16. Netflix

Umsatz 2020: $ 25,000 Mrd. (€ 21,890 Mrd.)

Überblick

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Netflix startete 1997 als Online-DVD-Verleih in den USA und wurde zum weltweit führenden Streamingportal von Serien, Filmen und Dokumentationen. Heute ist Netflix in über 190 Ländern vertreten und bietet seinen Dienst in bis zu 20 Sprachen an. Ende Dezember 2020 hatten Netflix-Nutzer weltweit 204 Millionen kostenpflichtige Abos abgeschlossen.

Basisdaten

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Hauptsitz:
100 Winchester Circle
Los Gatos, CA 95032
USA
Telefon: 001 408 5403700
Website: netflixinvestor.com 

Branchen: Filmproduktion, Streaming
Rechtsform: Aktiengesellschaft
Geschäftsjahr: 01.01. - 31.12.
Gründungsjahr: 1997


Ökonomische Basisdaten (in Mio. $)
20202019201820172016201520142013
Umsatz 24.99620.15615.79411.6938.8316.7805.5054.375
Gewinn2.7611.8671.211559187123267112
Aktienkurs (in $, Jahresende)540,73325,90297,57209,99123,80114,3849,8552,60
Beschäftigte9.4008.6007.1005.5004.7003.7002.1892.022

Geschäftsführung

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Vorstand:

  • Reed Hastings, Founder and Co-CEO
  • Ted Sarandos, Co-CEO and Chief Content Officer
  • Bryony Gagan, Vice President, Business & Legal Affairs
  • Dean Garfield, Vice President, Public Policy
  • David Hyman, Chief Legal Officer
  • Spencer Neumann, Chief Financial Officer
  • Greg Peters, COO and Chief Product Officer
  • Bozoma Saint John, Chief Marketing Officer
  • Rachel Whetstone, Chief Communications Officer

 
Aufsichtsrat:

  • Richard Barton, Zillow
  • Rodolphe Belmer, Eutelsat
  • Mathias Döpfner, Axel Springer
  • Timothy Haley, Redpoint Ventures
  • Reed Hastings, Netflix
  • Jay Hoag, Technology Crossover Ventures
  • Leslie Kilgore
  • Strive Masiyiwa, Econet Group
  • Ann Mather
  • Ted Sarandos
  • Brad Smith, Microsoft
  • Anne Sweeney

Geschichte

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Reed Hastings kam 1997 auf die Idee, eine Verleih-Flatrate für DVDs einzuführen, nachdem er sich über eine viel zu hohe Strafzahlung für eine verspätete Rückgabe geärgert hatte. Ende der 1990er Jahre war das ein gewagtes Unterfangen, da damals nur etwa zwei Prozent der Haushalte über einen DVD-Player verfügten. Doch Reed und Co-Gründer Marc Randolph, die sich aus gemeinsamen Zeiten bei der Software-Firma Pure kannten, waren Visionäre. Der Firmename „Netflix" war ein deutliches Statement für den Glauben, dass auch DVDs auf lange Sicht an Bedeutung verlieren würden – zugunsten digitaler Übertragungswege.

Netflix‘ größter Konkurrent zu der Zeit waren nicht Amazon oder Hulu, sondern war die Videotheken-Kette Blockbuster. Doch Hastings, der seine Karriere als Staubsaugervertreter in Boston begonnen hatte, setzte sich nach einem harten Konkurrenzkampf (Blockbuster startete einen eigenen Versanddienst) schließlich durch. Zwischenzeitlich wollte Hastings aus Geldnot sogar 49 Prozent seines Unternehmens an Blockbuster verkaufen, was diese jedoch ablehnten. Zehn Jahre später war Blockbuster bankrott.

In der Zwischenzeit expandierte Netflix: 2000 wurde die personalisierte Ranking-Software eingeführt, die für jeden Nutzer anhand seiner Bestellungen weitere Vorschläge bereitstellte. Zwischen 2002 und 2005 konnte das Unternehmen seinen Kundenstamm auf 4,5 Millionen Abonnenten steigern. Der 2007 begonnene Einstieg in das Online-Streaming brachte Netflix bis 2010 16 Millionen Kunden. Und die Netflix-Aktie stieg seit dem Börsengang im Jahr 2002 um 9925 Prozent. Seinen Erfolg verdankt Netflix auch der Wandlung des Unternehmens vom reinen Verwerter zum Produzenten. 2013 veröffentlichte das Unternehmen sein erstes eigenständig produziertes Format, die von Star-Regisseur David Fincher konzipierte Polit-Serie „House of Cards“.

Ein weniger ruhmreiches Kapitel war der 2011 unternommene Versuch, den Bereich des DVD-Versands vom Online-Streaminggeschäft zu trennen und unter einem anderen Namen (Qwickster) weiterzuführen. Reed Hastings wollte damit eine Bündelung der Ressourcen und Kompetenzen von Netzflix auf den zukunftsorientierten und vielversprechenden Onlinemarkt erreichen. Außerdem war dies die Antwort auf eine abnehmende Mitgliederzahl, nach einer vorangegangenen Preiserhöhung des Mitgliedsbetrags um 60 Prozent. Die Teilung der zwei Bereiche aber führte lediglich zu Unverständnis unter den Abonnenten, die oft beide Dienste nutzten und sich nun mit zwei Nutzerkonten anmelden und auch für zwei Leistungen bezahlen mussten. Hastings zog bereits nach wenigen Monaten die Konsequenzen und beendete das Kapitel Qwickster noch vor dessen Markteinführung.

Auf Streaming kann heute schlechterdings nicht mehr verzichtet werden. Seit der Jahrtausendwende bietet das Internet die technischen Möglichkeiten für Videostreaming, und wer Filme, Serien etc. sehen will, kann dies heute auf seinem Smartphone, Tablet oder Computer jederzeit tun. „Fernsehen war gestern“, heißt es jetzt, von einer ganz neuen Mediennutzung, von der „Netflix-Revolution“ ist die Rede. Immer mehr Medienkonzerne haben damit begonnen, ihren Content direkt in eigenen Portalen zum Streamen anzubieten (siehe Disney, Warner, Viacom, Apple). Was man in dem Zusammenhang gut beobachten kann: manchmal unbeholfene Reaktionen von Medienpolitik und klassischen (öffentlich-rechtlichen) TV-Sendern.

Interessant ist, dass niemand genau weiß, wieviele Zuschauer genau eine Netflix-Serie streamen. Eigene Recherchen der Sender gingen z.B. bei der sehr erfolgreichen Netflix-Serie „Narcos" von einer relativ moderaten Zuschauerzahl von 3,2 Millionen aus, was sicherlich keinen Quantensprung im Vergleich zu linear ausgestrahlten TV-Serien darstellen würde. Für Netflix aber spielen Quoten keine Rolle, da das Geschäftsmodell auf dem Verkauf von Abos und nicht von Werbezeit besteht. Dass Netflix jedoch stetig wächst und mit hohen Gagen sich die besten Regisseure, Schauspieler und Drehbuchautoren leistet, ohne ein einzigen Cent Gewinn zu machen, stört die Traditionssender zunehmend. Vielleicht beginnt ihnen zu dämmern, worüber New York Times-Kolumnist Farhad Manjoo im Februar 2016 spekulierte: dass Netflix auf lange Sicht die gesamte TV-Industrie übernehmen werde, so wie es Amazon einst mit dem Einzelhandel getan hat. Ob es soweit kommt, ist natürlich unklar. Die alte Einschaltquoten-Fixierung der gebührenfinanzierten Sender aber erscheint heute fragwürdig.

Management

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Reed Hastings engagiert sich durch verschiedenste Mitgliedschaften für gemeinnützige Organisationen und hat sich Bill Gates "Giving Pledge" unterworfen: die Milliarden, die er mit Netflix-Anteilen gemacht hat, möchte er fast komplett für gut Zwecke ausgeben. Insbesondere im Bildungssektor engagiert sich Hastings. Als Befürworter sogenannter „Charter Schools“ unterstützt er ein Bildungskonzept, das das Bildungssystem angesichts globalisierter und veränderter Rahmenbedingungen revolutionieren und einem größeren Wettbewerb unterstellen möchte. Diese Art von Vertragsschulen sind von den herkömmlichen staatlichen Regulierungen befreit und basieren auf vertraglichen Vereinbarungen zwischen dem Schulmanagment und der Schulbehörde. Kritiker stehen diesen Tendenzen im Bildungssektor skeptisch gegenüber und befürchten stärkere Selektion und Segregation sowie eine Verschlechterung der Finanzierung des traditionellen, staatlichen Schulsystems.

Als Manager lehnt Hastings lehnt die bürokratischen Strukturen von Großunternehmen ab, sein Motto lautet „Freedom and Responsibility“. Netflix bezahlt seinen Arbeitnehmern überdurchschnittlich viel Gehalt. Scheidende Mitarbeiter erhalten eine beachtliche Abfindung. Diese Regelung soll es dem Management leichter machen, ohne schlechtes Gewissen durchschnittlichen Mitarbeiter den Jobwechsel nahe zu legen. Hinsichtlich der Arbeitszeiten ist Netflix für sein innovatives Konzept bekannt, weder Urlaubs- noch Krankheitsregelungen zu treffen, sondern diese arbeitsfreie Zeit in die Verantwortung des einzelnen Mitarbeiters zu geben: „Take as much vacation as you want.“

Geschäftsfelder

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Bei Netflix, einem der „weltweit führenden Internet-Unterhaltungsdienste”, gibt es seit 2019 nur noch ein einziges „operatives Segment“: Monatsbeiträge für das Streaming von Inhalten. Ende 2020 waren es 204 Millionen Streamingkunden (2015 waren es rund 45 Millionen) in 190 Ländern. Anders gesagt: Netflix ist mit der Ausnahme von China und Ländern, die keine US-Firmen dulden, in jedem Land der Welt präsent. Mitglieder können dann soviele Filme anschauen wie sie möchten – „anytime, anywhere, on any internet-connected screen“, alles ohne Werbung.

Die internationale Expansion hatte deutliche Auswirkungen auf Netflix-Produktionen. Serien wie „Narcos" oder „Marseille" beispielsweise sollen nicht nur Zuschauer aus dem jeweiligen Sprachraum, sondern Menschen über Länder- und Kulturgrenzen hinweg ansprechen. Ähnlich wie Hollywood-Studios versucht der Konzern einen globalen Massengeschmack zu bedienen, dabei jedoch regionale Eigenheiten zu berücksichtigen. Der Bereich, der Netflix groß gemacht hat – der DVD-Versand – wird von Jahr zu Jahr kleiner, macht aber immer noch Gewinn. Ende 2019 hatten noch 2 Millionen Amerikaner einen DVD-Account, auch wegen der in ländlichen Gegenden rückständigen Internet-Infrastruktur, die kein schnelles Streaming ermöglicht.

Dank komplexer Algorithmen in Kombination mit einem mehrköpfigen Redaktionsteam kann Netflix das Nutzerverhalten präzise dokumentieren. Damit kann das Unternehmen zu einem gewissen Grad vorhersagen, welche Genres, bzw. welche Genre-Kombinationen für die User besonders attraktiv sind und die eigene Serien-Produktion danach ausrichten. Dieser Ansatz ist ein klarer Bruch mit der Hollywood-Tradition, nach der einzelne Studiobosse lange nur vermuteten, was die Zuschauer interessieren könnte. Netflix weiß, was die Zuschauer interessiert. Durch die Veröffentlichung ganzer Serienstaffeln anstatt einzelner Folgen hat Netflix das sog. „Binge-Viewing" salonfähig gemacht. „House of Cards“-Produzent Beau Willmon hat es 2015 folgendermaßen ausgedrückt: [Netflix] ist die Zukunft, Streaming ist die Zukunft. TV wird in fünf Jahren nicht mehr TV sein… jeder wird streamen.“

Aktuelle Entwicklungen

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Naja, ganz so ist es nicht gekommen. Im Gegenteil: „Netflix-Aktie taumelt“ (New York Times, 17.7.2019), „Netflix enttäuscht bei Abo-Zahlen – Aktie gibt deutlich nach“ (Süddeutsche Zeitung, 18.7.2019): Töne, die man im Zusammenhang mit dem Streaming-Vorreiter gar nicht kannte. Was war passiert? Zunächst hatte Netflix an vielen Standorten die Abopreise erhöht, wahrscheinlich ein Grund, warum man im 2. Quartal 2019 nur 2,7 Millionen neue Nutzer hinzugewinnen konnte. Erwartet hatte Netflix mehr als fünf. Auf dem nordamerikanischen Heimatmarkt sank die Zahl der Abonnenten sogar um unerhörte 126.000. Nachbörslich ging der Netflix-Titel zwischenzeitlich um über 13 Prozent nach unten. Ein erster Dämpfer also. Und die großen Konkurrenten (Disney, Apple) waren zu der Zeit noch gar nicht am Markt.

Vielleicht, wurde in der ZEIT im September 2019 gemutmaßt, war das auch die Folge eines gewissen Abnutzungseffekts. Netflix produziere mittlerweile Serien „wie am Fließband“, von 2017 (78 Produktionen) bis 2018 habe sich die Zahl der Eigenproduktionen auf 151 fast verdoppelt. Anders gesagt: Beim deutschen Start am 16. September 2014 waren nur fünf Eigenproduktionen im Angebot („so ziemlich das Beste, was es damals auf dem Markt gab“). „Der Auftritt sah aus wie die gut sortierte Auslage eines Designerladens. Heute, fünf Jahre später, ähnelt Netflix dem Hochlager eines Großmarkts.“ Vielleicht hat man irgendwann einfach „alles Gute weggeguckt“?

Das andere Problem: ein verschärfter Wettbewerb, wachsende Konkurrenz. Auf Warner Bros. Television-Serien wie „Friends“, „The Prince of Bel-Air“ und „Pretty Little Liars“, die nach ihrer normalen TV-Ausstrahlung erfolgreich auf Netflix liefen, musste Netflix verzichten. Sie gingen im Frühjahr 2020 zur Warner-eigenen Streaming-Plattform HBO Max. Und dann sind da jetzt weitere Streamingdienste (in den USA) entstanden wie Amazon Prime, Disney Plus, Peacock, CBS all access, Apple TV+, Hulu. Nach dem Corona-bedingten Abo-Boom im ersten Halbjahr 2020 hat der Kundenandrang bei Netflix jetzt stark nachgelassen.