30. RELX Group

Umsatz 2020: £ 7,110 Mrd. (€ 7,990 Mrd.)

Überblick

einklappen

Wissenschaftliche Zeitschriften, Datenbanken, Fachblätter – seit mehr als einhundert Jahren ist der Zugang zu Fachinformationen ein lukratives Geschäft für das britisch-niederländische Medienunternehmen Reed Elsevier, das seit 2015 unter dem Namen RELX Group firmiert. Die Hochpreispolitik der RELX Journals hat in den letzten Jahren zu einer Boykott-Bewegung geführt, der sich immer mehr Universitäten und Akademiker angeschlossen haben.

Basisdaten

einklappen

Hauptsitze:
1-3 Strand
London WC2N 5JR
Großbritannien
Telefon: 0044 20 7930 7077
Website: www.relx.com/investors/investor-overview

230 Park Avenue
New York, NY 10169
USA
Tel: 001 212 309 8100 

Branchen: Datenbanken, Informationsdienste, Zeitschriften, Buchverlage, Fachverlage, Messen und Ausstellungen
Rechtsform:  Kooperierende Aktiengesellschaft aus den selbständigen Unternehmen Reed International und Elsevier N.V.
Geschäftsjahr: 01.01. - 31.12.
Gründungsjahr: 1894 (Reed), 1880 (Elsevier), 2015 (RELX) 

 

Ökonomische Basisdaten (in Mio. GBP)
20202019201820172016
Umsatz7.9907.8747.4927.3416.889
Gewinn nach Steuern1.2241.5051.4221.6481.150
Aktienkurs (in GBP, Jahresende)18,4419,0316,2117,3214,47
Beschäftigte33.00033.00030.00030.00030.000

Geschäftsführung

einklappen

Management:

  • Erik Engstrom, CEO RELX
  • Nick Luff, Chief Financial Officer RELX
  • Kumsal Bayazit, Chief Executive Officer, Scientific, Technical & Medical and Chair, RELX Technology Forum
  • Mark Kelsey, Chief Executive Officer, Risk & Business Analytics
  • Mike Walsh, Chief Executive Officer, Legal
  • Hugh M. Jones IV, Chief Executive Officer, Exhibitions
  • Gunjan Aggarwal, Chief Human Resources Officer
  • Youngsuk “YS” Chi, Director of RELX Corporate Affairs and Chairman Elsevier
  • Henry Udow, Chief Legal Officer and Company Secretary
  • Jelena Sevo, Chief Strategy Officer

Board Of Directors:

  • Erik Engstrom, CEO RELX
  • Nick Luff, Chief Financial Officer RELX
  • Sir Anthony Habgood, Preqin Holding Ltd.
  • Dr. Wolfhart Hauser, Associated British Foods plc
  • Charlotte Hogg, Visa Inc.
  • Marike van Lier Lels, PostNL NV
  • Robert Macleod, Johnson Matthew plc
  • Linda Sanford, Consolidated Edison, Inc, Pitney Bowes, Inc and ION Trading UK Limited
  • Andrew Sukawaty, HG Capital USA, Inmarsat plc
  • Suzanne Wood, Vulcan Materials Company

Geschichte

einklappen

1993 begann die Zusammenarbeit des britischen Verlagsriesen Reed International mit der niederländischen Elsevier-Gruppe. Beide Unternehmen agierten als selbständige Konzerne, firmierten seit April 2002 aber nur noch als Reed-Elsevier. Reed hatte 1894 als Papierfabrik angefangen, später auch Tapeten und Farbe produziert und war erst knapp 80 Jahre später durch den Kauf von Publikumszeitschriften und Tageszeitungen – unter anderem des „Daily Mirror" – zum Medienunternehmen geworden. Ab den 1980er Jahren war Schluss mit Papier- und Anstreicherbedarf, ein Jahrzehnt später stieg Reed dann nach und nach von der Publikums- auf die Fachpresse um.

Elsevier, gegründet 1880 in Rotterdam, war bereits zu Beginn der Zusammenarbeit mit Reed der größte Fachzeitschriftenverlag der Niederlande und besaß führende Tageszeitungen wie das „Allgemeen Dagblad". Wie Reed hat auch Elsevier seine Publikumstitel ab 1995 fast vollständig abgegeben, um sich ganz auf den weiteren Ausbau der Fachinformationssparte zu konzentrieren (im Oktober 2012 etwa verkaufte Reed das Hollywood-Branchenblatt „Variety“). Eine sicher geglaubte Fusion mit dem ebenfalls niederländischen Fachverlagsriesen Wolters Kluwer scheiterte überraschend im März 1998. Reed Elsevier machte zwar kartellrechtliche Auflagen dafür verantwortlich, doch auch die Doppelstruktur des britisch-niederländischen Unternehmens mit zwei Hauptsitzen und doppeltem Management war sicherlich ein Grund. Seit 1999 ist die komplexe Reed-Elsevier-Geschäftsstruktur grundlegend reformiert worden. Mittlerweile gibt es ein einheitliches Management unter einem Chairman und einem CEO. Untergeordnet sind jeweils eigene Vorstandsvorsitzende für die verschiedenen Kernbereiche des Konzerns. Der ehemalige CEO Crispin Davis gilt als treibende Kraft hinter dem erfolgreichen Umbau des Unternehmens, das der „Guardian" einst als „archaisches Zweiländerkonstrukt" bezeichnete.

 

Von 2005 bis Mitte 2008 sorgten Verbindungen des Konzerns zum internationalen Waffenhandel für Schlagzeilen. Ausgerechnet die renommierte und von Reed Elsevier herausgegebene Medizin-Fachzeitschrift „The Lancet“ kritisierte in einem Artikel die Aktivitäten der Tochterfirma Spearhead/Reed Exhibitions. Letztere ist auf die Organisation von Messen und Ausstellungen spezialisiert. Im September 2005 veranstaltete die Firma erstmals die DSEi (Defence Systems and Equipment international), eine der größten Militäraustellungen der Welt, auf der unter anderem auch von der UNO geächtete Streubomben ausgestellt wurden. Über zwei Jahre distanzierte sich „The Lancet“ regelmäßig von den Beziehungen des Mutterkonzerns zur internationalen Rüstungsindustrie mit dem Hinweis, diese wären für eine medizinische Publikation moralisch nicht tragbar. Im März 2007 verfassten rund 80 „Lancet“-Redakteure einen offenen Brief samt kritischem Fragenkatalog an den damaligen CEO Davis. Auf drei Seiten protestierten unter anderem Ian Gilmore, Präsident der obersten britischen Ärzteorganisation Royal College of Physicians, und der US-Linguist Noam Chomsky in Leserbriefen gegen die Waffenmessen. Sir Michael Atiyah, ehemaliger Präsident der einflussreichen Royal Society, forderte einen Boykott von Reed-Elsevier-Publikationen. CEO Davis verteidigte das kontroverse Engagement mit dem Statement, dass „die Verteidigungsindustrie notwendig für die Aufrechterhaltung von Freiheit und nationaler Sicherheit“ sei. Im Mai 2008 reagierte das Management und kündigte an, die DSEi werde zukünftig nicht mehr von Reed Elsevier organisiert. Der Druck von Seiten der Aktionäre und der Protestbewegung „The Campaign Against Arm Trade“ war zu stark geworden.

Das Ansehen litt weiter, als 2009 bekannt wurde, dass Elsevier in Australien zwischen 2000 und 2005 im Auftrag von Pharmakonzernen wie etwa Merck Zeitschriften publizierte, die wie unabhängige Fachtitel aussahen. Zusätzlich wurden in den insgesamt sechs Pseudo-Fachblättern Artikel über Hormonersatz-Therapien abgedruckt, die nachweislich von Ghostwritern im Dienst der Pharmaindustrie geschrieben worden waren.

Ein anderes Konfliktthema ist die monopolistische Hochpreispolitik der Elsevier-Fachzeitschriften. Sie führte 2012 zu einer Boykott-Bewegung, der sich mehr als 15.000 Wissenschaftler anschlossen. Sie waren nicht mehr bereit, im Elsevier-Verlag ihre Beiträge zu publizieren, nur damit dieser die bereits durch öffentliche Mittel finanzierten Forschungsergebnisse überteuert an Studenten, Wissenschaftler und Bibliotheken verkauft – und damit verhindert, dass das in akademischen Einrichtungen gewonnene Wissen sich schnell und günstig in aller Welt verbreiten kann. Immer mehr Unis weigern sich deshalb, neue Elsevier-Magazine in ihre Kataloge aufzunehmen – selbst die Harvard-Universität warnte öffentlich, dass die exorbitanten Preise, die Bibliotheken für Fachjournals ausgeben müssen, langfristig den Wissenschaftsbetrieb einschränken könnten. Der Boykott wuchs weiter an, als CEO Engstrom die Kritik als „Missverständnis" abtat. Selbst Preissenkungen (Elsevier-Zeitschriften sind in der Regel dreimal so teuer wie vergleichbare Publikationen von Universitätsverlagen) konnten die Protest-Bewegung nicht schwächen. Der Vorsitzende des Deutschen Bibliothekenverbandes Frank Simon-Ritz bezeichnete die Preispolitik von Elsevier als „zum Teil sittenwidrig“.

Management

einklappen

Erik Engstrom ist seit 2009 CEO von RELX. Der Schwede gilt als öffentlichkeitsscheu und introvertiert. Öffentliche Auftritte und Interviews mit Engstrom sind rar gesät und würden nur die zahlreichen Kontroversen befeuern, die das Unternehmen in Bezug auf seine Ausstellungs- und Fachjournal-Sparten in den letzten Jahren generiert hat. Man wird bei ihm vergeblich auf einen öffentlich verkündeten Strategieplan warten, nur um den Aktienwert um ein paar Prozentpunkte anzuheben.

Geschäftsfelder

einklappen

RELX unterhält Geschäftsstellen in 40 Ländern, hat Kunden in über 180 Ländern, 33.000 Angestellte und eine Börsenkapitalisierung in Höhe von 36,6 Milliarden Euro. Und teilt das Geschäft auf in vier market segments:

Scientific, Technical & Medical: darunter Fachzeitschriften (18 Prozent der wissenschaftlichen Artikel weltweit erscheinen in RELX-Journals); Datenbanken (17 Mio. unique visitors haben monatlich über das „ScienceDirect“-Portal Zugriff auf akademische Fachzeitschriften; „Scopus“ ist eine führende Datenbank mit abstracts und Zitaten aus 25.000 Fachzeitschriften); die flagship clinical reference platform „Clinical Key“.

Risk & Business Analytics: Datenbanken wie z.B. “LexisNexis Solutions” unterstützen Risikomanagement. Beispiel: 2019 griffen 85 Prozent aller in den USA abgeschlossenen PKW-Versicherungen darauf zurück.

Legal: Informationsdienste in Rechtsfragen (LexisNexis legal and news database)

Exhibitons: Mit über 500 Ausstellungen in 30 Ländern ist Reed Exhibitions der größte kommerzielle Ausrichter von Trade Shows und Fachmessen. 2019 etwa wurden 50 neue Veranstaltungen lanciert.

Aktuelle Entwicklungen

einklappen

Entgegen aller Prognosen, die davon ausgingen, dass Wissenschaftsverlage mit der Verbreitung des Internets Schritt für Schritt obsolet werden würden, ist RELX in den letzten zwei Dekaden signifikant gewachsen. Trotz der weltweit wachsenden Boykott-Bewegung gegen die Hochpreispolitik erwirtschaftet RELX weiterhin beträchtliche Gewinne.

Viel Gegenwind aber gibt es immer noch. 2012 hatten Wissenschaftler zum Boykott von Elsevier aufgerufen, 2019 ist es auch den Hochschulvertretern genug. Die FAZ etwa bezeichnet die drei wissenschaftlichen Großverlage (neben RELX sind das Springer Nature und Wiley) als „das Verlag gewordene Übel“. Bibliotheken würden „mit Preisdiktaten erpresst“, und Traumrenditen von bis zu vierzig Prozent erzielt. Wissenschaftler mit Ambitionen könnten ohnehin nicht darauf verzichten, in einem der hochrangigen Journale zu publizieren.

Inzwischen gibt es Ansätze, die Macht des Oligopols zu schwächen. Die „Deal-Gruppe“, ein Verbund von Wissenschaftsinstitutionen und Bibliotheken unter dem Dach der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), hatte im Januar 2019 eine erste Einigung erzielt, mit Wiley, dem kleinsten der großen Drei. Danach sollte Springer Nature folgen. Die Verhandlungen mit RELX, dem Dritten und Größten im Bunde, treten auf der Stelle.

Literatur

einklappen

Inhalte

Institut für Medien- und Kommunikationspolitik

einklappen
einklappen

mediadb.eu wird gefördert von der Bundeszentrale für Politische Bildung

einklappen

und der Stadt Köln.