Mittel ihren Betrieb einstellen.

Kritiker der Theorie einer zweiten tech bubble wie Marc Andreessen weisen zu Recht daraufhin, dass die Situation in vielerlei Hinsicht anders ist als vor fünfzehn Jahren. Damals waren es hunderte von börsennotierten Unternehmen, die hoffnungslos überbewertet waren, heute handelt es sich überwiegend um private Unternehmen. Das Investitionsniveau in Start-Ups hat deswegen noch lange nicht das Niveau von 1999 erreicht. Zudem sind nicht nur Technologie- und Internetfirmen (zu) hoch bewertet; Robert Shiller spricht deshalb auch von der Gefahr einer everything bubble, die alle Sektoren der Wirtschaft betrifft. Dennoch bleibt das Risiko einer zombie start-up apocalypse immanent. Diese hätte jedoch auch positive Seiten: die Unternehmen wären bei ausbleibenden Kapitalinfusionen dazu gezwungen, natürlich zu wachsen und müssten sich auf ihre eigentlichen Aufgaben konzentrieren: reale Umsätze und Gewinne erwirtschaften.

Institut für Medien- und Kommunikationspolitik

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