11. Lagardère Media

Umsatz 2007: € 8,582 Mrd.

Überblick

einklappen

Die Lagardère-Gruppe ist ein milliardenschwerer Mischkonzern. Einerseits ist er in den Medienbereichen Presse, Verlage, Pressevertrieb sowie Fernsehen, Radio und Multimedia aktiv. Dazu hält Lagardère einen Anteil von noch 7,5 Prozent (seit dem 24.3.2009) am europäischen Rüstungs-, Luft- und Raumfahrtkonzern EADS (dieser Bereich wird im Folgenden nicht einbezogen). Lagardère ist in mehr als 40 Ländern vertreten und hat knapp 30.000 Mitarbeiter in 235 Tochterfirmen.

Basisdaten

einklappen

Hauptsitz: 4, rue de Presbourg 75016 Paris, Frankreich
Telefon: 0033-1-40 69 16 00
Telefax: 0033-1-40 69 21 31
Internet: www.lagardere.com

Öffentlichkeitsarbeit: Thierry Funck-Brentano
Telefon: 0033-1-40 69 16 34
E-Mail: tfb(at)lagardere.fr

Branche: Buchverlage, Zeitungen, Magazine, Pressevertrieb, Radio, Spartensender, Satelliten-TV, TV-Produktion, Multimedia, Luft- und Raumfahrt, Rüstung (Lagardère SCA)
Rechtsform: Kommanditgesellschaft auf Aktien
Geschäftsjahr: 01.01. - 30.12.
Gründungsjahr: 1826 (Hachette), 1992 (Lagardère Groupe)

 

Tab. I: Ökonomische Basisdaten

2009

2008

2007

2006

2005

2004

Umsatz Gesamt

7.892

8.214*

8.582*

13.999

13.013

13.389

Umsatz Medien

7.892

8.214

8.582

8.092

7.901

8.594

Gewinn Medien

164

627

564

296

431

390

Aktienkurs (in €, Jahresende)

28,41

29,00

51,29

61,00

65,00

53,10

Dividende (pro Aktie in €)

1,30

1,30

1,30

1,20

1,10

1,00

Beschäftigte (Medien)

29.519

29.889

32.810

31.528

30.863

30.786

* seit dem 1.1.2007 werden Umsatz/Gewinn aus dem EADS-Anteil nicht mehr mit den Lagardère-Zahlen proportional konsolidiert. Der Konzernumsatz entspricht nunmehr dem Umsatz aus dem Mediengeschäft.

 

Tab. II: Medien-Umsatz nach Geschäftsfeldern (in Mio. €)

2009

2008

2007

2006

2005

2004

2003

Lagardère Publishing (Verlage)

2.273

2.159

2.130

1.975

1.644

1.431

959

Lagardère Active (Presse, Radio, TV)

1.725

2.111

2.291

Zuvor: Presse

1.848

1.863

2.120

2.072

Zuvor: Radio, TV

590

621

677

580

Lagadère Service (Pressevertrieb)

3.387

3.500

3.721

3.679

3.773

4.366

4.333

Lagardère Sports

507

444

440

Gesamt

7.892

8.214

8.582

8.092

7.901

8.594

7.944

Geschäftsführung

einklappen

Geschäftsführung / Vorstand:

  • Arnaud Lagardère, Associé-Commandité, Gérant de Lagardère SCA
  • Philippe Camus, Co-Gérant de Lagardère SCA
  • Pierre Leroy, Co-Gérant de Lagardère SCA
  • Dominique D'Hinnin, Co-Gérant de Lagardère SCA
  • Thierry Funck-Brentano, Co-Gérant de Lagardère SCA
  • Jean-Paul Gut, Directeur des Affaires Internationales de Lagardère SCA
  • Ramzi Khiroun, Porte-parole de Lagardère SCA, Directeur des Relations Extérieures
  • Arnaud Nourry, Président-Directeur Général de Hachette Livre
  • Didier Quillot, Président du Directoire, Lagardère Active
  • Jean-Louis Nachury, Président-Directeur Général, Lagardère Services
  • Olivier Guiguet, Président du Directoire, Lagardère Sports
  • Virginie Banet, Directeur des Relations Investisseurs de Lagardère SCA


Besitzverhältnisse (Stand: 31.12.2009): Lagardère Capital & Management (9,62 %); französische Investoren (20 %); ausländische Investoren (58,51 %); Beschäftigte (1,38 %); Public (7,28 %), Autocontrôle & Autodétention (3,22 %)

Geschichte und Profil

einklappen

Louis Hachette (1800-1864) kaufte 1826 die Pariser Librairie Brédif als Basis für das Kerngeschäft des heutigen Medienmultis: Bücher, Presse und Printvertrieb. Nach wenigen Jahrzehnten war Hachette europäischer Marktführer und verlegte Schulbücher, Enzyklopädien, Reiseführer und Publikumszeitschriften. 1945 erschien erstmals das bis heute bekannteste Blatt des Hauses, die Frauenzeitschrift Elle. In Zusammenarbeit mit Henri Filipacchi entstand 1953 Le Livre de Poche, Frankreichs bestverkaufte Taschenbuch-Reihe; zudem kontrollierte Hachette seit den 50er Jahren die Verlagshäuser Grasset, Fayard und Stock. 1986 übernahm Hachette den quotenstarken Radiosender Europe 1.

Jean-Luc Lagardère (1928-2003) wechselte 1963 von Dassault Aviation als Generaldirektor zum Rüstungskonzern Matra (Mécanique Aviation Traction) und wurde dort 1977 zum Firmenchef ernannt. 1980 übernahm Matra dann über 40 Prozent des Medienhauses Hachette. Zwei spektakuläre Firmenzusammenschlüsse folgten 1999. Matras Technologie- und Rüstungspol fusionierte mit der staatlichen Aerospatiale und im Oktober verschmolzen Aerospatiale-Matra und Daimler-Chrysler Aerospace (Dasa) zur European Aeronautic Defense and Space Company (EADS).

Lagardère, der Beamtensohn aus der Gascogne, ist heute eine französische Unternehmer-Legende. Erst Diplomingenieur, dann Waffenhändler, Medientycoon, Frankreichs bedeutendster Pferdezüchter und stets auf Du mit all den Pariser Präsidenten und Premiers formte er aus einem mittelständischen Unternehmen ein globales Konglomerat. Und eigentlich blieb ihm nur eines verwehrt: ein eigener terrestrischer Fernsehkanal. Beim Privatisierungsrennen um den französischen Marktführer TF1 unterlag Lagardère, immerhin Chef einer mächtigen Mediengruppe, 1987 dem (qua Profession sehr politiknahen) Bauunternehmer Francis Bouygues. Nach der unbedachten, kopflosen Investition in Berlusconis La Cinq 1990 tat es dann richtig weh: Als ihm der damalige „Figaro“-Herausgeber Robert Hersant den ersehnten Einstieg ins Leitmedium anbot, griff Lagardère natürlich zu. Tatsächlich wurde er vom alten Fuchs Hersant, der La Cinq auf den Abgrund zusteuern sah und seinen Anteil losschlagen wollte, gehörig über den Tisch gezogen.

Das zweite Trauma im Leben Jean-Luc Lagardères war ein schwerer Verkehrsunfall seines einzigen Sohnes Arnaud (Jg. 1961) im September 1981. Es ging glimpflich aus und bald konnte Vater und Sohn nichts mehr trennen, eine fidélité obsessionelle entstand. Arnaud Lagardère trat 1986 in das Unternehmen ein, wurde Chef der Mediensparte, Teil des Triumvirats an der Konzernspitze und an die Firmenleitung herangeführt. „Ich liebe meinen Sohn", hat Jean-Luc Lagardère gesagt, „und ich liebe mein Unternehmen. Beides zu verbinden ist für mich das Größte." Als Jean-Luc Lagardère am 14.3.2003 an einer seltenen Autoimmun-Erkrankung starb, war die Nachfolge geregelt. Arnaud Lagardère stand für eine sofortige Übernahme der Geschäfte bereit.

Seit 2006 unternahm Arnaud Lagardère eine weitreichende Neuordnung des Konzerns. Im Dezember 2006 wurde verkündet, dass der Presse-Pol Hachette Filipacchi Médias (HFM) und Lagardère Active (TV, Radio, Internet) zur neuen medienübergreifenden Sparte Lagardère Active Media verschmolzen werden. Damit solle ein „internationaler Marktführer beim Verlag von Inhalten in allen Medien“ entstehen. Nur lohnen muss es sich, wofür die Regionalpresse offenbar nicht mehr garantieren konnte, denn Mitte August 2007 stieß Lagardère seine südfranzösischen Regionaltitel ab (darunter Nice-Matin, La Provence und Var Matin). 160 Mio. EURO zahlte die Gruppe Hersant-Média dafür und steigerte die Anzahl ihrer Regionalblätter auf fast 40.

Management

einklappen

Es war kein Geheimnis, dass Arnaud Lagardère zum Rüstungsgeschäft und den damit verbundenen politischen Akrobatien keine besondere Affinität hat. Seine erste Maßnahme nach dem Tod des Vaters 2003 war der Verkauf der Matra-Automobilsparte an Pininfarina. In der Folge setzte er die vom Vater begonnene Konzentration auf die Medienbranche konsequent fort. Doch auch nach der Reduzierung des Lagardère-Anteils an EADS von 14,95 auf 7,5 Prozent, und trotz der deutsch-französischen Turbulenzen und der Lieferschwierigkeiten bei Airbus (und deren negative Auswirkungen auf die Lagardère-Zahlen) will man sich kurzfristig nicht aus EADS zurückziehen. Dazu Arnaud Lagardère in einer AP-Meldung vom 13.3.2007: „Man verlässt das Schiff nicht während des Sturms“.

Lagardère ist ein Medien-Mann. Einmal spielt er, wie bei der Übernahme des Europa-Pols von Vivendi Universal Publishing vor angelsächsischen Investmentfonds, den Retter der französischen Hochkultur. Gleichzeitig gibt er sich als Fan von Hollywoods Blockbuster-Business („Gladiator“ war eine Zeit lang sein Lieblingsfilm). Im Hinterkopf bleibt stets das Fernsehen - ganz der Vater. Doch während Jean-Luc Lagardère als großer Konzernlenker in die französische Wirtschaftsgeschichte eingegangen ist, haftet Arnaud nach wie vor „das Image des Luftikus“ an, wie man zuletzt in der Süddeutschen Zeitung vom 28.4.2010 lesen konnte. In seinen Reden auf den Hauptversammlungen bleibe er unverbindlich und „eher im Vagen“. Das harte Geschäft überlasse er seiner Nummer Zwei Dominique d’Hinnin, zuvor Lagardère-Finanzvorstand, heute Co-Geschäftsführer, für viele „der eigentliche Kopf des Konzerns“.

Eine weitere Tradition des Hauses, die Nähe zu den Machthabern, setzt sich fort. Nach Nicolas Sarkozys Wahlerfolg am 6. Mai 2007 taucht Arnaud Lagardère regelmäßig als „Präsidenten-Freund“ auf in Artikeln über Sarkozys enorme Medienmacht. Doch eben nur als „Freund“, und nicht als „Intimus“ wie Figaro-Herausgeber Serge Dassault, TF1-Chef Martin Bouyges (Sarkozys Trauzeuge) oder Bernard Arnault (reichster Franzose, ebenfalls Trauzeuge, Präsident des Luxus-Konzerns LVMH, Besitzer des Finanzblatts La Tribune). Die drei Letztgenannten waren übrigens alle unter den 55 Auserwählten, die Sarkozy am Abend seines Wahlsiegs am 6. Mai zum berühmten Dîner im Fouquet’s auf die Champs-Élysées lud. Arnaud Lagardère durfte nicht kommen. Cécilia, mittlerweile geschiedene Madame Sarkozy, wollte ihn im Fouquet’s nicht sehen, nachdem das Gesellschaftsmagazin Paris Match (Lagardère-Gruppe) im August 2005 eine Titelstory über Cécilia und ihren Liebhaber (und späteren Ehemann) gebracht hatte. Arnaud Lagardère hatte den Chefredakteur Alain Genestar gefeuert und um Vergebung gebeten – umsonst.

Geschäftsfelder

einklappen

Lagardère Publishing:
Angesiedelt unter der Konzernsparte Lagardère Publishing (weltweit zweitgrößtes Verlagskonglomerat mit einem Umsatz 2009 von 2,273 Mrd. €) sind die größten Verlage Frankreichs (mit Häusern wie Grasset, Fayard, Stock, Calmann-Lévy, Lattès) und Großbritanniens (u.a. mit Octopus, Orion, Hodder, Headline, Little Brown). In Spanien (Amaya) ist man die Nummer zwei, in den USA die Nummer fünf (u.a. mit Grand Central Publishing, Little Brown): Hier verzeichnete Hachette Livre 2008 die marktgrößte Wachstumsrate (+26%) dank des Sensationserfolgs der „Twilight“-Serie von Stephenie Meyer. Als Joanne K. Rowling-Nachfolgerin gehandelt und vielfach ausgezeichnet, wurden in Deutschland auch kritische Stimmen laut: Die Handlung sei „klischeehaft“ und „stereotyp“ (Deutschlandradio), die dort propagierte Weltanschauung sei „reaktionär“ (ZDF Aspekte), „übersexualisiert und unemanzipatorisch“ (Die Welt). 25 Millionen Exemplare der „Twilight“-Reihe wurden 2008 in den USA verkauft, über 30 Millionen dann 2009. 45 Millionen in über 40 Ländern weltweit, auf Augenhöhe mit Dan Brown und Harry Potter. Gleichzeitig vermeldet Lagardère Publishing 17.000 Neuerscheinungen pro Jahr, die für 50% des Umsatzes sorgen.
Noch ein Blick zurück: 2006 hatte das Verlagsgeschäft einen markanten Umsatzanstieg von über 20 Prozent verzeichnet, im wesentlichen zurückzuführen auf den Ankauf der Time Warner Book Group im Februar 2006. Mit diesem 537 Millionen Dollar-Deal wurde Lagardère Publishing damals zum drittgrößten Buchverlag der Welt. Dabei kam es nicht ungelegen, dass einer der Time Warner-Mitbieter Rupert Murdoch hieß, weil der Handel so eine nationale Dimension bekam und Lagardère zum Aushängeschild eines wirtschaftlich erstarkenden Frankreich wurde. 37,1 Prozent des Umsatzes von Lagardère Publishing wurden 2009 in den USA und in Großbritannien generiert (2008: 37,4%).

Lagardère Active:
Das Pressegeschäft und die audiovisuellen (Radio/TV) und digitalen (Lagardère Digital France) Aktivitäten sowie die Werbezeitenvermarktung (Lagardère Publicité) sind seit 2006 gebündelt unter dem Signet Lagardère Active.

„Presse Magazine“:
Auf dem französischen Zeitschriftenmarkt hat Lagardère fast eine Monopolstellung, publiziert dazu mittlerweile 212 Titel in 45 Ländern und macht 71% des Umsatzes von Lagardère Active. Flaggschiff-Publikationen sind die Wochenmagazine Elle mit weiteren 42 Ausgaben weltweit, Paris Match, Car and Driver, Woman’s Day (beide USA) sowie die französische Wochenzeitung Le Journal du Dimanche.

Rundfunk und Internet:
Die Konzernradios heißen Europe 1, französischer Referenzsender in Sachen News und Talk, Virgin Radio (zuvor Europe 2, Musik für Leute von 25 bis 34) und RFM (Mainstream-Pop). Lagardère Active Radio International hält weiterhin Anteile an 29 Radiosendern in sieben Ländern mit über 44 Millionen Hörern täglich.
Zum TV-Bereich gehören digitale TV-Spartenkanäle wie die MCM-Musiksenderfamilie, Mezzo (Klassik, Jazz), canalj (4-14 Jahre), Gulli, June (zuvor Filles TV) und TIJI (Kinder). Produktion und Rechtevertrieb finden sich seit 2008 gebündelt in dem Unternehmen Lagardère Entertainment. Darunter finden sich bekannte Fiction-Produzenten wie Aubes-Telmondis, DEMD, GMT und Image & Compagnie sowie die Distributionsfirma Europe Images International.
7,2% des Umsatzes von Lagardère Active wurden 2009 im Internet verdient. Weltweit hält man ein Portfolio von über 100 Websites mit monatlich mehr als 80 Millionen Besuchern; in Frankreich belegt man in dieser Hinsicht den zweiten Platz hinter TF1. Die erfolgreichsten Lagardère-Internetseiten sind: Doctissimo.fr, Elle.fr, Premiere.fr, Digitalspy.co.uk.
Ende November 2006 wurde bekannt, dass die Karten beim ruhmreichen Pay TV-Sender Canal+ neu gemischt und die konkurrierenden Bouquets CanalSat (Canal+ Gruppe bzw. Vivendi) und TPS (TF1, M6) fusioniert werden. Bis dahin war Frankreich das letzte europäische Land mit zwei rivalisierenden Plattformen. Lagardère brachte seine 34-prozentige Beteiligung an CanalSat ein und erhielt im Gegenzug 20 Prozent an Canal+ France.
Schließlich wurde am 4. März 2008 gemeldet: Lagardère verpflichtet TF1-Programmchef Takis Candilis (53) für die Produktionssparte. Das erklärte Ziel war, laut Arnaud Molinié, Président Lagardère Entertainment, eine verstärkte Ausrichtung der Firmenpolitik in Richtung Programmproduktion. Dazu Takis Candilis in einem Interview mit Le Monde (5.3.2008): „Die französische TV-Produktion ist eine zersplitterte Branche. Es wird zu vereinzelt gearbeitet, um auf dem internationalen Markt bestehen zu können. Auf dem Produktionssektor gibt es außer Lagardère kein starkes, konkurrenzfähiges Unternehmen.“

Lagardère Services:
Lagardère Services ist der größte internationale „Travel Retailer für Presse und Buch“, führend u.a. in den USA, Belgien, Spanien und Ungarn (für nationale Presse) bzw. in Belgien, Kanada, Spanien, Ungarn und Tschechien (für internationale Presse). Die Lagardère-Tochter beschäftigt über 11.000 Mitarbeiter und unterhält ein Netzwerk von über 3.800 Verkaufsstellen (Relay, Aelia) für Kultur- und Freizeitprodukte in 20 Ländern weltweit – vornehmlich auf Flughäfen und Bahnhöfen. Rund zwei Drittel seines Umsatzes erwirtschaftete das Unternehmen auch 2009 außerhalb Frankreichs. Neben Printerzeugnissen werden Musik, Film-DVDs und andere Multimedia-Produkte vertrieben.

Lagardère Unlimited:
Bei der Sportvermarktung gibt Arnaud Lagardère Vollgas. Ende Mai 2010 wird der Zukauf des US-Sportvermarkters BEST (Blue Entertainment Sports Television) gemeldet (A.L.: „Den Preis können wir nicht verraten. Das macht niemand in dieser Branche“) und der Geschäftsbereich Lagardère Sports in Lagardère Unlimited umbenannt. Das neue Unternehmen positioniere sich als acteur majeur auf dem Sportmarkt, vertritt 360 Sportler aus zwölf Disziplinen, kümmert sich um das Management von Sportakademien (Lagardère Paris Racing im Bois de Boulogne, Saddlebrook/Florida) und hat eine klare Zielvorgabe: IMG, derzeit die Nummer Eins der Sportvermarktung, in den kommenden fünf Jahren den Spitzenplatz abzunehmen.
Dazu gehört auch der 2006 gekaufte Sportrechte-Vermarkter Sportfive (Hamburg/Paris), der z.B. die Gesamtvermarktung bei elf Bundesligavereinen umsetzt (darunter Borussia Dortmund, HSV, Bayer Leverkusen). Im Februar 2009 wurden Sportfive die Übertragungsrechte für die Olympischen Spiele 2014 (Sotschi, Russland) und 2016 (Rio de Janeiro) für 40 europäische Länder vom IOC zugesprochen. Erstmals bekam nicht die Europäische Rundfunkunion, sondern eine Agentur den Zuschlag; eine „Zäsur in der olympischen Fernsehgeschichte“ (Focus online).
Weitere Töchter von Lagardère Unlimited: die World Sport Group (Singapur), die größte Sportagentur in Asien; PR Event, Veranstalter von Profitennisturnieren; seit Juni 2007 die schwedische Sportrechte-Agentur International Events and Communication in Sports (IEC); seit Oktober 2007 das Hamburger Sportunternehmen Upsolut Sports AG. Dessen Kernkompetenz: Planung und Umsetzung von Ausdauersport-Großveranstaltungen (Radrennen, Triathlon).

Weitere „nicht strategische Aktiva“:
Neben den genannten 7,5% an EADS (sollen innerhalb der nächsten Jahre verkauft werden) und den 20% an Canal+ France (sollen zeitnah verkauft werden) hält Lagardère 42% an der Groupe Marie Claire (möchte Arnaud Lagardère angesichts schwieriger Marktumstände gerne verkaufen, hat aber noch keinen Interessenten gefunden), 17% an der renommierten Tageszeitung Le Monde und 25% an der Amaury-Gruppe (Le Parisien, L’Equipe, Veranstalter von Sport-Großevents). Hier wiederum bekundete Lagardère Ende Mai 2010 sein Interesse, die Filiale A.S.O. zu übernehmen: die Amaury Sport Organisation veranstaltet u.a. die Tour de France und die Rallye Paris-Dakar. Womit er allerdings bei Marie-Odile Amaury kein Gehör fand. Es ist klar: Die Tour de France steht nicht zum Verkauf, jetzt möchte Lagardère seine Amaury-Beteiligung loswerden. Ob er hier einen Käufer findet?

Engagement in Deutschland

einklappen

Lagardère Active Radio International ist an deutschen Radioveranstaltern wie Kiss FM (Berlin, Black Music/Dance/House), Antenne AC (Würselen), Delta Radio (Kiel), Radio Salü (Saarbrücken) und Main FM (Frankfurt) beteiligt. Hachette Filipacchi Médias betreibt ein 50/50-Joint Venture mit der Burda GmbH: Im Elle Verlag (München) erscheinen die deutsche Monatsausgabe der Elle (verkaufte Auflage 1/2010: 213.160) und die zweimonatliche Elle Decoration (verkaufte Auflage 1/2010: 124.354). Das seit 2004 gemeinsam mit Elle Deco erscheinende Magazin Elle Bistro wurde im Zuge von Sparmaßnahmen Mitte 2009 eingestellt.

HDS Retail Deutschland GmbH (Wiesbaden) ist die deutsche Abspaltung von Lagardère Services und Deutschlands größter Flughafen-Medienhändler mit Marken wie Relay, Virgin und L’Occitane (weiterhin aktiv an „attraktiven Bahn-Drehkreuzen“ und „hochfrequenten Pendlerstationen“, heißt: Einkaufszentren). Die legion Telekommunikation Düsseldorf (100%) organisiert für Sender quer durch die deutsche TV-Landschaft die Abwicklung etwa von Gewinnspielen und Voting-Aktionen, also „Responsemanagement und Anrufautomation“.
Dazu die oben erwähnten Sportrechte-Agenturen Upsolut und Sportfive (beide Hamburg). Kurzzeitig stand das Lagardère-Engagement in Deutschland sogar vor einem Quantensprung, als sich Sportfive Ende 2007 um die Bundesliga-Rechte bemühte. Umsonst: man wurde von der Deutschen Fußball Liga gar nicht erst gefragt. Sportfive-Chef Thomas Röttgermann kritisierte in der Folge sowohl DFL-Geschäftsführer Christian Seifert („In Seiferts Schuhen wäre ich mutiger gewesen. Die Bundesliga-Rechte sind deutlich mehr wert“) als auch an Leo Kirch, vorläufiger Sieger der Rechte-Auktion (Kirchs Bankbürgschaft ist nur eine „Scheinsicherheit“, keine hundertprozentige Absicherung). Auch bei der zweiten Rechtevergabe im November 2008 (nötig geworden nach der Blockade von Kirchs Vermarktungskonzept durch das Bundeskartellamt im September 2008) kam Sportfive nicht zum Zuge. Es blieb alles beim Alten: Premiere, ARD, ZDF, Telekom und DSF teilen sich die Rechte bis 2013.

Aktuelle Entwicklungen

einklappen

Manifest wurde die regelmäßig aufkommende Kritik am Lagardère-Management bzw. an Arnaud Lagardère auf der Hauptversammlung am 26. April 2010 bei dem medienwirksam inszenierten Auftritt des „gefürchteten amerikanischen Firmenjägers“ Guy Wyser-Pratte. Er hatte sich mit 0,53 Prozent bei Lagardère eingekauft und sich nun nicht weniger vorgenommen, als den Konzernchef zu entmachten (so wie er es in anderen Unternehmen schon getan hatte). Zitat Wyser-Pratte: „Der Konzern ist schlecht geführt, archaisch, antidemokratisch: Ein zusammengewürfeltes Konglomerat ohne erkennbare Strategie.“ Weiter: Der Lagardère-Erbe vernachlässige das Unternehmen, spiele Tennis und schwänze die Sitzungen des EADS-Verwaltungsrats. Dazu wollte Wyser-Pratte eine Änderung der Rechtsform. Die Kommanditgesellschaft ermöglicht es Arnaud Lagardère, mit einem Anteil von weniger als zehn Prozent die Geschicke des Unternehmens zu bestimmen. Nach einer Umwandlung in eine normale AG wäre damit Schluss.

Doch aus dem Putschversuch wurde nichts. Die Financial Times Deutschland berichtete am 27. April: „Lagardère-Aktionäre weisen Wyser-Pratte zurück. Die Kritik an der Konzernleitung teilen viele, entmachten wollen die Aktionäre Arnaud Lagardère dennoch nicht. Mit großer Mehrheit stimmten sie gegen die Anträge des US-Investors.“ Auch am Status der Kommanditgesellschaft auf Aktien wurde nicht gerührt.
Eine lustige Episode. Aber: Die auch von anderen Investoren und Medienexperten geäußerten Kritikpunkte (eine mangelnde vertikale Integration, überteuerte Zukäufe, ein in den vergangenen drei Jahren mit 50 Prozent deutlich über Branchendurchschnitt gefallener Börsenkurs) bleiben bestehen. Der drastisch sinkende Umsatz von Lagardère Active (um 18,3% von 2,1 Mrd. Euro 2008 auf 1,7 Mrd. Euro 2009) lasse sich auch nicht nur auf die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise zurückführen. Das Handelsblatt schreibt vom „kriselnden Medien- und Rüstungskonzern“, allgemein wird erwartet, dass Lagardère „aufräumt“ und diverse Beteiligungen verkaufen könnte (siehe „nicht strategische Aktiva“). In das Bild passt auch der Verkauf des defizitären Jugend/Musik/Film/Serien-Kanals Virgin 17 (zuvor Europe 2 TV). Bolloré Media hat den Sender im März 2010 für 70 Mio. € übernommen.

Schon im März 2010 stand fest, dass man die 20 Prozent am hochprofitablen Pay-TV-Konzern Canal+ France zum Verkauf stellt. Geschätzter Wert: 1,2 bis 1,4 Milliarden Euro. Lange galt Canal Plus-Haupteigner Vivendi als logischer Abnehmer. Ende November 2009 hatte Vivendi dem Pariser TV-Konzern TF1 dessen zehnprozentigen Canal Plus-Anteil für 744 Mio. € abgenommen; am 6.2.2010 kam der 5,1-prozentige Anteil der RTL-Tochter M6 dazu (Kaufpreis: 384,2 Mio. Euro). Somit lauten die Besitzverhältnisse bei Canal+ France: 80% Vivendi, 20% Lagardère. Zu einer Einigung über einen Kaufpreis aber kam es zunächst nicht.

Anfang Juli lässt Lagardère den Plan B verlautbaren: Der 20-Prozent-Anteil soll an die Börse gebracht werden; der Prozess eines IPO (Initial Public Offering) könne starten. In Börsenkreisen rechnet man allerdings nicht damit, dass es soweit kommt. Es scheine eher, als wolle Lagardère mit dem Schritt Druck auf Vivendi ausüben. Wahrscheinlich werde man sich Ende 2010, Anfang 2011 doch noch einig.
Keine aktuelle Entwicklung, eher ein Dauergerücht: der Lagardère-Ausstieg bei EADS. Mitte Mai 2007 hatte Finanzvorstand Dominique D’Hinnin bekannt gegeben: "Unsere Strategie ist es, die Minderheitsbeteiligung bei EADS (...) eines Tages vielleicht abzustoßen - das ist das langfristige Ziel". D’Hinnin dann im November 09: Der Verkauf sei „lediglich eine Frage des Preises“. Schon jetzt aber lässt sich festhalten: Die Tage als Rüstungskonzern sind für Lagardère gezählt.