43. Lagardère Media

Umsatz 2008: € 8,214 Mrd.

Überblick

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Die Lagardère-Gruppe ist ein milliardenschwerer Mischkonzern. Einerseits ist er in den Medienbereichen Presse, Verlage, Pressevertrieb sowie Fernsehen, Radio und Multimedia aktiv. Dazu hält Lagardère einen Anteil von 7,5 Prozent am europäischen Rüstungs-, Luft- und Raumfahrtkonzern EADS (dieser Bereich wird im Folgenden nicht einbezogen). Lagardère ist in mehr als 40 Ländern vertreten und hat knapp 30.000 Mitarbeiter in 235 Tochterfirmen.

Basisdaten

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Hauptsitz: 4, rue de Presbourg, 75016 Paris, Frankreich
Telefon: 0033-1-40 69 16 00
Telefax: 0033-1-40 69 21 31
Internet: www.lagardere.com

Öffentlichkeitsarbeit: Thierry Funck-Brentano
Telefon: 0033-1-40 69 16 34
E-Mail: tfb(at)lagardere.fr

Branche: Buchverlage, Zeitungen, Magazine, Pressevertrieb, Radio, Spartensender, Satelliten-TV, TV-Produktion, Multimedia, Sportvermarktung, Luft- und Raumfahrt, Rüstung (Lagardère SCA)
Rechtsform: Kommanditgesellschaft auf Aktien
Geschäftsjahr: 01.01. - 30.12.
Gründungsjahr: 1826 (Hachette), 1992 (Lagardère Groupe)

Tab. I: Ökonomische Basisdaten

2010

2009

2008

2007

2006

2005

2004

Umsatz Gesamt (in Mio. €)

7.966*

7.892*

8.214*

8.582*

13.999

13.013

13.389

Umsatz Medien (in Mio. €)

7.966

7.892

8.214

8.582

8.092

7.901

8.594

Gewinn Medien (in Mio. €)

194

164

627

564

296

431

390

Aktienkurs (in €, Jahresende)

30,83

28,41

29,00

51,29

61,00

65,00

53,10

Dividende (pro Aktie in €)

1,30

1,30

1,30

1,30

1,20

1,10

1,00

Beschäftigte (Medien)

28.510

29.519

29.889

32.810

31.528

30.863

30.786

* seit dem 1.1.2007 werden Umsatz/Gewinn aus dem EADS-Anteil nicht mehr mit den Lagardère-Zahlen proportional konsolidiert. Der Konzernumsatz entspricht nunmehr dem Umsatz aus dem Mediengeschäft.

Tab. II: Medien-Umsatz nach Geschäftsfeldern (in Mio. €)

2010

2009

2008

2007

2006

2005

2004

2003

Lagardère Publishing (Verlage)

2.165

2.273

2.159

2.130

1.975

1.644

1.431

959

Lagardère Active (Presse, Radio, TV)

1.826

1.725

2.111

2.291

Zuvor: Presse

1.848

1.863

2.120

2.072

Zuvor: Radio, TV

590

621

677

580

Lagadère Services (Pressevertrieb)

3.579

3.387

3.500

3.721

3.679

3.773

4.366

4.333

Lagardère Sports/Unlimited

396

507

444

440

Gesamt

7.966

7.892

8.214

8.582

8.092

7.901

8.594

7.944

Geschäftsführung

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Geschäftsführung / Vorstand:

  • Arnaud Lagardère, Associé-Commandité, Gérant de Lagardère SCA,
    Président Exécutif de Lagardère Unlimited
  • Philippe Camus, Co-gérant de Lagardère SCA
  • Pierre Leroy, Co-gérant de Lagardère SCA
  • Dominique D'Hinnin, Co-gérant de Lagardère SCA
  • Thierry Funck-Brentano, Co-gérant de Lagardère SCA
  • Ramzi Khiroun, Porte-parole de Lagardère SCA, Directeur des Relations Extérieures
  • Arnaud Nourry, Président-Directeur Général de Hachette Livre
  • Denis Olivennes, Président du Directoire de Lagardère Active
  • Dag Rasmussen, Président-Directeur Général de Lagardère Services
  • Gérard Adsuar, Directeur Financier Adjoint de Lagardère SCA
  • Norbert Giaoui, Directeur juridique de Lagardère SCA

 

Besitzverhältnisse (Stand: 30.06.2010): Lagardère Capital & Management (9,62 %); französische Investoren (19,7 %); ausländische Investoren (58,78 %); Beschäftigte (1,38 %); Public (7,32 %), Autocontrôle & Autodétention (3,2 %).

Geschichte und Profil

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Louis Hachette (1800-1864) kaufte 1826 die Pariser Librairie Brédif als Basis für das Kerngeschäft des heutigen Medienmultis: Bücher, Presse und Printvertrieb. Nach wenigen Jahrzehnten war Hachette europäischer Marktführer und verlegte Schulbücher, Enzyklopädien, Reiseführer und Publikumszeitschriften. 1945 erschien erstmals das bis heute bekannteste Blatt des Hauses, die Frauenzeitschrift Elle. In Zusammenarbeit mit Henri Filipacchi entstand 1953 Le Livre de Poche, Frankreichs bestverkaufte Taschenbuch-Reihe; zudem kontrollierte Hachette seit den 50er Jahren die Verlagshäuser Grasset, Fayard und Stock. 1986 übernahm Hachette den quotenstarken Radiosender Europe 1.

Jean-Luc Lagardère (1928-2003) wechselte 1963 von Dassault Aviation als Generaldirektor zum Rüstungskonzern Matra (Mécanique Aviation Traction) und wurde dort 1977 zum Firmenchef ernannt. 1980 übernahm Matra dann über 40 Prozent des Medienhauses Hachette. Zwei spektakuläre Firmenzusammenschlüsse folgten 1999. Matras Technologie- und Rüstungspol fusionierte mit der staatlichen Aerospatiale und im Oktober verschmolzen Aerospatiale-Matra und Daimler-Chrysler Aerospace (Dasa) zur European Aeronautic Defense and Space Company (EADS).

Lagardère, der Beamtensohn aus der Gascogne, ist heute eine französische Unternehmer-Legende. Erst Diplomingenieur, dann Waffenhändler, Medientycoon, Frankreichs bedeutendster Pferdezüchter und stets auf Du mit all den Pariser Präsidenten und Premiers formte er aus einem mittelständischen Unternehmen ein globales Konglomerat. Und eigentlich blieb ihm nur eines verwehrt: ein eigener terrestrischer Fernsehkanal. Beim Privatisierungsrennen um den französischen Marktführer TF1 unterlag Lagardère, immerhin Chef einer mächtigen Mediengruppe, 1987 dem (qua Profession sehr politiknahen) Bauunternehmer Francis Bouygues. Nach der unbedachten, kopflosen Investition in Berlusconis La Cinq 1990 tat es dann richtig weh: Als ihm der damalige „Figaro“-Herausgeber Robert Hersant den ersehnten Einstieg ins Leitmedium anbot, griff Lagardère natürlich zu. Tatsächlich wurde er vom alten Fuchs Hersant, der La Cinq auf den Abgrund zusteuern sah und seinen Anteil losschlagen wollte, gehörig über den Tisch gezogen.

Das zweite Trauma im Leben Jean-Luc Lagardères war ein schwerer Verkehrsunfall seines einzigen Sohnes Arnaud (Jg. 1961) im September 1981. Es ging glimpflich aus und bald konnte Vater und Sohn nichts mehr trennen, eine fidélité obsessionelle entstand. Arnaud Lagardère trat 1986 in das Unternehmen ein, wurde Chef der Mediensparte, Teil des Triumvirats an der Konzernspitze und an die Firmenleitung herangeführt. „Ich liebe meinen Sohn", hat Jean-Luc Lagardère gesagt, „und ich liebe mein Unternehmen. Beides zu verbinden ist für mich das Größte." Als Jean-Luc Lagardère am 14.3.2003 an einer seltenen Autoimmun-Erkrankung starb, war die Nachfolge geregelt. Arnaud Lagardère stand für eine sofortige Übernahme der Geschäfte bereit.

Seit 2006 unternahm Arnaud Lagardère eine weitreichende Neuordnung des Konzerns. Im Dezember 2006 wurde verkündet, dass der Presse-Pol Hachette Filipacchi Médias (HFM) und Lagardère Active (TV, Radio, Internet) zur neuen medienübergreifenden Sparte Lagardère Active Media verschmolzen werden. Damit solle ein „internationaler Marktführer beim Verlag von Inhalten in allen Medien“ entstehen. Nur lohnen muss es sich, wofür die Regionalpresse offenbar nicht mehr garantieren konnte, denn Mitte August 2007 stieß Lagardère seine südfranzösischen Regionaltitel ab (darunter Nice-Matin, La Provence und Var Matin). 160 Mio. EURO zahlte die Gruppe Hersant-Média dafür und steigerte die Anzahl ihrer Regionalblätter auf fast 40.

Management

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Es war kein Geheimnis, dass Arnaud Lagardère zum Rüstungsgeschäft und den damit verbundenen politischen Akrobatien keine besondere Affinität hat. Seine erste Maßnahme nach dem Tod des Vaters 2003 war der Verkauf der Matra-Automobilsparte an Pininfarina. In der Folge führte er die vom Vater begonnene Konzentration auf die Medienbranche konsequent fort. Doch auch nach der Reduzierung des Lagardère-Anteils an EADS von 14,95 auf 7,5 Prozent, und trotz der deutsch-französischen Turbulenzen und der Lieferschwierigkeiten bei Airbus (und deren negative Auswirkungen auf die Lagardère-Zahlen) will man sich kurzfristig nicht aus EADS zurückziehen (siehe „Nicht strategische Aktiva“).

Eine weitere Tradition des Hauses, die Nähe zu den Machthabern, bleibt bestehen. Nach Nicolas Sarkozys Wahlerfolg am 6. Mai 2007 taucht Arnaud Lagardère regelmäßig als „Präsidenten-Freund“ auf in Artikeln über Sarkozys enorme Medienmacht. Doch eben nur als „Freund“, und nicht als „Intimus“ wie Figaro-Herausgeber Serge Dassault, TF1-Chef Martin Bouyges (Sarkozys Trauzeuge) oder Bernard Arnault (reichster Franzose, ebenfalls Trauzeuge, Präsident des Luxus-Konzerns LVMH, Besitzer des Finanzblatts La Tribune). Die drei Letztgenannten waren übrigens alle unter den 55 Auserwählten, die Sarkozy am Abend seines Wahlsiegs am 6. Mai zum berühmten Dîner im Fouquet’s auf die Champs-Élysées lud. Arnaud Lagardère durfte nicht kommen. Cécilia, mittlerweile geschiedene Madame Sarkozy, wollte ihn im Fouquet’s nicht sehen, nachdem das Gesellschaftsmagazin Paris Match (Lagardère-Gruppe) im August 2005 eine Titelstory über Cécilia und ihren Liebhaber (und späteren Ehemann) gebracht hatte. Arnaud Lagardère hatte den Chefredakteur Alain Genestar gefeuert und um Vergebung gebeten – umsonst.

Unterdessen wird immer klarer: Arnaud Lagardère hat ein Image-Problem. Während der Vater Jean-Luc als großer Konzernlenker in die französische Wirtschaftsgeschichte eingegangen ist, haftet Arnaud das Image eines verwöhnten Vatersöhnchens an (fils à Papa, enfant gâté), „das Image des Luftikus“, wie man in der Süddeutschen Zeitung vom 28.4.2010 lesen konnte. In seinen Reden auf den Hauptversammlungen bleibe er unverbindlich und „eher im Vagen“. Das harte Geschäft überlasse er seiner Nummer Zwei Dominique d’Hinnin, zuvor Lagardère-Finanzvorstand, heute Co-Geschäftsführer, für viele „der eigentliche Kopf des Konzerns“.

Die regelmäßig aufkommende Kritik am Lagardère-Management bzw. an PDG Arnaud Lagardère wurde manifest auf der Hauptversammlung am 26. April 2010 bei dem medienwirksam inszenierten Auftritt des „gefürchteten amerikanischen Firmenjägers“ Guy Wyser-Pratte. Er hatte sich mit 0,53 Prozent bei Lagardère eingekauft und sich nun nicht weniger vorgenommen, als den Konzernchef zu entmachten (so wie er es in anderen Unternehmen schon getan hatte). Zitat Wyser-Pratte: „Der Konzern ist schlecht geführt, archaisch, antidemokratisch: Ein zusammengewürfeltes Konglomerat ohne erkennbare Strategie.“ Der Lagardère-Erbe vernachlässige das Unternehmen, spiele Tennis und schwänze die Sitzungen des EADS-Verwaltungsrats. Dazu wollte Wyser-Pratte eine Änderung der Rechtsform. Die Kommanditgesellschaft ermöglicht es Arnaud Lagardère, mit einem Anteil von weniger als zehn Prozent die Geschicke des Unternehmens zu bestimmen. Nach einer Umwandlung in eine normale AG wäre damit Schluss.
Doch aus dem Putschversuch wurde nichts. Die Financial Times Deutschland berichtete am 27. April: „Lagardère-Aktionäre weisen Wyser-Pratte zurück. Die Kritik an der Konzernleitung teilen viele, entmachten wollen die Aktionäre Arnaud Lagardère dennoch nicht. Mit großer Mehrheit stimmten sie gegen die Anträge des US-Investors.“ Auch am Status der Kommanditgesellschaft auf Aktien wurde nicht gerührt.

Eine lustige Episode. Aber: Die auch von anderen Investoren und Medienexperten geäußerten Kritikpunkte (eine mangelnde vertikale Integration, überteuerte Zukäufe, ein in den vergangenen vier Jahren mit 50 Prozent deutlich über Branchendurchschnitt gefallener Börsenkurs) bleiben bestehen. Das Handelsblatt schreibt vom „kriselnden Medien- und Rüstungskonzern“, Arnaud Lagardère steht unter Druck. Allgemein wird erwartet, dass Lagardère nach einigen „years of underperformance“ aufräumt und diverse Beteiligungen verkaufen könnte (siehe „nicht strategische Aktiva“). In das Bild passt der Verkauf der Regionalzeitungen an Hersant-Média 2007, der Verkauf des defizitären Jugend/Musik/Film/Serien-Kanals Virgin 17 (zuvor Europe 2 TV) an Bolloré Media im März 2010 für 70 Mio. €, der Verkauf der Beteiligung an „Le Monde“ Ende 2010 und der gesamten internationalen Lagardère-Zeitschriftensparte an Hearst 2011.
Was sagt der Analyst? “The thing Lagardère seems to do best is to sell at a good price,” so Conor O’Shea (Kepler Capital Markets, Paris). “The question is, what is their strategy? The strategy changes every few years, when they bring in a new band of consultants.” So auch Libération am 3.12.2010: „Die erratische Strategie von Arnaud Lagardère und seinen zahllosen Leutnants, die oft genug damit beschäftigt sind, einander auszustechen, zeichnen das Bild eines von Zweifeln gequälten Konzerns.“ (siehe Aktuelle Entwicklungen)

Geschäftsfelder

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Lagardère Publishing:
Angesiedelt unter der Konzernsparte Lagardère Publishing (weltweit zweitgrößtes und europaweit größtes Verlagskonglomerat) sind die größten Verlage Frankreichs (mit Häusern wie Grasset, Fayard, Stock, Calmann-Lévy, Lattès) und Großbritanniens (u.a. mit Octopus, Orion, Hodder, Headline, Little Brown). In Spanien (Amaya) ist man die Nummer zwei, in den USA die Nummer fünf (u.a. mit Grand Central Publishing, Little Brown): Hier verzeichnete Hachette Livre 2008 die marktgrößte Wachstumsrate (+26%) dank des Sensationserfolgs der „Twilight“-Serie der als Joanne K. Rowling-Nachfolgerin gehandelten Stephenie Meyer. 2008 wurden 25 Millionen Exemplare der „Twilight“-Reihe in den USA verkauft, 2009 waren es 30 Millionen, 2010 ging es mit dem „Twilight“-Phänomen erwartungsgemäß bergab. Der Umsatz von Lagardère Publishing sank von 2,273 Mrd. € (2009) auf 2,165 Mrd. € im Jahr 2010 (immer noch das zweitbeste Ergebnis in der Geschichte von Hachette), weiter von 975 Mio. € (1. Halbjahr 2010) auf 900 Mio. € (1. Halbjahr 2011).

Alles in allem gelang in den großen Märkten ein „soft landing“mit zahlreichen Bestsellern, Literaturpreisen und, in den USA und Großbritannien, einem bemerkenswerten Wachstum bei digitalen Büchern. Siehe die Anteile der e-Books an den von der Hachette Book Group verkauften Büchern: Anfang 2010 waren es 3%, Ende 2010 10%, am Ende des ersten Halbjahrs 2011 20%. Mitte 2011 werden 5% des Gesamtumsatzes von Lagardère Publishing mit e-Books erzielt.

Noch ein Blick zurück: 2006 hatte das Verlagsgeschäft einen markanten Umsatzanstieg von über 20 Prozent verzeichnet, im wesentlichen zurückzuführen auf den Ankauf der Time Warner Book Group im Februar 2006. Mit diesem 537 Millionen Dollar-Deal wurde Lagardère Publishing damals zum drittgrößten Buchverlag der Welt. Dabei kam es nicht ungelegen, dass einer der Time Warner-Mitbieter Rupert Murdoch hieß, weil der Handel so eine nationale Dimension bekam und Lagardère zum Aushängeschild eines wirtschaftlich erstarkenden Frankreich wurde.
36,2 Prozent des Umsatzes von Lagardère Publishing wurden 2010 in den USA und in Großbritannien generiert (2009: 37,1%).

Lagardère Active:
Das Pressegeschäft und die audiovisuellen (Radio/TV) und digitalen (Lagardère Digital France) Aktivitäten sowie die Werbezeitenvermarktung (Lagardère Publicité) sind seit 2006 gebündelt unter dem Signet Lagardère Active. Hier stieg der Umsatz im Jahresvergleich von 1.725 Mio. € (2009) auf 1.826 Mio. € (2010); im aktuellen Halbjahresvergleich ging es bergab: von 855 Mio. € (1. Hj. 2010) auf 807 Mio. € (1. Hj. 2011)

„Presse Magazine“:
Die Zeitschriften-Konzernsparte befindet sich im Umbruch. Lange Jahre hatte man in Frankreich fast eine Monopolstellung und publizierte weltweit über 200 Titel. 2007 bereits verkaufte Lagardère seine französischen Regionalzeitungen. Dieser Kurs wird jetzt fortgesetzt: Aktivitäten, die nicht mehr als strategisch gelten, werden abgegeben. Im Frühjahr 2011 wird bekannt, dass der Großteil von Lagardères „International Magazine Business“ an die Hearst Corporation für 606 Mio. € verkauft wird. Der Grund: Es sei in den meisten Ländern nicht gelungen, im Zeitschriften-Geschäft eine „kritische Größe“ zu erreichen. Übrigens: auch Bauer hatte sich im Bieterwettstreit Hoffnungen gemacht, konnte aber dem amerikanischen „Zeitschrift-Giganten“ Hearst nicht genug entgegensetzen.
Von der Flaggschiff-Publikation ELLE möchte man sich, vorerst, nicht trennen. Die französische Ausgabe und die Marken- und Merchandising-Rechte bleiben im Rahmen eines Sonderabkommens bei Lagardère.

Rundfunk und Internet:
Die Konzernradios heißen Europe 1, französischer Referenzsender in Sachen News und Talk, Virgin Radio (zuvor Europe 2, Musik für Leute von 25 bis 34) und RFM (Mainstream-Pop). Lagardère Active Radio International hält weiterhin Anteile an 29 Radiosendern in sieben Ländern mit über 32 Millionen Hörern täglich.
Zum TV-Bereich gehören TV-Spartenkanäle (über Kabel, Satellit, ADSL) wie die MCM-Musiksenderfamilie, Gulli, June (zuvor Filles TV) und Jugendsender wie canalj (6-14 Jahre) und TIJI (Kinder). Gulli ist in Frankreich auch über das terrestrische Digitalfernsehen (TNT) zu empfangen.
Produktion und Rechtevertrieb finden sich seit 2008 gebündelt in dem Unternehmen Lagardère Entertainment. Darunter finden sich bekannte Fiction-Produzenten wie Aubes-Telmondis, DEMD, GMT und Image & Compagnie sowie die Distributionsfirma Europe Images International.
7,5% des Umsatzes von Lagardère Active wurden 2010 im Internet verdient. Weltweit hält man ein Portfolio von über 100 Websites mit monatlich mehr als 80 Millionen Besuchern; in Frankreich belegt man in dieser Hinsicht den zweiten Platz hinter TF1. Die erfolgreichsten Lagardère-Internetseiten sind: Doctissimo.fr, Elle.fr, Premiere.fr.

Ende November 2006 wurde bekannt, dass die Karten beim ruhmreichen Pay TV-Sender Canal+ neu gemischt und die konkurrierenden Bouquets CanalSat (Canal+ Gruppe bzw. Vivendi) und TPS (TF1, M6) fusioniert werden. Bis dahin war Frankreich das letzte europäische Land mit zwei rivalisierenden Plattformen. Lagardère brachte seine 34-prozentige Beteiligung an CanalSat ein und erhielt im Gegenzug 20 Prozent an Canal+ France.

Diese 20 Prozent will Lagardère seit März 2010 abstoßen bzw. versilbern; lag der in der Canal Plus-Bilanz geschätzte Wert des Anteils doch bei 1,5 Milliarden Euro. Lange galt Canal Plus-Haupteigner Vivendi als logischer Abnehmer. Ende November 2009 hatte Vivendi TF1 dessen zehnprozentigen Canal Plus-Anteil für 744 Mio. € abgenommen; am 6.2.2010 kam der 5,1-prozentige Anteil der RTL-Tochter M6 dazu (Kaufpreis: 384,2 Mio. Euro). Somit lauten die Besitzverhältnisse bei Canal+ France: 80% Vivendi, 20% Lagardère. Zu einer Einigung über einen Kaufpreis aber kam es bislang nicht.

Anfang Juli 2010 lässt Lagardère den Plan B verlautbaren: Der 20-Prozent-Anteil soll an die Börse gebracht werden; der Prozess eines IPO (Initial Public Offering) könne starten. In Börsenkreisen allerdings rechnete man nicht damit. Es schien eher, als wollte Lagardère mit dem Schritt Druck auf Vivendi ausüben. Wahrscheinlich, hieß es z.B. in einer Reuters-Meldung vom 4.1.2011, werde man sich nach einem last-minute-Angebot von Vivendi doch noch einig. Mitte März 2011 wird der Börsengang abgebrochen, wegen der „Volatilität des Marktes“ nach den Natur- und Atomkatastrophen in Japan.

Es scheint fast, als liege ein Fluch über dem Verhältnis der Familie Lagardère mit dem Fernsehen, als erginge es dem Sohn mit Canal+ wie dem Vater mit der Pleite von La Cinq und der Niederlage im Käuferwettstreit um TF1. Es sei in diesem Zusammenhang daran erinnert, dass man Canal+ nach der Vivendi/Messier-Katastrophe 2003 hätte kaufen können, für einen symbolischen Euro. Jetzt sitzt Arnaud Lagardère auf seinen 20 Prozent und weiß nichts damit anzufangen.

Lagardère Services:
Lagardère Services ist der größte internationale „Travel Retailer für Presse und Buch“, führend u.a. in den USA, Belgien, Spanien und Ungarn (für nationale Presse) bzw. in Belgien, Kanada, Spanien, Ungarn und Tschechien (für internationale Presse). Die Lagardère-Tochter beschäftigt über 11.000 Mitarbeiter und unterhält ein Netzwerk von über 3.800 Verkaufsstellen (Relay, Aelia) für Kultur- und Freizeitprodukte in 20 Ländern weltweit – vornehmlich auf Flughäfen und Bahnhöfen. Rund zwei Drittel seines Umsatzes erwirtschaftete das Unternehmen auch 2009 außerhalb Frankreichs. Neben Printerzeugnissen werden Musik, Film-DVDs und andere Multimedia-Produkte vertrieben.

Lagardère Unlimited:
Bei der Sportvermarktung gibt Arnaud Lagardère Vollgas, insgesamt investiert die Gruppe hier mehr als eine Milliarde Euro. Ende Mai 2010 wird der Zukauf des US-Sportvermarkters BEST (Blue Entertainment Sports Television) gemeldet (A.L.: „Den Preis können wir nicht verraten. Das macht niemand in dieser Branche“) und der Geschäftsbereich Lagardère Sports in Lagardère Unlimited umbenannt. Das neue Unternehmen positioniere sich als acteur majeur auf dem Sportmarkt, vertritt 360 Sportler aus zwölf Disziplinen, kümmert sich um das Management von Sportakademien (Lagardère Paris Racing im Bois de Boulogne, Saddlebrook/Florida) und hat eine klare Zielvorgabe: der derzeitigen Nummer Eins der Sportvermarktung IMG (International Management Group) in den kommenden fünf Jahren den Spitzenplatz abzunehmen.

Zu Lagardère Unlimited gehört auch der 2007 gekaufte Sportrechte-Vermarkter Sportfive (Hamburg/Paris), der z.B. die Gesamtvermarktung bei elf Bundesligavereinen umsetzt (darunter Borussia Dortmund, HSV, Bayer Leverkusen). Im Februar 2009 wurden Sportfive die Übertragungsrechte für die Olympischen Spiele 2014 (Sotschi, Russland) und 2016 (Rio de Janeiro) für 40 europäische Länder vom IOC zugesprochen. Erstmals bekam nicht die Europäische Rundfunkunion, sondern eine Agentur den Zuschlag; eine „Zäsur in der olympischen Fernsehgeschichte“ (Focus online).

Weitere Töchter von Lagardère Unlimited: die World Sport Group (Singapur), die größte Sportagentur in Asien; PR Event, Veranstalter von Profitennisturnieren; seit Juni 2007 die schwedische Sportrechte-Agentur International Events and Communication in Sports (IEC); seit 2008 das Hamburger Sportunternehmen Upsolut Sports AG. Dessen Kernkompetenz: Planung und Umsetzung von Ausdauersport-Großveranstaltungen (Radrennen, Triathlon).

„Nicht strategische Aktiva“:
Der Ausstieg bei dem Luft-, Raumfahrt- und Rüstungskonzern EADS (Lagardère besitzt noch 7,5%) ist seit Jahren ein Thema. Mitte Mai 2007 etwa hatte Finanzvorstand Dominique D’Hinnin bekannt gegeben: "Unsere Strategie ist es, die Minderheitsbeteiligung bei EADS (...) eines Tages abzustoßen - das ist das langfristige Ziel". D’Hinnin dann im November 09: Der Verkauf sei „lediglich eine Frage des Preises“. Doch nichts passiert, denn vorerst geht es nicht. Aus politischen Gründen. Im Frühjahr 2012 werden Präsidentschaftswahlen stattfinden und Sarkozy ist darauf bedacht, das Thema EADS von dem Wahlkampf fernzuhalten. Er wünscht keine Verschiebung der komplizierten deutsch-französischen Machtverhältnisse durch einen Verkauf der Lagardère-Anteile. Bis zur Wahl also wird alles beim Alten bleiben. Klar ist aber: Die Tage als Rüstungskonzern sind für Lagardère gezählt.

Weiterhin hält Lagardère 20% an Canal+ France (sollen zeitnah verkauft werden), 42% an der Groupe Marie Claire (möchte Arnaud Lagardère angesichts schwieriger Marktumstände gerne verkaufen, hat aber noch keinen Interessenten gefunden) und 25% an der Amaury-Gruppe (Le Parisien, L’Equipe, Veranstalter von Sport-Großevents). Hier wiederum bekundete Lagardère Ende Mai 2010 sein Interesse, die Filiale A.S.O. zu übernehmen: die Amaury Sport Organisation veranstaltet u.a. die Tour de France und die Rallye Paris-Dakar. Womit er allerdings bei Marie-Odile Amaury kein Gehör fand. Es ist klar: Die Tour de France steht nicht zum Verkauf, jetzt möchte Lagardère seine Amaury-Beteiligung loswerden. Ob er hier einen Käufer findet?
Die 17,27% an der renommierten Tageszeitung „Le Monde“ zumindest ist man los: Für ca. 3,8 Mio. € am 2.11.2010 an die neuen Eigentümer um Pierre Bergé.

Engagement in Deutschland

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Das „Elle“-Joint-Venture zwischen Hachette Filipacchi Médias und der Burda GmbH ist obsolet, seit Lagardère 2011 seine internationalen Magazin-Titel an Hearst verkauft hat. Hearst wird insofern der neue Joint-Venture-Partner von Burda; die deutsche Ausgabe von „Elle“ erscheint weiterhin unter dem Dach der Burda Style Group.

Lagardère Active Radio International ist an deutschen Radioveranstaltern wie Kiss FM (Berlin, Black Music/Dance/House), Antenne AC (Würselen), Delta Radio (Kiel), Radio Salü (Saarbrücken) und Main FM (Frankfurt) beteiligt.
HDS Retail Deutschland GmbH (Wiesbaden) ist die deutsche Abspaltung von Lagardère Services und Deutschlands größter Flughafen-Medienhändler mit Marken wie Relay, Virgin und L’Occitane (weiterhin aktiv an „attraktiven Bahn-Drehkreuzen“ und „hochfrequenten Pendlerstationen“, heißt: Einkaufszentren). Die legion Telekommunikation Düsseldorf (100%) organisiert für Sender quer durch die deutsche TV-Landschaft die Abwicklung etwa von Gewinnspielen und Voting-Aktionen, also „Responsemanagement und Anrufautomation“.

Dazu die oben erwähnten Sportrechte-Agenturen Upsolut und Sportfive (beide Hamburg). Kurzzeitig stand das Lagardère-Engagement in Deutschland sogar vor einem Quantensprung, als sich Sportfive Ende 2007 um die Bundesliga-Rechte bemühte. Umsonst: man wurde von der Deutschen Fußball Liga gar nicht erst gefragt. Sportfive-Chef Thomas Röttgermann kritisierte in der Folge sowohl DFL-Geschäftsführer Christian Seifert („In Seiferts Schuhen wäre ich mutiger gewesen. Die Bundesliga-Rechte sind deutlich mehr wert“) als auch an Leo Kirch, vorläufiger Sieger der Rechte-Auktion (Kirchs Bankbürgschaft ist nur eine „Scheinsicherheit“, keine hundertprozentige Absicherung). Auch bei der zweiten Rechtevergabe im November 2008 (nötig geworden nach der Blockade von Kirchs Vermarktungskonzept durch das Bundeskartellamt im September 2008) kam Sportfive nicht zum Zuge. Es blieb alles beim Alten: Premiere, ARD, ZDF, Telekom und DSF teilen sich die Rechte bis 2013.

Aktuelle Entwicklungen

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Muss man sich sorgen um Arnaud Lagardère? Von seinem Image war ja bereits die Rede, aber nun (im Juli 2011) hat er es auf die Spitze getrieben. Es fing an mit Fotos mit einem auffälligen Mannequin im Ganzkörper-Leopardenoutfit bei diversen Sport-Events. Was dann folgte, hatte „die Wirkung einer Bombe“ (La Tribune). Am 20.7. wird das Making-of eines Fotoshootings für das belgische Le Soir Magazine online gestellt. Das Video zeigt ihn in viel zu vertrauter Schmusepose mit seiner neuen Freundin, dem exakt 30 Jahre jüngeren belgischen Model Jade Forêt („unsere Liebe kennt kein Limit, Chéri“) und wird binnen kurzer Zeit zum millionenfach geklickten Web-Phänomen.

Ganz Frankreich und vor allem Tout Paris sind sprachlos und entsetzt. Was macht er denn? Es sieht so aus, als sei Arnaud Lagardère bis über beide Ohren verliebt und definitiv nicht auf der Höhe der Dinge – auch im Wortsinne (sie ist mindestens einen Kopf größer als er). „Was traurig ist: er wirkt wie ein Baby in diesem Film“, so ein EADS-Angestellter zu Libération. Will man das sehen vom Vorstand eines Weltkonzerns mit fast 30.000 Angestellten? Der zudem eine bedeutende Rolle spielt in der französischen Luftfahrt- und Militärindustrie. Warum verrennt sich Arnaud Lagardère so ungebremst und ungehemmt ins Lächerliche?

Die Zweifel an den Managementqualitäten des Firmenerben, die latent immer da waren, werden nun auf der Lagardère-Führungsebene und im Kreis der Aktionäre offen ausgesprochen: „Seit sechs Monaten steht der Konzern still. Arnaud verschiebt oder annuliert sämtliche Termine.“ Bedenken an der schon zitierten „erratischen“ oder auch „unlesbaren“ Verkaufsstrategie werden laut. Wie war das noch: Warum genau hat er 2011 die ausländische Zeitschriftensparte an Hearst verkauft? Warum hat er 2010 die kostbare TNT-Frequenz von „Virgin 17“ an Bolloré abgegeben? Was plant er denn jetzt mit den Minderheitsbeteiligungen (Marie Claire, Amaury, Canal+)? Was kann er tun gegen das zunehmend evidente Image eines Dilettanten?

„Ich will, dass Lagardère in zehn bis 15 Jahren einer der drei größten Medienkonzerne weltweit ist“, so Arnaud Lagardère im Jahr 2004. Davon ist er heute, sieben Jahre später, natürlich noch ein ziemliches Stück entfernt. Gleichzeitig scheint es, als habe er am Medienbusiness das Interesse verloren und längst sozusagen die Pferde gewechselt, als habe er im „Sport“ seine wahre Bestimmung gefunden. Jetzt sagt er: Ich will als Sportvermarkter bis 2015 weltweit die Nummer eins werden. Zwar hat er hier mehr als eine Milliarde Euro investiert, doch läuft es bislang alles andere als rund. Die enttäuschenden Halbjahreszahlen Mitte 2011 waren nicht zuletzt begründet in den schlechten Ergebnissen der Sportsparte Lagardère Unlimited (ausgelöst beispielsweise durch Streitigkeiten mit der indischen Cricket-Liga).

Entsprach der Gesamtumsatz für das erste Halbjahr 2011 noch den Prognosen, so lag der Gewinn vor Steuern und Zinsen (168 Mio. €) deutlich unter den Erwartungen der Analysten. Jetzt geht Lagardère von einem um fünf bis sieben Prozent niedrigeren Betriebsgewinn 2011 aus – die Aktie fällt um zehn Prozent auf 21,47 €. „Die ohnehin katastrophale Kursbilanz verschlechtert sich weiter“ (FAZ, 1.9.2011). Und am 24.11.2011 erreicht der Titel das Allzeit-Tief von 16,20 €.