Länderporträt Griechenland

Als „Dreieck der Sünde“ hatte jüngst Alexis Tsipras, linker Oppositionsführer und  Vorsitzender der Partei Syriza, das Interessen- und Einflussgeflecht zwischen griechischer Politik, Wirtschaft und Medien bezeichnet.

Ein typisches Merkmal dieses Geflechts waren bislang die vielen Medienunternehmen, die bereits vor dem Ausbruch der Staatsschuldenkrise trotz hoher Verluste von ihren Eigentümern, teils mittels großzügig gewährter Kredite, künstlich am Leben gehalten wurden. Denn viele der Medienbesitzer waren gleichzeitig in anderen Sektoren der griechischen Wirtschaft aktiv und betrieben ihr Medienengagement primär aus Gründen der politischen und wirtschaftlichen Einflussnahme. Regierungsgefällige Berichterstattung seitens der meistens in Familienbesitz befindlichen Medien sorgte in nicht seltenen Fällen zu einer kontinuierlichen Vergabe von Staatsaufträgen und öffentlichen Darlehen an die eigenen Bau- oder Handelsunternehmen.

Die medienunternehmerischen Anreize, die dieses System der gegenseitigen Abhängigkeit schuf, führte gepaart mit einer nur halbherzig nachgegangenen Regulierungspolitik u.a. zu einer inflationär hohen Mediendichte in Griechenland. Noch 2009, am Vorabend der Krise, gab es 13 börsennotierte Medienunternehmen, 39 Tages- und 23 Wochenendzeitungen, 14 Wochentitel, 10 landesweit ausstrahlende TV-Sender und Hunderte von Radiosendern; das Ganze bei einer Gesamteinwohnerzahl von etwa 11 Millionen.
 
Die aktuelle Finanzkrise offenbart derweil die Missstände des griechischen Mediensystems in dramatischer Weise. Die griechische Medienbranche zählt zu den durch die Haushaltskrise am stärksten gebeutelten heimischen Wirtschaftssektoren. Nach einer Studie der Nachrichtenagentur Reuters belief sich Ende 2012 das Gesamtschuldenvolumen der 18 größten Athener Medienunternehmen auf über zwei Milliarden Euro. Die Umsätze und Werbeeinnahmen der Medienkonzerne befinden sich seit 2009 im freien Fall. So betrug de Rückgang an Werbeerlösen 2012 im Vergleich zum Vorjahr 28 Prozent, die Gesamtumsätze gingen in der Zeit zwischen 2009 und 2012 gar um 50 Prozent zurück.

Viele Zeitungstitel und der Betrieb von Fernsehstationen mussten bereits eingestellt werden oder stehen kurz davor, darunter auch Traditionszeitungen wie die links gerichtete „Eleftherotypia“ oder die konservative „Apogevmatini“. Der Fernsehsender „Alter“ musste im August 2011 eingestellt werden und sendet nur noch ein Testbild, nachdem bereits 2010 Umsatzeinbrüche von 30 Prozent und eine Gesamtverschuldung von 350 Millionen Euro verzeichnet wurden. Der Eigentümer von Alter-TV und Vorsitzende der Real Media S.A. Andreas Kouris wurde Anfang 2013 zudem zu einer Strafe von vier Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt, wegen unbezahlter Sozialabgaben in Höhe von 9,7 Millionen Euro für Mitarbeiter des TV-Senders. Über 4.000 Journalisten haben seit Ausbruch der Krise bereits ihren Arbeitsplatz verloren. Das Ausbleiben von Gehaltszahlungen und Gehaltskürzungen von bis zu 40 Prozent gehören derzeit zum Arbeitsalltag von Journalisten und Reportern in Griechenland.

Basisdaten

Einwohner: 10,77 Mio. (Rang 81; CIA-Factbook 2012)
Religionen: Griechisch Orthodox (offiziell) 98%, Muslimisch 1.3%, Andere 0.7%
Größte Städte: Athen (3,17 Mio), Thessaloniki (0,81 Mio)
Regierungsform: Parlamentarische Republik, 13 Regionen, eine autonome Mönchsrepublik (Athos)
Staatspräsident: Karolos Papoulias (seit 12. März 2005)
Regierungschef: Premierminister Andonis Samaras (seit 20. Juni 2012)
EU-Mitglied seit: 1981
Arbeitslosenrate (Dezember 2012): 26,4% (eurostat)
Staatsverschuldung 2011: -9,4 % des BIP; 2007: -6,5% des BIP. (Quelle: eurostat)
Haushaltssaldo in Relation zum BIP: 2011: -9,1%; 2009: -15,4; (Auswärtiges Amt)
Anteil am globalen BIP 2007: $362; 2012: $280.8 Billionen
Werbeausgaben insgesamt (in Euro): 2010: 1,887,540.106; 2011: 1,593,945.665
Größte Medien- und Telekommunikationskonzerne: Lambrakis Press Group, Antenna Group SA, Pegasus Group, Teletypos SA.

Die größten Medienkonzerne Griechenlands

Historische Grundlagen

Das Entstehen der griechischen Presse lässt sich auf das 18. Jahrhundert datieren als griechischsprachige Titel in Westeuropa zur Unterstützung nationaler Unabhängigkeitsbewegungen im osmanisch beherrschten Griechenland herausgegeben wurden. Nach der griechischen Staatsgründung im 19. Jahrhundert bis hin zum Sturz der Militärdiktatur im Jahr 1974 galt das Verlagswesen als rückständig, was insbesondere durch die autoritären und antidemokratischen Strukturen zu erklären war. Die Anfänge des öffentlich-rechtlichen Rundfunks lassen sich auf das Jahr 1936 und der hier erfolgten Gründung des ersten staatlichen Radiosenders datieren. Mitte der 60er Jahre wurde der erste staatliche Fernsehsenders EIRT (Ethniko Idryma Rdaiofonias Tileorassesos) ins Leben gerufen.

Mit der Einführung des private Rundfunks - Ende 1987 - wandelte sich die Medienlandschaft. Wirtschaftliche Interessen gewannen verstärkt an Einfluss und die wirtschaftliche Lage der Medienunternehmen verbesserte sich. Allerdings wirkten sich die engen Verflechtungen von Verlagen und politischen Parteien stark auf die redaktionelle Arbeit aus. Daher lässt sich eine starke Parteiorientierung erkennen, die sich insbesondere auch in der regionalen Presse zeigt. Darüber hinaus begünstigten die Strukturveränderungen die Herausbildung großer Medienunternehmen, wie den heute international agierenden Konzern Lambrakis oder der Antenna Group.

Trotz jahrzehntelanger infrastruktureller Defizite ist die Nutzung von Internet- und Digitaldiensten seitens der griechischen Bevölkerung gestiegen. Diese Entwicklung ist auf weitreichende staatliche Bemühungen und Maßnahmen zurückzuführen, wie die „Förderung der Informations- und Kommunikationstechnologien“, die seit dem Jahr 2005 mehrere Strategien zur Breitbandnutzung umfasst. Angestoßen wurde diese „Nationale digitale Strategie 2006-2013“ durch die Europäische Kommission, welche wiederum auch 2008 in ihrem Jahresbericht in Griechenland ein erhebliches Defizit auf dem Weg zur Informationsgesellschaft attestierte.

Medienunternehmen und -konzerne

Der griechische Mediensektor ist gekennzeichnet durch einen hohen Grad an Marktkonzentration und einen wettbewerbsschwachen öffentlich-rechtlichen Rundfunksektor. Der im internationalen Vergleich hohe Grad an Konzentration liegt zum einen in den breitgefächerten und branchenübergreifenden Besitz- und Aktivitätsprofilen der führenden Konzerne begründet. Zum anderen sind es die zahlreichen Verquickungen der Unternehmen untereinander, nicht selten auch in Form von weitgespannten familiären Netzwerken und Eigentümerstrukturen.

Die vier großen Verlagsgruppen Griechenlands – Lambrakis Press Group, Pegasus Group, Tegopoulos AE und Kathimerini AE – teilten 2010 71 Prozent des nationalen Pressemarktes unter sich auf. Die griechische Zeitungsindustrie befindet sich in einer ernsthaften Krise: Die vier größten Tageszeitungen des Landes haben in der vergangenen Dekade allesamt dramatisch an Auflage verloren (siehe Tab. III).

Tab. I: Strukturdaten der wichtigsten Medienunternehmen (Auswahl)

Medienkonzern

Gründungsjahr

Mitarbeiter

Umsatz*

Gewinn

Verschuldung

Lambrakis Press Group

1922

1020

2012: 97.65

2011: 26.1

2011: 209.1

Pegasus Group

1981

949

2012: 93.67

2011: 20.6

2011: 202.2

Teletypos Television

1989

410

2012: 84.63

2012: -8.0

2012. 88.0

Tegopoulos AE

1974

871

2011: 45.95

2010: -3.3

2010: 75.2

Kathimerini AE

1988

410

2011: 62.6

2011: 13.7

2011: 93.9

Der Werdegang des Medienkonzerns Lambrakis ist dabei exemplarisch für den Wandlungs- und Differenzierungsprozess, den der griechische Mediensektor seit der Einführung des privaten Rundfunks Ende der 80er Jahre und mit zunehmender Medienkonvergenz im Laufe der 90er Jahre erlebte. Lange Zeit als kleines Pressunternehmen aktiv, entwickelte sich Lambrakis ab Ende der 80er Jahre zum international agierenden Medien- und Kommunikationskonzern. Der Konzern ist gemeinsam mit seinen diversen Tochterunternehmen u.a. im Verlags- und Pressewesen, der Druckindustrie, in der Tourismusbranche sowie der Internetwirtschaft tätig. Herausgegeben werden u.a. vier Tageszeitungen und 24 Zeitschriften, darunter Titel wie die „Ta Nea“ – der führenden Tageszeitung Griechenlands – To Vima,  Ta Nea Savvatokyriako, Vima Tis Kyrikakis, sowie die Sportszeitung Exedra Ton Spor. Lambrakis besitzt zudem die nationalen Lizenzen für die griechischen Ausgaben des National Geographic und das Magazins Marie Claire. Im digitalen Sektor entwickelt und betreibt der Konzern verschiedene Onlineportale und ist auch als Internetdienstanbieter aktiv. Anteile an Fernsehsendern, eine TV-Produktionsfirma sowie ein Pressedistributionsdienst gehören ebenfalls zum Konzernportfolio.

Teletypos SA ist einer der umsatzstärksten Medienunternehmen Griechenlands und überwiegend als Rundfunkveranstalter tätig. Das Unternehmen und betreibt den Sender Mega-TV, den größten Fernsehsender Griechenlands, was Werbeeinahmen und Zuschaueranteile betrifft. Zu den Betätigungsfeldern des Konzerns zählen ferner die Entwicklung und den Vertrieb von Sendeformaten, das Betreiben von weiteren TV- und Radiostationen. Der Konzern verfügt über eigene Studios, in denen von Werbeclips bis aufwendigere Formate produziert werden. Grundsätzlich sind die Aktivitäten Konzern auf ein möglichst breites Publikum zugeschnitten. Die angebotenen Programmformate reichen von griechischen und ausländischen Seriendramen und Sitcoms über Spiel- und Kindershows bis hin zu Nachrichten- und Sportsendungen.  

Der Betreiber von ANT1 TV, die Antenna Gruppe, gilt als einer der erfolgreichsten Medienunternehmen Griechenlands. Da die Konzernaktivitäten überwiegend auf die Bereiche TV, Hörfunk und Internet ausgerichtet sind, blieb das Unternehmen zumindest von den Auswirkungen des großen griechischen Zeitungssterbens verschont und konnte auch im Jahr 2012 seine internationalen Expansions- und Beteiligungsstrategien auf den Medienmärkten des Balkan weiterverfolgen.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk Griechenlands (Ellinikí Radiofonía Tileórasi A.E.; ERT A.E.) unterhielt bis zu seiner Auflösung im Juni 2013 neben den vier Fernsehprogrammen (ET1, ET3, NET und ERT World) sowie vier Digital Fernsehprogramme (Prisma+, Cine+, Spor+ und Info+) zahlreiche Radiosender nationaler und regionaler Reichweite (NET, Deutero, Trito, ERA Spor, Cosmos, Makedonia, Radio Filia usw.). Finanziert wurden die Programme aus staatlichen Zuschüssen, Werbeeinnahmen sowie Rundfunkgebühren. Die ERT galt schon vor dem Ausbruch der Krise im EU-Vergleich der öffentlich-rechtlichen Rundfunkbetreiber als Schlusslicht, was die Anteile an nationalen Werbemärkten betrifft. Die strukturellen und finanziellen Defizite der ERT wie bürokratischer Überbau und fehlendes Investitionsvolumen (nur etwa 24 Prozent der Einnahmen des staatlichen Rundfunks werden in der Regel für Investition und Produktion ausgegeben, der Rest wird für die Deckung von Personal- und Betriebskosten verwendet) haben sich vor dem Hintergrund der Finanzkrise verschärft, so dass vermehrt über die Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunksektors in Griechenland nachgedacht wurde. Im Juni 2013 beschloss Ministerpräsident Samaras schließlich die Einstellung von ERT und die Entlassung aller 2.900 Mitarbeiter. Ab Juli 2013 ging dann übergangsweise der Interims-Sender DT auf dem alten ERT-Sendeplatz auf Sendung, ehe dieser wiederum im Mai 2014 endgültig vom neuen, verschlankten öffentlich-rechtlichen Sender Nerit abgelöst wurde.

Tab. II: Zuschauer- und Werbeanteile der größten TV-Sender 2010-2012

Jahr

MEGA TV

ANT1

Star

ALPHA

ALTER

NET

ET1

2010

Zuschauer / Werbeanteile

20.2 / 29.8

15.1 /

25.5

9.7 /

14.1

12.2 /

15.4

10.9 /

10.3

9.5

 

3.0 /

NET+ET1: 4.6

2011

(Jan-Mai)

19.8 /

31.6

16.7 /

27.3

10.3 /

15.6

12.9 /

17.4

8.9 /

5.9

7.7

2.5 /

NET+ET1: 2.0

Quelle: Europäisches Parlament

 

Tab. III: Verkaufte Auflage der größten griechischen Tageszeitungen 2002-2012 (in Tsd.)

Quelle: Athens Daily Newspaper Publisher Association

Tab. IV: Werbeumsätze nach Gattung 2011 (Prozent am Gesamtumsatz)

Quelle: Petros Iosifidis, Athens Daily Newspaper Publishers Association (eigene Darstellung)

 

Tab. V: Die 20 beliebtesten Websites in Griechenland

Rang

Webseite

Beschreibung

Mutterkonzern

1.

Google.gr

Suchmaschine

Google Inc.

2.

Facebook

Soziales Netzwerk

Facebook Inc.

3.

YouTube

Videoportal

Google Inc.

4.

Google.com

Suchmaschine

Google.com

5.

Yahoo

Webportal

Yahoo Inc.

6.

NeoBux

Paid-To-Click Dienst

 

7.

Windows Live

Email-Dienst

Microsoft

8.

Wikipedia

Enzyklopädie

Wikimedia Foundation

9.

Twitter

Microblogging

Twitter

10.

To-Mati.gr

News

 

11.

Gazzetta.gr

Sport-News

Komrade, Inc.

12.

Blogspot.com

Blogging Portal

Google Inc.

13.

Newsit.com

News

 

14.

Wordpress.com

Blogging-Tool

Word Press Foundation

15.

Newsbomb.gr

Gossip

 

16.

In.gr

Webportal

 

17.

Jungle.gr

Webportal

 

18.

Protothema.gr

News

 

19.

Sport24.gr

Sport News

 

20.

Newsbeast.gr

News

 

Quelle: Alexa.com (Stand: Juli 2013)

Regulierungsstrukturen und -behörden

Griechenland verfügt mit dem Staatsministerium für Information und Kommunikation (1994-2004 Ministerium für Presse und Massenmedien) über eine zentrale medien- und kommunikationspolitische Regulierungs- und Aufsichtsbehörde. Hier werden die medienpolitischen Grundlinien formuliert und die Umsetzung von Gesetzen und Verordnungen, die den Mediensektor betreffen überwacht.

Im Zuge der regulationspolitischen Diskussionen wurde 1989 mit dem ersten Gesetz zum privaten Rundfunk die Einführung eines Nationalen Rundfunkrats beschlossen. Die Ethnikó Simvúlio Radhiotileórasis (ESR) soll seither als unabhängiges Aufsichtsorgan die Lizenzvergabe sowie die Programmüberwachung des öffentlichen und privaten Rundfunks gewährleisten. Das zweite Rundfunkgesetz (1993) bestätigt die Regierungsabhängigkeit des Nationalen Rundfunkrats sowie des öffentlichen Rundfunks.

Bezeichnend für die griechische Regulierungspraxis ist der Gegensatz von teils rigider konzentrationsrechtlicher Gesetzgebung und lascher bis ausbleibender Umsetzung entsprechender rechtlicher Vorgaben. Im Jahr 2005 war es sogar die Europäische Kommission, die mit der Einstellung europäischer Finanzzahlungen gedroht hatte, falls ein geplantes Medienkonzentrationsgesetz – bis dato eines der strengsten in der Geschichte des Landes – der Regierung Karamanlis zur Anwendung gekommen wäre. Im April 2007 schließlich beschloss erneut die EU-Kommission, Griechenland aufgrund des mutmaßlichen Verstoßes gegen gemeinschaftliches Wettbewerbsrecht vor dem europäischen Gerichtshof anzuklagen. Auslöser diesmal war die ministeriell angeordnete sogenannte „Transparenzbescheinigung“, welche der Rundfunkrat von Unternehmen verlangen konnte, die einen Dienstleistungsvertrag mit dem Staat schließen wollten. Der Gang zum EuGH konnte abgewendet werden, nachdem die griechische Regierung eingelenkt hatte.

Ausblick

Das griechische Mediensystem litt bereits vor dem Ausbruch der großen Haushalts- und Staatsschuldenkrise unter einer Vielzahl von strukturellen – teils historisch bedingten, teils dem Fehlverhalten maßgeblicher Akteure geschuldeten – Defiziten. Der Mangel an inhaltlicher Qualität, überzogene Sensationslust und fehlende Neutralität bei der parteipolitischen Berichterstattung, eine rückständige informationstechnische Infrastruktur sowie der hohe Instrumentalisierungsgrad der Medien durch Politik und Unternehmen waren einige der Besonderheiten, mit denen der griechische Mediensektor immer wieder in Verbindung gebracht wurde.

Die aktuelle Schuldenkrise, welche das gesamte gesellschaftliche Leben in Griechenland so fest im Griff hat, bedroht nicht nur die wirtschaftliche Existenz der zahlreichen tief im Kredit- und Schuldensumpf verstrickten Medienunternehmen. Vielmehr gefährdet der mit der Krise einhergehende Verlust von Integrität und gesellschaftlicher Glaubwürdigkeit des Mediensektors die demokratische Legitimität des politischen Systems Griechenlands insgesamt.

Das Versäumnis, nicht bereits im Vorfeld der Krise über Fehlentwicklungen und Missstände im Finanz- und Wirtschaftswesen des Landes berichtet zu haben, wird gerade den führenden Medien zur Last gelegt. Die allgemeine Haltung, dass dies der  Verstrickungen der Medien selbst in Seilschaften von Politik, Wirtschafts- und Finanzsektor geschuldet sei, wird auch jüngst durch die Nachricht über die Vergabe neuer Kredite an den Konzern Teletypos genährt. Das heikle an der Vergabe des Kredits seitens vier großer griechischer Bankhäuser war der Zeitpunkt: Am 16. Januar 2013 sollten von der EU geforderte neue Aufsichtsstrukturen zur Überwachung der Vergabe größerer Kredite in Kraft treten. Am 3. Januar vermeldete Teletypos auf seiner Homepage hingegen, dass es einen Kredit in Höhe von fast 100 Millionen Euro in Anspruch aufgenommen habe, zur „Restrukturierung langlaufender Verbindlichkeiten“ und allgemeiner unternehmerischer Aktivitäten".

Das im Februar 2013 durch den Rundfunkrat ausgesprochene Verbot, „die Krisenfolgen anhand personifizierter Beispiele zu präsentieren“, welches sich vor allem gegen die Ausstrahlung von Bildern verwahrloster Bürger im Fernsehen richtet, sowie der dramatische Fall auf Platz 84 (2007: Platz 30) des aktuellen Press Freedom Index von Reporter ohne Grenzen geben weiterhin Anlass zur Sorge über die Zukunft des griechischen Mediensektors. Reporter ohne Grenzen begründet seine Einstufung wie folgt: „The social and professional environment for its journalists, who are exposed to public condemnation and violence from both extremist groups and the police, is disastrous.“

In der Folge derartiger Entwicklungen und der immer wieder auftretender Affären befindet sich das Vertrauen der griechischen Bürger in die Medien ihrer Heimat an einem erneuten Tiefpunkt. Es ist daher bezeichnend, dass bspw. der Primus unter den Tageszeitungen, die Ta Nea, aktuell nicht über die Auflagenzahl von 53.000 hinauskommt.

Der Chefredakteur des kritischen Magazins Hot Doc, Kostas Vaxevanis, bekommt die Härten des journalistischen Alltags im heutigen Griechenland regelmäßig zu spüren. Sein seit 2012 erscheinendes Blatt war verantwortlich für die Veröffentlichung der sogenannten „Lagarde-Liste“ im Oktober 2012, jener Aufstellung von etwa zweitausend Griechen mit Konten bei der Genfer Filiale der HSBC-Bank. Die Liste hatte die damalige französische Finanzministerin Christine Lagarde ihrem griechischen Amtskollegen Giorgos Papakonstantinou übergeben, der in der Folge beschuldigt wurde, eigene Verwandte von der Liste entfernt zu haben. Vaxevanis, gegen den ein erneutes Verfahren wegen Verstoßes gegen Datenschutzgesetze angestrebt wird, fasste den Zustand der Medienlandschaft und die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Journalisten in Griechenland in einem kürzlich erschienen Interview mit dem britischen Guardian drastisch zusammen: „We have reached the point where Greeks read the foreign press to find out what’s happening in Greece. It is precisely what happened under the junta. It is not democracy or freedom of the press.“

Quellen/Literatur

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