Politiken

Schon durch den Zeitungsnamen „Politiken“, so teilten deren GrĂŒnder 1884 in der allerersten Ausgabe mit, wolle man deutlich machen, dass dieses Blatt den Charakter eines politischen Kampforgans und den Anspruch der „bestmöglichen AufklĂ€rung des dĂ€nischen Volks“ haben solle. 125 Jahre spĂ€ter bewiesen deren Nachfolger, dass ein Teil dieses VermĂ€chtnisses ĂŒberlebt hat: sie veröffentlichten im Herbst 2009 kurzerhand als Spezialbeilage das Buch eines im Irak- und Afghanistankrieg eingesetzten Elitesoldeten, dessen Veröffentlichung das dĂ€nische MilitĂ€r gerichtlich stoppen lassen wollte.

Die „levende avis“, lebende Zeitung, so der Slogan einer Werbekampgane aus dem Jahre 1962, der jahrelang als Untertitel weiterlebte, erscheint an allen sieben Wochentagen in Kopenhagen. Die Zeitung wird vom Verlagshaus „JP/Politikens Hus“ herausgegeben, das 2.900 Angestellte (Dez. 2008) hat und in dem u.a. auch „Jyllands-Posten”, DĂ€nemarks auflagenstĂ€rkste ĂŒberregionale Tageszeitung erscheint. Mit einer Auflage von 108.000 Exemplaren (1. Halbjahr 2009) ist „Politiken“ - sieht man von den Gratistageszeitungen ab  - hinter „Jyllands-Posten” (119.500 Exemplare) und vor „Berlingske Tidende (102.000 Exemplare) die dĂ€nische Tageszeitung mit der zweithöchsten Auflage. „Politiken“ beschĂ€ftigt rund 400 Angestellte, darunter 170 Journalisten. „Politiken“ bezeichnet sich selbst als „radikal-sozial liberales Blatt“, ist aber parteipolitisch unabhĂ€ngig, seitdem man 1970 nach 65 Jahren Zusammenarbeit die Verbindungen zur liberalen Partei „Det radikale Venstre“ kappte.

Basisdaten

Hauptsitz Redaktion:
Politiken
RÄdhuspladsen 37
1785 KĂžbenhavn V
Telefon: (+45) 33 11 85 11
Internet: http://politiken.dk

Hauptsitz Verlag:
JP/Politikens Forlagshus A/S
Vestergade 26
1456 KĂžbenhavn K
Telefon: (+45) 33 47 07 07

JP/Politikens Hus
GrĂžndalsvej 3
8260 Viby J
Telefon : (+45) 87 38 38 38
Internet: http://jppol.dk/

Branche: Herausgabe von Zeitungen
Rechtsform: Aktiengesellschaft (nicht börsennotiert)
Rechenschaftsjahr: 1.1.bis 31.12.
GrĂŒndungsjahr: 2003

 

Tab. I: Ökonomische Basisdaten Verlag JP/Politiken (in Mio. DKr)
20082007200620052004
Umsatz3.5563.6603.5033.3423.072
Gewinn (Verlust) nach Steuern-136-10475167138
Eigenkapital686833943877719
Eigenkapitalverzinsung-17,9-11,88,320,921,1
Eigenkapitalanteil37,542,145,846,341,5
BeschÀftigte2.9002.9152.6302.4902.420

Quelle


Auflage Politiken (1. Halbjahr 2009):  108.430 (WerktĂ€glich), 140.008 (Sonntag)

Chefredaktion:

  • Verantwortlicher Chefredakteur: TĂžger Seidenfaden
  • Redaktionschef:  Christian Lindhardt


Direktion „JP/Politikens Hus A/S“:

  • Verw.-Direktor: Lars Henrik Munch
  • Konzerndirektor: Torsten Bjerre Rasmussen
  • Konzerndirektor: Jens Bruun


BesitzverhĂ€ltnisse: JP/Politikens Hus A/S ist Eigentum der “Jyllands-Posten Holding A/S“ (50 Prozent) und der „A/S Politiken Holding“ (50 Prozent). Hinter beiden stehen jeweils FondseigentĂŒmergesellschaften.

Geschichte und Profil

„Politiken“  wurde am 1. Oktober 1884 von Viggo HĂžrup, Edvard Brandes und Hermann Bing gegrĂŒndet. Die Startauflage lag bei 2.000 Exemplaren. HĂžrup und Brandes waren zwei Journalisten, denen ein Jahr zuvor bei „Morgenbladet“, der Parteizeitung der liberalen „Venstre“ aufgrund eines als „beleidigend“ angesehenen Artikels ĂŒber den dĂ€nischen Theologen und Psalmdichter N.F.S Grundtvig gekĂŒndigt worden war. Sie taten sich darauf mit Hermann Bing zusammen, der ĂŒber die notwendigen finanziellen Mittel zur GrĂŒndung einer neuen Zeitung verfĂŒgte. 

Laut einer eigener Aussage wollte „Politiken“ ein „idealistisches Projekt“ und „ein Organ zur bestmöglichen AufklĂ€rung des dĂ€nischen Volkes“ sein. Die Zeitung wurde schnell ein ebenso kontroverses wie erfolgreiches Produkt. Sie polemisierte treffsicher gegen Konservative und Nationalliberale, gegen soziale Priviliegien, Nationalismus und Militarismus und hatte den Ruf, eine moderne Großstadtzeitung zu sein. Nach dem Ausscheiden des ersten Chefredakteurs Viggo HĂžrup (1901) und einer Übergangsphase mit dem MitbegrĂŒnder Edvard Brandes an der Spitze, ĂŒbernahm 1905 Henrik Cavling das Steuer. Cavling, der 1886 als „reisender Korrespondent“ zur Zeitung gestoßen war, spĂ€ter als Reporter arbeitete und sich nach eigener Aussage in Gesellschaft von Landstreichern wohler fĂŒhlte, als in der von SpießbĂŒrgern. Er sollte einer der berĂŒhmtesten und angesehendsten dĂ€nischen Journalisten werden. Der dĂ€nische Journalistenverband benannte den „Cavling-Preis“ nach ihm, der seit 1946 fĂŒr journalistische Spitzenleistungen vergeben wird. Die ursprĂŒnglich 85 cm hohe und aufgeschlagen 108 cm breite „Politiken“, die man in CafĂ©s und Restaurants nur mit Hilfe eines Bambusgestells lesen konnte, machte er schmaler und kĂŒrzer. Inhaltlich verbreiterte er „Politiken“ dagegen. Die Zeitung, die auch Sprachrohr der 1905 gegrĂŒndeten sozialliberalen „Radikalen Venstre“ war, machte Cavling zur ersten dĂ€nischen „Omnibus“-Zeitung nach englischen und amerikanischen Vorbildern: mit einem breiten Spektrum journalistischer Genres, wie Nachrichten, Hintergrundartikeln, Analysen, Kommentaren, Sport- und Modereportagen, Leserbriefen und Kulturartikeln. Eine tĂ€gliche „Chronik“-Spalte wurde eingefĂŒhrt, in der Schriftsteller, KĂŒnstler und Wissenschaftler Raum eingerĂ€umt wurde, ihre Ansichten ohne RĂŒcksicht auf den parteipolitischen Standort der Zeitung auszudrĂŒcken.

Cavling verbannte die Annoncen von der ersten Seite, stattdessen tauchten dort auch schon einmal KriminalfĂ€lle auf und selbst Kulturnachrichten konnten zu Titelgeschichten werden. „Politiken“ warb damit, Auslandskorrespondenten in „allen WeltstĂ€dten“ zu haben. Cavling verpasste „Politien“ ein neues, luftigeres Layout und stellte 1908 den ersten dĂ€nischen Pressefotografen ein. „Populistisch“ lautete ein hĂ€ufiger Vorwurf fĂŒr ein solches, in dieser Art in Skandinavien bis dahin unbekanntes Presseprodukt, das neue Leserkreise erschloss. „Politiken“ erreichte vor dem 1. Weltkrieg eine in DĂ€nemark bis dahin einmalige Auflagenhöhe von ĂŒber 51.000 Exemplaren an Werk- und 63.000 an Sonntagen. 1912 zog die Redaktion in neue RĂ€ume direkt am kopenhagener Rathausplatz um, wo sie auch heute noch residiert.

Eine urspĂŒnglich anlĂ€sslich des Krieges zwischen Japan und Russland herausgegebene spezielle „Politiken“-Beilage, „Politikens Ekstra Blad“, die am 12. Februar 1904 erstmals erschien und Telegramme vom Kriegsschauplatz beinhaltete, wurde ab Anfang 1905 zu einer selbstĂ€ndigen Zeitung mit unabhĂ€ngiger Redaktion umgewandelt. Als „Ekstra Bladet“ erschien sie seither im Verlag „Politikens Hus“.

Ihre sozialliberale Linie fĂŒhrte „Politiken“ nach dem 1. Weltkrieg in ihre bis dahin schwerste wirtschaftliche Krise. Auf Druck der Wirtschaft hatte der dĂ€nische Monarch Christian X. 1920 im Gefolge der sogenannten „Osterkrise“ die sozialradikal-sozialdemokratische Regierung unter MinisterprĂ€sident Carl Theodor Zahle abgesetzt. Die Gewerkschaften riefen zu einem Generalstreik auf, nahmen davon aber ausdrĂŒcklich „Politiken“ aus, weil die Zeitung sich in ihren Spalten gegen den von ihr als verfassungswidrig angesehen Staatsstreich des Königs ausgesprochen hatte. Weil „Politiken“ weiter erscheinen konnte, wurde sie von den anderen Medien und den bĂŒrgerlichen Parteien beschuldigt, ein „Generalstreikblatt“ zu sein. Die Wirtschaft rief zu einem organisierten Annoncenboykott auf, mit dem „Politiken“ noch jahrelang zu kĂ€mpfen hatte. Die Auflage sank zwischen 1920 und 1922 von 73.000 auf 59.000 und ein verweigerter Bankkredit bedeutete beinahe das Aus fĂŒr die Zeitung.

Private Gelder retteten „Politiken“ schließlich und die Zeitung wurde in den zwanziger Jahren zum wichtigsten politischen und kulturellen Debattenforum in DĂ€nemark. Ab 1922 erschien die sonntĂ€gliche Kulturbeilage „Magasinet“, die populĂ€rwissenschaftliche Texte, Artikel, die speziell eine weibliche Leserschaft ansprachen, Wettbewerbe fĂŒr Erwachsene und Kinder, Gedichte und ein umfangreiches Feuilleton enthielt. Motorjournalismus, Filmartikel und bald eine eigene Beilage fĂŒr das neue Medium Radio folgten. Die Redaktion wurde weiter ausgebaut und setzte einen Schwerpunkt auf umfassende Auslandsberichterstattung, aktuelle Reportagen und Hintergrundmaterial.

Die nĂ€chste grosse Krise sollte 1940 kommen. DĂ€nemark war vom Dritten Reich besetzt, die Zeitung stand unter deutscher Zensur. Am 28. April erschien in „Politiken“ ein Kommentar, in dem der britsche Premierminister Winston Churchill als „gefĂ€hrlicher Mann“ bezeichnet wurde. „Politiken“ handelte sich damit den Ruf ein, ein Besatzungsblatt zu sein und die Reaktion ließ nicht auf sich warten: Binnen weniger Wochen verlor die Zeitung 15.000 Abonnenten und ein Zehntel ihrer bisherigen Auflage. Nach dem Krieg stieg die Auflage zwar im Zuge der durchweg steigenden Zeitungsauflagen schnell wieder an und erreichte 1948 mit 175.000 ihren Höchststand, trotzdem musste man die Stellung als auflagenstĂ€rkste dĂ€nische Zeitung damals erstmals an die „Berlingske Tidende“ abgeben.

Ein umfassendes Zeitungssterben Ende der 1950er und zu Beginn der 1960er Jahre, in dessen Folge die Zahl selbstĂ€ndiger Titel in DĂ€nemark von 114 auf 68 schrumpfte, ĂŒberlebte „Politiken“ zwar, hatte aber ebenfalls mit schweren wirtschaftlichen Problemen zu kĂ€mpfen. Chefredakeure wurden in schneller Folge ausgewechselt und StabilitĂ€t kehrte erst wieder mit Herbert Pundik ein, der 1970 den Chefredakteurssessel ĂŒbernahm. Er kappte die letzten Verbindungen mit der „Radikalen Venstre“ und kĂŒndigte die bisherige Zusammenarbeit offiziel auf. 

Einem Redaktionstriumvirat, zu dem neben Pundik die spĂ€teren Chefredakteure JĂžrgen Grunnet und Agner Ahm gehörten, gelang das KunststĂŒck, „Politiken“ in Bezug auf die Auflage wieder zur dĂ€nischen Nummer eins zu machen - auch wenn man der konservativen Konkurrentin  „Berlingske Tidende“ nie die Stellung als fĂŒhrendes Anzeigenmedium streitig machen konnte. Zum Erfolg trug die damals revolutionĂ€re Aufteilung der Zeitung in zwei Sektionen bei: Ein aktueller Nachrichtenteil und eine zweite Sektion mit Hintergrund- und Debattenmaterial.

Die Stellung als auflagenstĂ€rkste Tageszeitung verlor „Politiken“ Ende der achtziger Jahre wieder in Folge eines jahrelangen, kostspieligen Konkurrenzkampfes um neue Abonnenten, der als „Dagbladskrigen“ („Tageszeitungskrieg“) in die dĂ€nische Pressegeschichte einging. An dessen Ende hatte die vormalige Regionalzeitung „Jyllands-Posten“ nach einem Relaunch die Position als auflagenstĂ€rkste ĂŒberregionale Tageszeitung ĂŒbernommen und „Politiken“ war hinter „Berlingske Tidende“ auf den dritten Platz zurĂŒckgefallen.

1973 wurde der „Politiken-Fonds“ gegrĂŒndet, der den wirtschaftlichen Bestand der finanziell angeschlagenen Zeitung  sichern sollte. Als Zweck wurde der Erhalt der Tageszeitungen ”Politiken” und ”Ekstra Bladet” als ”unabhĂ€ngige radikal-sozialliberale BlĂ€tter und Organe fĂŒr dĂ€nischen Freisinn" festgeschrieben. Die Anteilsgesellschaft, an der auch die Angestellten beteiligt wurden und die 88 Prozent der Aktiengesellschaft „Politiken Holding“ hĂ€lt, ist seit 2003 zusammen mit dem „Jyllands-Posten-Fonds“ EigentĂŒmer des Verlags „JP/Politiken-Hus“.  Seit 1993 ist TĂžger Seidenfaden Chefredakteur von „Politiken“. 2006 wurde die Chefredaktion um Stig Ørskov erweitert. Er ist verantwortlich fĂŒr die die digitalen Medien.

VerlagsĂŒberblick, Management und GeschĂ€ftsfelder

„Politiken“ erscheint im Verlagshaus „JP/Politikens Hus A/S“, das zum 1. Januar 2003 aus einem Zusammenschluss der Verlage „Politikens Hus“ und „Jyllands-Posten“ entstand. Das Verlagshaus gehört zu den fĂŒhrenden DĂ€nemarks und gibt drei landesweite Tageszeitungen heraus. Neben Jyllands-Posten (gegrĂŒndet 1871) und „Politiken“, gibt der Verlag die Boulevardzeitung „Ekstra Bladet“ (ursprĂŒnglich eine Beilage von „Politiken“, seit 1905 ein selbstĂ€ndiges Blatt) heraus. Eine redaktionelle Zusammenarbeit zwischen den drei Tageszeitungen findet nicht statt. Der Konzern betont ausdrĂŒcklich, sein Ziel sei es, deren redaktionelle EigenstĂ€ndigkeit und spezielle PrĂ€gung zu erhalten.

Weitere AktivitĂ€ten des Verlagshauses sind Gratis- und Lokalzeitungen in DĂ€nemark und Schweden, Buchverlage, TV-Produktionen, sowie unterschiedliche AktivitĂ€ten im Bereich der digitalen Medien. Außerdem gehören zum Konzern Druck- und Vertriebssparten. Mehrere eigene Druckereien wurden in den letzten Jahren abgewickelt oder verkauft. 2009 besaß der Verlag nur noch die „Politiken Tryk Erritsþ“ und  „Jyllands-Posten Tryk“.

Die drei Tageszeitungen sind die Grundsteine des Verlags, sie erwirtschaften den ĂŒberwiegenden Teil des gesamten Umsatzes und schrieben trotz rĂŒcklĂ€ufiger Auflage auch 2008 schwarze Zahlen. In der 100-prozentigen Tochtergesellschaft „Politikens Lokalaviser A/S“ erscheinen lokale Gratiswochenzeitungen in einer durchschnittlichen Auflage von wöchentlich zwei Millionen Exemplaren. 33 Titel erscheinen in DĂ€nemark, 37 im benachbarten sĂŒdlichen Schweden.

Neue GeschÀftsmodelle und/ oder Beteiligungen

Seit 2002 versuchte „Politiken“ die rund 60.000 Menschen umfassende tĂŒrkische Bevölkerungsgruppe in DĂ€nemark mit einer Wochenzeitung in dĂ€nischer und tĂŒrkischer Sprache anzusprechen. „Haber“ hatte eine zweiköpfige Redaktion, konnte aber auch auf die Ressourcen von „Politiken“ zurĂŒckgreifen und wurde ebenfalls von „Politiken“-Chefredakteur Seidenfaden geleitet. Das damals vielbeachtete und gelobte Experiment wurde im Sommer 2003 nach acht Monaten wieder abgebrochen, weil man mangels ausreichender Annoncenbelegung „nicht in die NĂ€he einer tragfĂ€higen ökonomischen Basis“ (Seidenfaden) kommen konnte. Name und Rechte wurden an einen anderen Verlag verkauft, in dem „Haber“ seit 2004 als tĂŒrkische Monatszeitung erscheint.

Im Juli 2006 brachte „JP/Politikens Hus“ die Gratistageszeitung „24 timer“ auf den Markt. Diese galt als Antwort auf die PlĂ€ne des islĂ€ndischen Verlagshauses „Baugur Group“ in DĂ€nemark ein neues Gratistageszeitungskonzept zu lancieren: Es handelte sich um eine tĂ€glich an alle Haushalte kostenlos verteilte Gratiszeitung, die auch journalistisch ein QualitĂ€tsprodukt sein wollte. In Island war „Baugur“ mit diesem Konzept bis zur Finanzkrise 2008/09 in Form des „Frettabladit“ erfolgreich gewesen, das Blatt war dort zeitweise die auflagenstĂ€rkste Tageszeitung.

Die Herausgabe von „24 timer“ zusammen mit dem Baugur-Produkt „Nyhedsavisen“ und einem entsprechenden Konkurrenzprodukt des Verlags der „Berlingske Tidende“ („Dato“) stellte den Beginn eines fĂŒr alle beteiligten Verlage wirtschaftlich Ă€usserst verlustreichen Kampfes um die Vormachtstellung auf dem Markt der Gratistageszeitungen dar. „24 timer“ blieb als einziges dieser neu lancierten BlĂ€tter ĂŒbrig. Im Mai 2008 erwarb ”JP/Politikens Hus” einen 24,5 Prozent-Anteil an DĂ€nemarks Ă€ltester (seit 2001) und auflagenstĂ€rkster Gratistageszeitung, der Pendlerzeitung „MetroXpress“, die zum schwedischen Konzern ”Metro-International” gehört. „24 timer“ und ”MetroXpress” erschienen im 1. Halbjahr 2009 im Verlag „MetroXpress A/S“ als nach wie vor selbstĂ€ndige Titel. Beide Zeitungen erreichen im Laufe einer Woche 1,9 Millionen Leser und damit die HĂ€lfte aller DĂ€nen ĂŒber 14 Jahre. Das wirtschaftliche Resultat in der Gratismedien-Branche bezeichnete „JP/Politikens Hus“ im Jahresabschluss 2008 als unbefriedigend, man plant aber offenbar keinen RĂŒckzug aus diesem Marktsegment. Im Gegenteil wird die Absicht betont, auf allen Gratismedien-MĂ€rkten wachsen zu wollen. FĂŒr Mai 2009 meldete der Verlag fĂŒr „24 timer“ erstmals einen Überschuss. Die ingesamt stark sinkenden Auflagen deuten aber auf ein abnehmendes Interesse des dĂ€nischen Publikums an Gratismedien hin.

InternetprÀsenz und Online-Performance

„FĂŒr JP/Politikens Hus ist die digitale Entwicklung entscheidend“, betont der Verlag in seiner aktuellen Selbstdarstellung. Diese Erkenntnis deckt sich mit der Anfang 2009 veröffentlichten Studie „Danskernes brug av nyhetsmedier: et nyt landkort“ („Die Nutzung der Nachrichtenmedien in DĂ€nemark: eine neue Landkarte“),  von Professor Kim Schröder von der UniversitĂ€t Roskilde. Demnach ist das Internet fĂŒr die DĂ€nen zur Hauptinformationsquelle geworden. Sie verschaffen sich dort einen schnellen Überblick, wĂ€hrend die Tageszeitungen an der Spitze liegen, wenn es um Hintergrund und Analysen zu den Nachrichten geht. Gleichzeitig nĂ€herte sich das Internet als Werbemedium 2008 den Umsatz betreffend sowohl der TV-Werbung wie auch der von Tages- und Wochenpresse weiter an.

Das Internet hatte „Politiken“ zunĂ€chst zögerlich fĂŒr sich entdeckt. Eine Webseite und das elektronische Archiv „Polinfo“ existierten zwar seit 1996, einen Online-Auftritt gab es aber erst ab April 1998 in Folge eines umfassenden Arbeitsmarktkonflikts, der auch den Druck der dĂ€nischen Tageszeitungen lahmlegte. Zusammen mit einem Relaunch der Printausgabe baute „Politiken“ 2007 ihren Onlineauftritt krĂ€ftig aus. Die Netzredaktion wuchs von 7 auf 25 Journalisten, die nun rund um die Uhr ein eigenstĂ€ndiges, auf schnelle Nachrichtenvermittlung konzentriertes Angebot produzieren. ZukĂŒnftig soll auch das Web-TV-Angebot weiter ausgebaut werden. Politiken.dk liegt mit rund 750.000 Besuchern tĂ€glich hinter den Internetauftriiten der Boulevardzeitungen (www.ekstrabladet.dk und www.bt.dk) an dritter Stelle der meistbesuchten Webseiten aller dĂ€nischen Tageszeitungen (1. Quartal 2009). Damit erreicht man allerdings nur weniger als die HĂ€lfte der tĂ€glichen Besucher auf DĂ€nemarks meistbesuchter Medienseite, der des öffentlich-rechtlichen Radio und Fernsehens (www.dr.dk), die fast zwei Millionen Nutzer hat.

„JP/Politikens Hus“ ist darĂŒberhinaus in eine Reihe anderer digitaler AktivitĂ€ten involviert:
„Jobzonen”, ein Internetportal, das zusammen mit dem Fernsehsender TV2 und Berlingske Media betrieben wird und das Kontakte zwischen Arbeitssuchenden und Arbeitgebern vermitteln soll, „Bilzonen”, ein Onlinemarkt fĂŒr Autos und „Boligtorvet“ eine entsprechende Webbseite fĂŒr Wohnungs- und Hausangebote, „Forbrugerliv“ ist ein Online-Verbraucherklub und „Turengaartil“ eine Reiseseite. Im Herbst 2009 erwarb „JP/Politikens Hus“ außerdem einen Anteil am WebbuchhĂ€ndler Saxo.

Aktuelle Entwicklungen und Ausblick

Mit einem breiten Angebot von gleich vier ĂŒberregionalen QualitĂ€tstageszeitungen – neben „Politiken“, „Jyllands-Posten“ und „Berlingske Tidende“ wird außerdem die linke „Information“ (Auflage 1. Hj. 2009: 22.300) vertrieben – gibt es in DĂ€nemark im Vergleich zu anderen skandinavischen LĂ€ndern eine außergewöhnliche Vielfalt. Wirtschaftlich hatten alle Zeitungen DĂ€nemarks in den letzten Jahren mit krĂ€ftig sinkenden Auflagenzahlen zu kĂ€mpfen – mit Ausnahme der „Information“, die ihre Auflage sogar leicht steigern konnte. 2008 war „Politiken“ bei einem GesamtrĂŒckgang der Tageszeitungsauflagen in Höhe von 5,4 Prozent (2. Halbjahr 2008 im Vergleich zur entsprechenden Periode 2007) mit einem Minus von 2,2 Prozent noch relativ gut davon gekommen. Ein Relaunch im Jahre 2006 mit dem man vor allem verstĂ€rkt auf eigene Themen mit vertiefenden Analysen und Hintergrundmaterial setzt, wĂ€hrend man die umfassende Nachrichtenabdeckung der Online-Ausgabe ĂŒberlĂ€sst, hat sich offenbar positiv augewirkt. Trotzdem hat man aber ĂŒber eine Periode von 15 Jahren im Printbereich nahezu jeden dritten Leser verloren. 2009 war ein weiteres Krisenjahr fĂŒr die dĂ€nische Tagespresse: Im Juli 2009 sank die „Politiken“-Auflage sogar vorĂŒbergehend unter 100.000 Exemplare. 

Eine vergleichende Untersuchung, welche die dĂ€nische Finanzzeitung „BĂžrsen“ im FrĂŒhsommer 2009 ĂŒber die skandinavischen Tageszeitungsverlage vorlegte, kommt zu einem widersprĂŒchlichen Bild: Im Gegensatz zu den nordischen NachbarlĂ€ndern Schweden („Bonnier“), Norwegen („Schibsted“) und Finnland („Sanoma“) gibt es im dĂ€nischen Zeitungssektor keinen mĂ€chtigen Verlagsakteur. Dieser Umstand dĂŒrfte einerseits zu der aktuellen Vielfalt beigetragen haben, machte die Zeitungen aber auch wirtschaftlich angreifbar. Eine Konzentrationsphase wurde 2000 durch den Verkauf der im Eigentum mehrerer dĂ€nischer Wirtschaftsunternehmen befindlichen „Berlingske Media“ an den norwegischen Konzern „Orkla Media“ eingeleitet. „Politiken“ und „Jyllands-Posten“ reagierten darauf mit einer Zusammenarbeit im Verlagsbereich unter dem „JP/Politikens Hus“-Dach. 2006 verkaufte „Orkla“ seine gesamte Medien-Division, darunter auch „Berlingske Media“ an die britische Kapitalgesellschaft „Mecom“.

Als einzige der großen dĂ€nischen Zeitungen erschien „Politiken“ Ende 2009 noch im Broadsheet-Format. Eine Umstellung auf das, in den Jahren zuvor von der gesamten Konkurrenz eingefĂŒhrte Tabloid-Format ist nicht geplant.

Trotz sinkender Auflage schrieb „Politiken“ mit seiner Printausgabe bis 2008 schwarze Zahlen. Weder die Gratismedien, noch der Online-Auftritt konnten sich bis dahin aber lĂ€ngerfristig selbst tragen. Bezahlmodelle fĂŒr Onlinemedien hĂ€lt man solange fĂŒr zum Scheitern verurteilt, wie es ein vergleichbares kostenloses Nachrichtenangebot gibt. „Wir sind unter Druck, aber in der Existenz nicht bedroht“, erklĂ€rte Lars Munch, CEO von „JP/Politikens Hus” im Mai 2009 in einem Interview. Man hoffe auch 2009 keine Verluste zu machen und das vorhandene Kapital werde reichen, um selbst fĂŒnf weitere Problemjahre ĂŒberstehen zu können.

Fraglich erschien aber im Jahre 125 des Bestehens des Blattes, ob die schwache wirtschaftliche Lage nicht die journalistische QualitĂ€t bedrohen könnte. „Politiken“-Chefredakteur Seidenfaden lancierte im FrĂŒhjahr 2009 die Idee eines gesponserten Journalismus: Leser sollten wĂ€hlen, in welchen Bereichen die „Politiken“-Journalisten investigativ tĂ€tig werden sollten und dies dann auch finanziell ĂŒber eine Art Recherche-Fonds unterstĂŒtzen. Eine engere redaktionelle Zusammenarbeit der im Verlag erscheinenden selbstĂ€ndigen BlĂ€tter „Jyllands-Posten“ und „Politiken“ könnte als weitere Möglichkeit zur Kosteneinsparung gesehen werden.

Referenzen/Literatur