Süddeutsche Zeitung

Die Süddeutsche Zeitung (SZ) ist mit rund 450.000 werktäglich verkauften Exemplaren die größte deutsche Qualitätszeitung. Zugleich bedient sie den Münchener und bayerischen Lokal- und Regionalmarkt, der für ihr wirtschaftliches Wohlergehen essentiell ist. Neben den zehn Regionalausgaben erscheint das Blatt in drei Varianten: einer Welt-, Deutschland- und München-Ausgabe. Die 1945 von US-Presseoffizieren für Bayern mit der „Lizenz Nr. 1“  versehene Zeitung ist Kernprodukt des übergeordneten „Süddeutschen Verlages“ (SV), der wiederum zur „Südwestdeutschen Medienholding“ SWMH, Stuttgart) gehört. Die SZ konkurriert im Feld der überregionalen Zeitungen wesentlich mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ), weniger mit der „Welt“  - bei den „news and stories“ im Elitejournalismus aber vor allem mit dem Wochenmagazin „Der Spiegel“. Inzwischen sind „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ und die Wochendausgabe der SZ nur noch für Publizistik-Spezialisten politisch zu unterscheiden. Sowohl mit „FAZ“ als auch „Spiegel“ gab es in den vergangenen beiden Jahrzehnten einen verstärkten wechselseitigen Personalaustausch. Politisch zeichnet sich die SZ durch eine Art „verstehenden Linksliberalismus“ aus; bei einer Orienteirung an christlichen Bergpredigt-Werten, die aus der Tradition des Blattes resultiert, dominiert vor allem lupenreiner Verfassungspatriotismus.

Der Aufstieg der SZ zur überregional wirkungsmächtigen Tageszeitung begann in den 1980er Jahren, als die bis dahin linksintellektuell prägende „Frankfurter Rundschau“ durch eine zu starre Anklammerung an das traditionelle SPD- und Gewerkschaftsgefüge Leserbindung sowohl an die Berliner „tageszeitung“ (taz) als auch an SZ und FAZ verlor. Der publizistische Siegeszug samt stetiger Auflagensteigerung verhinderte aber nicht, dass das durch verschiedene Familien der ursprünglichen Lizenznehmer geführte mittelständische Medienhaus 2002  nach anhaltender Management-Schwäche den Einstieg der wesentlich umsatzschwächeren, aber renditestärkeren SWHM hinnehmen musste, die sich zunächst mit 18,75 % am Süddeutschen Verlag beteiligte. Anfang 2008 stockte die SWMH kreditfinanziert ihren Anteil am Süddeutschen Verlag auf 81,25 % auf, lediglich die Gründerfamilie Friedmann behielt ihren Anteil. Dies hatte einen deutlichen Spar- und Rationalisierungskurs bei der SZ zur Folge, über den wenig nach außen dringt. Ohnehin verfügen weder SZ noch Süddeutscher Verlag über eine Stelle für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Dies mag auch daran liegen, dass das publizistische Image der SZ ziemlich makellos ist, während sich das Management des Süddeutschen Verlages durch unklare Strategien und nur zögerliche Investitionen in die Welt digitaler und elektronischer Kommunikation ausgezeichnet hat. Etwas internationales Flair verleiht dem Blatt die Kooperation mit der „New York Times“, die in einer speziellen Artikeledition jeweils montags des SZ beiliegt.

Basisdaten

Hauptsitz:
Süddeutsche Zeitung GmbH
Hultschiner Straße 8, 81677 München
Tel.: 089/21 83-10 30
www.sueddeutsche.de

Redaktion:

  • Kurt Kister, Chefredakteur
  • Wolfgang Krach, stv. Chefredakteur
  • Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion, Innenpolitik
  • Hendrik Munsberg, geschäftsführender Redakteur
  • Robert Roßmann, geschäftsführender Redakteur
  • Stefan Plöchinger, geschäftsführender Redakteur (Online)
  • Carsten Matthäus, Chef vom Dienstag
  • Stefan Klein, Chefkorrespondent
  • Joachim Kaiser, leitender Redakteur
  • Nikolaus Piper, leitender Redakteur
  • Evelyn Roll, leitende Redakteurin

 

 

Tab. I: Auflage "Süddeutsche Zeitung" (Mo-Sa) 2000-2011*

2000

427 644

2001

433 871

2002

439 852

2003

431 538

2004

438 872

2005

441 955

2006

441 474

2007

441 900

2008

445 885

2009

438 107

2010

434 038

2011

433 755

*Jahresdurchschnitt errechnet aus Quartalszahlen. Quelle: IVW

Verlag

Management Süddeutscher Verlag

  • Dr. Detlef Haaks, Geschäftsführer Süddeutscher Verlag GmbH, Geschäftsführer Süddeutsche Zeitung GmbH, Geschäftsführer SV Hüthig Fachinformationen GmbH
  • Dr. Richard Rebmann,  Geschäftsführer Süddeutscher Verlag GmbH, Geschäftsführer Süddeutsche Zeitung GmbH
  • Dr. Karl Ulrich, Geschäftsführer Süddeutscher Verlag GmbH, Geschäftsführer Süddeutsche Zeitung GmbH, Geschäftsführer SV Hüthig Fachinformationen GmbH, Geschäftsführer Verlagsgruppe Hüthig Jehle Rehm GmbH
  • Stefan Rohr, Verlagsleiter Süddeutsche Zeitung GmbH
  • Christian Meitinger, Verlagsleiter Fachinformationen und Beteiligungen
  • Reinhard Lorch, Geschäftsführer Süddeutscher Verlag Zeitungsdruck GmbH
  • Kurt Kister, Chefredakteur Süddeutsche Zeitung
  • Rolf-Dieter Schulz, Leitung Zentralbereich Personal Süddeutscher Verlag
  • Thomas Regge, Geschäftsführer Verlagsgruppe Hof/Coburg/Suhl
  • Fabian Müller, Geschäftsführer Hüthig GmbH, Geschäftsführer verlag moderne industrie GmbH
  • Oliver Kramer, Vorstand Swiss Professional Media AG, CEO Medical Tribune Verlagsgesellschaft mbH

 

 

Tab. II: Umsatz Süddeutsche Zeitung GmbH 2006-2007*

2007

2006

727,545

709,347

*Beginnend mit dem Geschäftsjahr 2008 ist die Süddeutsche Zeitung GmbH von der Veröffentlichung ihres Konzernabschlusses befreit. Die Süddeutsche Zeitung GmbH ist stattdessen in den Konzernabschluss der Südwestdeutsche Medien Holding GmbH, Stuttgart miteinbezogen (siehe Tabelle III)).

 

Tab. III: Umsatz Südwestdeutsche Medienholding 2008-2009

2009

2008

942,674

967,535

Geschichte und Profil

„Friedmann war kein Opfer“, meldete die „Zeit“ 1960  aus Bayern. Der damalige Chefredakteur der „Süddeutschen“, Werner Friedmann, was damals in einen Sex- und Politikskandal geraten, der für das Wolfgang-Koeppen-Klima der ausgehenden Adenauerzeit nicht untypisch ist. Es ging um die Beziehung des verheirateten Friedmann mit einem sehr viel jüngeren weiblichen Verlagslehrling und um die als „Liebesnest“ benutzte Mietwohnung des legendäre SZ-Lokalreporters „Siggi“ Sommer, der dann von der Staatsanwaltschaft wegen „Kuppelei“ verfolgt wurde. Spekuliert wurde aber vor allem über politisch-juristische Gegnerschaften zwischen Friedmanns SZ und den Gefolgsleuten des mächtigen CSU-Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß. Der „Spiegel“, schon in Vorahnung seines eigenen Endkampfs mit dem derben Matador der Christsozialen, sprang Friedmann bei: mit der Aktion der bayerischen Justiz werde „einer der zehn Journalisten, an denen die Freiheit der Bundesrepublik hängt, auf dem Felde der Unehre zu Fall gebracht“. Die „Zeit“ wies aber darauf hin, dass der „wehrpolitische“ Redakteur der SZ, Ernst Bäumler, zwar ein Friedmann-Freund war, aber auch als Strauss-Vertrauter durchgesetzt habe, „dass das Blatt sich weitgehend zu den Ansichten des Verteidigungsministers bekannte“.

Schon diese Episode zeigt, dass von einer durchgängig linksliberalen Haltung in der SZ-Geschichte nicht gesprochen werden kann. Zudem bescheinigt der Historiker Paul Hoser in einem Aufsatz von 2002 der SZ zwar, „dass sie von Anfang an konsequent mit dem Nationalsozialismus ins Gericht ging“, wies aber auch nach, dass in der Frühgeschichte der SZ – wie bei vielen anderen liberalen Blättern, die es später nicht mehr wahrhaben wollten -, zahlreiche Redakteure wirken konnten, die dem NS-Regime aus Opportunismus oder Überzeugung publizistisch gedient hatten. Die „Süddeutsche“ war also kein Remigrantenblatt. In den seltenen historischen Eigendarstellungen des SV wird gern kolportiert, dass die Erstausgabe der „Süddeutschen“ 1945 drucktechnisch mit den eingeschmolzenen Originalplatten von Hitlers „Mein Kampf“ bewerkstelligt wurde. Besonders komplex und folgenreich gestaltete sich nach 1945 die Struktur der SZ-Lizenzträger. Nach einigen Screenings und Recherchen fanden die US-Presseoffiziere Dunner und Langendorf folgendes demokratie-geeignete Personal: den katholischen Verleger und ehemaligen „Hochland“-Redakteur Franz-Josef Schöningh, der allerdings auch als stellvertretender Kreishauptmann im deutsch besetzten Tarnopol unter Hans Frank amtiert hatte; den gleichfalls katholischen, bereits 64jährigen Korrespondenz- und Zeitungsromanverleger August Schwingenstein, den ehemaligen SPD-Journalisten Edmund Goldschagg und wenig später den bereits erwähnten 36jährigen Werner Friedmann. Der  hatte den eigentlichen vorgesehenen Ex-Chefredakteur der „Münchener Neuesten Nachrichten“, Karl Eugen Müller, durch Hinweise auf verdächtige NS-Artikel aus dessen Feder noch aus dem Feld schlagen können. Diese Lizenzträger waren auch zu gleichen Teilen Gesellschafter des „Süddeutschen Verlages“, 1952 kam dann mit Hans Dürrmeier, ein ehemaligen Prokurist des „Knorr & Hirth“-Verlages, noch ein fünfter Gesellschafter hinzu. Dürrmeier übernahm im Dezember 1960 auch die alleinige Verlagsleitung. Als die stärkste journalistische Führungskraft erwies sich zunächst Friedmann, der dann nach der Affäre 1960 nach Rom retirierte, dann die Redaktionsleitung der Münchener „Abendzeitung“ übernahm und heute am ehesten noch als Gründervater der „Deutschen Journalistenschule“ bekannt ist. Seine Frau Anneliese, geborene Schuller, Jahrgang 1927, wirkte bei „Stern“ und „Abendzeitung“, später wieder im „SZ-Magazin“, als profilierte Kolumnistin unter dem Pseudonym „Sybille“.

Bald schon waren sich die „Stämme“ der Gesellschafter beim Süddeutschen Verlag in herzlicher Abneigung zugetan. Schon in den 1950er Jahren bezichtigte man sich wechselseitig der Untreue und Unterschlagung, trachtete mitunter gar danach, den jeweiligen internen Konkurrenten ins Gefängnis zu bringen. Die Spannungen hielten sich, bedeutete doch die SZ-Lizenz tatsächlich die sprichwörtliche „Lizenz zum Gelddrucken“ – es ging also nicht nur um Prestige in Bayern, sondern vor allem um Kapital und Rendite. Dennoch weist die SZ bis heute, was die Redaktionsleitung anlangt, eine hohe Kontinuität auf: auf Friedmann folgte bis 1970 Hermann Proebst (der einst dem konservativ-revolutionär-irrlichternden „Tat“-Kreis nahe gestanden hatte und in der SZ mitunter unter dem „Tat“-verdächtigen Pseudonym „Junius“ orakelte), dann mit dem hochangesehenen Hans Heigert bis 1984 der ehemalige Chefredakteur des „Bayerischen Rundfunks“ – als Chefredakteure des BR noch zur „Süddeutschen“ wechseln konnten. Dieter Schröder, SZ-Chefredakteur von 1985 – 1995, trieb die überregionale Expansion der SZ voran, bevor er noch zu Gruner & Jahr und zur „Berliner Zeitung“ wechselte - aus der man damals die „deutsche Washington Post“ machen wollte. Hans Werner Kilz kam 1996 vom „Spiegel“ und blieb bis 2010 bei der SZ, seit 2011 ist der vielfach preisgekrönte politische Kommentator Kurt Kister Redaktionsleiter. Als „Mr. SZ“ („Zeit“) wirkte von 1989 bis 2006 auch noch der zurückhaltende Gernot Sittner in der Chefredaktion.

Erst im September 1949 ging die SZ vom wöchentlich dreimaligen zum sechsmaligen Erscheinen über – die Auflage lag schon damals bei stattlichen 250.000 Exemplaren. Politisch stützte das Blatt sowohl den bayerischen SPD-Ministerpräsidenten Wilhelm Hoegner (1945/46) als auch dessen CSU-Nachfolger Hans Ehard, einen überzeugten Föderalisten. Chefredakteur Proebst war allerdings auch Ehards Pressesprecher gewesen, bevor er zur „SZ“ ging. Eine dezidierte Abneigung gegen zentralistische Tendenzen und seit 1989 vor allem gegen die politisch-journalistische Klebekultur im „preußischen“ Berlin prägt die politische Haltung des Blattes bis heute – von der SZ werden gern libertas bavariae und Münchener Lässigkeit hochgehalten. Als die CSU in Bayern fast bis zur Staatspartei aufstieg, ging die SZ deutlich auf Distanz zu den berüchtigten „Amigo“-Seilschaften im Süden Deutschlands – bis hin zu einem sarkastisch mit „Die CSU – die Partei, die das schöne Bayern erfunden hat“ betitelten Buch des SZ-Reporters Herbert Riehl-Heyse. Der gelernte Jurist Heribert Prantl, Riehl-Heyse, der vom „Spiegel“ gekommene Hans Leyendecker, Kurt Kister, früher auch Erich Kuby, Ernst Müller-Meiningen jr. oder Hans-Ulrich Kempski, zählten oder zählen zu den führenden deutschen Publizisten. Leyendecker gilt auch den zahlreichen deutschen TV-Talkshows als der deutsche Recherchepapst schlechthin, Prantls Kommentare liefern strenge verfassungsrechtliche und politisch korrekte Ermahnungen. Im Feuilleton leistete sich die SZ mit der FAZ einen munteren personalpolitischen Wettstreit mit der FAZ um die Deutungshoheit im deutschen Kulturwesen. 2001 wechselten aus Unmut über den publizistischen Kurs des FAZ-Mitherausgebers Frank Schirrmacher u.a. Franziska Augstein (die Lebensgefährtin Prantls) und Ulrich Raulff zur SZ, kurze Zeit später schlug Schirrmacher mit der Akquise von SZ-Redakteuren wie Claudius Seidl, Niklas Maak oder dem Filmkritiker Michael Althen zurück. Seither hat sich der Kulturkampf in den Feuilletons deutlich beruhigt.

Publizistische Kernmarken der SZ sind die Leitglosse „Streiflicht“ links oben auf Seite 1; die Reportage-„Seite 3“ (heute von dem ehemaligen Medienressort-Chef Alexander Gorkow verantwortet), einige eigene, eher kleine Rechercheredaktion (Hans Leyendecker, Klaus Ott) und eine ausgedehnte, über die eigentliche „Medienseite“ hinausgehende medienkritische Berichterstattung. So spürte die SZ jahrzehntelang dem medienpolitischen Netzwerk des Münchener „Rechtehändlers“ Leo Kirch nach. Auch der Sportteil ist rechercheorientiert, wie sich etwa bei einer Artikelserie von Freddie Rückenhaus über die maroden Finanzen des Fußballclubs Borussia Dortmund 2004 zeigte. Die publizistische Arbeit der SZ blieb bis heute weitgehend skandalfrei. 1949 gab es einmal Aufregung um einen unter dem Signum „Adolf Bleibtreu“ gedruckten antisemitischen Leserbrief, im Mai 2000 riefen die gefälschten Interviews des „Borderline-Journalisten“ Tom Kummer im „SZ-Magazin“ zumindest brancheninterne Aufregung hervor.  Die verantwortlichen „Magazin“-Chefredakteure Ulf Poschardt („Posch Ulfhardt“) und Christian Kämmerling wurden entlassen.

Management/ Verlagsüberblick/ Besitzverhältnisse

Süddeutscher Verlag, Print- und Online-Redaktionen residiert in einem neuen, energiesparsamen Hochhaus im Münchener Stadtteil Bogenhausen-Zamdorf (das nach einigem kommunalpolitischen Scharmützel nicht höher sein durfte als die Frauenkirche). Zuvor waren Verlag und Redaktion im Herzen Münchens in der Sendlinger Strasse untergebracht. Jetzt kann man auf die nahegelegene Zentrale von Hubert Burda herabsehen. Der Süddeutsche Verlag verlegt neben der SZ vor allem in Nordbayern und Südthüringen Regionalzeitungen („Zeitungsgruppe Hof/Coburg/Suhl“), die „Bayerische Staatszeitung“ sowie diverse Fachpublikationen (u.a. „SV Hüthig Fachinformationen GmbH“, „Werben und Verkaufen“, „Medical Tribune“). Am österreichischen Blatt „Der Standard“ ist der SV mit 49% beteiligt. Zudem ist man noch ganz am Rande im Fernsehgeschäft involviert („Süddeutsche TV“, gekoppelt an die Fensterprogramme von Alexander Kluges „Dctp“), die Rundfunkbeteiligungen bewirtschaftet die „SV Teleradio GmbH“.

Zudem brachte der Verlag seit 2004 zahlreiche „Line Extensions“ unter Verwendung des SZ-Markennamens heraus: „Süddeutsche Zeitung Bibliothek“, „SZ Klassik“, „SZ Cinemathek“ – zudem gibt es seit 2007 einen „Süddeutsche Zeitung Shop“. Überdies verbergen sich im Portfolio des SV noch eher unbekannte Tochterfirmen wie „Süddeutscher Verlag Veranstaltungen GmbH“ (SVV), die u.a. den „SZ Business Golf Cup“ organisiert, oder die „Süddeutscher Verlag onpact GmbH“ („medienübergreifender Dienstleister für strategische Kommunikationsberatung, PR- und Marketingservices sowie Online Relations und Corporate Publishing“). Das ambitionierte Projekt eines nordrhein-westfälischen Regionalteils musste der SV 2003 nach Vertriebs- und Absatzproblemen ebenso aufgeben wie die Jugendbeilage „jetzt“, die Berlin-Seite und vor allem den länger gehegten Plan einer bundesweiten Sonntagsausgabe – hier war die „FAS“ den Süddeutschen bravourös zuvorgekommen.

Seit Mitte der 1990er Jahre riefen die Beteiligungs- und Finanzverhältnisse beim SV mittelschwere Dramen hervor, die in der übrigen Presse mal amüsiert, mal besorgt („Zeit“: „Kommt die vierte Gewalt unter den Hammer?“) kolportiert wurden. Schon 1993 berichtete der „Spiegel“ über den „unbändigen Expansionsdrang“ des damaligen SV-Chefmanagers Reiner Maria Gohlke, der zuvor bei der Bundesbahn und sehr kurzzeitig bei der Treuhandanstalt präsidiert hatte. Der mäßig medienaffine Gohlke kaufte für den SV etwa den „Fachverlag Moderne Industrie“ und diverse Zeitungsbeteiligungen in Ostdeutschland. Schwer verpatzte Gohlke den Einstieg ins eigentlich lukrative Fernsehgeschäft, mit einer verlustreichen Beteiligung beim Sender „Vox“.  Nach einigen Jahren Gohlke-Management und ständigem Zwist unter den Altgesellschaftern – für Schöningh war inzwischen dessen Schwiegersohn, der Architekt Peter von Seidlein, dazugestoßen – wurde 1996 über einen Einstieg der Essener WAZ-Gruppe spekuliert. Als die Internet-Konkurrenz und die Konjunkturflaute nach der „New Economy“-Phase gleichzeitig wirksam wurden, konnte nur der Einstieg der „Südwestdeutschen Medienholding“ (SWMH) mit einer Finanzspritze von 175 Millionen Euro die Zahlungsunfähigkeit des SV verhindern. Seit diesem Schock reifte bei vielen Altgesellschaftern der Gedanke, sich bei nächster günstiger Gelegenheit vom SV-Engagement zu verabschieden. 2002 hatte sich die SWMH auch ein Vorkaufrecht für die übrigen Anteile des Süddeutschen Verlages gesichert. Dies nahmen die Schaben 2007/2008 auch wahr, als die SV-Eigentümerfamilien Goldschagg, von Seidlein, Schwingenstein und Dürrmeier ihre Anteile schließlich zur Gänze loswerden wollten. Dem Vernehmen nach zahlte die SWMH (Umsatz bis dahin: 325 Mio. Euro) dafür 625 Millionen Euro, die sie sich von baden-württembergischen Banken lieh. Weitere Interessenten für eine Übernahme des SV waren damals auch die Unternehmensgruppen WAZ, Holtzbrinck, Ippen, DuMont-Schauberg und – horribile dictu – „Heuschrecken“ wir KKR oder der britische Investor David Montgomery („Mecom“). Zwischendurch hatten sich die Vertreter der Alteigentümer – wie der ehemalige Bahnrad-Leistungssportler Christian Goldschagg, die Münchener Privatradio-Pionierin Maria-Theresia von Seidlein und Friedmann-Sohn Johannes, in einer Mischung aus „königlich-bayerischem Amtsgericht“ und „Kir Royal“ mit allen Finessen juristisch lahmgelegt. Immerhin konnten SZ-Redakteure außerhalb des Wirtschaftsteils jetzt lernen, was „Vendor Due Diligence“ bedeutete. Dem Chefredakteur Kilz wurde es im Dezember 2010 bei seinem Abschied – es spielte die Hauskappelle „Deadline“ - von der Belegschaft jedenfalls hoch angerechnet, angesichts der für das Blatt nicht gerade rufmehrenden Verwirrungen klaren Kopf behalten zu haben.


Seit der Übernahme des SV ist die SWMH mit rund zwei Millionen täglich verkauften Exemplaren die größte Abonnements-Zeitungsgruppe in Deutschland – obwohl das Medienunternehmen kaum jemand kennt. Nach eigenem Bekunden pflegt die SWMH nach außen ein „Informationszölibat“. Die „taz“ schrieb denn auch vom  schwäbischen „Schattenreich der grauen Herren“; die Geschäftsführer Richard Rebmann und Oliver Dubber würden im Hausjargon und bei der SZ „die Dubmänner“ genannt. Der promovierte Jurist Richard Rebmann (Jahrgang 1958) führt die Geschäfte beim SV und bei der Zwischenholding „Mediengruppe Süd“, die wiederum 2008 aus der SWMH und der „Schwarzwälder Bote Mediengesellschaft mbH“ komponiert ist. Im Zeitungsverlegerverband BDZV ist Vizepräsident Rebmann für die „Arbeitsgreuppe Elektronisches Publizieren/ Multimedia“ zuständig und streitet zunftgemäß gegen die „Tagesschau“-App der ARD. Neben Rebmann amtieren beim SV noch Dr. Detlef Haaks und Dr. Karl Ulrich als Co-Geschäftsführer. Die 11-köpfige Führungsriege des SV ist komplett frauenfrei.

Hauptgesellschafter der verschachtelten SWMH sind der Milliardär und Verleger Dieter Schaub und seine Söhne (u.a. „Die Rheinpfalz“, „Freie Presse“ Chemnitz, „Westermann Druck- und Verlagsgruppe“), und die „Gruppe Württembergischer Verleger“ mit ihrem Sprecher Eberhard Ebner (u.a. „Südwest-Presse“, im übrigen Lebenspartner von Werner Friedmanns Ex-Frau Anneliese). Die SWMH ist auch Hauptgesellschafter der „Zeitungsgruppe Stuttgart“ („Stuttgarter Nachrichten“, „Stuttgarter Zeitung“) In der bisher letzten publizierten Konzernbilanz 2009 wies die SWMH bei einem Umsatz von 942 Millionen Euro einen Gewinn von 44,2 Millionen Euro aus. Die Rechte und Lizenzen sowie Firmenwerte der SWMH sind bilanzpoetisch wahrscheinlich korrekt mit 680 Millionen Euro aktiviert, während Verbindlichkeiten in gleicher Höhe gelistet sind. 2009 spekulierte das „manager magazin“, die SVMH befinde sich seit der SV-Übernahme in der „Schuldenfalle“ – das Dementi fiel lau aus.

Im Herausgeberrat der Süddeutschen Zeitung, der für „die grundsätzliche inhaltliche Ausrichtung und das Erscheinungsbild“ der SZ verantwortlich ist und „wichtige personelle Entscheidungen“ fällt, sitzen zur Zeit Eberhard Ebner, Johannes Friedmann (Vorsitz), Thomas Schaub (Medien Union) und Christoph Schwingenstein.

Online-Aktivitäten/ Aktuelle Entwicklungen

Anfang des 21. Jahrhunderts war für wenige Woche der Internetauftritt der SZ-Jugendbeilage („jetzt.de“) mehr wert als die gesamte Süddeutsche Zeitung – so wurde jedenfalls damals an der Börse spekuliert. Die „junge Website der Süddeutschen Zeitung“ (mit „Jungsfrage“, „Mädchenfrage“, „Wie überlebe ich den Facebook-Untergang?“ etc.) gibt es unter der Redaktionsleitung des online-kundigen Dirk von Gehlen immer noch, im Impressum stehen vier journalistische Mitarbeiter sowie einige Autoren und Praktikanten. Vermarktungspartner von jetzt.de ist die „Tomorrow Focus AG“ aus dem Burda-Konzern. So wie der SV 2000 aus jetzt.de kein Kapital schlagen konnte, operiert das Unternehmen auch unter den neuen konservativen Mehrheitseigentümern bei den jeweiligen „neuen Medien“ eher zurückhaltend. Eine „SZ-App“ gibt es zwar, hier wird man irritierend aber zunächst auf ein touristisches SZ-Angebot für Radtouren in Oberbayern gelenkt. Dumonts eigentlich angeschlagene „Frankfurter Rundschau“ ist hier bei der App-Entwicklung weit voraus. Der „SZ-Online“-Auftritt für Erwachsene startete bereits 1995. Ende 2006 löste mit Hans-Jürgen Jakobs der renommierte Leiter des SZ-Medienteils den bisherigen Online-Chef Helmut-Martin Jung ab. Die Zahl der für den Olinebereich eigenständig angestellten Redakteure stieg ebenso wie die Page-Impressions; 2011 ging Jakobs allerdings als Chef des Wirtschaftsteils lieber wieder zur Printausgabe zurück. Neuer Online-Chefredakteur ist Stefan Plöchinger, das Impressum weist 28 Online-Redakteure der SZ aus. Die sueddeutsche.de GmbH hat mit Martin Wagner einen eigenen Geschäftsführer; das Subunternehmen kooperiert zur Erhebung der Website-Nutzung mit „Google Analytics“ – dies wird auch auf der Homepage ausgewiesen. Das Archiv der SZ ist im Web vom Jahrgang 1992 an ohne Paywall frei nutzbar.

„Was die grauen Herren der SWMH an der Isar genau vorhaben, weiß niemand“, schrieb die „taz“ im August 2009 Diese Einschätzung hat sich seither nicht verändert – wohl auch nicht für die Redakteure und Mitarbeiter der „Süddeutschen“. Immerhin entschieden sich die SWMH-Kaufleute bei der Neubesetzung der Print-Chefredakteursposition mit Kurt Kister (Jg. 1957) für hausinterne Kontinuität und votierten einstweilen für den berühmten Qualitätsjournalismus. Inzwischen überwiegen bei der SZ die Einnahmen aus dem Vertrieb deutlich den Werbeumsatz. Doch trotz wieder belebter Medienkonjunktur wird man sich auch in Schwaben und an der Isar auf eine „dritte“ und vielleicht nicht nur die SZ fatale Zeitungskrise einstellen müssen. Und an einem „Informationszölibat“ hat sich in München bislang nur einer versucht: Dr. Leo Kirch.

Referenzen/Literatur

  • Paul Hoser: Vom provinziellen Lizenzblatt zur „New York Times von Bayern“. Die Anfänge der „Süddeutschen Zeitung“, in: Lutz Hachmeister/ Friedemann Siering (Hg.): Die Herren Journalisten. Die Elite der deutschen Presse nach 1945, München 2002, S. 121 – 145.
  • Harry Pross: Zeitungsreport. Deutsche Presse im 20. Jahrhundert, Weimar 2000.
  • Ernst Müller-Meiningen jr.: Orden, Spiesser, Pfeffersäcke, 1986.
  • Website des SV: www.sueddeutscher-verlag.de (mit Unternehmenschronik).
  • Bundesanzeiger: Konzernbilanz der SWMH 2009.