Bloomberg View: Meinungsvehikel für New Yorks Bürgermeister?

29.04.2011

Nächsten Monat wagt Bloomberg L.P. den Eintritt in den Meinungsjournalismus. Der bislang dem Selbstverständis nach politisch neutrale Finanzinformationsdienstleister und Medienkonzern wird künftig auf seiner Homepage und weiteren Kanälen (Bloomberg TV, Bloomberg Radio, BusinessWeek) täglich zwei Meinungskolumnen veröffentlichen, die sich vor allem mit wirtschafts- und außenpolitischen Fragen auseinandersetzen. Während in den vergangenen Wochen immer mehr Details bezüglich der neuen Bloomberg-Kolumnisten bekannt wurden, kann man immer mehr kritische Stimmen hören, die in Bloomberg View vor allem ein politisches Sprachrohr für den New Yorker Bürgermeister und Gründer des Unternehmens, Michael Bloomberg, sehen. Die mediadb-Redaktion hat die wichtigsten Fragen rund um Bloomberg View zusammengefasst und analysiert:

Warum investiert Bloomberg L.P. plötzlich in Meinungsjournalismus?
Selbst erklärtes Ziel des Unternehmens war es von Anfang an, die "einflussreichste Nachrichtenorganisation der Welt" zu werden. Die diversen Formate und Vertriebskanäle von Bloomberg erreichen jedoch aufgrund des Fokus auf Wirtschaftsberichterstattung naturgemäß vornehmlich Angehörige des Finanzsektors. Bloomberg View soll dies ändern und Konkurrenten wie New York Times, Washington Post und Wall Street Journal ihre Positionen als Leitmedien im US-amerikanischen Diskurs streitig zu machen. Bloombergs Archive sowie die diversen Datenbanken sollen den Kolumnisten bei ihren Bewertungen helfen. Das Unternehmen folgt dabei dem allgemeinen Trend hin zum Meinungsjournalismus im US-Wirtschaftsjournalismus. Bereits 2009 kaufte Bloombergs größter Konkurrent im Finanzinformationsbereich, Thomson Reuters, die Meinungsplattform BreakingViews für 18 Millionen US-Dollar.

Wer wird für Bloomberg View schreiben und welche Meinungen werden vertreten?
Als Chefredakteure wurden David Shipley und Jamie Rubin engagiert. Shipley ist ehemaliger Redakteur des Meinungsressorts der New York Times und war in den 1990er Jahren Berater und Redenschreiber für Präsident Clinton. Jamie Rubin ist Fernsehjournalist und arbeitete in der Vergangenheit als Staatsekretär für die Clinton-Administration. Die Doppelspitze soll laut Aussage von Shipley dafür sorgen, dass auf Bloomberg View "fiskalisch konservative und sozialliberale" Meinungen vertreten werden. Zu den weiteren bisher bekannten Kolumnisten und Redakteuren zählen unter anderem Michael Kinsley, Gründer des Onlinemagazins Slate sowie der Washington Post-Kolumnist und Blogger Ezra Klein.

Wie groß ist der Einfluss von Michael Bloomberg auf die in Bloomberg View veröffentlichten Meinungen?
Der Bürgermeister von New York ist mit einem geschätzten Vermögen von 18 Milliarden US-Dollar der reichste Medienunternehmer der USA sowie einer der reichsten US-Bürger überhaupt. Kritiker werfen ihm vor, namhaften Journalisten bis zu 500,000 US-Dollar pro Jahr zu zahlen, damit diese in Kolumnen seine Meinungen  vertreten. Bloomberg View-Chefredakteur Shipley hat zwar bereits mehrfach betont, dass beim Verfassen von Meinungskolumnen keine Interessenskonflikte auftreten werden. Doch Bloombergs Position als Bürgermeister von New York sowie seine Ambitionen, Präsident der USA zu werden (die trotz gegenteiligen Behauptungen Bloombergs nach wie vor akut sind) lassen beinahe jedes Thema - ob Innen-, Außen-, Sozial- oder Umweltpolitik - zu möglichen Interessenskonflikten werden. Die Journalisten, die für Bloomberg View schreiben werden, hat der Bürgermeister höchstpersönlich in Vorstellungsgesprächen ausgewählt. Die Redaktionsräume befinden sich zwar nicht im Bloomberg L.P.-Hauptquartier, sondern sind fußläufig von der privaten Residenz von Michael Bloomberg entfernt. Dass Bloomberg Ambitionen hat, die öffentliche Meinung zu beeinflussen, zeigte sich bereits mit dem Kauf des defizitären Wirtschaftsmagazins BusinessWeek. Auf die jährlich 25 Millionen US-Dollar Verlust der Zeitschrift angesprochen, entgegnete Bloomberg: "Sehe ich aus wie jemand, der sich darum kümmert 25 Millionen zu verlieren?"

Mehr dazu:

- Huffington Post: Bloomberg's New Opinion Section May Reflect 'Post-Partisan' Mayor Bloomberg (28.04.2011)

- Forbes: Bloomberg’s Blurring of Lines Raises Ethics ‘Red Flags (01.03.2011)

- New York Times: Bloomberg Testing the World of Opinion (28.02.2011)

Institut für Medien- und Kommunikationspolitik

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