27. RELX Group

Umsatz 2018: £ 7,490 Mrd. (€ 8,466 Mrd.)

Überblick

Wissenschaftliche Zeitschriften, Datenbanken, Fachblätter - seit mehr als hundert Jahren ist der Zugang zu Informationen ein hochlukratives Geschäft für das britisch-niederländische Medienunternehmen Reed Elsevier, das seit 2015 unter dem Namen RELX Group firmiert. Die Hochpreispolitik der RELX-Journals hat in den letzten Jahren zu einer Boykott-Bewegung geführt, der sich immer mehr Universitäten und Akademiker angeschlossen haben.

Basisdaten

Hauptsitze:
1-3 Strand
London WC2N 5JR
Großbritannien
Telefon: 0044 20 7930 7077
Internet: www.relx.com
Email: london(at)relx.com

230 Park Avenue
New York, NY 10169
USA
Tel: 001 212 3098100  
Email: newyork(at)relx.com

Branchen: Zeitschriften, Buchverlage, Fachverlage, Informationsdienste, Messen und Ausstellungen
Rechtsform:  Kooperierende Aktiengesellschaft aus den selbständigen Unternehmen Reed International und Elsevier N.V.
Geschäftsjahr: 01.01. - 31.12.
Gründungsjahr: 1894 (Reed), 1880 (Elsevier), 2015 (RELX) 

 

Tab. I: Ökonomische Basisdaten (in Mio. £)
2018201720162015
Umsatz7.4927.3416.8955.971
Gewinn nach Steuern1.4221.6481.1501.008
Aktienkurs (in £, Jahresende)16,1717,3214,4912,01
Beschäftigten/an/an/a30.000

Geschäftsführung

Management:

  • Erik Engstrom, CEO RELX
  • Nick Luff, Chief Financial Officer RELX

Senior Business Executives

  • Kumsal Bayazit, Chief Executive Officer, Scientific, Technical & Medical and Chair, RELX Technology Forum
  • Mark Kelsey, Chief Executive Officer, Risk & Business Analytics
  • Mike Walsh, Chief Executive Officer, Legal
  • Chet Burchett, Chief Executive Officer, Exhibitions

Corporate Executives

  • Gunjan Aggarwal, Chief Human Resources Officer
  • Youngsuk “YS” Chi, Director of RELX Corporate Affairs and Chairman Elsevier
  • Henry Udow, Chief Legal Officer and Company Secretary
  • Jelena Sevo, Chief Strategy Officer

 

Board Of Directors:

  • Erik Engstrom, CEO RELX
  • Nick Luff, Chief Financial Officer RELX
  • Sir Anthony Habgood, Preqin Holding Ltd.
  • Dr. Wolfhart Hauser, Associated British Foods plc
  • Adrian Hennah, Reckitt Benckiser Group plc
  • Marike van Lier Lels, PostNL NV
  • Robert Macleod, Johnson Matthew plc
  • Linda Sanford, Consolidated Edison, Inc, Pitney Bowes, Inc and ION Trading UK Limited
  • Andrew Sukawaty, HG Capital USA, Inmarsat plc
  • Suzanne Wood, Vulcan Materials Company

Geschichte

1993 begann die Zusammenarbeit des britischen Verlagsriesen Reed International mit der niederländischen Elsevier-Gruppe. Beide Unternehmen agierten als selbständige Konzerne, firmierten seit April 2002 aber nur noch als Reed-Elsevier. Reed hatte 1894 als Papierfabrik angefangen, später auch Tapeten und Farbe produziert und war erst knapp 80 Jahre später durch den Kauf von Publikumszeitschriften und Tageszeitungen - unter anderem des "Daily Mirror" - zum Medienunternehmen geworden. Ab den 1980er Jahren war Schluss mit Papier- und Anstreicherbedarf, ein Jahrzehnt später stieg Reed dann nach und nach von der Publikums- zur Fachpresse um.

Elsevier, gegründet 1880 in Rotterdam, war bereits zu Beginn der Zusammenarbeit mit Reed der größte Fachzeitschriftenverlag der Niederlande und besaß führende Tageszeitungen wie das "Allgemeen Dagblad". Wie Reed hat auch Elsevier seine Publikumstitel ab 1995 fast gänzlich abgestoßen, um sich ganz auf den weiteren Ausbau der Fachinformationssparte zu konzentrieren (im Oktober 2012 etwa verkaufte Reed das Hollywood-Branchenblatt Variety). Eine sicher geglaubte Fusion mit dem ebenfalls niederländischen Fachverlagsriesen Wolters Kluwer scheiterte aber überraschend im März 1998. Reed Elsevier machte zwar kartellrechtliche Auflagen dafür verantwortlich, doch auch die Doppelstruktur des britisch-niederländischen Unternehmens mit zwei Hauptsitzen und doppeltem Management war daran nicht unschuldig.

Seit 1999 ist die komplexe Reed-Elsevier-Geschäftsstruktur grundlegend reformiert worden. Mittlerweile gibt es ein einheitliches Management unter einem Chairman und einem CEO. Untergeordnet sind jeweils eigene Vorstandsvorsitzende für die verschiedenen Kernbereiche des Konzerns. Der ehemalige CEO Crispin Davis gilt als treibende Kraft hinter dem erfolgreichen Umbau des Unternehmens, das der "Guardian" einst als „archaisches Zweiländerkonstrukt" bezeichnete.

Von 2005 bis Mitte 2008 sorgten Verbindungen des Konzerns zum internationalen Waffenhandel für Schlagzeilen. Ausgerechnet die renommierte und von Reed Elsevier herausgegebene Medizin-Fachzeitschrift „The Lancet“ kritisierte in einem Artikel die Aktivitäten der Tochterfirma Spearhead/Reed Exhibitions. Letztere ist auf die Organisation von Messen und Ausstellungen spezialisiert. Im September 2005 veranstaltete die Firma erstmals die DSEi (Defence Systems and Equipment international), eine der größten Militäraustellungen der Welt, auf der unter anderem auch von der UNO geächtete Streubomben ausgestellt wurden. Über zwei Jahre lang distanzierte sich „The Lancet“ regelmäßig von den Beziehungen des Mutterkonzerns zur internationalen Rüstungsindustrie mit dem Hinweis, diese wären für eine medizinische Publikation moralisch nicht tragbar. Im März 2007 verfassten rund 80 „Lancet“-Redakteure einen offenen Brief samt kritischem Fragenkatalog an den damaligen CEO Davis. Auf drei Seiten protestierten unter anderem Ian Gilmore, Präsident der obersten britischen Ärzteorganisation Royal College of Physicians, und der US-Linguist Noam Chomsky in Leserbriefen gegen die Waffenmessen. Sir Michael Atiyah, ehemaliger Präsident der einflussreichen Royal Society, forderte einen Boykott von Reed-Elsevier-Publikationen. CEO Davis verteidigte das kontroverse Engagement mit dem Statement, dass „die Verteidigungsindustrie notwendig für die Aufrechterhaltung von Freiheit und nationaler Sicherheit“ sei. Im Mai 2008 reagierte das Management und kündigte an, die DSEi werde zukünftig nicht mehr von Reed Elsevier organisiert. Der Druck von Seiten der Aktionäre und der Protestbewegung „The Campaign Against Arm Trade“ war zu groß für das Unternehmen geworden.

Das Ansehen litt weiter, als 2009 bekannt wurde, dass Elsevier in Australien zwischen 2000 und 2005 im Auftrag von Pharmakonzernen wie etwa Merck Zeitschriften publizierte, die wie unabhängige Fachtitel aussahen. Zusätzlich wurden in den insgesamt sechs Pseudo-Fachblättern Artikel über Hormonersatz-Therapien abgedruckt, die nachweißlich von Ghostwritern im Dienst der Pharmaindustrie geschrieben wurden.

Die monopolistische Hochpreispolitik der Elsevier-Fachzeitschriften führte 2012 zu einer Boykott-Bewegung, der sich mehr als 15.000 Wissenschaftler anschlossen. Sie waren nicht mehr bereit, im Elsevier-Verlag ihre Beiträge zu publizieren, nur damit dieser die bereits durch öffentliche Mittel finanzierten Forschungsergebnisse völlig überteuert an Studenten, Wissenschaftler und Bibliotheken verkauft – und damit verhindert, dass das in akademischen Einrichtungen gewonnene Wissen sich schnell und günstig in aller Welt verbreiten kann. Immer mehr Unis weigern sich deshalb, neue Elsevier-Magazine in ihre Kataloge aufzunehmen – selbst die renommierte Harvard-Universität warnte öffentlich, dass die exorbitanten Preise, die Bibliotheken für Fachjournals ausgeben müssen, langfristig den Wissenschaftsbetrieb einschränken könnten. Der Boykott wuchs weiter an, als CEO Engstrom die Kritik an den exorbitanten Preisen als "Missverständnis" abtat. Selbst Preissenkungen (Elsevier-Zeitschriften sind in der Regel dreimal so teuer wie vergleichbare Publikationen von Universitätsverlagen) konnten die Protest-Bewegung jedoch nicht besänftigen. Der Vorsitzende des Deutschen Bibliothekenverbandes Frank Simon-Ritz bezeichnete die Preispolitik von Elsevier als "zum Teil sittenwidrig".

Management

Erik Engstrom ist seit 2009 CEO von RELX. Der Schwede gilt als öffentlichkeitsscheu und introvertiert. Öffentliche Auftritte und Interviews mit Engstrom sind rar gesät und würden nur die zahlreichen Kontroversen befeuern, die das Unternehmen in Bezug auf seine Ausstellungs- und Fachjournal-Sparten in den letzten Jahren generiert hat. Man wird bei ihm vergeblich auf einen öffentlich verkündeten Strategieplan warten, nur um den Aktienwert um ein paar Prozentpunkte anzuheben.

Geschäftsfelder

RELX teilt das Geschäft in vier market segments auf:

Scientific, Technical & Medical: darunter Fachzeitschriften (18 Prozent der wissenschaftlichen Artikel weltweit erscheinen in RELX-Journals); Datenbanken (16 Mio. unique visitors haben monatlich über das „ScienceDirect“-Portal Zugriff auf akademische Fachzeitschriften; „Scopus“ ist eine führende Datenbank mit abstracts und Zitaten aus 24.000 Fachzeitschriften); die flagship clinical reference platform „Clinical Key“.

Risk & Business Analytics: Datenbanken wie z.B. “LexisNexis Solutions” unterstützen Risikomanagement. Beispiel: Über 80 Prozent aller in den USA neu abgeschlossenen PKW-Versicherungen griffen 2017 darauf zurück.

Legal: Informationsdienste in Rechtsfragen (LexisNexis legal and news database)

Exhibitons: Mit über 500 Ausstellungen in 30 Ländern ist Reed Exhibitions der größte kommerzielle Ausrichter von Trade Shows und Fachmessen. 2018 etwa wurden 44 neue Veranstaltungen lanciert.

Engagement in Deutschland

Reed Business Information unterhält in Frankfurt/Main und Karlsruhe zwei Standorte in Deutschland: Analysen und data solutions für diverse Sektoren, darunter Finanzdienstleistungen, Luftfahrt, Chemie und Landwirtschaft. Weitere Beispiele: Banken nutzen Daten- und Workflow-Lösungen von „Accuity“, um ihre Zahlungseffizienz zu verbessern, Geldwäschebekämpfung zu betreiben und die Einhaltung globaler Sanktionen zu unterstützen. Die Daten von „Cirium“ helfen Fluggesellschaften, Flughäfen, Banken und Herstellern, wichtige Geschäftsentscheidungen zu treffen. „ICIS“ ist ein globaler Anbieter von Preisbenchmarks, Daten und Analysen für die Energie-, Chemie- und Düngemittelbranche.

Aktuelle Entwicklungen

Entgegen aller Prognosen, die davon ausgingen, dass Wissenschaftsverlage mit der Verbreitung des Internets Schritt für Schritt obsolet werden würden, ist RELX in den letzten zwei Dekaden signifikant gewachsen. Trotz der weltweit wachsenden Boykott-Bewegung gegen die Hochpreispolitik erwirtschaftet RELX weiterhin beträchtliche Gewinne.

Viel Gegenwind aber gibt es immer noch. 2012 hatten Wissenschaftler zum Boykott von Elsevier aufgerufen, 2019 ist es auch den Hochschulvertretern genug. Die FAZ etwa bezeichnet die drei wissenschaftlichen Großverlage (neben RELX sind das Springer Nature und Wiley) als „das Verlag gewordene Übel“. Bibliotheken würden „mit Preisdiktaten erpresst“, und Traumrenditen von bis zu vierzig Prozent erzielt. Wissenschaftler mit Ambitionen könnten ohnehin nicht darauf verzichten, in einem der hochrangigen Journale zu publizieren.

Inzwischen gibt es Ansätze, die Macht des Oligopols zu schwächen. Die „Deal-Gruppe“, ein Verbund von Wissenschaftsinstitutionen und Bibliotheken unter dem Dach der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), hatte im Januar 2019 eine erste Einigung erzielt, mit Wiley, dem kleinsten der großen Drei. Danach sollte Springer Nature folgen. Die Verhandlungen mit RELX, dem Dritten und Größten im Bunde, treten auf der Stelle.

Literatur