1. AT&T Inc.

Umsatz 2019: $ 181,190 Mrd. (€ 161,860 Mrd.)

Überblick

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Nach dem Mega-Merger von 2018, der Fusion des weltweit wertvollsten Telekom-Konzerns AT&T mit TimeWarner, dem lange (ab Ende der 1990er bis 2010) größten traditionellen Medienkonzern der Welt, belegt AT&T als voll integrierter Medienkonzern bzw. laut Eigenbeschreibung als „the first truly modern media company“ den ersten Platz im IfM-Ranking – mit großem Abstand.

Basisdaten

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Hauptsitz:
208 S. Akard St.
Dallas, TX 75202
USA
Telefon: 001 210 8214105
Website: about.att.com/pages/company_profile

Branchen: Telekommunikation, Kabel- und Satellitenfernsehen, Free-TV, Pay-TV, Streaming, Film- und TV-Produktion, Filmvertrieb, Werbung
Rechtsform:
Aktiengesellschaft
Geschäftsjahr: 01.01 - 31.12
Gründungsjahr: 1885

Tab. I: Ökonomische Basisdaten (Beträge in Mrd. $)
2019**2018**2017**2016*2015*
Umsatz
181,19170,76160,5551,335,29
Gewinn (AT&T, Mrd. $)
14,9819,3729,8513,3313,69
Aktienkurs (in $, Jahresende)39,0630,3438,8842,5334,41
Mitarbeiter (AT&T)
247.800268.220254.000268.540281.450

 * Umsatz AT&T Entertainment Group (DirecTV)
** Gesamtumsatz AT&T einschließlich Time Warner

 

Tab. II: Umsatz nach Sparten (Beträge in Mio. $)

CommunicationsWarner MediaLatin AmericaXandr
2017
149.4574308.2691.373
2018
143.72318.9417.6521.740
2019142.35933.4996.9632.022

Geschäftsführung

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Management:

  • John Stankey, CEO, AT&T
  • Ed Gillespie, Senior EVP – External and Legislative Affairs
  • David S. Huntley, Senior EVP & Chief Compliance Officer, AT&T
  • Jeff McElfresh, CEO AT&T Communication
  • Jason Kilar, CEO, WarnerMedia
  • Lori Lee, CEO AT&T Latin America & Global Marketing Officer, AT&T
  • David R. McAtee II, Senior EVP and General Counsel, AT&T
  • Angela Santone, Senior EVP – Human Resources, AT&T
  • John J. Stephens, Senior EVP and CFO, AT&T

 Aufsichtsrat:

  • Randall L. Stephenson, Executive Chairman
  • Matthew K. Rose, Retired Chairman and CEO, Burlington Northern Santa Fe
  • Samuel A. Di Piazza, Retired Global CEO, PricewaterhouseCooper
  • Richard W. Fisher, former President and CEO, Federal Reserve Bank of Dallas
  • Scott T. Ford, CEO, Westrock Group
  • Glenn H. Hutchins, Chairman, North Island and Co-Founder, Silver Lake
  • William E. Kennard, former US Ambassador to the European Union, former chairman, FCC
  • Debra L. Lee, CEO, Leading Women Defined
  • Stephen J. Luczo, Crosspoint Capital Partners
  • Michael B. McCallister, Retired Chairman and CEO, Humana Inc.
  • Beth E. Mooney, Retired Chairman and CEO, Key Corp.
  • John Stankey, CEO, AT&T
  • Cynthia B. Taylor, President and CEO, Oil States International
  • Geoffrey Y. Yang, Founding Partner and Managing Director, Redpoint Ventures

 

 

Geschichte

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Die American Telephone and Telegraph Company wurde von niemand Geringerem als dem gebürtigen Schotten Alexander Graham Bell (1847-1922) gegründet, nachdem er 1876 das Telefon erfunden hatte. AT&T („Ma Bell“) konnte mithilfe des sogenannten „Bell System“ von Telefongesellschaften ein US- und kanadaweites Monopol errichten. Bis 1984: Nach einem zehnjährigen Antitrust-Verfahren wurde das AT&T-Monopol zerschlagen und in sieben regionale Telefonfirmen („Baby Bells“) aufgeteilt: Ameritech, Bell Atlantic, BellSouth, NYNEX, Pacific Telesis, Southwestern Bell, US West. AT&T selbst behielt das Long distance-Geschäft, die Forschungs- und die Produktionsabteilungen. Die Baby Bell-Firma Southwestern Bell, jetzt als SBC Communications konnte dann das ursprüngliche AT&T 2005 für 16 Milliarden US-Dollar übernehmen.

In den Jahren zuvor hatte AT&T sich unter CEO Michael Armstrong auch auf weiteren Geschäftsfeldern versucht, 1999 etwa mit dem Kauf von Tele-Communications, dem zu der Zeit (nach Time Warner) US-weit zweitgrößen Kabelfernseh-Anbieter. Armstrong investierte weitere 100 Milliarden in die Kabelnetze, bis die Investoren die Geduld verloren und der Aktienkurs unter Druck geriet. Bereits 2001 gab der überschuldete Telefonriese bekannt, seine Kabelsparte AT&T Broadband und seine damals über 13 Millionen Kunden abstoßen zu wollen. Ein Bietergefecht begann, das Comcast am Ende für sich entscheiden konnte.

2006 konnte das neue AT&T (nach der Übernahme durch SBC also) das mehr als 20 Jahre zuvor abgespaltene Bell South kaufen und wurde wieder zum weltgrößten Telekom-Unternehmen. 2015 dann ein neuer Schritt in die Medien: AT&T übernahm den führenden US-Anbieter für Satellitenfernsehen DirecTV. Jetzt bezeichnete man sich als „the premier integrated communications company in the world” und war weltweit der größte Anbieter von Bezahlfernsehen.

Zur Vorgeschichte: Es war der legendäre Luftfahrtpionier und Filmproduzent Howard Hughes, der die Satelliten-Technologie ab Mitte der 1950er Jahre entwickelte, zunächst im Rahmen seines Flug- und Raumfahrtkonzerns Hughes Aircraft. Nach Hughes Tod 1976 wurde Hughes Aircraft an General Motors verkauft. Unter der Kontrolle von GM machten die von Hughes Electronics 1994 ins All geschossenen Direct Broadcast Satellites bereits 2003 Gewinn und hatten bald einen Kundenstamm von 12 Millionen Haushalten, die für rund 150 TV-Sender monatlich über 50 US-Dollar zahlten. 2004 verkaufte Hughes Electronics die übrigen Geschäftsbereiche und wurde zur DirecTV Group. 2007 lag die Penetration von DBS-Anschlüssen bei bereits 25,2 Prozent aller Haushalte. 2014 dann kündigte AT&T an, DirecTV für 49 Milliarden Dollar übernehmen zu wollen. Die Regulierungsbehörde FCC stimmte dem Deal im Juli 2015 zu und AT&T Entertainment (so der neue Name) wurde mit 26 Millionen Kunden zum größten Pay-TV-Anbieter der USA. Wenn man vom Konkurrenten Dish (früher Echostar) absieht, wird das Satelliten-Geschäft seit Anfang der 1990er Jahre von DirecTV dominiert.

Ein Jahr später der nächste Coup. Im Oktober 2016 einigten sich AT&T und der zu dem Zeitpunkt sechstgrößte Medienkonzern der Welt TimeWarner auf eine Fusion. Erst im Juni 2018 wurde der Deal von den Kartell- und Regulierungsbehörden durchgewunken. Ein Blick auf die bewegte Geschichte der traditionsreichen, jetzt in AT&T integrierten Filmfirma:

Das Studio der Warner Brothers entstand 1923 in Hollywood, einem abgelegenen Vorort von Los Angeles, wo es außer Sonne damals nicht allzu viel gab. Als Söhne jüdischer Immigranten aus dem sog. Kongresspolen war den vier Brüdern Harry, Albert, Jack und Sam Warner eine Universitätsausbildung nicht vergönnt. Fasziniert vom Zauber der Filmwelt – damals noch in Schwarzweiß und ohne Ton – mieteten sie sich am Sunset Boulevard billige Geschäftsräume, um die ersten Filme zu produzieren. 1927 gelang ihnen mit „The Jazz Singer“, dem ersten Tonfilm der Geschichte, der Durchbruch. Jack Warner allerdings hatte Zweifel: „Wer will schon Filme sehen, in denen gesprochen wird?“ Die Warner-Brüder produzierten „The Jazz Singer“ und sollten es nicht bereuen. Mit den Gewinnen konnten sie sich ein Grundstück in Burbank nördlich von Hollywood kaufen und dort ein reguläres Filmstudio betreiben. Das Gelände ist bis heute in jedem Warner Brothers-Film im Vorspann zu sehen. Anders als Metro-Goldwyn-Mayer konzentrierte sich Warner Brothers nicht auf glamouröse Monumentalfilme, sondern auf weniger riskante Produktionen (Gangsterfilme, Liebesdramen). Das brachte zwar weniger Schlagzeilen, unterm Strich aber gute Geschäftszahlen. Weltbekannte Erfolgsfilme waren: „Casablanca“ (1942), „East of Eden“ (1955), „Rebel Without a Cause“ (1955), „My Fair Lady” (1964), „A Clockwork Orange” (1971), „The Exorcist” (1973), „The Shining” (1980), „Blade Runner” (1982), „Heat” (1995). Dazu erweiterte Warner in den 1950er und 1960er Jahren sein Geschäftsfeld auf die Fernsehfilm- und Schallplattenproduktion. Der Vollständigkeit halber ein Überblick über die (neben Warner) anderen verbliebenen Hollywood-Major-Studios: Universal Pictures (gegründet 1912, heute Teil von Comcast, Platz 3 des aktuellen IfM-Rankings), Paramount Pictures (gegründet 1912, heute Teil von ViacomCBS, Platz 12 des IfM-Rankings), Walt Disney Pictures (gegründet 1923, Platz 4 des IfM-Rankings), Columbia Pictures (gegründet 1924, heute Teil von Sony, Platz 10 des IfM-Rankings). 20th Century Fox, gegründet 1935 und jahrzehntelang der sechste Major, gibt es nicht mehr, seit es 2020 von Disney übernommen wurde.

1969 kaufte Steven Ross, CEO von Kinney National Service, Warner Brothers für 400 Millionen Dollar. Jack, der letzte verbliebene Warner, zog sich aus Altersgründen zurück. Seine Brüder hatte er schon Ende der 1950er mit unfeinen Tricks aus dem ursprünglichen Familienunternehmen rausgeworfen. Zwei Jahre später wurde Warner Brothers in Warner Communications umbenannt und Ross läutete eine neue Ära ein. So wird er von Tim Wu in „The Master Switch“ als „das erste Exemplar des neuen Archetyps eines großen Medienmoguls“ bezeichnet, als Vorbild für schillernde Figuren wie später Michael Eisner (Disney) oder Barry Diller (Paramount). Unter Steven Ross umfasste das erste Medienkonglomerat in den 1980ern neben dem Filmstudio unter anderem den Comicverlag DC Comics, das Mad Magazine, den Videospieleentwickler Atari und das Fußballteam von Cosmos New York.

Time Inc. war 1922 gegründet worden, ein Jahr früher als Warner. Henry Luce und Briton Hadden, Schulfreunde und später Kommilitonen in Yale, hatten schon eine Weile mit dem Gedanken gespielt, ein wöchentliches Nachrichtenmagazin auf den Markt zu bringen. Eine damals revolutionäre Idee. Am 3. März 1923 dann lag die erste Ausgabe von Time an den Kiosken – mit enormem Erfolg. Es dauerte nicht lange bis weitere Zeitschriften folgten: die Foto-Illustrierte Life, das Wirtschaftsmagazin Fortune, das Tratschblatt People. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Time Inc. nicht nur der größte Magazinverlag der USA, sondern weltweit. Ein leidenschaftlicher (statt nüchterner) Schreibstil war das journalistische Konzept. Als Verleger Luce einmal wegen der mangelnden Objektivität seiner Blätter kritisiert wurde, meinte er knapp: „Wir erzählen die Wahrheit so, wie wir sie sehen.“

1989 wurden Warner und Time zusammengeführt. Der Name TimeWarner stand ab da für den größten Medienkonzern der Welt. Die Idee eines solchen „integrierten Medienkonzerns“ sollte in den folgenden Jahren viele weitere Fimen-Zusammenschlüsse im Medienbereich inspirieren. Für TimeWarner-Chef Gerald Levin war es nicht genug. 1996 kaufte er die CNN-Gruppe von dessen Gründer Ted Turner für 8,5 Milliarden Dollar. Turner hatte im Jahre 1979 in Atlanta den ersten Sender gestartet, der rund um die Uhr Nachrichten zeigte. Anfangs wegen der ständigen Versprecher seiner jungen Korrespondenten als „Chicken Noodle Network“ verlacht, mauserte sich Turners „Cable News Network“ in wenigen Jahren zur weltweiten Autorität für Nachrichten. Das Geschäftsmodell funktionierte. Das bislang wenig profitable Genre der TV-Nachrichten brachte erst Turner und dann TimeWarner satte Gewinne ein.

Doch Levin wollte noch mehr. Am 10. Januar 2000 überraschte er die Öffentlichkeit mit der Ankündigung, dass er TimeWarner mit dem Internetanbieter AOL fusionieren wolle. Der weltgrößte Betreiber klassischer Medien zusammen mit dem erfolgreichsten Player der digitalen Medien. Quasi berauscht vom Internetfieber an der Börse feierte die Welt den Merger damals als Meilenstein für die endgültige Transformation der Old in eine New Economy. Dass nach den Fusionskonditionen die AOL-Aktionäre 55 Prozent an „AOL TimeWarner“ halten würden, obwohl Time Warner mit 27,3 Milliarden Dollar Umsatz neun Mal größer war als AOL (Umsatz: 3,1 Milliarden Dollar) und auch mehr als doppelt soviel Nettogewinn erwirtschaftete (1,95 Milliarden Dollar gegenüber 762 Millionen Dollar), erschien damals gerechtfertigt. Nach der Börsenbewertung hätten den AOL-Eignern sogar 70 Prozent zugestanden.

Man erinnert sich: Nicht lange, bis die Internet-Blase platzte, und mit ihr die Euphorie. AOL Time Warner geriet in eine tiefe Krise. Levin trat im Juni 2002 als CEO zurück, AOL-Gründer Steve Case musste ein Jahr später seinen Posten als Chairman räumen. Neuer starker Mann im Konzern wurde Richard „Dick“ Parsons, ein Eigengewächs aus dem Hause TimeWarner, der sich auf die Werte der alten Medienwelt besann. Es gelang ihm, den angeschlagenen Konzern zu sanieren und wieder auf Wachstumskurs zu bringen. Im Herbst 2003 strich er die drei Buchstaben „AOL“ aus dem Konzernnamen; TimeWarner war wieder TimeWarner. Ende 2009, nach acht Jahren, spaltete TimeWarner seine Internetsparte AOL ab (inzwischen ist AOL nach Jahren der Eigenständigkeit Teil von Verizon; siehe Platz 19 des IfM-Rankings).

Auch aus dem Musik-, Buch- und Kabelgeschäft zog sich TimeWarner zurück. Die Warner Music Group (WMG), eine der vier großen Plattenfirmen weltweit, wurde im Februar 2004 an eine Investorengruppe um Edgar Bronfman jun. verkauft, 2006 folgte die Abgabe der TimeWarner Book Group an den französischen Lagardère-Konzern, 2009 dann wurde TimeWarner Cable ausgegliedert. 2013 schließlich eine weitere Umstrukturierung: Die nach Jahren der Misswirtschaft defizitäre Magazinsparte Time Inc. wurde in ein eigenständiges Unternehmen überführt. Heute besteht der Konzern im Wesentlichen aus einem der großen Hollywood-Studios, aus CNN und dem Bezahlsender HBO (in den 1990er Jahren maßgeblich beteiligt an der Neuerfindung des Serien-Genres).

Als sich die Megafusion AT&T/TimeWarner abzeichnete, der nach Comcast/NBCUniversal und Verizon/AOL dritten von Telekommunikationskonzernen mit Medienunternehmen („merger mania“), waren die Kritiker schnell zur Stelle. Das Ganze bedeute nicht weniger as eine Gefahr für die amerikanische Demokratie, zermalmt zwischen corporate monopolies, eine moderne Version der Trusts im „Gilded Age“ (Blütezeit der US-Wirtschaft Ende des 19. Jahrhunderts). So Zephyr Teachout, 2018 von der New York Times unterstützte Kandidatin für das Amt der New Yorker Generalstaatsanwältin, am 13.6.2018 im Guardian. Unter Verweis auf das Beispiel Facebook, d.h. auf die Verbindung von Facebook mit russischem Einfluss auf die US-Wahlen, auf die Tatsache, dass es (nach dem Kauf von WhatApp und Instagram) kaum noch Konkurrenten gibt, plädiert Teachout für eine schärfere Kontrolle durch die Politik. Gegen eine Position von Hilflosigkeit gegenüber großen, mit der Politik durch Lobbying eng verbundenen Konzernen, an die man sich schon gewöhnt habe.

Dazu mahnte die NGO freepress, ein Unternehmen wie AT&T dürfe aufgrund seiner kontroversen jüngeren Geschichte auf keinen Fall weiterwachsen. Durch die Kooperation mit dem NSA-Geheimdienst sei AT&T in Bezug auf die Herausgabe von Nutzerdaten integraler Bestandteil des Massenüberwachungapparates, und verhindere Netzneutralität und den Glasfaserausbau unabhängiger kleinerer Firmen. Die Fusion bedeute, Zitat freepress, „AT&T would control internet access for hundreds of millions of people and the content they view, enabling it to prioritize its own offerings and use sneaky tricks to undermine Net Neutrality.”

AT&T selbst sieht das naturgemäß weniger kritisch und verweist auf die gemeinsame Vergangenheit: Schließlich habe man schon in den 1920ern gemeinsam Geschichte geschrieben. AT&T habe die Tonfilm-Technologie entwickelt, mit der Warner dann The Jazz Singer produziert habe, „the first talking picture“. 2018 verkündete der damalige CEO Randall Stephenson im AT&T-Jahresbericht mit Pathos: „In der vergangenen Dekade haben wir erhebliche Investitionen getätigt und unsere Industrie durch eine globale Revolution geleitet, um allen eine mobile Nutzung des Internet zu ermöglichen. Heute gehen wir weiter auf diesem Weg, um für Sie, meine Damen und Herren Aktionäre, Wertschöpfung zu generieren. In einer Zeit, in der sich Technologie, Medien und Telekommunikation inmitten einer weiteren Revolution befinden, in der Kunden immer wieder auf eine neue Art und Weise auf Inhalte zugreifen wollen. AT&T als wahrhaft modernes Medienunternehmen ist ein weiteres Mal gut aufgestellt, um diese nächste Revolution anzuführen.“

Es versteht sich, dass es das nicht umsonst gab. Der Geschäftsbericht 2018 wies die fast abenteuerliche Summe an Gesamtschulden in Höhe von 176,5 Milliarden Dollar auf. Zum Vergleich: Charter Communications meldete einen Schuldenstand 2018 von 72 Milliarden Dollar, Disney etwa 21 Milliarden Dollar (Ende September 2018), Bertelsmann 15,5 Milliarden Euro (kurz- und langfristige Schulden insgesamt).

Im April 2018 wurde weltweit berichtet, dass eine erste Maßnahme zur Entschuldung gescheitert war: „AT&T hat den geplanten Börsengang von Vrio, seinem DirecTV-Geschäft in Lateinamerika, wenige Stunden vor dem Beginn des Handels eingestellt... basierend auf den aktuellen Marktbedingungen... Kabelfernsehanbieter sind einem harten Wettbewerb ausgesetzt, da die Branche mit Kunden kämpft, die ihre Konten kündigen und zu Video-Streaming-Diensten wie Netflix und Amazon Prime wechseln. Der ursprüngliche Plan von AT&T hatte darin bestanden, Vrio zu verkaufen, um Schulden zu begleichen, die mit der Übernahme von TimeWarner entstanden waren.“

Am 9. April 2019 stand in der Financial Times, man würde in Dallas auch den Verkauf von HBO Europe zum Schuldenabbau „intern diskutieren“. Zur Kenntnis: HBO Europe ist ein auf HBO-Programmen beruhendes Pay TV- und VOD-Angebot in 13 osteuropäischen Ländern bzw. als VOD-only in Spanien, Schweden, Norwegen, Dänemark, Finnland und Portugal. Vehementen Widerspruch zu den Verkaufsplänen gab es allerdings von WarnerMedias John Stankey (dem heutigen AT&T-Chef): „There is no truth whatsoever to the Financial Times’ story saying AT&T is or has considered selling HBO Europe. It’s completely baseless and inaccurate. HBO Europe is a valuable asset for our growth plans in Europe.”

Management

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Im Gespräch an der Stanford Graduate School of Business gab Randall Stephenson, damals noch AT&T-Boss, im Januar 2019 Einblick in die Herausforderungen angesichts des massiven Wandels in den Kommunikations- und Medienindustrien. Stephenson, zu der Zeit einer der mächtigsten Medienmanager der Welt, über das Management von big transitions (vom Festnetz zum Mobilfunk; vom kabelbasierten zum mobilen Breitbandnetz; vom traditionellen Sat- und Kabel-TV zum „over the top“-Streaming): „You have to commit. This is where the customer is going, this is where the technology is going, you have to commit and go to it… We’ve been around a 140 years, we’ve managed through so many of these, I actually believe managing through these migrations is a core competency of ours.” Das neue AT&T: „This ain’t your grandparents’ Ma Bell“.

Es ging auch um die Schwierigkeiten, verschiedene Unternehmenskulturen im neuen AT&T-Konzern zu bewahren, die technische, operational excellence des historischen Telefonkonzerns und die kreative, boundary-pushing Kultur von WarnerMedia. Um dann zum Kern der Sache zu kommen: Am Ende gehe es um „data“, gehe es darum, mithilfe von mehr Nutzerdaten über viewing habits (Was wird nachgefragt? Wann? Auf welchem Endgerät?) zielgenauere, für Kunden relevantere, vermeintlich anonymisierte Werbung auf den firmeneigenen Kanälen schalten zu können. Denn was am Ende zählt, ist: effizientere Werbeslots zu verkaufen. Künftig wird sich das Geschäftsmodell an Amazon, Google und Facebook orientieren müssen, werden die Tech-Konzerne die Konkurrenten sein. Google und Facebook hätten ein „de facto Duopol“ auf dem Markt für Onlinewerbung aufgebaut, dem man jetzt aber mit dem kombinierten AT&T-TimeWarner etwas entgegensetzen könne. Konflikte zwischen den AT&T-Technikern (aus Texas) und Kreativen von Warner (New York, Hollywood) entstanden nach dem Zusammenschluss trotzdem. HBO-Chef Richard Plepler und chief revenue officer Simon Sutton mussten im Februar resp. März 2019 gehen.

Bob Greenblatt (geb. 1960), zuvor Chef von Showtime und NBC Entertainment, blieb und wurde im März 2019 CEO von WarnerMedia-Entertainment. Jeff Zucker (geb. 1965), zuvor CEO von NBC und NBC Universal, war seit 2013 president von CNN Worldwide, um nach der Reorganisation im März 2019 die News & Sports-Abteilung zu übernehmen. John Stankey (geb. 1962) ist seit 1985 bei AT&T. Er war CEO von WarnerMedia und der AT&T Entertainment Group; Chief Strategy Officer; Chief Technology Officer; CEO von AT&T Operations und von AT&T Business Solutions. Zuletzt fungierte er als president und Chief Operating Officer, bevor er im Juli 2020 zum CEO des Gesamtkonzerns ernannt wurde.

Vorstandschef Randall Stephenson trat zum 1.7.2020 zurück. Sein Vermächtnis nach 13 Jahren an der Firmenspitze ist umstritten. „Anleger schienen zunächst unbeeindruckt von der Nachricht“, so das Handelsblatt vom 24.04.2020, „die AT&T-Aktie reagierte kaum.“ Die AT&T-Aktie aber war bei seinem Amtsantritt rund 24 Prozent mehr wert (während der S&P 500-Index in der Zeit um 85 Prozent gestiegen ist). Im Gegenzug stieg die Dividende unter Stephenson um 46 Prozent auf $ 0,52. Telekom-Analyst Craig Moffett sagt: “He leaves behind a completely transformed AT&T, but the jury is still out if the transformation is for better or worse.” Für Moffet war auch der Kauf von DirecTV „ein Desaster“: DirecTV sei heute weniger als die Hälfte wert. Vielleicht werde man Stephenson irgendwann als Visionär sehen, so cnbc.com. Andererseits: „Only time will tell if AT&T’s decision to become a large modern media company will pay off.”

Geschäftsbereiche

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AT&T gliedert sich in drei „berichtspflichtige Segmente“.

1. AT&T Communications (Dallas)
Mit dem „Communications segment” unter CEO Jeff McElfresh wurden 2019 ca. 77 Prozent des Gesamtumsatzes erzielt. Communications teilt sich wiederum in:

Mobility: Hierzu gehört das schnelle 4G und 5G Mobilfunk-Netz mit 166 Mio. Abonnenten in Nordamerika Ende 2019 (darunter 50 Millionen 5G-Kunden).
Business Wireline: „global backbone network” für Geschäftskunden weltweit
Entertainment Group: Seit einigen Jahren lässt sich auf dem US-Fernsehmarkt das sogenannte Cord Cutting beobachten: Nutzer kündigen verhältnismäßig teure Kabel-TV-Abos, um Fernsehen nur noch über das Internet zu beziehen. Anfang 2017 beispielsweise hatte das Kabelangebot von AT&T auf mehreren Hundert Kanälen („Premium TV“) über 25 Millionen Abonnenten, im Oktober 2020 waren es nur noch 17,1 Millionen. Auch der altehrwürdige Satellitenfernseh-Anbieter DirecTV (El Segundo, Kalifornien), den AT&T 2015 gekauft hat, zählt zur Entertainment Group. Und auch DirecTV ist vom Cord Cutting betroffen und gilt mittlerweile als Verkaufskandidat.

2. WarnerMedia (New York)
Das Geschäft unter WarnerMedia-CEO Jason Kilar (zuvor Chef des Hulu-VOD-Dienstes) gliedert sich in:

HBO, gegründet 1972, weltweit renommierte Entertainmentmarke, der älteste Pay TV-Kanal der USA, der auch damit anfing, gegen Zusatzgebühren werbefreie und unzensierte („without editing for objectionable material“) Programme auszustrahlen und heute seine Produktionen in 155 Ländern vertreibt, auch auf zahlreichen eigenen Spartenkanälen. Beispiele für globale HBO-Serienerfolge: „Sex and the City“ (1998), „The Sopranos“ (1999), „The Wire“ (2002), „Game of Thrones” (2011). Seit dem 27.5.2020 auf Sendung: das hauseigene Streaming-Angebot HBO Max, als Konkurrenz zu Netflix, Amazon Prime, Disney+, Apple TV+ etc.

Turner: Auf der Basis der 1970 von Ted Turner gegründeten gleichnamigen Sendergruppe werden unter der Turner-Marke über 180 Sender (Pay- und Free-TV) zusammengefasst, ausgestrahlt in 34 Sprachen und in mehr als 200 Ländern, in den Sparten Entertainment, News, Sport und Kinder. Darunter core brands wie: CNN, TNT, Cartoon Network, Boomerang, TCM Turner Classic Movies, Adult Swim. Warner Bros., eines der „big five“ Hollywood-Filmstudios, die von Anfang an erst das amerikanische Kino, und bald die globale Filmindustrie dominiert haben. Das Warner Bros.-Segment innerhalb von WarnerMedia, einer der größten TV/Filmproduzenten weltweit, kann auf eine 100.000stündige Programm-Bibliothek zurückgreifen (mehr als 8.600 Kinofilme und 5.000 Fernsehprogramme).

3. AT&T Latin America (Coral Gables, Florida)
Die Lateinamerika-Sparte umfasst 19 Mio. Mobilfunk-Kunden in Mexiko und das Vrio-Satelliten-Bezahlfernsehen mit 13 Mrd. Abonnenten in Brasilien, Argentinien, Barbados, Chile, Kolumbien, Curaçao, Ecuador, Peru, Trinidad und Tobago, Uruguay und Venezuela. Insgesamt erwirtschaftete AT&T Latin America 2019 einen Umsatz von knapp 7 Mrd. US-Dollar.

4. Xandr (New York)
Das Adtech-Unternehmen wurde 2007 als AppNexus gegründet, entwickelte sich nach Google zum zweitgrößten Anbieter digitaler Marktplatzinfrastruktur weltweit und wurde nach dem Kauf durch AT&T 2018 in Xandr umbenannt.

Engagement in Europa

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HBO-Programme werden in Europa vertrieben über Exklusivlizenzen in Märkten wie Großbritannien, Irland und im deutschen Sprachraum (über „Sky Atlantic“), den Niederlanden (über das „Ziggo“-Kabelnetz), Frankreich („OCS“), Belgien („BeTV“) oder Russland („Amedia“). Außerdem veranstaltet die HBO-Tochter „HBO Europe“ schon seit Anfang der 1990er Jahre Pay TV-Kanäle in Osteuropa (also lange vor der EU-Osterweiterung 2004). Im Detail: Man startete zunächst in Ungarn (1991), dann in Tschechien (1994), Polen (1996), der Slowakei (1997), Rumänien (1998), Moldawien (1999), Bulgarien (2002), Kroatien und Slowenien (2004), dann in Serbien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro (2006) und Mazedonien (2009). Dazu „HBO España“ als standalone streaming service seit 2016 und „HBO Nordic“ für die skandinavischen Länder. HBO Europe Original Programming Ltd. (London) ist zuständig für europäische Eigenproduktionen aus Spanien bzw. Zentral- und Osteuropa.

Aktuelle Entwicklungen

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HBO Max hat es nicht leicht gegenüber etablierten Streamingdiensten wie Netflix, Hulu, Amazon Prime und den finanzstarken Newcomern von Disney und Apple. Fünf Monate nach dem Start am 27. Mai 2020 hatte HBO Max in den USA nur 28,7 Millionen zahlende Nutzer. AT&T hatte mit 37 Millionen gerechnet. Daraufhin machte Andy Forsell, Chef von HBO Max Global, Anfang Dezember 2020 den Entschluss bekannt, 2021 sämtliche Warner Bros.-Großproduktionen zeitgleich zum Kinostart auch auf HBO Max (zumindest in den USA) zu zeigen. Man spricht von einem „hybriden Vertriebsmodell“, von „direct-to-stream releases“.

Weltweit will AT&T seinen Streamingkanal mittelfristig in 190 Ländern verfügbar machen, nach Europa kommt HBO Max in der zweiten Jahreshälfte 2021, allerdings ohne Großbritannien, Italien, Deutschland und Österreich. In diesen Ländern hat Warner einen Exklusivvertrag mit Sky, der weiterhin Bestand hat. Was bedeutet, dass Warner-Blockbuster in Deutschland z.B. weiterhin zuerst im Kino laufen werden, und im Anschluss im Pay-TV bei Sky.

Laut Jahresbericht 2019 konnte AT&T die erwähnte Schuldenlast bereits auf die nach wie vor enorme Summe von 163,15 Milliarden Dollar verringern. Teil der Strategie, Schulden weiter abzubauen, ist offenbar auch der Verkauf eines „signifikanten Minderheitsanteils“ an DirecTV. Seit Monaten liest man von schwierigen Verhandlungen mit diversen Private-equity-Firmen, am 22. Januar 2021 etwa berichtete Bloomberg von einem „potential deal“ mit dem Investor TPG. Schwierig ist offenbar die Bewertung des durch Cord Cutting angeschlagenen DirecTV. Von etwa 15 Milliarden war die Rede: ein Bruchteil des ursprünglichen Kaufpreises von 48,5 Milliarden Dollar (plus ca. 20 Milliarden Schulden).

Wie sagte Telekom-Analyst Craig Moffett anlässlich des Abgangs von CEO Randall Stephenson: „He leaves behind a completely transformed AT&T, but the jury is still out if the transformation is for better or worse.” Für Moffet war auch der Kauf von DirecTV „ein Desaster“. Vielleicht werde man Stephenson irgendwann als Visionär sehen. Andererseits: „Only time will tell if AT&T’s decision to become a large modern media company will pay off.”

In einem Interview mit CNBC ging Moffett einen Schritt weiter: „Let me be provocative for a second. I think if you take your crystal ball and look out a little bit, it’s hard to see that portfolio staying together forever… Somebody is going to come into AT&T eventually and — whether it’s in three years, five years, whatever — they’re going to have to break that company up.”

Weiterführende Literatur

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  • Steve Coll: The Deal of the Century: The Breakup of AT&T. New York: Open Road (2017)
  • David Thomson: Warner Bros: The Making of an American Movie Studio. Yale University Press (2017)