45. Thomson Reuters Corporation

Umsatz 2018: $ 5,501 Mrd. (€ 4,660 Mrd.)

Überblick

Der kanadisch-britische Medienkonzern ging im April 2008 aus einer Fusion des Informationsdienstleisters Thomson mit der traditionsreichen britischen Nachrichtenagentur Reuters hervor. Es entstand der weltweit größte Anbieter von spezialisierten Kommunikationsdiensten. Sein Angebot richtet sich zum einen – wie beim Hauptkonkurrenten Bloomberg – an Geschäftskunden aus Wirtschaft und Finanzindustrie. Zum anderen ist das klassische Nachrichtenagenturgeschäft nach wie vor ein wichtiger Pfeiler des Unternehmens.

Basisdaten

Hauptsitz:
Thomson Reuters Corporation
Bay Adelaide Centre
333 Bay Street
Toronto, Ontario
Telefon: 001 646 223 4000
Website: ir.thomsonreuters.com

Branche: Nachrichtenagentur
Rechtsform:
Aktiengesellschaft
Geschäftsjahr: 01.01. - 31.12.
Gründungsjahr: 1851 (Gründung von Reuters); 1934 (Roy Thomson erwirbt seine
erste Zeitung); 2007/2008 (Fusion von Thomson und Reuters)

Tab. I: Ökonomische Basisdaten (Beträge in Mio. $)
2018201720162015201420132012
Umsatz (in Mio. $)5.5015.29711.16612.20912.60012.54312.899
Operating Profit 7801.0343.1491.3112.1381.8812.405
Aktienkurs (in $, Jahresende)48,3143,5943,7837,8540,3437,8228,62
Beschäftigte25.80046.10045.70052.00053.00057.80059.400

Geschäftsführung

Geschäftsführung:

 

-       Jim Smith, President & Chief Executive Officer

-       Stephane Bello, Executive Vice President & Chief Financial Officer

-       Stephen J. Adler, Editor-in-Chief, Reuters News

-       Michael Friedenberg, President, Reuters News

-       Thomas Kim, Chief Legal Officer and Company Secretary

-       Neil Masterson, Chief Operating Officer, Operations & Enablement

-       Brian Peccarelli, Chief Operating Officer, Customer Markets

-       Mary Alice Vuicic, Executive Vice President & Chief People Officer

   

 Board of Directors:

 

-       David Thomson (Chairman), Thomson Reuters, The Woodbridge Company Ltd.

-       James C. Smith, Thomson Reuters

-       Kirk E. Arnold, Executive-in-Residence, General Catalyst Ventures

-       Sheila Bair, Corporate Director

-       David W. Binet, Thomson Reuters, The Woodbridge Company Ltd.

-       Ed Clark, Corporate Director

-       Michael E. Daniels, Corporate Director

-       Vance K. Opperman, Key Investment, Inc.

-       Kristin Peck, Zoetis

-       Kim M. Rivera, HP Inc.

-       Barry Salzberg, Corporate Director

-       Peter J. Thomson, The Woodbridge Company Ltd.

-       Wulf von Schimmelmann, Corporate Director

Geschichte

Der Grundstein für Thomson wurde 1934 gelegt: Der Kanadier Roy Thomson (1894–1976) erwarb mit der “Timmins Press” aus Ontario seine erste Zeitung. In den folgenden Jahrzehnten baute er den größten Zeitungskonzern Kanadas auf. Ab den 1950er Jahren investierte er in Großbritannien, seiner Wahlheimat. Zunächst kaufte er 1959 den Zeitungsverlag „Kemsley Group“ dazu, zu dem die einflussreiche Regionalzeitung „The Scotsman“ gehörte. 1967 folgte die Akquise des Kronjuwels der britischen Zeitungslandschaft, der Londoner Tageszeitung „The Times“. Die 1970er waren von einem Ausflug ins Ölbusiness geprägt, als Thomson sich an der Erschließung eines Ölfelds in der Nordsee beteiligte. Zu dieser Zeit übernahm sein Sohn Kenneth (1923–2006) die Leitung. Anfang der 1980er Jahre wandte man sich dem Informationshandel zu und baute diese Aktivitäten kontinuierlich aus. Mit dem Kauf spezialisierter Informationsdienste in den Bereichen Recht, Gesundheit, Wissenschaft und Finanzen sowie von Datenbank-Firmen entstand sukzessive ein neues Firmenprofil. Das Engagement auf dem britischen Zeitungsmarkt wurde 1995 beendet. Die „Times“ hatte Thomson bereits 1981 an Murdochs News International Ltd. verkauft.

Den Umbau - weg von Print hin zu elektronischen Informationsdiensten und Datenbanksystemen - setzte CEO Richard Harrington fort, ab 1997 im Amt. Das Ziel war ein schlankeres, fokussiertes Unternehmen. Sparten, die nicht mehr ins Konzept passten, wurden abgestoßen, siehe den Verkauf der Tourismussparte Thomson Travel 1998. Innerhalb von sechs Jahren verkaufte Harrington 130 Zeitungen und über 60 Tochterfirmen. Da die meisten Filialen damals, zur Hochzeit des New-Economy-Booms, profitabel arbeiteten, hatte Thomson nach den Verkäufen sehr viel Geld. Zunächst wurde dutzende weitere Informationsdienste aus den Bereichen Recht, Steuern, Buchführung, Bildung, Finanzen, Wissenschaft und Gesundheitswesen akquiriert. Und 2007 legte Thomson ein Übernahmeangebot für die Nachrichtenagentur Reuters in Höhe von 17,6 Milliarden Dollar (ca. 13 Milliarden Euro) vor.

Reuters war über 80 Jahre vor Gründung der Thomson Corporation entstanden und war eine der wichtigsten, traditionsreichsten Nachrichtenagenturen der Welt. Zum Zeitpunkt der Fusion generierte Reuters allerdings nur etwas mehr als zehn Prozent des Umsatzes mit klassischen Nachrichten. Institutionelle Kunden aus dem Finanzsektor, die über spezielle Terminals mit Finanzdaten beliefert werden, machten den Großteil des Geschäfts aus.

Die Reuters-Historie hatte kurios begonnen: Der Deutsche Paul Julius Reuter (1816-1899) nutzte Mitte des 19. Jahrhunderts eine Lücke im Telegrafennetz zwischen Aachen und Brüssel, um mit Hilfe von Brieftauben Informationen zu versenden. Als die Telegrafenleitung fertig war, eröffnete Reuter 1851 ein Büro in London und betrieb seinen Informationshandel von dort aus über das Calais-Dover-Unterseekabel. In den folgenden Jahrzehnten expandierte Reuters und belieferte britische Zeitungen mit Nachrichten. Zunächst aus Büros in ganz Europa, später aus aller Welt. Während der Weltkriege wurden die Reuters–Berichte von der britischen Regierung zensiert, woraufhin die Eigentümer 1941 den Reuters–Trust einrichteten, um die Unabhängigkeit der Agentur sicherzustellen. Die Grundsätze des Trusts untersagten Beteiligungen von über 15 Prozent. Außerdem hielt die Reuters Founders Share Company Ltd. seit dem Börsengang von 1984 eine „Goldene Aktie“, mit der ein Vetorecht bei Entscheidungen der Hauptversammlung verbunden war. Mit diesen Prinzipien sollten die Überparteilichkeit und Unabhängigkeit gesichert werden.

Reuters konnte seine Position auf dem internationalen Nachrichtenmarkt auch durch eine frühe Adaption neuer Technologien ausbauen. Ab 1923 erfolgte die Nachrichtenübermittlung per Funk, ab 1961 per Satellit und ab 1971 per Computerverbindung. In den 1990er Jahren expandierte Reuters – eine Strategie, die nach Ende des dot.com-Booms zu Beginn des neuen Jahrtausends Probleme mit sich brachte. Das Angebot war zu unübersichtlich geworden; die Kunden kündigten reihenweise die als unflexibel geltenden Reuters-Terminals. Reuters machte zwar Gewinne, verlor jedoch zunehmend Marktanteile an den Hauptwettbewerber Bloomberg. Die Marke Reuters war zudem in den Vereinigten Staaten wenig bekannt und das Unternehmen rutschte kurz darauf zum ersten Mal seit dem Börsengang 1984 in die Verlustzone.

Der Zusammenschluss war wettbewerbsrechtlich umstritten. Das fusionierte Thomson Reuters werde zusammen mit Bloomberg zwei Drittel des Marktes kontrollieren, so das Argument, es entstehe ein Duopol. Überraschenderweise fiel die seit Oktober 2007 laufende Prüfung durch die EU-Kommission als zuständige europäische Kartellbehörde trotz „erheblicher Bedenken" milde aus. Wesentliches Zugeständnis des neuen Konzerns war der Verkauf diverser Datenbanken an Mitbewerber. Die Integration von Reuters in den Thomson-Konzern verlief schleppend, da die Fusion vom April 2008 zur Zeit der globalen Finanz- und Bankenkrise 2007/08 stattfand. Im Zuge der Krise waren immer weniger Investmentfirmen und Fondsmanager bereit, hohe Summen für Reuters Finanzinformationen und Marktanalysen zu bezahlen. Zudem wurden tausende Mitarbeiter von Banken und Finanzinstitutionen entlassen, vielen von ihnen Abonnenten der Fachinformationen von Thomson Reuters.

Nach dem Zusammenschluss hielt die Familie Thomson über ihren Investmentarm Woodbridge 53 Prozent der Aktien. Dies hatte eine Änderung der Reuters–Grundsätze erforderlich gemacht, die Einzelaktionären eigentlich nur einen maximalen Anteil von 15 Prozent gestatteten. Nach der Satzungsänderung galten die Unabhängigkeitsprinzipien des Reuters Trusts für das gesamte neue Unternehmen. Die aus der „Reuters Founders Share Company“ hervorgegangene „Thomson Reuters Founders Share Company“, die über die Einhaltung der Prinzipien des Trusts zur Sicherung der Unabhängigkeit wacht, verfügt mittels der so genannten „Goldene Aktie“ wie ihre Vorgängerin über ein Vetorecht bei Übernahmeversuchen.

Wie es sich an den Umsatz- und Beschäftigtenzahlen, die sich von 2016 bis 2018 quasi halbiert haben, in der Tabelle mit ökonomischen Basisdaten ablesen lässt: „2018 was a watershed year for our company“: 2018 war ein Jahr der Wende für Thomson Reuters, so ein Zitat aus dem Jahresbericht. Seit 2013 wurden tausende Stellen abgebaut, um die Kosten in den Rechts-, Finanz- und Risikoabteilungen zu senken. Im Oktober 2018 wurde der Verkauf der Mehrheit an der Thomson Reuters-Finanzmarkt-Sparte („Financial&Risk business“) an den Investor Blackstone abgeschlossen. Ein Verkauf, mit dem Thomson Reuters etwa 17 Milliarden erzielte. Refinitiv heißt das abgespaltene neue Unternehmen, an dem Thomson Reuters einen Anteil von 45 Prozent behielt. Daher im Übrigen auch die Halbierung des Jahresumsatzes 2018.

Zum Hintergrund: Vier Player konkurrieren im Geschäft mit Fachinformationen. Neben Thomson Reuters: Bloomberg (Platz 25 im IfM-Ranking 2018), S&P Global (Platz 40 im IfM-Ranking 2018) und Fact Set Research Systems (Norwalk, Connecticut). Bloomberg ist der mit Abstand größte Konkurrent von Thomson Reuters. Der „Bloomberg-Terminal“ aus dem Unternehmens des gleichnamigen früheren New Yorker Bürgermeisters, ein Desktop-Computer, der in Echtzeit neueste Informationen für Broker und Bänker zur Verfügung stellt, hat sich längst gegen Thomson Reuters Konkurrenzprodukt „Eikon" durchgesetzt. 2017 etwa hatte Bloomberg einen Marktanteil von 33,2 Prozent in der Finanzdatenbranche, während sich der Reuters-Anteil auf 22,5 Prozent belief.

Management

Mit Thomas Glocers vorzeitigen Abgang 2011 verließ der letzte ehemalige Reuters-Manager das Unternehmen. Sein Nachfolger James C. Smith, im Amt seit Januar 2012, ist gelernter Journalist. Smith wuchs in einer Kleinstadt in Kentucky auf und erhielt ein Football-Stipendium, das ihm den Zugang zu einer Universität verschaffte. Er begann seine Karriere als Chefredakteur der „Charleston Daily Mail" und betreute später bei Thompson die nordamerikanische Zeitungssparte, bevor er zum Personalchef und COO aufstieg.

Geschäftsfelder

Thomson Reuters seit 2018 ist in fünf reportable segments unterteilt.

Mit dem Segment „Legal Professionals“ werden Kanzleien und Rechtsabteilungen von Unternehmen und Regierungen angesprochen. Forschungs- und Workflow-Produkte werden angeboten, das alles unter Zuhilfenahme von Fachinformationsdiensten wie „Westlaw“, „Sweet & Maxwell“ oder „Carswell“.

 Das „Corporates“-Geschäftssegment richtet sich an corporate customers, darunter die sieben weltweit größten Wirtschaftsprüfungsunternehmen (in den Bereichen Recht, Steuern, Regulierung und Compliance).

„Tax Professionals“ betrifft Steuer-, Buchhaltungs- und Wirtschaftsprüfungsexperten in weiteren Wirtschaftsprüfungsunternehmen sowie staatliche Steuerbehörden mit Forschungs- und Workflow-Produkten.

„Reuters News“ ist das Mediensegment, das Realtime-Nachrichten aus Wirtschaft, Finanzen sowie aus dem In- und Ausland liefert an Zeitungen, TV-Sender, Radios und Websites.

„Global Print“: Bietet Kunden weltweit rechtliche und steuerliche Informationen hauptsächlich in gedruckter Form.

Aktuelle Entwicklungen

Am 26. Juni 2019 meldet Thomson Reuters auf der Firmen-Homepage, dass man, zusammen mit Blackstone, Verhandlungen über einen Refinitiv-Verkauf an die London Stock Exchange Group plc (LSEG) aufgenommen habe. Mit Refinitiv, der ehemaligen Thomson Reuters-Finanzmarktsparte, die 2018 mehrheitlich vom US-Investor Blackstone übernommen worden war, würde die LSEG, eine der größten und ältesten Börsen Europas, in neue Dimensionen vorstoßen. Es dürfte ein riesiger Konzern entstehen, mit einem geschätzten Jahresumsatz von mehr als sieben Milliarden Euro, definitiv ein Kandidat für nächste IfM-Ranking. Der vorläufig nicht absehbare Abschluss des Geschäfts, geplant für die zweite Jahreshälfte 2020, würde eine etwa 15-prozentige Beteiligung von Thomson Reuters an LSEG nach sich ziehen.

Am 20. Oktober 2019 wurde bekannt, dass James Smith von seinem Posten als CEO abtreten wird und Thomson Reuters schon auf der Suche nach einem Nachfolger ist. Man betrachte Nachfolgeplanung für alle Führungskräfte „als eine Sache guter Unternehmensführung“, so Thomson Reuters. Smith selbst schrieb an die Mitarbeiter, er sei „in die Nachfolgesuche eingebunden“: „Ich habe nicht vor, so bald irgendwohin zu gehen".