Heavy investment: Aktivitäten von KKR am deutschen Medienmarkt

28.08.2020

Zunächst ein Blick zurück. Mitte Dezember 2006 kauften Kohlberg Kravis Roberts (KKR, gegründet 1976 in New York) gemeinsam mit der britischen Permira, einer weiteren Beteiligungsgesellschaft, dem US-Investor Haim Saban den Münchener Fernsehkonzern ProSiebenSat.1 ab – für rund drei Milliarden Euro. Man erinnert sich, es war die Zeit der vom SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering in Bild am Sonntag (am 17. April 2005) angefeuerten „Heuschreckendebatte“, in der er sich gegen den Marktradikalismus einer Gruppe von Private Equity-Unternehmen aussprach, ohne konkrete Namen zu nennen („Investoren, die keinen Gedanken an die Menschen verschwenden, deren Arbeitsplätze sie vernichten“). Auf einer schwarzen Liste („Die Namen der Heuschrecken“), die am 28.4.2005 auf stern.de stand, wurden KKR und Permira aber ausdrücklich erwähnt. Schon vor dem ProSiebenSat.1-Investment also war KKR (nach dem Einstieg beim Triebwerkhersteller MTU 2005) wegen „räuberischem Kapitalismus“ ins Kreuzfeuer geraten und hatte damals gekontert mit: „Wir grasen nicht ein Land ab und ziehen dann weiter. Sondern wir investieren langfristig." Für den ägyptischen Medienunternehmer Saban, nach Übernahme von Teilen der insolventen Kirch-Gruppe im August 2003 ProSiebenSat.1-Haupteigner, bedeutete der Deal in jedem Fall einen satten Milliardengewinn. KKR und Permira fusionierten ProSiebenSat.1 dann erfolgreich mit der skandinavischen SBS Broadcasting Group (nach RTL entstand so der zweitgrößte europäische TV-Anbieter) und taten sieben Jahre später, was Finanzinvestoren so tun: Sie machten Kasse. Im Januar 2014 verkaufte das Konsortium seine Anteile mit gut einer halben Milliarde Euro Profit.

 

Jetzt hat KKR wieder am deutschen Markt, und besonders am deutschen Medienmarkt Interesse gefunden. Bereits im Frühjahr 2019 unternahm man federführend einen Großeinkauf, um ein zunächst namenloses „Entertainment-Haus“ bzw. eine „TV-Plattform“ unter Geschäftsführer Fred Kogel zusammenzustellen (Tele München Gruppe, Universum Film, i&u TV, Wiedemann & Berg Filmproduktion; jeweils ohne Angaben zum Kaufpreis). Die Namensfrage wurde dann im September aufgelöst („Leonine“ wegen Bezug zu Bayern und dem bayerischen Wappentier), weitere Details der Firmenstrategie wurden deutlich: Ziel sei ein pan-europäisches Filmstudio, unter der von CEO Fred Kogel, COO Markus Frerker, CFO Joachim Scheuenpflug und Chief Distribution Officer Bernhard zu Castell geführten Holding soll das Geschäft in die Bereiche Leonine Production, Leonine Distribution und Leonine Licensing aufgeteilt werden. Oder, so Fred Kogel: „Es ist unser Ziel, die neuen Möglichkeiten einer veränderten Content-Welt zu nutzen und Leonine nachhaltig als ‚One Stop Shop‘ für Premium-Content zu etablieren.“ Drei eigene Streaming-Dienste gibt es auch schon: Home of Horror, Filmtastic und Arthouse CNMA, jeweils für monatlich 3,99 Euro.

 

Unabhängig vom Leonine-Investment ist KKR seit Mitte 2019 auch an ungleich prominenterer Position in den deutschen Medien aktiv, im Kern nämlich der Springer-Verlagsgruppe um Bild, Europas größtem Boulevardblatt. Am 29. Mai 2019 wurde die strategische Beteiligung des US-Investors bekannt, drei Monate später war man, auch nach einem sogenannten Squeeze-Out der Minderheitsaktionäre, mit 43,5 Prozent größter Anteilseigner und schloss eine Investorenvereinbarung mit der Verlegerin Friede Springer (42,6 Prozent der Springer-Anteile) und dem Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner (2,8 Prozent). Der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass auch auf die Enkel des Verlagsgründers Axel Springer, Ariane Melanie Springer und Axel Sven Springer, noch 6 Prozent entfallen. Am 6. April 2020 dann nach rund 35 Jahren das Delisting. Dazu Mathias Döpfner: „Der Abschied von der Börse läutet für uns eine neue Wachstumsphase ein. Sobald sich die Situation nach der Corona-Krise wieder normalisiert hat, werden wir unseren gesamten Fokus auf unser ambitioniertes Ziel legen, Weltmarktführer bei digitalem Journalismus und digitalen Classifieds zu werden." KKR hat sich verpflichtet, die Springer-Anteile mindestens fünf Jahre zu behalten und steht aktuell bei 47,6 Prozent der Aktien.

 

„Wir setzen auf Deutschland.“ Im Februar 2020 hatten KKR-Vice President Scott Nuttall und Deutschland-Chef Christian Ollig in einem Interview mit dem Handelsblatt weitere Expansionen besonders auf dem TMT-Sektor (Technologie, Medien und Telekommunikation) angekündigt. „Wir sehen uns im deutschen Medienbereich immer nach Gelegenheiten um“, von heavy investment war die Rede. Um dann am 11.5.2020 bekannt zu geben: „Wir haben uns entschlossen, im Rahmen eines finanziellen Investments wieder bei Pro Sieben Sat 1 einzusteigen.“ Mit gut fünf Prozent der Anteile und rund sechs Jahre nach dem Ausstieg 2014. Wie sagte ein KKR-Sprecher: „Wir sind davon überzeugt, dass das Unternehmen derzeit am Kapitalmarkt unterbewertet ist.“ Das offenbar trotz des Krisenmodus, in dem sich der Konzern aus Unterföhring seit langem befindet, trotz einer Dauertalfahrt an der Börse seit 2016 und einem im Frühjahr 2020 gefeuerten CEO, trotz Übernahmeavancen durch Berlusconi.

 

Von Leonine, der von KKR kontrollierten Medienholding, gibt es schon im Jahr nach der Gründung wesentlich Neues zu melden, und zwar ursprünglich aus Paris. Hier machten Xavier Niel (einer der reichsten Franzosen, Teilhaber der Tageszeitung Le Monde), Matthieu Pigasse (Eigentümer Les Inrockuptibles, Teilhaber Le Monde) und Pierre-Antoine Capton, alle drei Gründer der französischen Mediengruppe Mediawan (mit einem Umsatz 2019 in Höhe von 338 Millionen Euro), am 22. Juni 2020 die Gründung von Mediawan Alliance bekannt: als ein führendes europäisches Filmstudio, als Inhalteproduzent präsent in allen Genres und Formaten, das etwa den 100 Millionen Euro schweren Kauf von Lagardère Studios vorsieht, die die französische Lagardère-Gruppe im Zuge ihrer Konzentration auf das Kerngeschäft loswerden will. Und das auch die Übernahme einer Minderheitsbeteiligung an Leonine plant, „um Kooperationen und Koproduktionen auszuloten“. Leonine-Chef Fred Kogel erhält so auch den Posten eines Directeur général von Mediawan Alliance. Philipp Freise, Partner und Co-Leiter European Private Equity bei KKR: „In nur einem Jahr hat sich Leonine zu einem der attraktivsten Content-Häuser in Europa entwickelt – und diese Reise ist noch nicht zu Ende. Deshalb freuen wir uns darauf, als Mehrheitseigentümer von Leonine den weiteren Weg gemeinsam mit Fred Kogel und seinem Team auch in Zukunft eng und partnerschaftlich zu begleiten."

 

Nicht weiter auf dem gemeinsamen Weg geht es für den Fernsehkanal Tele 5, den KKR/Leonine am 3.7.2020 an den US-Konzern Discovery (auf Platz 26 im aktuellen Ranking der größten Medienkonzerne) verkauft haben. Tele 5 fügt sich in das u.a. aus Eurosport 1, DMAX, TLC und Home & Garden TV bestehende TV-Angebot von Discovery Deutschland ein. Für Leonine bleiben die drei eigenen SVoD-Sender und die Minderheitsbeteiligung an RTLZWEI.

Institut für Medien- und Kommunikationspolitik

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