8. Vivendi S.A.

Umsatz 2009: € 11,954 Mrd.

Überblick

einklappen

Vivendi ist weltweit der achtgrößte Medienkonzern (in Frankreich auf Platz eins), obwohl sich das Unternehmen infolge einer aberwitzigen Expansionsstrategie von vielen internationalen Aktivitäten trennen musste. 2009 erwirtschaftete der Konzern 56% seiner Umsätze im Bereich Telekommunikation (Umsätze, die im Ranking der Mediendatenbank nicht berücksichtigt werden). Dazu ist Vivendi ein bedeutender Inhalteproduzent mit der Pay-TV-Gruppe Canal+ (100%), der Universal Music Group (100%) und Activision Blizzard (57%), dem im Juli 2008 aus der Fusion von Vivendi Games und Activision entstandenen Weltmarktführer im Bereich Spieleentwicklung (für Computer, Konsolen, online).

Basisdaten

einklappen

Hauptsitz: 42, avenue de Friedland, 75380 Paris CEDEX 08, Frankreich
Telefon: 0033-1-71 71 10 00
Telefax: 0033-1-71 71 10 01
Internet: www.vivendi.com

Branche: Musik, Pay-TV, Film/TV-Produktion, Filmdistribution und -rechtehandel, Multimedia, Telekommunikation, Games
Rechtsform: Aktiengesellschaft
Geschäftsjahr: 01.01. - 31.12.
Gründungsjahr: 1853 (Compagnie Générale des Eaux), 1998 umbenannt in Vivendi, 2000 umbenannt in Vivendi Universal, 2006 umbenannt in Vivendi.


Tab. I: Ökonomische Basisdaten

2009

2008*

2007*

2006*

2005*

2004

2003

2002

Umsatz (in Mio. €)

27.132**

25.392**

21.657**

20.044

19.484

21.428

25.482

28.112

Gewinn (Verlust) nach Steuern (in Mio. €)

2.585

2.735

2.832

2.614

2.078

754

(1.143)

(23.301)

Aktienkurs (in €, Jahresende)

20,93

23,51

31,13

29,9

26,56

23,49

19,27

15,39

Dividende (pro Aktie in €)

1,40

1,40

1,30

1,20

1,00

0,60

0

1,00

Beschäftigte

49.004

44.000

39.919

37.014

34.031

39.181

49.617

50,818

 

 

Tab. II: Umsatz nach Unternehmensbereichen 2009 (Beträge in Mio. €)*

Universal Music Group

Canal+ Group

SFR

Maroc Telecom

Activision Blizzard

GVT

Sonstige Aktivitäten

Umsatz

4.363

4.553

12.425

2.694

3.038

104

(45)

EBITA 2009

580

652

2.530

1.244

484

20

(29)

*Die Daten ab 2005 betreffen die Struktur des heutigen Gesamtkonzerns Vivendi S.A.. Ein Vergleich mit den Vorjahren ist nur bedingt möglich.
** Gesamtumsatz inklusive von Telekommunikations- und Sondersparten (Die Umsatzzahl 2009 von 11,954 Mrd. Euro bezieht sich auf den Umsatz der Mediensparten)

Geschäftsführung

einklappen

Geschäftsführung / Vorstand:

  • Jean-Bernard Lévy, Chairman of the Management Board and CEO, Chairman of Activision Blizzard, Chairman of the board of GVT
  • Abdeslam Ahizoune, Chairman of the Management Board of Maroc Telecom
  • Phillipe Capron, Chief Financial Officer of Vivendi
  • Frank Esser, Chairman and Chief Executive Officer of SFR
  • Lucian Grainge, Co-Chief Executive Officer of Universal Music Group
  • Bertrand Meheut, Chairman of the Executive Board of Canal+ Group


Aufsichtsrat:

  • Jean-René Fourtou, Chairman of the Supervisory Board
  • Henri Lachmann*, Vice Chairman of the Supervisory Board and Chairman of the Supervisory Board of Schneider Electric S.A.
  • Claude Bébéar, Honorary Chairman of AXA Group
  • Daniel Camus*, Executive Director of EDF Group, Member of the Executive Committee
  • Jean-Yves Charlier*, CEO of Promethean Ltd.
  • Maureen Chiquet*, CEO of Chanel
  • Philippe Donnet*, Member of the Supervisory of Financière Miro
  • Dominique Hériard Dubreuil*, Chairwoman of the Board of Directors of Rémy Cointreau
  • Aliza Jabès*, President & CEO of Nuxe Group
  • Christophe de Margerie*, CEO of Total and Chairman of the Executive Committee
  • Pierre Rodocanachi*, CEO of Management Patrimonial Conseil
  • Jacqueline Tammenoms Bakker*, Chairwoman of the National Council for Environment and Infrastructure (Netherlands)

* Independent Member


Besitzverhältnisse (Stand am 31.12.2009; Anteile am Kapital): Capital Research and Management 4,67%, CDC/FSI (Caisse des Dépôts et Consignations) 3,8%, Crédit Agricole AM 3,54%, Emirates International Investment Company LLc 2.82%, Natixis Asset Management 2,48%, AllianceBernstein (Axa Investment Managers) 2%, Vivendi Group Savings Plan 1,55%, Bank of America/Merrill Lynch 1,52%, Crédit Suisse Securities (Europe) Limited 1,13%, BNP Paribas 1,05%, Prudencial Plc 0,9%, UBS Investment Bank 0,85%, Abu Dhabi Investment Authority 0,63%, Société Générale AM 0,59%, DNCA Finance et Leonardo Asset Management 0,57%, Crédit Agricole Structured AM 0,55%, FIPAR International (CDG Maroc) 0,51%, Macquarie Group 0,5%, RCAR – CDG Maroc 0,48%, HBOS Plc 0,47%, AQR Capital Management 0,46%, Pension Reserve Fund 0,45%, SRM Advisers (Monaco) S.A.M. 0,41%, HERMES Equity 0,41%, Groupama Asset Management 0,40%, TPG Axon Capital 0,35%, Veolia Environnement Group Savings Plan 0,22%, Treasury Shares 0,01%, Other Shareholders 66,18%.

Geschichte und Profil

einklappen

Wer hoch steigt, fällt tief – auf kaum ein anderes Medienunternehmen trifft dieses Motto besser zu als auf Vivendi. Innerhalb eines knappen Jahrzehnts wurde aus dem altehrwürdigen Wasserversorger Compagnie Générale des Eaux (CGE, gegründet 1853) ein internationales Medienimperium, das in nur zwei Jahren den unerhörten Verlust von 37 Mrd. Euro anhäufte, in sich zusammenbrach und im Mediengeschäft heute nicht mehr als ein Schatten seiner einstigen Größe ist.

1987 stieg die CGE ins Mediengeschäft ein, zunächst im Bereich Mobilfunk (Gründung von SFR) und Filmproduktion (Générale d’Images). Zur strategischen Entwicklungsachse wurde der Kommunikationsbereich erst 1996, als Jean-Marie Messier, 1956 geboren und ehemaliger Student der École polytechnique und der Elitehochschule ENA (École nationale d'administration), die Konzernleitung übernahm. Gemeinsam mit der Mannesmann AG und British Telecom wurde 1996 der Festnetzanbieter Cegetel gegründet, der nach Zukauf des Festnetzes der französischen Eisenbahn SNCF zur Nummer zwei im französischen Markt aufstieg. Im Februar 1997 übernahm Messier die Kontrolle beim Medienkonzern Havas (Mutterkonzern von Canal+). Im Jahr darauf schluckte die CGE das Unternehmen komplett, wurde in Vivendi umgetauft und unternahm den Einstieg in den Multimediasektor mit dem Kauf des amerikanischen PC-Lernspieleherstellers Cendant Software.
Jean-Marie Messier forcierte nun die internationale Ausrichtung des Konzerns. Schulbuchverlage in Südamerika wanderten 1999 in das Unternehmensportfolio, der historische Kern des Unternehmens, die Umweltsparte, wurde durch den Kauf von US Filter verstärkt. Zudem engagierte sich Vivendi bei Monaco Telecom und den Festnetzanbietern Elektrim (Polen) und Matel (Ungarn). Ebenfalls 1999 kam es zur Fusion mit der französischen Kino- und Produktionsgruppe Pathé.

Im Jahr 2000 setzte das Unternehmen zum „großen Sprung nach vorn“ an. Er sollte katastrophal scheitern: Auf dem Höhepunkt des Börsenbooms verkündete Messier die Fusion mit Canal+ und Seagram (Spirituosen, Universal Studios und Universal Music). Die Firma benannte sich in Vivendi Universal um und gliederte sich fortan in sechs Bereiche: Universal Music Group, Vivendi Universal Publishing (ex-Havas), TV&Film, Telekommunikation, Internet sowie Vivendi Environnement, das Messier an die Pariser Börse brachte. Trotz dieser für sich allein schon kolossalen Fusion setzte Vivendi Universal seinen Wachstumskurs unbeirrt fort, befeuert durch die Internet- und Medieneuphorie an der Börse. Noch im gleichen Jahr wurde der kenianische Mobilfunkbetreiber Kencell erworben, ebenso wie 35 Prozent der Maroc Telecom. Als Mitglied des Xfera-Konsortiums sicherte sich Messier sogar eine spanische UMTS-Lizenz. 2001 folgten weitere Dotcom-Unternehmen (u. a. MP3.com), der US-Schulbuch-Marktführer Houghton Mifflin und vor allem der Kauf von USA Networks sowie die Beteiligung am US-Satellitenbetreiber Echostar. Allein diese letzte Akquisition kostete 11,8 Mrd. Dollar.

Bei all dem rauschhaften Hochgefühl konnte Messier leicht vertuschen, dass die Deals alles andere als profitabel waren. Umso größer war die Überraschung, als Vivendi Universal im Geschäftsjahr 2001 13,6 Mrd. Euro Verlust machte, den höchsten in der französischen Wirtschaftsgeschichte. Als Messier dies als einfachen Bilanztrick abtat, drehte sich das öffentliche Klima endgültig. Das Publikum hatte genug von seinem nicht gerade bescheidenen Ex-Liebling, der sich tatsächlich gerne „J6M“ nannte (ein J, sechs M’s), „Jean-Marie Messier moi-même maître du monde“ (also „Ich selbst, Jean-Marie Messier, Herrscher der Welt“). Mehrere Monate neuer Enthüllungen über Bilanztricks, Pannen in der Unternehmenskommunikation und stetig sinkendem Aktienkurs brachten Messier schließlich zu Fall. Im Juli 2002 musste er auf Druck des Aufsichtsrates zurücktreten.

Zu diesem Zeitpunkt ächzte Vivendi unter einer Schuldenlast von 35 Mrd. Euro. Mit einem Verlust von 23,3 Mrd. Euro übertraf das Unternehmen den im Jahr zuvor aufgestellten Minusrekord nochmals deutlich. Nach dem Abgang des flamboyanten Messier wurde 2002 Jean-René Fourtou als Président-Directeur général verpflichtet und trat zur Sanierung an. In kurzer Zeit verkaufte er große Teile des Gesamtkonzerns, um der drückenden Schuldenlast zu entkommen. Nachdem man die Getränkesparte noch unter Messier abgestoßen hatte, trennte Fourtou sich von zahlreichen Geschäftsfeldern, die einst als Kernaktivitäten galten. So wurden u. a. die Anteile an BSkyB und Echostar veräußert. Es folgten die Satellitenbouquets in Italien, Benelux und Skandinavien, die Hardware-Sparte von Canal+, fast alle Anteile an der Umweltsparte Veolia, die Telekomaktivitäten in Monaco, Kenia, Ägypten, Ungarn und Polen, die Kinokette UCI sowie die Anteile an der Sportrechteagentur SportFive. Insgesamt wurden Aktivitäten mit einem Umsatz in Höhe von 24 Mrd. Euro verkauft – in dieser Zeit setzte Fourtou nur zwei Akquisitionen im Telekombereich durch. Für vier Milliarden Euro erhöhte das Unternehmen 2003 seinen Anteil am Telekomanbieter SFR-Cegetel um 26 Prozent; im Januar 2005 erhöhte Vivendi Universal seinen Anteil an Maroc Telecom auf 51 Prozent.
Der abschließende Sanierungsschritt erfolgte dann 2004 mit der Auslagerung von Vivendi Universal Entertainment in eine gemeinsame Firma mit der General-Electric-Tochter NBC. An dem so entstandenen Konglomerat NBC Universal hielt die Firma 20 Prozent – als reines Investment ohne strategische Kontrolle – bis zum Dezember 2009: nach monatelangen Verhandlungen verkaufte Vivendi den NBC Universal-Anteil für 5,8 Mrd. Euro an General Electric.

Seit seinem Rückzug in den Aufsichtsrat 2005 arbeitet Fourtou mit seinem Nachfolger, Jean-Bernard Lévy, eng zusammen. Die beiden setzten Zeichen. Die Schaffung von NBC Universal, die Streichung von Universal aus dem Vivendi-Firmennamen und der Rückzug von der New Yorker Börse im August 2006 markierten den Schlussstrich unter die Ära Messier, dessen halsbrecherische Einkaufstour fast im Kollaps des gesamten Konzerns geendet wäre.

Management

einklappen

Der 66-jährige Jean-René Fourtou übernahm im Juli 2002 das Vivendi-Ruder von seinem gescheiterten Vorgänger Messier. Fourtou galt als Vertrauter von Staatspräsident Chirac und vor allem als Sanierer. Vor seiner Berufung hatte er den fast bankrotten Konzern Rhone-Poulenc mit Hoechst zu Aventis zusammengeführt. Dass ein Manager von einem Arzneimittelkonzern eine Radikalkur bei Vivendi Universal einleiten sollte, durfte als Zeichen gelten. Mit dem harten und notwendigen Sanierungskurs erfüllte Fourtou die in ihn gesetzten Erwartungen.

Im Mai 2005 zog sich Fourtou, ein Liebhaber von Bordeaux-Weinen, in den Aufsichtsrat zurück. Neuer Vorstandschef wurde die langjährige Nummer zwei im Konzern, Jean-Bernard Lévy. Der 50-Jährige diente zunächst in der öffentlichen Verwaltung unter anderem als Berater des Industrieministers Gérard Longuet. In dieser Position kam er bereits mit der damaligen Compagnie Générale des Eaux in Kontakt, als er dem Versorger eine private Telefonlizenz gewährte und damit den Grundstein für den heute erfolgreichsten Konzernteil legte. Lévy, ein Vater von vier Kindern, gilt als höflich und diskret, aber auch etwas farblos, auch hier zeigt sich ein deutlicher Unterschied zur Ära Messier. Das enge Verhältnis zu Fourtou – beide arbeiten seit Jahren eng zusammen, unter anderem bei der NBC Universal Fusion – half ihm, sich gegen starke interne Kandidaten wie den Canal Plus-Chef Bertrand Meheut durchzusetzen.

Geschäftsfelder

einklappen

Musik und Tonträger:
Die Universal Music Group (UMG) ist die weltgrößte Musikfirma mit einem Marktanteil von über 25%. Auch 2009 ging der Umsatz der Vivendi-Musiksparte zurück (von 4,65 Mrd. Euro 2008 um rund 6% auf 4,36 Mrd. Euro), wenig überraschend bei den anhaltend schlechten Bedingungen auf dem Musikmarkt. Erfolgreich liefen 2009 und besondere Nennung in den Konzernmeldungen fanden: Lady Gaga, Justin Bieber sowie in Deutschland Ich + Ich und Rammstein.
Mit dem Kauf von BMG Music Publishing (Bertelsmann-Musikverlagssparte) für 1,63 Mrd. Euro hatte Vivendi Anfang September 2006 einen Paukenschlag gelandet, mit der Übernahme des BMG-Katalogs von etwa 1 Mio. Songtiteln stieg UMG auch zum weltgrößten Musikverlag auf (Künstler: Justin Timberlake, Coldplay, Christina Aguilera, Puccini, Ravel). Weiterhin wurde Mitte Juni 2007 bekannt, dass Vivendi das unabhängige Plattenlabel Sanctuary Records für rund 66 Millionen Euro kauft. Neuzugänge im Vivendi-Portfolio waren somit u.a.: David Bowie, Elton John, Morrissey, Bob Marley, Deep Purple, die Scorpions, Joe Cocker und die Sex Pistols.
Natürlich ist UMG auch auf dem Feld digitaler Vertriebswege (online und mobil, Musik und Video) aktiv. Hier besonders erwähnenswert ist der Launch der Musikvideo- und Entertainment-Website Vevo im Dezember 2009. Vevo wird betrieben von den Musik-Majors UMG, Sony Music Entertainment und EMI, steht allerdings außerhalb der USA und Kanada noch nicht zur Verfügung.

Fernsehen:
Im Zentrum der TV-Sparte steht der Bezahlsender Canal+. Gegründet 1984 auf Initiative von Mitterand, wurde Canal+ eine von sechs verfügbaren terrestrischen Frequenzen zugesprochen. Die Canal Plus-Gruppe hatte Ende 2009 insgesamt 10,8 Mio. Abonnenten und betreibt Filialen u.a. in Polen (Cyfra+), Afrika und Vietnam (Canal Overseas), dazu das Programmbouquet Canalsat (vormals CanalSatellite).
Die Canal Plus-Gruppe fusionierte im Februar 2006 mit dem Konkurrenten TPS. Damit endete die ruinöse Konkurrenz zwischen den beiden Satellitenanbietern TPS und CanalSatellite. Der Erfolg des digitalen terrestrischen Fernsehens und der immer populärer werdenden ADSL-TV-Angebote dürften die Einigung beflügelt haben. Mit Neuf Cegetel ist Vivendi indirekt an einem dieser digitalen TV-Anbieter beteiligt. Mit vereinten Kräften wollte man der neuen Konkurrenz entgegentreten. Vivendi hielt zunächst 65 Prozent an dem neu formierten Canal+ France, die früheren TPS-Eigner waren mit 9,9 Prozent (TF1) und 5,1 Prozent (M6) dabei.
Ende November 2009 wurde bekannt, dass Vivendi für 744 Mio. Euro den TF1-Anteil übernimmt; am 6.2.2010 kam der 5,1-prozentige Anteil der RTL-Tochter M6 dazu (Kaufpreis: 384,2 Mio. Euro). Vivendi hält nunmehr 80% an Canal+ France. Und auch die restlichen 20%, die der Verlagsriese Lagardère seit März 2006 hält, stehen zum Verkauf. Vivendi, eigentlich der logische Käufer und durchaus interessiert, konnte sich bislang allerdings nicht mit Lagardère über einen Preis einigen.
Schließlich ist die 100-prozentige Tochter StudioCanal ein führender europäischer Akteur in den Bereichen Filmproduktion und -vertrieb mit einer film library von über 5.000 Titeln.

Mobilfunk und Festnetztelefonie:
Die Cash-Cow des Unternehmens bleibt die Mobilfunk-Tochter SFR (Vivendi hält 56% der Anteile. Die übrigen Anteile liegen bei der britischen Vodafone Group), dem zweitgrößten Telekom-Anbieter in Frankreich, der auch 2009 knapp die Hälfte des operativen Gewinns erwirtschaftete. Auch das marokkanische Telefongeschäft wirft gute Ergebnisse ab. Maroc Telecom (53%) erzielte wie im Vorjahr einen operativen Gewinn von 1.224 Millionen Euro, vor allem mit seinen mittlerweile über 15 Millionen Mobilfunk-Kunden. Dazu hält Maroc Telecom jeweils 51% der Anteile an den zuvor staatlichen Telefongesellschaften in Mauritanien, Burkina Faso, Gabun und Mali. Mitte November 2009 übernimmt Vivendi auch die Mehrheit am brasilianischen Telecom-Konzern GVT für 1,6 Mrd. Euro. Ein „Zukauf in Emerging Markets, um zukünftiges Wachstum zu generieren“, so CEO Lévy.
Die Messier-Ära wird den Konzern wohl noch länger beschäftigen. Seit mehreren Jahren, vor zahlreichen europäischen und US-Gerichten und in mittlerweile rund 50 Verfahren streitet sich Vivendi mit der deutschen Telekom um die Vorherrschaft beim polnischen Mobilfunk-Marktführer PTC. Vivendi hatte in den 1990er Jahren 51 Prozent der Anteile an PTC vom früheren Eigentümer Elektrim übernommen und nach eigenen Angaben rund zwei Milliarden Euro investiert. Die Miteigentümerin Deutsche Telekom bestritt aber bisher erfolgreich die Transaktion, denn Elektrim habe die Anteile nicht veräußern dürfen.
Die letzten Volten der Sache: Das Bezirksgericht in Seattle im US-Staat Washington lehnte Anfang Juni 2008 eine weitere Vivendi-Klage gegen die Telekom ab und wirft den Franzosen zudem vor, weltweit Gerichte anzurufen, „um eine dem Unternehmen genehme Entscheidung zu erreichen.“ Ende Februar 2009 wiederum erhält Vivendi laut Urteil des internationalen Schiedsgerichtshofs in London 1,9 Mrd. Euro Schadensersatz zugesprochen – für vorsätzliche Verstöße Elektrims gegen ein gemeinsames investment agreement vom September 2001. Ende September 2009 dann spricht das Warschauer Berufungsgericht der Telekom Eigentumsrechte an dem strittigen PTC-Anteil ab; die Telekom kündigt an, in die nächste Instanz gehen zu wollen. Punktsieg für Vivendi, Fortsetzung folgt.

Games:
Am 4.7.2008 fusionierte die bis dahin kleinste Konzerneinheit Vivendi Games mit dem US-Spielesoftware-Entwickler Activision. Unter dem Namen Activision Blizzard (Vivendi-Anteil: 57%) entstand so einer der weltgrößten und profitabelsten Hersteller von online- und konsolenbasierter Unterhaltungssoftware mit einem Umsatz 2009 von rund drei Milliarden Euro. Gelistet an der Nasdaq und mit Sitz in Santa Monica, Kalifornien, stellt Activision Games-Erfolge her wie „World of Warcraft“, „Guitar Hero“ und „Call of Duty“.

Engagement in Deutschland

einklappen

Lange war Vivendi vergleichsweise schwach im deutschen Markt präsent. Der Anteil am Musiksender Viva (Mitte 2004 an Viacom) und die Babelsberger Filmstudios wurden verkauft. Letztere für den symbolischen Preis von 1 Euro (und der Übernahme von 18 Mio. Euro Verbindlichkeiten) an das Investorengespann Carl Woebcken und Christoph Fisser. Heute steuert das Unternehmen über Universal Music Deutschland in Berlin die Produktion und Vermarktung von Repertoire-Firmen wie Polydor, Island, A&M, Def Jam und Geffen.

Im Januar 2008 aber weitet Vivendi das Engagement in Deutschland wieder aus. Es wird bekannt, dass Vivendis 100-prozentige Filmtochter StudioCanal die deutsche Filmfirma Kinowelt (Leipzig) für geschätzte 70 Mio. Euro übernimmt. StudioCanal wird so einer der führenden unabhängigen Player in der europäischen Produktionslandschaft. Mittels Kinowelt verspricht man sich einen „direkten Zugang zum deutschen Markt“, v.a. zur Vermarktung des StudioCanal-Katalogs von rund 5.000 Titeln. Dabei sind Vivendi und Kinowelt alte Bekannte: Zuvor hatten die Deutschen Canal Plus-Produktionen vertrieben und ausgewertet. Kinowelts Rechtekatalog, einer der größten Deutschlands, umfasst ca. 7.000 Filme, darunter Klassiker von Regisseuren wie Werner Herzog, Volker Schlöndorff oder Rainer Werner Fassbinder. 2006 realisierte Kinowelt Erlöse von rd. 106 Mio. Euro, der Gewinn lag bei knapp 10 Mio. Euro. "StudioCanal passt am besten zu uns, obwohl wir drei weitere Angebote hatten", so Kinoweltgründer Michael Kölmel, der mit seinem Bruder Rainer das Unternehmen weiter führen wird. Die Kölmel-Brüder behalten den Verlag Zweitausendeins, die Filmproduktion und die Mehrheitsbeteiligung am börsennotierten Filmrechtehandel Intertainment.

Aktuelle Entwicklungen

einklappen

J6M ist immer noch da, irgendwie. So ganz ist es nicht vorbei: Zunächst stand Vivendi wegen „Bilanzbeschönigungen im Jahr 2000 bis 2002“ in New York vor Gericht und wurde am 29.1.2010 vom Disctrict Court für schuldig befunden. Jetzt drohen Strafzahlungen: der Anwalt der Klägerseite erwartet Entschädigungen in Höhe von vier Milliarden Dollar. Messier und der damalige Finanzvorstand Guillaume Hannezo wurden überraschenderweise freigesprochen. Vivendi legt Berufung ein.

Am 2. Juni 2010 dann war Prozessauftakt in Paris, auch hier steht Messier acht Jahre nach seinem Rauswurf bei Vivendi Universal vor Gericht, zusammen mit sechs weiteren ehemaligen Vivendi-Verantwortlichen: wegen Falschinformation der Finanzmärkte, Kursmanipulation und Untreue. Messier bestreitet die Vorwürfe, bekannte sich aber reumütig bei seinem ersten Auftritt vor dem Richter zu „Exzessen bei der Kommunikation“. Im Höchstfall drohen Messier fünf Jahre Haft und 375.000 Euro Buße. Ein Urteil wird noch vor Jahresende 2010 erwartet.
Abgesehen von gerichtlichen Scherereien laufen die Geschäfte sehr gut. Dow Jones meldet Anfang März 2010: „Vivendi rechnet 2010 mit Ergebniswachstum“. Das Unternehmen sei „solide in das Jahr über alle Märkte hinweg gestartet“. CEO Jean-Bernard Lévy erinnert in diesem Zusammenhang an die zwei „wichtigen strategischen Entscheidungen“, die man 2009 getroffen habe: der Verkauf des Anteils an NBC Universal und der Einstieg bei GVT. Und grundsätzlich sei wieder darauf verwiesen, dass das Geschäftsmodell der Telekom-, TV-, Musik- und Games-Sparten vor allem auf Abo-Einnahmen beruht und so von wirtschaftlichen Abschwüngen weniger stark betroffen ist. 2008 stammten laut Handelsblatt 70% der Umsätze von den mehr als 64 Mio. Abonnenten der verschiedenen Dienste; der Umsatzanteil von Werbung habe nur 0,5% betragen.

Die derzeit verfügbaren Resultate beziehen sich auf die Vivendi-Pressemeldung vom 11.5.2010 über das erste Quartal 2010: Hier wurden, verglichen mit dem ersten Quartal 2009, ein Umsatzanstieg von 6% auf 6,93 Mrd. Euro gemeldet sowie eine Erhöhung des Nettogewinns um 13,4% auf 736 Mio. Euro. Wieder gab es einen erheblichen Umsatzsprung bei Activision Blizzard (+29,3%), wieder ging es in den Bereichen Telekom und TV leicht bergauf (Umsatzsteigerungen: SFR +1,9%, Maroc Telecom +3,1%, Canal Plus +2,3%). Nur mit Musik wurde weniger verdient: Die UMG-Umsätze fielen um 13,4%, der EBITA (Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) ging um nicht weniger als 38,2% zurück.

 

Links

einklappen

Informationen des Unternehmens:

» Vivendi-Jahresberichte
» Pressemitteilungen

Presseberichterstattung:

- Handelsblatt: Vivendi - Einmal Wahnsinn und zurück (01.03.2010)
- Financial Times Deutschland: Ex-Vivendi-Chef Messier angeklagt (22.10.2009)
- Handelsblatt: Vivendi hält Krise stand (01.09.2009)
- Die Welt: Vivendi/Activision - Mega-Fusion krempelt Videospielbranche um (03.12.2007)

 

News

02.06.10 / Vivendi S.A.

Ehemaliger Vivendi-Chef Messier steht vor Gericht

Heute hat vor dem Pariser Strafgericht der Prozess gegen den ehemaligen Vivendi Universal-Chef Jean-Marie Messier begonnen. Dem 53-jährigen Franzosen (Foto) wird vorgeworfen, zwischen 2000 und 2002 den Aktienkurs des Unternehmens...

» mehr

01.03.10 / Vivendi S.A.

Vivendi steigert Medienumsatz um knapp sechs Prozent

Der französische Medien- und Telekommunikationskonzern Vivendi hat im vergangenen Jahr seinen Umsatz in den Mediensparten um 5,8 Prozent auf 11,954 Milliarden Euro gesteigert. Er profitierte dabei stark von seiner...

» mehr

03.12.09 / Comcast Corp., NBC Universal Inc., Vivendi S.A.

Comcast übernimmt Mehrheit an NBC Universal

Ein neuer Medienriese entsteht: Der US-amerikanische Kabelkonzern Comcast übernimmt 51 Prozent am Fernsehkonzern NBC Universal. 49 Prozent bleiben in der Hand des US-amerikanischen Mischkonzerns General Electric (GE), dem bislang...

» mehr