Twitters Medienstrategie

31.07.2012

Ein britischer Reporter, der die NBC-Berichterstattung über die olympischen Spiele kritisiert hatte, wurde vom Microblogging-Dienst Twitter ausgeschlossen. Weil Twitter mit NBC (Teil von Comcast, dem größten Medienkonzern der Welt) kooperiert, fürchten Beobachter bereits ein Ende der Meinungsfreiheit im sozialen Netzwerk. Grund für die mediadb.eu-Redaktion einen näheren Blick auf Twitters Medienstrategie zu werfen:

1. Ist Twitter auf dem Weg zum Medienkonzern?
Ähnlich wie Google und Yahoo plant auch Twitter auf mittel- und langfristige Sicht, sigifikante Einnahmen aus dem Verkauf von an Medieninhalten gekoppelte Werbung zu generieren. Schon jetzt bezeichnet CEO Dick Costolo sein Unternehmen vom Selbstverständis her als "medienorientiertes IT-Unternehmen". Die konkrete Medienstrategie geht dabei auf Twitters Medien-Chefin Chloe Sladden zurück. Sie realisierte, wovon Chefs von Fersehsendern seit Jahrzehnten geträumt haben: eine effektive Möglichkeit für Fernsehzuschauer, sich interaktiv und in Echtzeit mit den ausgestrahlten Inhalten auseinanderzusetzen. Bei Al Gore's Fernsehsender Current TV erfand sie im Rahmen der Präsidentschaftswahlen 2008 die Idee, Zuschauer die Wahl in Echtzeit über Twitter kommentieren zu lassen und deren Kommentare von sogenannten Twitter-Jockeys zu ordnen und aufzubereiten.

In Zeiten, in denen klassisches, lineares Fernsehen immer mehr Zuschauer verliert, wird Twitter von Experten als Rettungsanker betrachtet. So konnte etwa MTV die sinkenden Zuschauerzahlen bei der Übertragung der Video Music Awards durch eine Twitter-Kooperation erfolgreich bekämpfen. Ein Großteil der Zuschauer verfolgt solche und andere Events nur noch, um die Ereignisse live auf Twitter zu kommentieren. Egal, ob Tore bei der Fußball-Europameisterschaft, Putschversuche in Ecuadour oder neue Folgen der TV-Serie "Glee" (bei der die Darsteller während jeder Ausstrahlung mittweeten) - bei jedem dieser Ereignisse steigen die Twitter-Zugriffszahlen rasant an. Twitter dominiert bereits drei Viertel aller Internet-Kommentare über TV-Ereignisse, Facebook hingegen nur 16 Prozent. Für Sladden sind die Twitter-Kommentare eine neue "Art von Content", deren Vermarktung ein Monetarisierungspotenzial von mehreren Milliarden US-Dollar hat. CEO Costolo meint folglich, dass Twitter "das Geheimnis einer neuen Form von Werbung entdeckt" hätte. In Zukunft plant Twitter in Kooperation mit Hollywood-Studios die Produktion von eigenen Reality-TV-Serien, die bei Twitter ausgestrahlt werden sollen.

2. Welche Bedeutung hat die Olympia-Kooperation mit NBC?
Die Olympischen Spiele sollten für Twitter eigentlich zum Vorzeigeprojekt werden, das weiter demonstriert, welches Potenzial Twitter für Fernsehsender hat. Im Vorfeld der Spiele organisierte Twitter deshalb unzählige Workshops für Sportler und Journalisten, wo diesen die Funktionsweise von Twitter erläutert wurde. Die Kooperation von NBC könnte jetzt jedoch für Twitter zum Eigentor werden. Zum einen  TV-Kritiker zeigen sich entsetzt angesichts der minderwertigen Qualität der Berichterstattung. Zum anderen hat sich NBC anscheinend aus Geldgründen entschieden, einen Großteil der Olympischen Disziplinen nicht live auszustrahlen, um die Events für die Prime Time aufzuheben, was zu unfreiwillig komischen Momenten geführt hat und mit einem Live-Tool wie Twitter nicht vereinbar ist.

3. Bedroht die Medienstrategie die Meinungsfreiheit auf Twitter?
Im Fall von "Independent"-Journalist Guy Adams, dessen Twitter-Account wegen kritischer Kommentare über NBC gesperrt wurde, vermuten Beobachter, dies sei nur wegen der Kooperation mit der TV-Senderkette erfolgt. In der Vergangenheit hat sich Twitter (Firmenphilosophie: "Be a force for good") jedoch in der Regel solidarisch mit seinen Nutzern gezeigt. So streitet sich das Unternehmen bereits seit Monaten mit der Stadt New York, die Twitter mehrfach dazu aufgefordert hat, persönliche Informationen von Malcom Harris, einer Schlüsselfigur der Occupy Wallstreet-Proteste, herauszurücken. Die Twitter-Anwälte weigern sich jedoch mit Hinweis auf die Presse- und Meinungsfreiheit die Daten zu veröffentlichen.

Mehr dazu:

Guardian: Twitter urged to explain ban on British journalist over NBC Olympic tweets (31.07.2012)

Twitter - 25.07.2012 16:51
 Twitter: Ausbau zum Medienunternehmen schreitet voran - 19.04.2013 14:05

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