37. RAI Radiotelevisione Italiana S.p.A.

Umsatz 2008: € 3,210 Mrd.

Überblick

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Die RAI (Radiotelevisione Italiana) ist der einzige öffentliche italienische Radio- und Fernsehanbieter. RAI 1, RAI 2 und RAI 3 sind neben den drei Vollprogrammen der privaten Mediaset-Gruppe Italiens größte frei empfangbare terrestrische Fernsehsender. Zusammen mit den Radioprogrammen bilden sie den Kern des Unternehmens. Das Staatsunternehmen RAI betätigt sich zudem im Satelliten- und Kabelfernsehen sowie als Bezahlfernseh-Anbieter.

Basisdaten

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Hauptsitz:
Viale Giuseppe Mazzini
14 00195 Rom, Italien
Telefon: 0039-06-3878
Internet: www.rai.it

Rechtsform: Aktiengesellschaft in staatlichem Besitz
Geschäftsjahr: 01.01. - 31.12.
Gründungsjahr: 1924 (als URI), 1944 (als RAI)

 

Tab. I: Ökonomische Basisdaten (Beträge in Mio. Euro)

2008

2007

2006

2005

2004

2003

2002

2001

2000

Umsatz

3.210

3.232

3.145

3.091

2.991

2.811

2.790

2.765

2.847

Rundfunkgebühren

1.581

1.482,5

1.473

1.432

1.382

1.350

1.311

Werbeeinnahmen

1.232

1.121,2

1.218

1.095

1.130

1.128

1.270

Nettoergebnis

-7,1

-4,9

-87,4

22,9

113

24,5

-16,8

-22,4

43,1

Mitarbeiter

11.300

11.373

11.328

11.732

11.554

11.464

11.379

11.434

11.589

Geschäftsführung

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Geschäftsführung:

  • Mauro Masi (Generaldirektor)


Präsident des Verwaltungsrates:

  • Paolo Galimberti (Intendant)


Mitglieder des Verwaltungsrats:

  • Giovanna Bianchi Clerici
  • Rodolfo De Laurentiis 
  • Alessio Gorla 
  • Angelo Maria Petroni  
  • Nino Rizzo Nervo 
  • Guglielmo Rositani 
  • Giorgio Van Straten 
  • Antonio Verro


Besitzverhältnisse: Italienisches Wirtschafts- und Finanzministerium (99,56 %), SIAE - Società Italiana Autori ed Editori (0,44 %)

Geschichte und Profil

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Durch königliches Dekret wird dem Staat bereits 1910 das Monopol des Rundfunks in Italien zugebilligt. 1924, die Faschisten sind seit zwei Jahren an der Macht, erhält die URI (“Unione Radiofonica Italiana”) als Vorläufer der RAI das alleinige Recht, Sendungen auszustrahlen. Sie ist zuvor mit privatem Kapital gegründet worden. Das faschistische Regime übt von Anfang an starken Einfluss auf Programm und Nachrichten aus und benennt die URI 1927 in EIAR um. 1935 wird die Kontrolle mit der Unterstellung des Rundfunkprogramms unter die Aufsicht des Ministeriums für Presse und Propaganda perfektioniert. Schon 1933 ist der italienische Staat indirekt Aktionär der EIAR geworden. Nach Kriegsende in Italien erfolgt 1944 die Umbenennung in Radio Audizioni Italia - RAI. Nach dem Wiederaufbau der zerstörten Sendeanlagen verbreitet sich das Radio sehr schnell. 1953 hören die bereits 4,5 Millionen Italiener das Hörfunkprogramm. Die ersten Fernsehexperimente beginnen 1952 mit der Übertragung des Segens Urbi et Orbi von Papst Pius XII. und der Einweihung der Mailänder Messe. Am 3. Januar 1954 wird der offizielle Sendebetrieb aufgenommen. Die Abkürzung RAI steht fortan für Radiotelevisione Italiana.
Der neuen Dauer-Regierungspartei Democrazia Cristana (DC) gelingt es in den folgenden Jahren, den Rundfunk als Sprachrohr der Regierung zu etablieren. Zwar soll eine parlamentarische Kommission die ausgewogene Berichterstattung kontrollieren, jedoch steht als Instanz zwischen dieser „commissione di vigilanza“ und der RAI der Ministerpräsident. Die DC kann ihren Einfluss wahren. 1954 startet die RAI ein regelmäßiges Fernsehprogramm.
Bis zum Ende der Ersten Republik und dem damit einhergehenden Verfall des etablierten Parteiensystems 1992-1994 gibt es trotz Instabilität der Regierungen eine hohe Kontinuität innerhalb der herrschenden politischen Klasse. Die staatlichen Unternehmen sind einem starken Parteienproporz (lottizzazione) unterworfen, was insbesondere für die RAI gilt. Die drei großen Parteien Democrazia Cristiana (Christdemokraten), PSI (Sozialistische Partei) und PCI (Kommunistische Partei) achten auf ihre Berücksichtigung im System. Die Ernennung der Chefredakteure der Nachrichtensendungen wird direkt zwischen den Parteizentralen ausgehandelt. Es entwickelt sich eine Ausrichtung der drei RAI Sender anhand der Linien der drei wichtigsten Parteien – eine italienische Variante von Pluralismus.

Trotz verschiedener Urteile des Verfassungsgerichts ist das blockierte politische System Italiens nicht im Stande, in den 70er und 80er Jahren einen rechtlichen Rahmen für den aufkommenden privaten Rundfunk zu verabschieden. Die Folge ist die Entwicklung privater TV-Networks im praktisch rechtsfreien Raum. Da es keine Gesetze zu Fusionskontrolle und Einschränkung vorherrschender Meinungsmacht gibt, kann sich der Mailänder Bauunternehmer Silvio Berlusconi mit seiner Fininvest-Sendergruppe (heute Teil der Mediaset) als Beinahe-Monopolist im Privatfernsehen etablieren. Aus diesen erwächst der RAI starke Konkurrenz. Mit 15-jähriger Verspätung wird das vom Verfassungsgericht geforderte Mediengesetz schließlich 1990 verabschiedet. Das nach dem damaligen zuständigen Minister benannte „Legge Mammí“ schreibt allerdings lediglich das Duopol RAI/Fininvest fest, statt für Wettbewerb zu sorgen. In den folgenden Jahren betreffen zwei Novellen des Rundfunkgesetzes selbstredend auch die RAI: Mit dem Maccanico-Gesetz, 1997 von der Regierung Prodi verabschiedet, wird die Rundfunkaufsichtsbehörde AGCom geschaffen. Sie überwacht die Einhaltung des öffentlichen Auftrags der RAI. Die Markt- und Meinungsmacht von Fininvest/Mediaset wird indes nicht angetastet. 2004 verabschiedet die Regierung des Medienmoguls Berlusconi, seit 2001 Ministerpräsident, das Gasparri-Gesetz, mit dem die Führungsstruktur der RAI reformiert wurde. An die Spitze des Unternehmens trat ein neunköpfiger Verwaltungsrat. Es dauerte allerdings über ein Jahr, bis seine Mitglieder nach lang anhaltenden politischen Querelen ernannt werden konnten.

Die zweite Amtszeit von Ministerpräsident Berlusconi 2001-2006 bedeutet auch eine neue Qualität der politischen Einflussnahme auf das staatliche Fernsehen. Zudem litt die RAI unter einer schweren Führungskrise. Der ohnehin dürftige Pluralismus wird durch eine politisch motivierte Personalpolitik bei den staatlichen Sendern weiter beschnitten. So werden die Chefredakteure von RAI Uno und RAI Due durch Getreue der Regierungsparteien ersetzt. Lediglich RAI Tre kann sich eine weiter reichende Unabhängigkeit bewahren.  Überall aber werden unliebsame Journalisten geschasst. Den Auftakt für die Maulkorb-Politik liefert Berlusconi, als er im April 2002 öffentlich die Köpfe kritischer Moderatoren fordert. Kurz darauf wird das Format "Sciuscià", eine der wenigen investigativen RAI-Sendungen, ohne Angabe von Gründen abgesetzt. Der unbequeme Moderator Michele Santoro verschwindet ebenso vom Bildschirm wie Enzo Biagi, Italiens Journalismus-Legende und "Stimme der Freiheit" (NZZ). Dutzende namhafter und weniger namhafter RAI-Mitarbeiter werden zum Nichtstun verdammt. Ministerpräsident Berlusconi wird ein Interessenkonflikt vorgeworfen: Er schwäche mit seiner Personalpolitik die RAI zum Vorteil seiner eigenen Sender. 2004 legt RAI-Präsidentin Lucia Annunziata aus Protest gegen politische Einmischung ihr Amt nieder. Die Regelung der Nachfolge gerät zur Farce: Der Chefposten bleibt über ein Jahr lang vakant, bis man sich im Juli 2005 auf Claudio Petruccioli als neuen Präsidenten einigen kann. Ähnlich mühsam gestaltet sich der Führungswechsel bei der RAI nach der Rückkehr Berlusconis 2008 an die Regierungsmacht. Es verstrichen nach dem Auslaufen des Mandats des alten Verwaltungsrats erneut neun Monate, bevor im März 2009 eine neue Senderspitze eingesetzt wurde.

Die Qualität der staatlichen Rundfunkprogramme ist in den vergangenen Jahren weiter abgefallen. Zudem ist die RAI aus der Sicht von Kritikern kaum noch von den Privaten zu unterscheiden. Der hoch profitable Konkurrent Mediaset ringt dem Staatssender zeitweise die Führung bei den Einschaltquoten ab.

Management

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Der Kampf um die Kontrolle der RAI ist in den vergangenen Jahren härter geführt worden denn je, auch wenn die direkte Einflussnahme der Regierungsmehrheit auf den Staatssender lange vor dem Auftritt Berlusconis auf der politischen Bühne gang und gäbe war. Mit der im Frühjahr 2004 verabschiedeten Novelle des Mediengesetzes („Legge Gasparri“) ist unter anderem die Führungsstruktur bei der RAI reformiert worden. An der Sender-Spitze steht nun ein neunköpfiger Verwaltungsrat. Sieben seiner Mitglieder werden von einem parlamentarischen Aufsichtsausschuss ernannt, zwei durch den Aktionär, das Ministerium für Wirtschaft und Finanzen. Dem Führungsgremium steht ein Präsident vor, der mit dem Generalintendanten deutscher Sender vergleichbar ist. Der Kandidat für den Posten wird von der Opposition vorgeschlagen. Erst neun Monate nach dem Auslaufen des Mandats des alten Rats gelang es Ende März, eine neue RAI-Führung zu bestellen. Regierung und Opposition einigten sich schließlich auf einen Außenseiter in dem Rennen und nominierten Paolo Garimberti, ehemaliger stellvertretener Chefredakteur der römischen Tageszeitung "La Repubblica", als Präsidenten.  Formal gewählt wird dieser dann von den parlamentarischen Aufsehern. Die Zusammensetzung des Rats spiegelt die politischen Kräfteverhältnisse in der Abgeordnetenkammer wider. Fünf der neun Mitglieder wurden vom rechten Regierungslager bestimmt, zwei weitere entsendet der Finanzminister als Fast-Allein-Aktionär. Daneben schlägt der Finanzminister auch den Generaldirektor vor. Im Frühjahr 2009 erhielt Mauro Masi den einflussreichen Posten. Masi war zuvor Generalsekretär von Ministerpräsident Berlusconi. Sowohl die Verwaltungsratsmitglieder als auch der Generaldirektor werden für drei Jahre ernannt und können wiedergewählt werden.

Die RAI finanziert sich knapp zur Hälfte aus Rundfunkgebühren, 39,6 % werden durch Werbung erwirtschaftet. Hinzu kommen Erträge aus Lizenzen, etc (2005: 8,6%). Die jährliche Rundfunkgebühr wurde 2009 auf 107,5 € angehoben. Ein finanzielles Problem ist für das Staatsunternehmen, dass rund 27 % der Haushalte die Gebühr nicht entrichten. Das Parlament setzt jährlich eine Obergrenze für die Werbeeinnahmen fest. Da sich die RAI maßgeblich über Rundfunkgebühren finanziert, soll der Wettbewerb zwischen öffentlichem und privatem Fernsehen um die Werberessourcen beschränkt werden. Rund 35 % der italienischen TV-Werbeausgaben entfallen auf die RAI-Senderfamilie (2004: 1,2 Mrd. €).

Geschäftsfelder

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Fernsehen
Um die zentrale Sendergruppe des Free-TV mit RAI Uno, RAI Due und RAI Tre herum baut der Sender umfangreiche Programmangebote auf: Rai Educational, GR Parlamento, Rai News 24, Rai Sport, Rai Internazionale, RAI Med, RAI Doc und Junior sind digital oder via Satellit emfangbar. Das Pay-TV-Angebot umfasst Raisat Cinema, Raisat Extra, Raisat Premium, Raisat Smash, Raisat Gambero Rosso.

Das freiempfangbare Fernsehen in Italien kämpft mit einem Rückgang der Zuschauerzahlen. 2006 verlor RAI 1,12% seiner Zuschauer im Vergleich zum Vorjahr, der private Konkurrent Mediaset  0,6%. Das Jahr 2007 könnte, was die absolute Zuschauerzahl betrifft, zum schwarzen Jahr für die RAI werden. Dies könnte, mutmaßt die Zeitung „la Repubblica“, nicht nur an der Klimaerwärmung liegen, sondern auch am Programm, das zum Gähnen sei. Die Samstagabendshow „Vietato Funari“ im ersten Programm erreicht zwar noch regelmäßig über zehn Prozent Marktanteil, das Publikumsinteresse, insbesondere unter Jugendlichen, sinkt jedoch rapide.   

In der ersten Jahreshälfte 2007 hat die angekündigte Übernahme der Produktionsfirma Endemol durch den wichtigsten Wettbewerber der RAI, die Mediaset-Gruppe, eine Debatte ausgelöst. Es wird befürchtet, dass eine „schleichende Privatisierung“ der RAI erfolgt, sollte sie weiterhin Inhalte von Endemol einkaufen.
Der Italienische Zweig der Produktionsfirma, Endemol Italia, produziert derzeit die Sendungen „Che Tempo che fa“ für Rai Tre und „Affari Tuoi“ für RAI Uno. „Affari Tuoi“ („Deine Angelegenheiten“) ist eine Game Show auf dem wichtigen Programmplatz Samstagabends um 20:30 Uhr, die sehr erfolgreich läuft. 2006 lieferte Endemol Italia über 1600 Programmstunden für die Sender von RAI und Mediaset sowie für das Programm La7.

Im September 2007 gab die RAI Investitionen in die technische Infrastruktur bekannt, um ihr IP-TV-Angebot (Internetfernsehen) ausbauen zu können. Das Internetportal der RAI wird monatlich 76 Millionen Mal angeklickt und wächst rapide.

Hörfunk: Zusätzlich den landesweit empfangbaren Vollprogrammen Radio Uno, Radio Due und Radio Tre wurden in den letzten die Spartenprogramme  Isoradio, GR Parlamento und Giornale Radio gestartet.

Online
Die RAI richtet ihre Aktivitäten zunehmend auf das Internet aus. Die aktuelle Ausgabe der Hauptnachrichtensendung Telegiornale kann online abgerufen werden. Außerdem bietet die RAI neben einem umfangreichen Service- und Informationsteil rund um das Programm verschiedene Onlinedienste an: Die Internetplattform RAI Community mit Foren und Spielen, das Onlinearchiv RAIteche sowie ein Bürgerportal RAIutile für T-Learning und T-Government. Zudem bestehen auf der Internetseite rai.it Links zu Parlament, Ministerien, Verbraucherverbänden, Regierungskampagnen, etc. Weitere Dienste: Italica (mehrsprachige Onlineplattform von RAI Internazionale), RAI Click und RAI Net (Internet-Services), RAI per la culura (Online-Kulturmediathek).

Sonstiges
Die RAI betreibt die Vermarktung ihrer Werbezeit über die Tochter SIPRA S.p.A. Für Sponsoring, Rechtehandel und Vertrieb sind je nach Produktion RAI Cinema, RAI New Media und RAI Trade S.p.A. verantwortlich. Der Vertrieb von Produktionen in Nordamerika nimmt eine Sonderstellung ein und wird von RAI Corporation durchgeführt. Außerdem bestehen folgende Unternehmensteile: Televideo (Teletext), RAI Way (Übertragungstechnik), Rai Eri (Buchverlag), Made in RAI (Merchandise) sowie das RAI-Sinfonieorchester.

Aktuelle Entwicklungen

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Nach neun Monaten des politischen Schacherns um die Ernennung der Senderspitze konnte die neuen RAI-Verwaltungsräte unter Paolo Garimberti im April auf ihrer ersten Sitzung passable Bilanzergebnisse verabschieden, die ihnen von den Vorgängern hinterlassen worden waren. Die Verluste des römischen Staatsfernsehens fielen 2008 mit 7 Millionen Euro weit niedriger aus als erwartet. Dabei waren im abgelaufenen Jahr Sonderbelastungen durch die Fußball-EM und die Olympischen Spiele in Höhe von 180 Millionen Euro angefallen. Zu spüren bekam auch die RAI den starken Einbruch der Werbeeinnahmen im letzten Quartal infolge der Weltfinanzkrise. Sie gingen 2008 um knapp 50 Millionen Euro gegenüber dem Vorjahr (- 4 %) zurück. Die Anhöhung der Rundfunkgebühren brachte dagegen 31 Millionen Euro Mehreinnahmen in die klammen Senderkassen. Durch Sparmaßnahmen bei externen Kosten und beim Personal habe man den krisenbedingten Umsatzrückgang ausgleichen können, hieß es bei der RAI. Der abgelöste Generaldirektor Claudio Cappon hat für 2009 eine Kostenreduzierung um 170 Millionen Euro vorgesehen, auch um der aktuellen Werbekrise zu begegnen. "Die RAI lässt sich lenken. Sie ist kein unregierbarer Karren", bilanzierte Cappon zum Abschied. 

Die langen Monate des Gerangels um die Führungsposten, in denen die Sendergruppe wie gelähmt wirkte, verschärften jedoch die Identitätskrise des Medienkonzerns. Die RAI, die ohnehin schwerfällig und personell aufgebläht ist, agierte wenig zielsicher. Dabei steht das Staatsfernsehen in Italien angesichts des nahenden Wechsels vom analogen zum Digitalfernsehen und angesichts des Erstarkens der Konkurrenz durch den Bezahlsender Sky Italia vor großen Herausforderungen. Finanziell verschlechterte sich die Lage der RAI 2009 drastisch. Im Senderhauptquartier am Viale Mazzini in Rom ist von einem Jahresverlust von bis zu 70 Mio. Euro die Rede. Für 2010 stellt man sich gar auf eine Verdoppelung der roten Zahlen ein. Der Werbeerlöse fielen 2009 um 20% - doppelt so stark wie beim Erzrivalen Mediaset von Premier Berlusconi. Dabei schlug die RAI den privaten Konkurrenten immer häufiger in der Publikumsgunst und baute ihre Einschaltquoten aus.

Die neue RAI-Führung erbte vor zwei Jahren festgelegte Leitlinien zur Senderstrategie. Sie sollen nach den Worten von Ex-Generaldirektor Cappon eine Antwort "auf den technologischen Wandel, auf das veränderte Publikumsverhalten und auf die neue Branchenstruktur in Italien sein". Die Neuausrichtung ist von der Überzeugung geleitet, dass sich die italienische TV-Landschaft in Richtung eines Multiplattform- und Multikanalsystems weiterentwickelt. So steht die komplette Umstellung des frei empfangbaren Fernsehens von analoger auf digitale Übertragungstechnik bis zum Jahr 2012 bevor. Die RAI will das terrestrische Digitalfernsehen durch kostenlose Satellitenangeboten ergänzen.

Mit Paolo Garimberti, dem vormaligen stellvertretenden Chefredakteur der linksliberalen römischen Tageszeitung "La Repubblica", wurde im März überraschend ein Outsider auf den Präsidentensessel der RAI gehievt. Garimberti war ein Jahr lang auch Chefredakteur der RAI-Nachrichtensendung Tg2. Der 66-Jährige lässt sich politisch nicht leicht einordnen. Er gilt als unabhängiger Journalist. Garimberti kündigte an, den Schwerpunkt auf Informations- und Sportsendungen legen zu wollen. Er bekundete auch, noch nie eine Reality-Show gesehen zu haben. Im Vorfeld seiner Nominierung waren die beiden Zeitungs-Chefredakteure Ferruccio De Bortoli ("Il Sole 24 Ore") und Paolo Mieli ("Corriere della Sera") abgesprungen. Sie fürchteten offenbar, aufgrund des starken Drucks der Parteien und des Verwaltungsrats mit seiner klaren Mehrheit von Berlusconi-Gefolgsleuten geringen Gestaltungsspielraum bei der RAI zu haben. Garimberti wurde mit dem Generaldirektor Mauro Masi ein Mann direkt aus Berlusconis Ministerpräsidentenamt zur Seite gestellt. "In Italien wird ein neuer Papst viel, viel schneller gewählt als ein neuer RAI-Präsident", mokierte sich das Nachrichtenmagazin "L´Espresso".

Von der viel beklagten Verflachung und Vulgarisierung des Programmsangebots gibt es weiterhin Ausnahmen. So gelang es Fabio Fazio im März mit einer Sonderausgabe seiner Talkshow "Che tempo che fa", deren Protagonist der junge Schriftsteller und "Ghomorra"-Autor Roberto Saviano mit seinen unerschrockenen, genauen Mafia-Recherchen war, in der Spitze 5,7 Millionen Zuschauer (27 % Quote) zu gewinnen. "Die Leute wollen mehr Wirklichkeit, als allgemein geglaubt wird", kommentierte Saviano den Publikumserfolg der Sendung. Highlights sind in den drei Vollprogrammen der RAI jedoch die Ausnahme. 

Wie sehr das Staatsfernsehen in den Niederungen der Politik verstrickt ist, zeigte die Enthüllung von Absprachen über die Auswahl und Einordnung von Nachrichten zwischen Programmverantwortlichen der RAI und des privaten Konkurrenten Mediaset, der im Besitz von Regierungschef Silvio Berlusconi ist. Aus Abhörprotokollen der Staatsanwaltschaft Neapel ging hervor,  dass die Chefredakteure der Hauptnachrichtensendungen TG1 (RAI) und TG5 (Mediaset) vor der Berichterstattung über die Regionalwahlen im April 2005 vereinbarten, „als Team zu spielen“. Um die Niederlagen von Berlusconis Partei Forza Italia damals in nahezu allen Regionen zu kaschieren, verabredeten die Berlusconi-Vertrauten in den Sendern, die Wahlergebnisse nicht mit den Resultaten der vorangegangenen Wahlen zu vergleichen und sie „abzumildern“. Ein Gericht in Rom stellte im April 2009 ein Korruptionsverfahren gegen den Ex-Chef der Produktionsabteilung RAI Fiction Agostino Saccà und Ministerpräsident Berlusconi ein. Ausgelöst hatten das Verfahren mehrere Mitschnitte abgehörter Telefonate, in denen Berlusconi Rollen für junge Darstellerinnen in Fernsehfilmen der RAI erbat. Im Tausch sagte Berlusconi dem staatlichen TV-Manager Saccà Unterstützung für seine privaten Geschäfte zu. Der Richter stufte die abgehörten Telefonate als "irrelevant" ein.  

Auf vereinzelte Kritik in RAI-Programmen an seiner Regierung reagiert Berlusconi inzwischen empfindlicher denn je. Zu einem Eklat kam es bereits nach einer Ausgabe der von Michele Santoro moderierten Informationssendung "Annozero" über das Erdbeben in der Abruzzenhauptstadt L´Aquila. Dort war kritisch über das Anrollen der Hilfseinsätze berichtet worden. Der Protest der Opposition richtete sich dagegen nach der Verstrickung des italienischen Regierungschefs in Sex- und Lügen-Affären insbesondere gegen die Berichterstattung des Flaggschiffsenders RAI1, dessen Nachrichtensendung TG1 seit dem Frühjahr von Berlusconi-Anhänger Augusto Minzolini geführt wird. Das TG1 fällt seither durch Informationsunterdrückung, Tatsachenverdrehungen und die strikte Zensur kritischer Stimmen auf. Im September setzte schließlich die Belagerung von RAI 3 ein, dem Indianer-Reservat des italienischen Fernsehens, das der Einflussnahme Berlusconis noch entzogen ist. Es wurde offen an einer Ablösung der Senderspitze gearbeitet, um auch den kleinsten RAI-Sender noch auf Regierungslinie zu bringen.