Zum 60. Geburtstag der ARD: Medienforscher kritisieren Programm

13.04.2010

Journalismusforscher und Medienexperten haben zum 60. Geburtstag der ARD das Programm des öffentlich-rechtlichen Senderverbunds kritisiert. Die dritten Programme seien zu stark auf „Wohlfühlfernsehen“ und „unkritischen Heimatidylle“ ausgerichtet, beklagte Volker Lilienthal, Inhaber der Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur für Qualitätsjournalismus an der Universität Hamburg. Damit erreiche man ein jüngeres Publikum nicht. „Wenn ich aber jüngere Zuschauer haben will, muss ich mich an einigen Stellen von traditionellen Programmfarben verabschieden“, sagte Lilienthal im Interview.

Die Überalterung des ARD-Programms kritisierte auch Bernd Gäbler, Journalistik-Dozent und Publizist. „Es gibt einen fast kompletten Generationenabriss, aber kaum Ideen, ihn zu kitten“, schreibt Gäbler in seiner Medienkolumne. So gelinge der ARD beispielsweise nicht der Transfer der Radio-Jugendwellen ins Fernsehen. Und vor der Bundestagswahl im vergangenen Jahr habe die private Konkurrenz – Stefan Raab im Programm von Pro Sieben – die wichtigste Fernsehsendung für junge Wähler angeboten.

Eine signifikante „Berlin-Schwäche“ konstatierte zudem Lutz Hachmeister, Direktor des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik in Berlin und verantwortlich für mediadb.eu. Die ARD sei wahrscheinlich die einzige große Rundfunkanstalt der Welt, die in der Hauptstadt so schlecht repräsentiert sei, sagte er dem epd. „Die Berliner Republik bildet sich im Programm der ARD nicht wirklich ab“, kritisierte Hachmeister, der der ARD aber gleichzeitig auch ein Kompliment machte. Im Vergleich mit dem ZDF sei das Erste „im Zweifel das präzisere, schärfere, politischere Programm“.

Die ARD feiert in dieser Woche mit mehreren Sendungen im eigenen Programm den 60. Geburtstag. Gegründet wurde sie allerdings nicht im April, sondern am 5. Juni 1950: Sechs Rundfunkanstalten schlossen sich damals zur Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland (ARD) zusammen. Heute besteht der gebührenfinanzierte Senderverbund, der im Ranking der 50 umsatzstärksten Medienkonzerne der Welt auf Rang 17 und damit noch vor der britischen BBC liegt, aus den neun Landesrundfunkanstalten Bayerischer Rundfunk (BR), Hessischer Rundfunk (HR), Mitteldeutscher Rundfunk (MDR), Norddeutscher Rundfunk (NDR), Radio Bremen (RB), Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB), Saarländischer Rundfunk (SR), Südwestrundfunk (SWR) und Westdeutscher Rundfunk (WDR).

Mehr dazu:

- derwesten.de: Medienexperte erwartet Fusion von ARD-Sendern (12.04.2010)
- epd Medien: Medienforscher Hachmeister – ARD ist stärker denn je (12.04.2010)
- stern.de: Der überalterte Koloss – Medienkolumne Bernd Gäbler (13.04.2010)
- Süddeutsche Zeitung: „Liebe ARD, hochverehrtes Phantom ...“ (13.04.2010)
- Die Welt: ARD – Macht über die Maßen (13.04.2010)


Institut für Medien- und Kommunikationspolitik

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