49. TF1 S.A.
Umsatz 2009: € 2,365 Mrd.
Überblick
Im Zentrum des Medienkonzerns TF1 steht der TV-Sender TF1 – das zuschauerstärkste private Vollprogramm Frankreichs, hervorgegangen aus dem Staatssender RTF. Dazu veranstaltet TF1 heute eine Reihe von Spartenkanälen auf Pay-TV-Plattformen und besitzt den paneuropäischen Sportsender Eurosport.
Basisdaten
Hauptsitz:
1, quai du pont du jour
95656 Boulogne, Cedex/ Frankreich
Telefon: 0033-14141-2732
Telefax: 0033-14141-2910
Internet: www.tf1.fr
Branche: Free-TV, Pay-TV, Satelliten-TV, TV-Produktion, Spartenkanäle und Rechtehandel, Werbe-zeitenvermarktung, Internet-Services, Rechtehandel
Rechtsform: Aktiengesellschaft
Geschäftsjahr: 01.01. - 31.12.
Gründungsjahr: 1947 Gründung der Radio-Télévision Français (RTF), 1974 TF1 als Nachfolger der RTF, 1987 Privatisierung des Unternehmens
2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | |
Umsatz Gesamt | 2.365 | 2.595 | 2.764 | 2.654 | 2.508 | 2.861,7 | 2.768,7 | 2.655,3 |
Gewinn nach Steuern | 114,5 | 163,8 | 227,8 | 452,3 | 234,7 | 210,3 | 191,5 | 155,2 |
Aktienkurs (in €, Jahresende) | 12,88 | 10,44 | 18,30 | 28,11 | 23,44 | 24,01 | 27,68 | 25,46 |
Dividende | 0,43 | 0,47 | 0,85 | 0,85 | 0,65 | 0,65 | 0,65 | 0,65 |
Beschäftigte | 3.638 | 3.768 | 3.768 | 3.536 | 3233 | 3.867 | 3.682 | 3.480 |
Geschäftsführung
Geschäftsführung / Vorstand (Schlüsselpositionen):
- Nonce Paolini, Président Directeur Général du groupe TF1
- Arnaud Bosom, Directeur Général Adjoint Stratégie, Organisation et Maketing Groupe
- Jean-Michel Counillon, Secrétaire Général
- Philippe Denery, Directeur Adjoint Finances
- Jean-François Lancelier, Directeur Général Adjoint de l'Antenne
- Catherine Nayl, Directrice déléguée à l’information du groupe TF1
- Martine Hollinger, Présidente de TF1 Publicité
- Laurent Solly, Directeur Général de TF1 Publicité
- Jean-Pierre Paoli, Directeur délégué aux Affaires Internationales
- Regis Ravanas, Directeur délégué Diversifications
- Laurent Storch, Directeur Général adjoint de l’Antenne en charge des Programmes, et des Acquisitions
- Edouard Boccon-Gibod, Président de TF1 Production
- Michel Brossard, Directeur Général de TF1 Entreprises
- Pierre Brossard, Président Directeur Général de TF1 Vidéo
Besitzverhältnisse: Bouygues S.A. (43,2%)
Geschichte und Profil
TF1 ist nach wie vor die unumstrittene Nummer Eins der französischen TV-Landschaft, der europaweit mit deutlichem Abstand meistgesehene Kanal (Im ersten Quartal 2010 etwa erreichte TF1 einen Marktanteil ab vier Jahren von 25,1%, vor Rai1 (21,9%) und BBC1 (20,7%)). Mit einem Marktanteil von 26,1% (2009) verfügt TF1 nicht nur über die erfolgreichsten Formate – 96 der 100 quotenstärksten Programme Frankreichs liefen 2009 auf TF1 – sondern nimmt auch erheblichen Einfluss auf die öffentliche Diskussion. Die Entstehungsgeschichte des Senders ist eng mit der politisch-administrativen Elite des Landes verbunden. TF1 ging hervor aus dem einstigen Ersten Programm, seit de Gaulle von der Politik angesehen als eine Art verlängerter Arm der Exekutive. Vollständig hat sich die Staatsführung von diesem Anspruch bis heute nicht lösen können.
1974 wurde TF1 als öffentlich-rechtliche Anstalt aus der staatlichen Holding ORTF ausgegliedert. 1987 dann privatisierte die Regierung den Kanal; den Zuschlag erhielt ein Unternehmer, der hervorragende Beziehungen zu den Entscheidungsträgern unterhielt: Baulöwe Francis Bouygues. Sein Baukonzern war seit langem für die öffentliche Hand tätig und stark daran interessiert, seine Aktivitäten zu diversifizieren. Nach einem heftigen, live auf TF1 übertragenen Bietergefecht mit dem Medienkonzern Lagardère erhielt Bouygues schließlich den Zuschlag und stieg mit 25% bei TF1 ein. Befreundete Finanziers hielten weitere 25%; der Rest wurde an die Börse gebracht.
1988 begann der Kanal seine Strategie der vertikalen Integration: Über die Filialen Une Musique, TF1 Video und TF1 Entreprises wurden Audio, Video resp. Programmrechte vermarktet. Mit dem Ausbau der französischen Kabelnetze und vor allem der europäischen Satellitenplattformen boten sich zu Beginn der 1990er Jahre weitere Möglichkeiten; TF1 lancierte zwei neue Themenkanäle: Eurosport (gegründet 1991), das zwei Jahre später mit dem Canal+-Ableger The European Sports Network fusionierte; 1994 folgte der Nachrichtenkanal LCI. Zeitgleich mit der Ausweitung der Aktivitäten konnte Bouygues auch seine Kontrolle über TF1 verstärken: Eine neue Gesetzgebung erlaubte es dem Baukonzern 1994, seine Beteiligung an dem profitablen Sender auf 34%, später 41% aufzustocken.
Die weitere Entwicklung war eine Reaktion auf die Expansion des Pay-TV-Senders Canal+. Als dieser 1996 begann, auf seiner Satellitenplattform CanalSatellite dem gemeinsamen Sender Eurosport Konkurrenz zu machen, beschloss TF1 einen eigenen Vertriebsweg aufzubauen. Zusammen mit dem Free TV-Konkurrenten M6, dem Versorgungskonzern Lyonnaise des Eaux, France Télécom und der öffentlich-rechtlichen France Télévision gründete TF1 das Satellitenbouquet TPS.
Die Bestückung der Plattform mit Themenkanälen bildete den Schwerpunkt der weiteren Diversifikation: 1997 ging der Doku-Kanal Odyssée auf Sendung; 2000 startet das bretonische Regionalprogramm TV Breizh – ein Lieblingsprojekt des bretonischen Senderchefs Patrick Le Lay, der sogar einen Teil der Senderpräsentation vor der Lizensierungsinstanz CSA auf bretonisch vortrug. 2001 konnte TF1 den Zugriff auf TPS weiter erhöhen und übernahm die Anteile von Canal+ an Eurosport, erwarb 50% an Série Club und hob den Premium-Kanal TPS Star (Kino und Sport) aus der Taufe. Mit der Ausbezahlung von France Télécom und France Télévision erhöhte die Gruppe ihren Anteil an TPS auf 50%, Mitte Juli 2002 sogar auf 66%. 2001 übernahm das Unternehmen auch sämtliche Anteile an Eurosport. Weitere Senderstarts als Beispiele für den konsequenten Diversifikationskurs: die Jugendkanäle Eureka, Boomerang und TFou (2003), der erste schwule TV-Sender Frankreichs Pink TV (2004); Ushuaia TV als Kanal der nachhaltigen Entwicklung (März 2005).
Am 31.8.2006 dann der Ausstieg. Das französische Finanzministerium genehmigte den Zusammenschluss von TPS mit der Konkurrenzplattform CanalSat, unter genau 59 Auflagen (Beispiele: einige Kanäle müssen Drittanbietern zur Verfügung gestellt werden; das neuformierte Bouquet Canal+ France darf nur noch in beschränktem Maß Rechte an französischen Filmen besitzen). Anfang Januar 2007 war die Fusion abgeschlossen. De facto bedeutete dies für TF1 das Ende der Ambitionen auf dem Satellitenmarkt, lediglich ein Anteil von 9,9% am fusionierten Unternehmen blieb. Eine nicht unerwartete Entwicklung. TPS war gegenüber Canal+ stets der schwächere Konkurrent, die Koexistenz der beiden Bouquets galt schon lange als nicht rentabel; solche Modelle waren in Spanien, England, Italien und Polen längst gescheitert. Nachtrag: Ende November 2009 dann gibt TF1 auch die verbliebenen 9,9% an Canal+ France für 744 Mio. Euro an Vivendi ab.
Nach wie vor aber ist die Vorherrschaft im französischen Zuschauermarkt ungefährdet; 2009 konnte TF1 einen Marktanteil von 26% erzielen. Damit bleibt der Sender, in seiner populären Ausrichtung mit RTL vergleichbar, das publizistische Flaggschiff im französischen TV. Sein Nachrichtenformat „20 heures“ versammelt jeden Abend 7 Millionen Zuschauer vor dem Fernseher – Europarekord.
Doch waren es 2008 eben noch 10 Millionen, die die Hauptnachrichten schauten, waren es 2008 noch 27,2% und 2006 sogar 30,7%, die TF1 übers Jahr eingeschaltet hatten. Die 2009er Quote von 26% bedeutet für TF1-Verhältnisse insofern nichts anderes als ein Desaster. In erster Linie verursacht durch die Zuwächse beim digitalen terrestrischen Fernsehen TNT, gegen das Le Lay so lange gekämpft hat. Da in Frankreich sieben von zehn Haushalten ihr Programm über die Hausantenne empfangen, könnte eine Vervielfachung der auf diesem Wege empfangbaren Kanäle die dominante Position von TF1 nachhaltig gefährden.
Entscheidende Fortschritte bei der Diversifizierung, wie sie die anderen Mediengruppen in Frankreich unternommen haben, sind ausgeblieben. Zwar hat TF1 Anfang April 2007 eine Minderheitsbeteiligung am Produzenten und Spartenkanalbetreiber Groupe AB übernommen (33,5% für 230 Mio. €). Der Konzern TF1 aber besteht nach wie vor im Wesentlichen aus dem einen Sender – nach dem Scheitern seines Mobilfunkangebots (während das des Konkurrenten M6 großen Erfolg hat), nach dem Ausstieg aus dem Satellitenmarkt. Und international ist man mit Ausnahme von Eurosport kaum vertreten.
Management
Mitte 2006 gab es auf der Führungsetage des Konzerns viel Bewegung, nach rund zwei Jahrzehnten personeller Kontinuität. Es hieß, die alten Männer an der Spitze von TF1 hätten den Anschluss verpasst an die geänderten Grundlagen des Mediengeschäfts (Internet, digitale Technologie). Martin Bouygues, Chef des gleichnamigen Hauptaktionärs, beschloss daraufhin einen „radikalen Epochenwandel“ (Le Figaro). Nun müsse das „TF1 der kommenden 20 Jahre“ erfunden werden.
Patrick Le Lay (geb. 1942), Président-Directeur général von TF1 seit 1988, zog sich am 22.5.2007 zunächst auf den (quasi ehrenamtlichen) Posten des Verwaltungsratspräsidenten zurück und ist heute Präsident des Investmentfonds Serendipity (mit Bouygues als einem der Hauptanteilseigner). Ein weiteres Opfer der großen Wachablösung: Etienne Mougeotte (Jg. 1940), TF1-Programmchef seit der Privatisierung 1987 und somit Schlüsselfigur der hocherfolgreichen TF1-Programmpolitik. Er trat am 6. August 2007 als Vizepräsident der TF1-Gruppe zurück, ging zum „Figaro Magazine“. Am 20.11.2007 wurde er zum directeur des rédactions der Figaro-Gruppe ernannt.
Seit dem 22.5.2007 gibt es also einen neuen starken Mann bei TF1: directeur général Nonce Paolini (60). Auch er startete als Großer Unbekannter, genau wie der Bauingenieur Patrick Le Lay beim Amtsantritt 1987. Und genau wie Le Lay ist Paolini ein Zögling des Mutterhauses, ein „Bouyguesman“ durch und durch, ein Fremder in der glitzernden Fernsehwelt, ohne enge Kontakte und Netzwerk im Hause TF1, noch ohne politsche Bindung. Noch: wenige Tage vor seiner Inthronisierung wurde gemeldet, dass Laurent Solly (38), ENA-Absolvent (französische Eliteuniversität für höheres Beamtentum), zuvor mitverantwortlich für die Präsidentschaftskampagne von Nicolas Sarkozy und in Fernsehdingen komplett unbedarft, zum Quasi-Stellvertreter Paolinis ernannt wird. Widerstand zwecklos, Mehrheitseigner Martin Bouygues gilt als enger Freund von Präsident Sarkozy (er war sein Trauzeuge bei der Ehe mit Cécilia). Wie schon gesagt: von einer gewissen Kontrolle über das Leitmedium können französische Regierungen nicht lassen (siehe den Eintrag zu France Télévisions).
Das Profil der großen TV-Lenker hat Paolini nicht. Er ist kein Ingenieur und kein ENA-Alumnus (oder Abgänger einer ähnlichen Auslesefakultät), hat dafür einen Literatur- und Politologieabschluss. Man nennt ihn „l’incarnation du mystère“, einen Taktiker und Diplomat, standhaft aber freundlich. „Er ist definitiv kein Chorknabe, er weiß genau was er will“, so ein früherer Mitarbeiter. Was noch bekannt ist: Er ist Korse, aber Republikaner, verheiratet mit der Téléshopping-Moderatorin Catherine Falgayrac und passionierter Jazz-Fan mit einer Sammlung von 10.000 Platten.
Weitere Veränderungen, die es zu verzeichnen gab: Anfang März 2008 kündigte Programmchef Takis Candilis und ging als directeur général délégué der Produktionssparte zu Lagardère. „Es gibt keine Verstimmung zwischen Nonce Paolini und mir, es hat nie eine gegeben“, stellte Candilis unmittelbar nach Bekanntwerden seiner Kündigung klar. Als Grund dafür gab er neue Herausforderungen als Produzent an; die von ihm initiierten, erfolglosen und bald eingestellten Eigenproduktionen (v.a. „L’Hôpital“ nach dem Modell von „Grey’s Anatomy“) hätten nichts damit zu tun. Tatsächlich ist Candilis seinem Rauswurf wohl zuvorgekommen.
Und noch einer ging bzw. musste gehen: Anchorman-Ikone Patrick Poivre d’Arvor (PPDA, 61), seit über 20 Jahren Sprecher der 20 Uhr-Hauptnachrichten und das zweifelsfrei bekannteste Gesicht des Senders bzw. der gesamten französischen TV-Landschaft, fiel Anfang Juni 2008 nach Le Lay, Mougeotte und dem TF1-Chefredakteur Robert Namias dem Großen Personalwechsel zum Opfer. Es ist kein Geheimnis, dass sein beizeiten unehrerbietiger, spöttischer Ton Nicolas Sarkozy mißfiel. Aber natürlich war das Ganze auch ein Facelifting: Radio- und TV-Journalistin Laurence Ferrari, geboren 1966, wurde Ende 2007 in der People-Presse noch als neueste Flamme des frisch geschiedenen Sarkozy gehandelt. Seit Ende August 2008 ersetzt sie PPDA mit einigem Erfolg. Ihr Vater ist übrigens Abgeordneter von Sarkozys Partei UMP, worauf die SZ am 27.8.2008 hinwies.
Geschäftsfelder
Kern des Unternehmens ist nach wie vor der gleichnamige Fernsehsender. „La Une“ sorgt für rund 60% des Konzernumsatzes; die zahlreichen Aktivitäten, die Patrick Le Lay nach und nach aufgebaut hat, sind im wesentlichen Ergänzungen zum Geschäft mit TF1. Mit der Diversifikation soll die Abhängigkeit vom Werbemarkt verringert und die Kontrolle über die Verwertungskette erhöht werden. So ist TF1 Entreprises der Vermarktungsarm für licences, games und die Verlagsfiliale TF1 Publishing. TF1 Publicité vermarktet die TF1-Gruppe- Mit TF1 Films Production ist man als Koproduzent für internationale Kinofilme aktiv, TF1 Production wiederum kümmert sich senderintern um die Programmproduktionen (Fernsehfilme und –serien, Entertainment, Dokumentationen, Sport). TF1 Droits Audiovisuels verwaltet und erweitert den (Filme-)Rechtekatalog. Das 1998 gegründete e-TF1 betreut den Auftritt des Senders im Internet, auf Mobiltelefonen und in allen emerging media.
Neben den weiteren frei empfangbaren Vollprogrammen NT1 (2010 von der Groupe AB zu 100% übernommen) und TMC (80% , Monaco) bietet der Konzern im Pay TV mehrere Themenkanäle an: LCI (Nachrichten), Odyssée (Dokumentationen), TF6 (Fiktion, Kooperation mit M6), Série Club (TV-Serien), Histoire (Geschichte), Ushuaia TV (Ökologie) und TV Breizh (71%, bretonisches Regional-TV).
Eine besondere Stellung nimmt Eurosport ein, das TF1 2001 ganz übernahm. Der Sender hat eine technische Reichweite von 116 Millionen Haushalten in Europa (vor allem in Deutschland, den Niederlanden, Österreich, Irland, Schweiz, Norwegen und Schweden) – was ihn nach eigenen Angaben zur Nummer Eins der europäischen Sender macht. Er wird laut Sender-PR in 20 Sprachen ausgestrahlt und berichtet über 120 Sportarten, überwiegend live. Dieses Angebot wird in Italien seit 2004 durch das frei empfangbare Satellitenprogramm Sport Italia ergänzt.
Von dem 50%igen Anteil an dem weltweit empfangbaren, frankophonen Nachrichtensender France24 (die andere Hälfte hält die öffentlich-rechtliche Sendergruppe France Télévisions) hat sich TF1 mittlerweile getrennt. France 24 geht, wie von Sarkozy gewünscht, zusammen mit den anderen internationalen Sendern TV5 und Radio France International (RFI) auf in der staatlichen Rundfunkgesellschaft AEF (Audiovisuel Extérieur de la France). TF1 erhielt im Gegenzug zwei Millionen Euro.
Engagement in Deutschland
Die Gruppe TF1 ist stark auf den Heimatmarkt Frankreich konzentriert und deshalb kaum in Deutschland aktiv. Das sichtbarste Engagement ist der Themenkanal Eurosport, der per Satellit und Kabel zu empfangen ist; dies verleiht dem Sender eine technische Reichweite von gut 90% der deutschen Haushalte. Darüber hinaus tritt TF1 vor allem als Nachfrager von Rechten in Erscheinung. Mit der insolventen KirchGruppe unterhielt TF1 lange Jahre enge Beziehungen; dem Unternehmen scheint einiges an der Kooperation gelegen zu haben: So bestätigte TF1, im Juli 2002 zwei Mrd. € für die Übernahme der Kirch-Gruppe geboten zu haben. Auch als im Mai 2005 über einen Verkauf von ProSiebenSat.1 spekuliert wurde, tauchte TF1 gerüchteweise als Käufer auf, dementierte dies aber mit Nachdruck.
Aktuelle Entwicklungen
Auch bei TF1 hat man die Folgen der Weltwirtschaftskrise gespürt. Der Nettogewinn des Konzerns hatte sich 2008 um sage und schreibe 28% reduziert, 2009 ging es dann sogar um 30% bergab; Anfang Mai 2009 verkündete der Bouygues-Kanal seine erste Gewinnwarnung: man erwarte einen operativen Verlust zwischen 10 und 15 Mio. € im ersten Trimester. So war es kaum überraschend, dass es auch 2009 mit dem TF1-Titel – zunächst – weiter runter ging. Am 18.2.2009, d.h. einen Tag vor Bekanntgabe der enttäuschenden Zahlen für 2008, betrug der Aktienkurs 7,75 Euro. Im März 2009 dann der Tiefpunkt mit 5,06 Euro. Ein Absturz von über 20 Prozent (man erinnere sich an den Höchststand im Dezember 2006 von 29,25 €).
Derzeit (Mitte 2010) scheint es, als gehe es bergauf. Der Geschäftsbericht für das erste Trimester 2010 weist einen 11-prozentigen Umsatzanstieg aus, der Nettogewinn stieg von sechs auf 33 Mio. € (jeweils verglichen mit dem ersten Trimester 2009). Auch die TF1-Aktie zog merklich an: 14,47 Euro waren es am 27.4.2010. Kein Grund für Euphorie. Das Management formuliert vorsichtig und legt Wert darauf festzuhalten: „Wachsamkeit ist weiterhin angeraten.“ Die Werbekunden bleiben abwartend und halten sich hinsichtlich weiterer Investitionen bedeckt.
Anfang 2008 verfügte Präsident Sarkozy das Ende der TV-Werbung in den öffentlich-rechtlichen Kanälen – in einem ersten Schritt die Werbung nach 20 Uhr ab dem 5.1.2009, dann die komplette Werbefreiheit ab 2011. Nicht selten wurde das auch als Geschenk für seinen Freund Martin Bouygues interpretiert: TF1 müsse die etwa von France 2 vertriebenen Werbekunden nur aufsammeln. Doch weit gefehlt. Einer am 18.2.2009 veröffentlichten Studie zufolge sind die TF1-Werbeeinnahmen in den ersten sechs Wochen nach dem Werbestopp auf den Staatskanälen um 19% gesunken, über das gesamte erste Quartal 09 sollten es dann sogar 27% sein. Das Wirtschaftsmagazin L’Expansion stellte fest: Niemand leidet unter der Werbekrise mehr als TF1, auch aufgrund einer verfehlten Preispolitik. Angesichts von Zuschauerschwund ließen sich die traditionell hohen TF1-Werbetarife nicht mehr rechtfertigen. Zwar ist TF1 noch immer Marktführer, doch der Marktanteil schrumpft: im ersten Trimester 2010 schauten 25,1% der Franzosen TF1. So wenig wie nie zuvor.
Ende Juni 2009 ging PDG Paolini in die Offensive. „Hört auf uns zu brandmarken“ rief er in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin L’Express. Natürlich sei 2009 „une année très difficile“, für alle Medien. Aber TF1 sei nun mal ein im europäischen Rahmen außergewöhnlich gewinnbringendes Sendermodell – publizistisch und ökonomisch, nach wie vor, auch wenn das Goldene Zeitalter der 1990er Jahre (mit einem Marktanteil von 40%) vorbei sei. Insofern sei es gerade wegen der Erfolge nicht verwunderlich, dass TF1 im Mittelpunkt kritischer Berichterstattung stehe. Und wenn es mal nicht so läuft, muss man eben sparen: überteuerte Sportrechte neu verhandeln, „das Sendeschema optimieren“ (Wiederholungen, Einsparungen bei der Produktion).
Die Lage beim Spitzenpersonal bleibt volatil. Wenige Tage vor Paolinis vielbeachtetem Interview war bestätigt worden, dass TF1-Chefredakteur Jean-Claude Dassier (67) das Haus verlässt und Präsident des Erstligavereins Olympique Marseille wird. Dassier war der großen Austrittswelle der TF1-Urgesteine 2007/2008 entgangen und hielt den Zeitpunkt nun offenbar opportun für einen Wechsel. Unklar bleibt, ob das angespannte Klima innerhalb der Redaktion (wegen der Zusammenführung mit dem TF1-eigenen Nachrichtenkanal LCI) der Auslöser war. Paolini verneint das. Wiederum wenige Tage zuvor war gemeldet worden, dass Axel Duroux (46), Frankreich-Präsident der RTL-Gruppe, als Directeur général und somit als Nummer Zwei zu TF1 kommt. Und endlich gab es wieder eine gute Nachricht aus Boulogne: an der Börse wurde die Ernennung des erfahrenen Managers und Medienmachers äußerst positiv aufgenommen; die TF1-Aktie stieg am nächsten Morgen um 7%.
Doch wie gesagt: volatil. In einem zweizeiligen Pressekommuniqué vom 23.10.09 hieß es: „TF1 und Axel Duroux beenden die Zusammenarbeit in gegenseitigem Einverständnis wegen strategischer Differenzen hinsichtlich der Unternehmensführung. Axel Duroux wird TF1 heute verlassen.“ „TF1 verliert den Kopf“, titelt L’Express. Die Differenzen mit Paolini waren zu groß.
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