Abhörskandal: neue Entwicklungen

07.11.2011

Der im vergangenen Sommer vom britischen "Guardian" aufgedeckte Abhörskandal der "News of the World" (News Corp.) ist trotz Einstellung der Wochenzeitung noch lange nicht ausgestanden. James Murdoch, Europachef des Medienkonzerns und Sohn von News Corp.-Chef Rupert Murdoch, muss am kommenden Donnerstag erneut vor dem Untersuchungsausschuss des britischen Parlaments über seine Kenntnis der illegalen Abhörmethoden und deren anschließender Verschleierung Rede und Antwort stehen. Indes weitet sich der Skandal immer weiter aus. Jüngst wurde der erste im Dienst der britischen Zeitungssparte News International stehende Journalist verhaftet, der nicht für die "NotW" arbeitete, sondern für das Schwesterblatt "The Sun". Für eine weitere Kontoverse sorgt auch die üppige Abfindung für die im Zuge des Skandals entlassene ehemalige "News International"-Chefin Rebekah Brooks. Die Redaktion von mediadb.eu hat die jüngsten Entwicklungen zusammengefasst:

1. Was erwartet James Murdoch bei seinem zweiten Auftritt vor dem parlamentarischen Untersuchungssausschuss?
Obwohl Murdoch erst für News Corps britische Zeitungen verantwortlich war, nachdem der Reporter Clive Goodman 2007 für Abhöraktionen der königlichen Familie zu einer Haftstrafe verurteilt wurde, soll er von Schweigeldzahlungen an Goodman sowie diverse Abhöropfer gewußt haben. Außerdem soll James Murdoch mehrfach darauf hingewiesen worden sein, dass Goodman nicht der einzige Journalist war, der die Mobiltelefone von Prominenten und Angehörigen von Terror-Opfern abhörte. So soll ihn der ehemalige "NotW"-Redakteur Colin Myer gemeinsam mit dem Chefjuristen Tom Crone in einer Email auf die weitverbreitete Praxis des Hackens von Mobiltelefonen hingewiesen haben - was Murdoch jedoch bei seinem ersten Auftritt vor dem Untersuchungsausschuss im Sommer 2011 verneint hatte.
Beobachter gehen davon aus, dass Murdoch dieses Mal einräumen wird, persönlich nicht genug getan zu haben, sich mehr über das Ausmaß der Abhöraktionen zu informieren. Was und wieviel Murdoch genau zugeben wird, bleibt jedoch unklar. Laut Informationen des "Guardian" wird sein Auftritt genauestens mit einem Team von News Corp-Anwälten abgesprochen sein, mit denen sich Murdoch seit Wochen minutiös vorbereitet.

2. War die "NotW" die einzige Murdoch-Zeitung, die Abhöraktionen durchführte?
Seitdem vergangene Woche der "Sun"-Reporter Jamie Pyatt wegen Korruptionsvorwürfen verhaftet wurde und auf Kaution wieder auf freien Fuß gelassen wurde, besteht die berechtigte Annahme, dass kriminelles Verhalten bei allen britischen News Corp.-Zeitungen auf der Tagesordnung stand. Hyatt, der 20 Jahre ununterbrochen für die "Sun" tätig war, wird vorgeworfen, Polizisten bestochen zu haben, um Hinweise über die Aufenthaltsorte von Adligen und Prominenten zu erhalten. Welches Ausmaß der Abhör- und Bestechungsskandal angenommen hat, zeigt auch eine inzwischen eingerichtete News Corp.-Webseite, auf der Abhöropfer auf schnelle und bequeme Art bei Bedarf ihre außergerichtliche Abfindung regeln können. Scotland Yard geht davon aus, dass in den vergangenen Jahren bis zu 5795 Menschen von Privatdetektiven im Auftrag von News Corp. abgehört wurden.

3. Welche Rolle spielt die ehemalige "News International"-Vorsitzende Rebekah Brooks?
Brooks war nicht nur Chefredakteurin der "NotW" sowie Chefin der gesamten Zeitungssparte, sondern zwischen 2003 und 2009 auch leitende Redakteurin bei der "Sun". Es liegt also nahe, dass Brooks auch bei der "Sun" von Abhöraktionen gewusst oder diese in Auftrag gegeben hat. Für weiteren Ärger sorgt jetzt ein Abfindungspaket, das Brooks nach ihrer Entlassung bei News Corp. erhalten hat. Murdoch entließ die ihm persönlich nahestehende Brooks erst nachdem diese von der Londoner Polizei verhaftet worden war. Laut "Guardian" soll Brooks eine Abfindung in Höhe von 1,7 Millionen Pfund, ein Büro in der Londoner Innenstadt sowie für weitere zwei Jahre eine Limousine inklusive Chaffeur erhalten haben.

Mehr dazu:

The New York Times: Journalist's Arrest Adds to Woes of Murdoch's British Empire (04.11.11)

Institut für Medien- und Kommunikationspolitik

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