Das langsame Verschwinden eines Medienkonzerns

07.02.2021

„Arnaud Lagardère kann den Kopf aus der Schlinge ziehen... diesmal zumindest“, titelte Libération am 5. Mai 2020. Und fasste so die Ergebnisse der von vielen als „schicksalhaft“ angekündigten Hauptversammlung des Konzerns zusammen. Seit 2016 nämlich hat Lagardère den „aktivistischen Investmentfonds“ von Amber Capital (London) im Nacken bzw. dessen Gründer und Managing Partner Joseph Oughourlian, geboren 1972, Franzose mit libanesisch-armenischem Hintergrund und Hauptaktionär/Präsident des Fußball-Erstligisten RC Lens. Oughourlian, „the man who wants Arnaud Lagardère’s skin“, lässt nicht locker. Seit 2016 wirft er dem Lagardère-Chef sein „disastrous management“ vor.

Er ist nicht der Einzige. Eigentlich und vor allem war Arnaud Lagardère immer der fils à papa, daddy’s boy, nur „der Sohn von...“, einziger Nachkomme und prädestinierter Erbe des legendären französischen Großindustriellen Jean-Luc Lagardère, der aus einem mittelständischen Unternehmen einen Weltkonzern, ein Rüstungs- und Medienkonglomerat gemacht hatte. Als Lagardère Senior 2003 nach einer Hüft-OP an Blutvergiftung starb, musste der 42-jährige Arnaud übernehmen. Für das Pariser Finanz-Establishment war klar: Er konnte es nicht, war nur ein blasses Abbild des Vaters, sprunghaft, nur ein Dilettant.

Sein größter Flop: die Idee mit der Sportvermarktung, mit der Arnaud Lagardère, Sportfan wie sein Vater, wohl versuchen wollte, aus dem übergroßen Schatten von Jean-Luc Lagardère herauszutreten, ein eigenes Profil zu gewinnen, sein eigenes Ding zu machen. Er und seine filiale chérie Lagardère Sports investierten mehr als 1,2 Milliarden Euro in sein „hobbysness“, in Medien- und Vermarktungsrechte von Dutzenden europäischer Fußball-Klubs, vom Afrika-Cup, vom Asien-Cup und in das Management diverser Top-Tennis- und Golfspieler, Rallyefahrer und Schwimmer. Ende 2019 aber wird Lagardère Sports mit nur noch 110 Millionen Euro bewertet, 75 Prozent werden an einen Investor aus Miami abgegeben. 

Innerhalb von zehn Jahren nach dem Tod seines Vaters hat Arnaud Lagardère das Unternehmen halbiert. Er verkaufte die Regionalpressetitel (2007), das „International Magazine Business“ (2011 an Hearst), letzte Anteile am Luft-, Raumfahrt- und Rüstungskonzern EADS (2013), den 25-prozentigen Anteil an der Groupe Amaury (L’Équipe, Tour de France, 2013), den 20-prozentigen Anteil an Canal + France (an Vivendi, 2013). Danach Internetseiten wie Doctissimo und Mondocteur (2018), die Magazin-Presse in Frankreich mit Titeln wie Elle, Version Femina, Télé 7 Jours, Ici Paris, France Dimanche u.a. (2019, an Czech Media Invest), ebenfalls 2019 eine Reihe von TV-Sendern an M6. Im aktuellen IfM-Ranking liegt Lagardère auf Platz 34.

Ein Grund, vielleicht der wichtigste, für die zahlreichen Verkäufe war sicherlich Arnaud Lagardères abenteuerlicher persönlicher Schuldenstand. Fast eine halbe Milliarde Euro hatte er aufgenommen, um damit 2003, nach dem Einstieg als CEO, seine Lagardère-Aktienposition zu stärken. Die ganzen Verkaufserlöse gab er dann weiter an sich selbst und die anderen Aktionäre mit enormen Dividenden, manchmal höher als der Unternehmensgewinn. Anfang 2020 gab er an, die Schuldenlast auf 164 Millionen reduziert zu haben. Trotz allem aber, trotz fehlender Strategie, erratischem Management, Rückgang bei Gewinn und Investitionen, zahlt Arnaud Lagardère sich selbst und seinem „Exekutiv-Komitee“ weiterhin Vergütungen in Millionenhöhe. Dazu Joseph Oughourlian/Amber Capital: „Es gibt hier eine ungesunde Kultur von Plünderung. Egal, was passiert, die Führungskräfte stecken ihre Gehaltsschecks ein... In jedem anderen Unternehmen würde man sagen: Es reicht!“

Dann kam Covid-19 dazu. Lagardère, zuvor eine diversifizierte Unternehmensgruppe, hat die Geschäfte jetzt in drei Sparten gebündelt, z.T. sehr schwer betroffen von der Pandemie. Zu sehen in erster Linie an den radikalen Umsatzeinbußen von „travel retail“, also den 5.000 Restaurants und Shops in Flughäfen und Bahnhöfen auf fünf Kontinenten. Oder am Rückgang im Werbegeschäft bei den verbliebenen Medien-Aktivitäten. Die Aktie, die sich seit über zehn Jahren zwischen 20 und 30 Euro bewegt hatte, fiel zeitweise auf 8,50 Euro. Der Marktwert sank auf knapp über eine Milliarde.

Am 5.5.2020 also die Generalversammlung. Arnaud Lagardère, wie gesagt, konnte den Kopf aus der Schlinge ziehen. Amber Capital hatte vom günstigen Kurs profitiert, den Aktienanteil auf 16 Prozent erhöht und sich eigentlich vorgenommen, mit einer Art Coup d’État den Aufsichtsrat abzuberufen. Um dann, und das war der zentrale Punkt, mit einem neuen Aufsichtsrat aus Vertrauensleuten eine Verlängerung von Arnaud Lagardères im März 2021 auslaufenden Verwaltungsmandat zu verhindern. Ein Chefposten, auf dem Lagardère eigentlich unanfechtbar sitzt, durch den besonderen Rechtsstatus einer Kommanditgesellschaft auf Aktien. Sieben Prozent des Kapitals genügen ihm, um die vollständige Kontrolle über das Unternehmen zu behalten, das seinen Namen trägt. Ein Zustand, der ein ineffizientes und überteuertes Geschäftsmodell nach sich zieht, dem Amber Capital und Gründer Oughourlian ein Ende setzen wollten.

Es hat nicht funktioniert. „Hexagonal capitalism strikes back“, las man. Lagardère hatte sich mächtige Unterstützer an Bord geholt, es war ein Paradebeispiel für die unter französischen Eliten nicht seltene Vetternwirtschaft. Unterstützer wie den bretonischen Milliardär Vincent Bolloré, der zugleich mit einem Anteil von rund 26 Prozent Vivendi kontrolliert, den anderen Medienriesen aus Frankreich (auf Platz 20 im aktuellen IfM-Ranking). Er übernahm 11 Prozent von Lagardère. Oder Marc Ladreit de Lacharrière, ein weiterer Milliardär, zuvor Mehrheitseigner der Fitch-Ratingagentur (heute ein Teil von Hearst, Platz 24 im aktuellen IfM-Ranking). Er stieg mit drei Prozent ein. Guillaume Pepy, zuvor CEO der staatlichen französischen Eisenbahngesellschaft SNCF, wurde rechtzeitig im Februar 2020 in den Lagardère-Aufsichtsrat gewählt, wie auch Nicolas Sarkozy. Der im April 2005, also zwei Jahre vor seiner Wahl zum Präsidenten, über den sechs Jahre jüngeren Arnaud Lagardère sagte: „Er ist mehr als ein Freund, er ist ein Bruder.“ Er wurde sicherlich auch wegen seiner guten Beziehungen zu den katarischen Machthabern geholt, genauer gesagt zum Emir des Golfstaats Scheich Tamim bin Hamad Al Thani (geb. 1980, Staatsoberhaupt seit 2003. Verheiratet mit drei Frauen, neun Kinder). Sarkozy als „Luxusvermittler“ sollte dafür sorgen, dass auch Katar als einer der Hauptaktionäre (ca. 13 Prozent Anteil am Kapital, 20 Prozent der Stimmrechte) Arnaud Lagardère gewogen blieb. Der Coup d’État fand nicht statt, und der Kurs fiel um weitere fünf Prozent.

Die dramatische Wendung folgte am 11. August 2020. Vincent Bolloré, der seine Lagardère-Beteiligung mittlerweile auf 23,5 Prozent ausgeweitet hatte, stellte sich auf die Seite von Amber Capital (20 Prozent), wechselte die Fronten, schaltete auf Angriff. Zur Erinnerung: Bollloré (Jg. 1952) ist ein in französischen Wirtschaftskreisen berüchtigter, gefürchteter Name. Ein Corporate Raider, eine Heuschrecke also, „ein Name, der bei Traditionsunternehmen die Alarmglocken läuten lässt“, wie es in der FAZ schon 2002 einmal hieß, „das Sinnbild des Finanzhais“. Jetzt machte Libération am 11.8. aus Bolloré eine Boa, eine Würgeschlange, die sich im Moment der größten Sommerhitze um den Hals von Arnaud Lagardère legte. Bolloré und Amber Capital schlossen einen Pakt und forderten vier Sitze im Lagardère-Aufsichtsrat, drei für Amber, einen für Vivendi. Vorher aber, als ihm auffiel, dass Bolloré seinen Anteil sukzessiv erhöhte, hatte Arnaud Lagardère die Lage mit einem besonderen taktischen Move weiter verkompliziert. Bernard Arnault, Chef des Luxuskonzerns LVMH (Louis Vuitton, Moët & Chandon, Hennessy), laut Forbes mit 94 Milliarden US-Dollar im Mai 2020 reichster Franzose, reichster Europäer, drittreichster Mensch überhaupt, erwarb für 80 Millionen Euro ein Viertel an Arnaud Lagardères privater Holding: „Meine Freundschaft mit Jean-Luc Lagardère verbindet unsere Familien, ich habe den allergrößten Respekt für das Unternehmen, das er aufgebaut hat.“ Die vielen Arnault-Millionen schienen zunächst wie ein Gefallen, der Arnaud Lagardère Luft verschaffen sollte: angesichts des zu niedrigen Aktienkurses, gegenüber den Verpflichtungen bei seiner Hausbank Crédit agricole. Aber war es das wirklich? Oder hatte Bernard Arnault eine eigene Agenda? Jedenfalls: Zwei milliardenschwere Finanziers waren jetzt im Spiel um das Erbe von Jean-Luc Lagardère, dazwischen ein früherer Staatspräsident. Bernard Arnault, der Trauzeuge bei Sarkozys zweiter Ehe mit Cécilia im Rathaus von Neuilly. Vincent Bolloré, der Sarkozy nach seinem Wahlsieg 2007 einen Privatjet und eine Yacht für einen Kurzurlaub vor Malta zur Verfügung gestellt hatte. Jeder half jedem, und jeder hatte einen Plan.

Am 18. August 2020, eine Woche, nachdem Bolloré/Vivendi und Amber Capital ihre 43,5 Prozent des Kapitals ausmachende Allianz publik gemacht hatten, der nächste Eskalationsschritt. Ein kluger Schachzug: Arnaud Lagardère ließ sich sein Verwaltungsmandat kurzerhand vorzeitig verlängern, vor dem eigentlichen Mandatsende im März 2021. Noch wusste er die Aufsichtsratsmehrheit hinter sich. Empörung auf der Gegenseite: Dieser „Akt des Widerstands“ bedeute nichts weniger als eine Infragestellung der Aktionärsdemokratie. Der Lagardère-Titel fiel um fünf Prozent. Doch wohl niemand wird geahnt haben, was am 23. September passierte. Un événement rarissime – ein äußerst seltenes Ereignis, als sogar Katar bzw. der staatliche Fonds der Qatar Holding LLC Position bezog, sich an die Seite von Vivendi und Amber Capital stellte und „als langjähriger Investor“ einen Sitz im Aufsichtsrat forderte. Unklar, welche Rolle Sarkozy jetzt spielte. Hatte er vielleicht auch die Seite gewechselt und seinen „Bruder“ Arnaud Lagardère verraten? Lagardère lehnte es am 31.8. ab, Vivendi und Amber Capital die geforderten Sitze im Aufsichtsrat einzuräumen. Amber zog vor das Pariser Handelsgericht, ohne Erfolg.

Wie geht es weiter? Unabhängig von der für Mai 2021 vorgesehenen nächsten Generalversammlung zeichnete sich bereits im November 2020 ab, dass die Sache am Verhandlungstisch geklärt werden wird. Am 3. Februar 2021 zitierte Libération einen Vertreter aus dem Umfeld von Bolloré: „Sie [Bolloré und Arnault] haben entschieden: Es wird keinen Krieg geben.“ Auf der Seite von Bernard Arnault hieß es: „Es wird außergerichtlich geregelt werden.“ Eine weitere Quelle äußert sich in LibreECO mit : „Bernard Arnault, Arnaud Lagardère und Vincent Bolloré sind momentan im Gespräch. Da wird man eine Lösung finden.“

Erster Punkt: Arnaud Lagardère, der verschuldete Manager ohne Fortüne, wird seinen Posten räumen müssen. Er hat sich damit abgefunden, dass er seine Sonderrolle mit Kommanditistenstatus wird abgeben müssen (Joseph Oughourlian wird's freuen). Und wohl im Gegenzug 250 bis 300 Millionen Euro (in Lagardère-Aktien) kassiert. Und sein Konzern, wird der jetzt demontiert? Es ist kein Geheimnis, dass Bolloré (Vivendi) am liebsten den Radiosender Europe 1 aus dem Lagardère-Portfolio übernehmen würde, was allerdings an dem Veto von Arnault scheitern könnte. Denn Bernard Arnault, auch das kein Geheimnis, steht dem Élysée und Emmanuel Macron nahe (er kleidet seine Frau ein), der wenig Interesse daran haben wird, dass Bolloré, der schon den TV-Sender CNews zu einer Plattform für rechte Politiker und Publizisten aufgebaut hat, auch noch Europe 1 kauft, ein Jahr vor den nächsten Präsidentschaftwahlen. Vor dem Hintergrund versteht man, dass von „Kollusion unter Wirtschaftseliten“ die Rede ist, von einem abgekarteten Spiel, von Eigeninteressen natürlich, oder von dem „match des milliardaires pour contrôler Lagardère“ (Libération). Wenn es mit Europe 1 nicht klappt, vielleicht konzentriert sich Bolloré dann auf die französische M6-Gruppe (und das dazugehörige RTL-Radio), die Bertelsmann ja zum Verkauf anbietet. Bernard Arnault, so hört man, zeigt wenig Interesse an Europe 1, hat dafür aber auf das Journal du Dimanche und das Traditionsmagazin Paris Match ein Auge geworfen.

Schließlich Hachette, Lagardères Verlagsriese, 2,38 Milliarden Euro Umsatz 2019. Dessen internationale Aktivitäten (in den USA, in Großbritannien) und einige dazugehörige renommierte inländische Verlagshäuser (Grasset, Stock, Fayard) wären auch etwas für den Bretonen Bolloré und seine Vivendi-Verlagssparte Editis. Die Frage ist: allein wenn nur das internationale Geschäft von Hachette (das zwei Drittel des Hachette-Gesamtumsatzes ausmacht) abgespalten und an Vivendi verkauft würde. Was bleibt dann noch von der Groupe Lagardère? Was bleibt von einem der einstmals größten Medienkonzerne Europas?

Institut für Medien- und Kommunikationspolitik

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