77. Twitter

Umsatz 2015: $ 2,218 Mrd. (€ 1,999 Mrd.)

Basisdaten

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Hauptsitz:
1355 Market Street
San Francisco, CA 94103
USA
www.twitter.com

Rechtsform: Private Company
Gründungsjahr: 2006
Branche: Social Meda, Microblogging

 

Tab. I: Ökonomische Basisdaten (in Mio. USD)
20162015201420132012
Umsatz2.5302.2181.403665317
Gewinn (Verlust)(457)(521)(578)(645)79

 

 

Geschäftsführung

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Geschäftsführung:

  • Jack Dorsey, Chief Executive Officer
  • Adam Bain, Chief Operating Officer
  • Alex Roetter, Vice President of Engineering
  • Anthony Noto, Chief Financial Officer
  • Vijaya Gadde, General Counsel
  • Katie Jacobs Stanton, Vice President, Global Media
  • Robert Kaiden, Chief Accounting Officer
  • Adam Messinger, Chief Technology Officer
  • Kevin Weil, Vice President of Product
  • Brian Schipper, Vice President of Human Resources

 

Aufsichtsrat:

  • Jack Dorsey, Twitter
  • Omid Kordestani, Google
  • Peter Chernin, The Chernin Group
  • Peter Currie, Currie Capital
  • Peter Fenton, Benchmark Capital
  • David Rosenblatt, 1stdibs.com
  • Evan Williams, Medium, Obvious Corp.
  • Marjorie Scardino, MacArthur Foundation

 

Größte Anteilseigner: Ev Williams (6,9%), Prinz al-Walled bin Talal (Kingdom Holding, 5%), Steve Ballmer (4%), Jack Dorsey (3%) (Stand: August 2015).

Geschichte und Profil

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„Just setting up my twttr“. So lautete die erste Kurznachricht, die am 21. März 2006 über das Twitter-Netzwerk gesendet wurde und nicht weniger als eine Revolution moderner Kommunikation auslöste. Twitter wurde gemeinsam von den Programmierern Noah Glass, Jack Dorsey und Biz Stone sowie dem Internet-Entrepreneur Evan Williams entwickelt. Glass, der gemeinsam mit dem deutschen Programmierer Florian Weber maßgeblich für die Konzeption und Umsetzung des Projekts war, wurde 2007 aufgrund von persönlichen Differenzen mit Williams gefeuert und aus der offiziellen Unternehmensgeschichte entfernt. Die Twitter-Gründer arbeiteten ursprünglich an einem Podcasting-Portal namens Odeo, doch die Konkurrenz von Apples iTune Store sowie die Erkenntnis, dass sie selber überhaupt kein Interesse am Medium Podcast hatten, bewog sie zum Umdenken.

Sie bemerkten, dass sie immer mehr Zeit mit einem Tool verbrachten, das es ermöglichte, Anrufe an eine zentrale Telefonnummer zu tätigen, die dann in MP3-Aufnahmen auf einer Webseite umgewandelt wurden– die ursprüngliche Idee, aus der später Twitter werden sollte. Anfang 2006 wurde diese Idee weiter modifiziert. Nun bestand das Konzept darin, eine SMS an eine zentrale Nummer zu schicken, die daraufhin online an alle Freunde weitergeleitet wurde. Im Web 2.0-Jargon bedeutete dies einen Strategiewechsel von „podcast“ zu „status“. Als Name setzte sich in Anlehnung an das Foto-Sharing-Portal Flckr der Name „twttr“ gegen andere Vorschläge wie „FriendStalker“ oder „Dodgeball“ durch.

Welches Potential Twitter als Kommunikations- und Nachrichtenmedium hatte, wurde erstmals im August 2006 deutlich, als ein kleineres Erdbeben San Francisco heimsuchte. Die Nachricht über die Katastrophe verbreitete sich in Echtzeit unter den damals wenigen tausend Twitter-Usern, während andere Nachrichtenmedien erst mit Verspätung darüber berichteten. Im darauffolgenden Herbst wurde Twitter (immer noch als Teil von Odeo) den Investoren des Unternehmens vorgestellt. Diese interessierten sich jedoch kaum für die Idee und zogen sich wenig später komplett aus Odeo/Twitter zurück indem sie Gründer Evan Williams ihre Anteile für insgesamt fünf Millionen US-Dollar verkauften. Fünf Jahre später waren dieselben Anteile tausendmal soviel wert, was manche der frühen Investoren im Nachhinein schlecht über Williams sprechen lässt: dieser hätte die Investoren getäuscht, in dem er das wahre Potenzial von Twitter heruntergespielt und den Rückkauf der vermeintlich wertlosen Anteile als noblen Akt verkauft hätte.

Unmittelbar nach Rückkauf der Anteile benannte Williams Odeo in Obvious Corp. um und machte sich 2008 zum CEO von Twitter. Und wie er richtig spekuliert hatte, zahlte es sich in den kommenden Jahren aus, mehrheitlicher Anteilseigner von Twitter zu sein. Die Nutzerzahlen explodierten: Von 2006 bis 2011 stieg die Anzahl der Menschen mit Twitter-Konto von 5000 auf mehr als 100 Millionen. Wie wichtig Twitter als politisches Kommunikationstool wurde, zeigte sich erneut im Jahr 2009, als die US-Regierung das Twitter-Management bat, Wartungsarbeiten an seinen Servern zu verschieben, um die über Twitter gesteuerten Studentenproteste gegen eine manipulierte Wahl im Iran nicht zu gefährden.

Angesichts von Twitters stetigen Wachstum zeigte sich Evan Williams zunehmend überfordert und installierte 2009 den erfahreneren Dick Costollo als neuen CEO. Costolo war es, der die Monetarisierungsstrategie für Twitter entwickelte. Das Geschäftsmodell besteht seitdem darin, Anzeigen als gesponserte Posts in den Feeds oder unter den beliebtesten nach Themen geordneten Tweets („trending topics“) zu platzieren. Costollo sprach sich auch dafür aus, Twitter vom Selbstverständnis als Informationsnetzwerk auftreten zu lassen, anstatt als Social Community. Twitters Firmenphilosophie („Be a force for good“) reflektiert dementsprechend die vermeintlich wichtige Rolle, die sozialen Netzwerken in Bezug auf die Umwälzungen des Arabischen Frühlings zugesprochen werden.

Management

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Twitter-Mitbegründer Evan Williams ist schüchterner IT-Nerd und knallharter Geschäftsmann zugleich. Bevor er mit Twitter zu einem der führenden jungen Internet-Entrepreneure aufstieg, gründete er inmitten der Internetblase des Jahrtausendwechsel die automatisierte Blog-Plattform Blogger. Als diese 2001 kurz vor dem Aus stand, feuerte er alle Mitarbeiter und teilte ihnen mit, er würde das Unternehmen im Alleingang führen. 2003, nach dem die Krise vorrüber war, verkaufte er Blogger gewinnbringend an Google. Ehemalige Weggefährten sind deshalb nicht gut auf Williams zu sprechen und bezeichnen ihn als Intriganten, der anderen wichtige Informationen vorenthält. Der New York Times gegenüber äußerte er sich dazu nur knapp: „Alle erfolgreichen Geschäftsleute machen sich in ihrer Karriere Feinde“.

Nach dem Abgang des langjährigen CEO Dick Costolo, übernahm im Sommer 2015 nach einem vorherigen Intermezzo zum zweiten Mal Jack Dorsey das Ruder als CEO. Dorsey, der lange als unnahbar und zu detailversessen galt, soll sich inzwischen nicht nur äußerlich verändert haben und verströmt die Aura, der Krise von Twitter ein Ende zu bereiten, wie es einst Steve Jobs tat, als er zu Apple zurückkehrte. Er hat allerdings neben Twitter noch einen zweiten Job und zwar als CEO von Square, einem weiteren Silicon Valley-Einhorn, das kurz vor dem Börsengang steht. Ob Dorsey diese Doppelbelastung aushalten kann und Twitter endlich in die Gewinnzone bringen kann, bleibt abzusehen. Den Glauben an eine erfolgreiche Zukunft hat er derweil schon bewiesen, als er kurz nach Amtsantritt für eine knappe Million Dollar neue Twitter-Aktien kaufte.

 

 

Engagement in Deutschland

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2012 wurde in Berlin die deutsche Twitter-Zentrale eingerichtet. Deutschland-Chef ist Rowan Barnett, ehemals Community-Chef bei Bild.de. Sprecher für Deutschland ist der ehemalige Kommunikationschef von StudiVZ, Dirk Hensen. Twitter-Mitbegründer Jack Dorsey besuchte Angela Merkel Anfang 2012 im Kanzleramt.

Aktuelle Entwicklungen

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Mit der Intergrierung von Video Live Streaming will Twitter in der sich rasch wandelnden Social Media Welt behaupten. Deshalb kaufte das Unternehmen jüngst für rund 100 Millionen Dollar die App Periscope, mit der User sich und ihre Umwelt filmen, bzw. Freunde bei ihren alltäglichen Aktivitäten beobachten können. Abzuwarten bleibt, ob sich Periscope gegen die Konkurrenten Meerkat und Camio durchsetzen kann. Zu weiteren Neuerungen, die die Twitter-Erfahrung auch für nichtprominente Benutzer verbessern sollen gehören unter anderem das im Herbst 2015 vorgestellte "Moments"-Tool, dass mehr User während Live-Ereignissen zu Twitter bringen soll, sowie eine Aufhebung der Zeichenbegrenzung bei Direktnachrichten. Auch die 140-Zeichenbeschränkung bei Tweets könnte langfristig überdacht werden.

Der im November 2013 vorgenommenen Börsengang brachte Twitter (Tickerkürzel TWTR) mehr als eine Milliarde US-Dollar ein. Nach einem guten Start brach der Kurs der Aktien im Verlauf von 2014 jedoch massiv um 42 Prozent ein. Grund sind nur langsam wachsende Nutzerzahlen; die regelmäßige Nutzung der registrierten User ist zudem rückläufig. Durch die Integrierung von Twitter insbesondere in das TV-Ökosystem sollen zukünftig Gewinne eingefahren werden. Mit dem Media-Planungsriesen Starcom wurde im April 2013 ein millionenschwerer Werbedeal eingefädelt, der Twitter-Anzeigen mit TV-Content verknüpft. 2014 folgte ein ähnlicher Vertrag mit Omnicom. Ähnlich gelagert ist das Werbe-Tool Twitter Amplify, das im Mai vorgestellt wurde und dem sich unter anderem Time Inc, Discovery Communications, Condé Nast, Bloomberg oder auch Comcast angeschlossen haben. Mit Microsofts Suchmaschine Bing wurde zudem eine Kooperation für die automatische Übersetzung von Tweets eingefädelt.

Immer mehr Zuschauer sind per Smartphone oder Tablet in sozialen Netzwerken aktiv während sie fernsehen. Eine im Juni 2013 veröffentlichte Studie der Nielsen Company behauptete, dass Twitter-Aktivitäten die Einschaltquoten von TV-Serien in die Höhe treiben können. Als Beispiel wird dafür immer wieder die ABC-Serie "Scandal" angeführt, die sich aufgrund von Twitter-Diskussionen von einem Format mit mäßigem Erfolg zu einen Quoten-Hit entwickelte. In Zeiten, in denen klassisches, lineares Fernsehen immer mehr Zuschauer verliert, wird Twitter von Experten als Rettungsanker betrachtet. Deshalb wollen immer mehr Content-Anbieter mit Twitter im Rahmen von Second Screen-Aktivitäten kooperieren. Die neueste Kooperation ist Twitter mit der US-Football-Liga NFL eingegangen. Wie verkündet wurde, wird Twitter mittels gesponsorten Tweets kurze Videoclips von NFL-Spielen (Zeitlupen, Wiederholungen einzelner Szenen) ausstrahlen. Ein ähnliches Abkommen existiert bereits mit TV-Network CBS für 42 Serien dessen Herbst-Lineups.

Auch für den Musikmarkt wird Twitter immer bedeutender. Nach dem die Twitters hauseigene Musik-App von den Nutzern nicht angenommen wurde, spezialisiert sich das Unternehmen nun auf die Auswertung der Musikpräferenzen seiner User. Gemeinsam mit dem Start-Up 300 will Twitter Plattenfirmen und Talentscouts Daten zu Verfügung stellen, mittels derer neue Künstler und deren lokale Fanbases ermittelt werden können.

Eines der vielversprechendsten Formate sind in der Planung befindliche, eigens produzierte Reality-TV-Serien, die live bei Twitter ausgestrahlt und von den Nutzern kommentiert werden können. Twitter plant Dutzende solcher Serien und kooperiert dabei eng mit Hollywood-Produzenten. Überhaupt ist im Zuge der Olympischen Spiele, bei der Twitter eine umstrittene Kooperation mit NBC einging, die Medienstrategie des Unternehmens in den Fokus geraten. CEO Costolo bezeichnet Twitter bereits als Technologieunternehmen, das im Mediensektor aktiv sei.

Die andere Frage die im Raum steht, ist wie Twitter mit den Unmengen an User-Daten umgeht, die es in den vergangengen sechs Jahren angehäuft hat. So stritt sich das Unternehmen 2012 mit der Stadt New York, die Twitter mehrfach dazu aufgefordert hat, persönliche Informationen von Malcom Harris, einer Schlüsselfigur der Occupy Wallstreet-Proteste, herauszurücken (was Twitter erst widerwillig nach Drohung von hohen Strafgeldzahlungen tat). Im Herbst 2014 entschloss man sich schließlich dazu, die US-Regierung zu verklagen, da diese seit Jahren die Veröffentlichung eines Transparenzberichts blockiert, der Aufschluss darüber gibt, in welchem Ausmaß die Twitter-Nutzer von US-Geheimdiensten ausgespäht werden.

Kooperativer zeigt sich das Unternehmen in Bezug auf eine Anfrage der Library of Congress. Die größte Forschungsbibliothek der USA arbeitet gerade daran, sämtliche jemals getätigten Tweets zu archivieren und durchsuchbar zu machen.

Weiterführende Literatur

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  • Nicholas Carlson: The Real History of Twitter (BusinessInsider, 13.04.2011)
  • Nick Bilton, Hatching Twitter: A True Story of Money, Power, Friendship, and Betrayal, New York: Portfolio, 2014.